{"id":93,"date":"2007-08-07T09:47:20","date_gmt":"2007-08-07T07:47:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-lacan-blick-fleck\/"},"modified":"2007-08-07T09:47:20","modified_gmt":"2007-08-07T07:47:20","slug":"relationale-aesthetik-lacan-blick-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-lacan-blick-fleck\/","title":{"rendered":"Relationale &#196;sthetik Lacan Blick Fleck"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/relationale-aesthetik.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Relationale \u00c4sthetik als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 8.8 MB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Relationale \u00c4sthetik. \u00dcber den &#8218;Fleck&#8216; bei C\u00e9zanne und Lacan<\/h2>\n<p><small>in: Blickz\u00e4hmung und Augent\u00e4uschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie, hrsg. von Claudia Bl\u00fcmle und Anne von der Heiden, Z\u00fcrich\/Berlin 2005, S. 265-288.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II: &#8218;Blick&#8216; und &#8218;Fleck&#8216;<\/h3>\n<p>Ber\u00fchren sich C\u00e9zannes Malerei und Lacans Bildtheorie im &#8218;Fleck&#8216;, dann treffen sie sich in einem Element, das bei beiden eine entscheidende Rolle spielt. Lacans Verwendung des Begriffs &#8218;Fleck&#8216;, um mit ihm zu beginnen, ist allerdings schillernd, da er ihn einmal metaphorisch (im Zusammenhang mit dem &#8218;Blick&#8216;), einmal w\u00f6rtlich (hinsichtlich C\u00e9zannes) versteht. Die unterschiedlichen Facetten, die auch die Anamorphose einschlie\u00dfen, \u00fcberschneiden sich jedoch in dem, was man eine <em>Bedeutung ohne Form <\/em>nennen k\u00f6nnte.<br \/>\nDie Eigenart und die Wirkungsweise des &#8218;Blicks&#8216; steht in Beziehung zu dem, was Lacan als Signifikantenstruktur bezeichnet: jene Verkettung leerer, in sich bedeutungsloser Zeichen, die jedoch eine Ordnung etabliert, die wir als Wirklichkeit begreifen. Lacan verkehrt die saussuresche Hierarchie, die den Signifikanten dem Signifikat unterstellt, mit der Konsequenz, dass die Sprache nicht l\u00e4nger als Repr\u00e4sentation, sondern als differenzielle Artikulation begriffen wird. Subjekt und Signifikant versteht Lacan zudem als unmittelbar aufeinander bezogen. Bedeutung erh\u00e4lt der Signifikant n\u00e4mlich nicht nur aufgrund der Vernetzung mit den anderen Signifikanten, sondern auch dadurch, dass das Subjekt ihn &#8211; ganz w\u00f6rtlich &#8211; f\u00fcr &#8218;bedeutend&#8216; h\u00e4lt. Diesem Bezug des Signifikanten auf das Subjekt entspricht umgekehrt eine Abh\u00e4ngigkeit, die Lacan mit der Formulierung zum Ausdruck bringt, das Subjekt sei &#8218;Subjekt des Signifikanten&#8216;, also gewisserma\u00dfen dessen &#8218;Untertan&#8216;. Deren Relation fasst Lacan in der Formel zusammen, der Signifikant repr\u00e4sentiere das Subjekt, aber f\u00fcr einen anderen Signifikanten. Einerseits vertritt der Signifikant das Subjekt und schreibt es in die Signifikantenstruktur ein. Doch da dieser kein transzendentes Signifikat entspricht, sondern jede Bedeutung nur dem differenziellen Wechselspiel aller Signifikanten in deren grunds\u00e4tzlich unvollst\u00e4ndiger Verkettung entspringt, wird das Subjekt, auf der Suche nach dem Sinn und seinem Platz darin, auf eine nomadische Reise geschickt, in der es von einem Signifikant zum n\u00e4chsten weiter verwiesen wird. (<em>Sens<\/em> bedeutet im Franz\u00f6sischen zugleich &#8218;Sinn&#8216; und &#8218;Richtung&#8216;.) In diesem Prozedieren gr\u00fcndet sich das Subjekt und partizipiert am Sinn der Welt. Daf\u00fcr zahlt es allerdings mit seiner Spaltung, die Lacan auch Entfremdung nennt. Denn es ist jenes \u00e4u\u00dferliche und in seiner Ordnung weder vollst\u00e4ndig zu durchschauende noch gar zu kontrollierende Feld der Signifikanten, auf dem das Subjekt sich auftauchen sieht. Nie wird es sich selbst als Ursache des Sinns erfahren k\u00f6nnen, niemals wird es jenen Nullpunkt des Seins bilden, als den Merleau-Ponty den Menschen begriff. Vielmehr nimmt es selbst den Charakter eines Zeichens (f\u00fcr andere Zeichen) an. Seine Existenz gewinnt es allein dann, wenn es das Spiel der Signifikanten mitspielt: wenn es spricht &#8211; oder malt.<br \/>\nIn dem durch Wiederkehr und Wiedererkennen strukturierten Signifikantennetz erscheint nun aber ein Signifikant besonderer Art. Es ist ein \u00fcberschie\u00dfender, kontingenter Rest, der darunter fortl\u00e4uft und deren Konsistenz aush\u00f6hlt, indem er ein diffuses &#8218;Mehr&#8216; oder &#8218;Dahinter&#8216; aufblitzen l\u00e4sst: das &#8218;Objekt <em>a<\/em>&#8218; die Objekt-Ursache des Begehrens und zugleich das Symbol des Mangels in der Signifikantenstruktur und im Subjekt. Es ist dieses befremdlich Kontingente, welches das Subjekt am unmittelbarsten zu betreffen scheint und mit dem es sich am st\u00e4rksten identifiziert. Paradoxerweise ist es erst dieser nicht integrierbare Rest, der die Wirkung der Signifikanten im Subjekt in Bewegung setzt &#8211; eine Bewegung, die demzufolge durch ein best\u00e4ndiges Pulsieren zwischen Schlie\u00dfung und \u00d6ffnung der Struktur gekennzeichnet ist.<br \/>\nIm Feld des Sichtbaren manifestiert sich das &#8218;Objekt <em>a<\/em>&#8218; als &#8218;Blick&#8216;, durch den das Sehen an eine Grenze st\u00f6\u00dft. Etwas ebenso Lichthaftes und Blindes &#8218;blickt&#8216; zur\u00fcck, das die Geschlossenheit des Sehfeldes st\u00f6rt und die imagin\u00e4re Selbstspiegelung des Subjekts im Gesehenen aufbricht. Antinomisch dem Auge entgegengesetzt, initiiert es eine Art Straucheln, in dem das Subjekt &#8222;zu Fall kommt&#8220;. W\u00e4hrend es sich selbst entzieht, hinterl\u00e4sst es im Sehfeld des Subjekts &#8211; genauer auf dessen &#8218;Schirm&#8216; (<em>\u00e9cran<\/em>) -, gleichwohl eine Spur: ein Flimmern, Schillern oder, wie Lacan bevorzugt sagt, einen Fleck (<em>tache<\/em>). Indem jener Fleck mich anblickt und angeht (<em>me regarde<\/em> in seiner Doppelbedeutung), kehrt er zugleich, so Lacan, die geometrale Sehperspektive um. Er hat das Verm\u00f6gen, <em>mich<\/em> zum &#8218;Bild&#8216; zu machen, genauer: zu einem Fleck im Bild.<br \/>\nWenn das Subjekt am Sichtbaren h\u00e4ngt, dann also nicht allein wegen dem, was es dort sieht. Den intensivsten Bezug zwischen Subjekt und Sehfeld stiften die Stellen, wo es etwas <em>nicht<\/em> sieht. Dabei handelt es sich um eine strikte Negativit\u00e4t, &#8222;unbefriedigt, unm\u00f6glich, verkannt&#8220; &#8211; um ein <em>&#8222;Rendez-vous&#8220;<\/em>, zu dem man stets gerufen ist und das man dennoch immer verpasst. F\u00fcr unseren Zusammenhang bleibt festzuhalten: Was Lacan in seiner Analyse des Sichtbarkeitsfeldes als &#8218;Blick&#8216; beschreibt, ist an kein Material und keine Erscheinungsweise gebunden. Es ist somit auch nichts, worauf man in einem Gem\u00e4lde zeigen k\u00f6nnte, da sich dessen &#8218;Blickhaftes&#8216; ausschlie\u00dflich im Modus des Nicht-Sehens zeigt. Wenn Lacan dieses (ver)st\u00f6rende Moment von Alterit\u00e4t, das den Bildzusammenhang aufsprengt, als &#8218;Fleck&#8216; bezeichnet, um der Verwechslung mit einem tats\u00e4chlich blickenden Auge entgegen zu arbeiten, sollte folglich auch diese Metapher nicht buchst\u00e4blich verstanden werden.<br \/>\nEine ganz andere Konsistenz erh\u00e4lt der &#8218;Fleck&#8216;, wenn Lacan auf C\u00e9zannes &#8218;kleines Blau&#8216; und &#8218;kleines Braun&#8216; zu sprechen kommt. War am Fleck qua Blick der Aspekt radikaler Negativit\u00e4t herauszustreichen, haben wir es hier mit materiellen Flecken aus Tubenfarbe zu tun. Sie tauchen auch nicht im &#8218;extimen&#8216; Sehfeld des Subjekts auf, sondern verdanken sich der handfesten Geste des Malers, der sie auf die Leinwand setzte. Mit der Hinwendung zum Malakt vollzieht Lacan einen jener Seitenwechsel, die seinen Umgang mit dem Bild kennzeichnen. Er tauscht die Perspektive dessen, der etwas sehen will, gegen die Produktionsperspektive dessen, der etwas zu sehen gibt. Von der Relation dieser gegenl\u00e4ufigen Perspektiven sowie der unterschiedlichen Flecken, die dabei ins Spiel kommen, h\u00e4ngt nun aber ab, in welcher Beziehung das Bild der Malerei (<em>tableau<\/em>) zu den Bildern im Feld des Sehens (<em>image <\/em>und <em>\u00e9cran<\/em>) steht. Es handelt sich um diejenige Beziehung, die Lacan in seinem ber\u00fchmten Schema der sich durchdringenden Dreiecke in Form brachte. (Abb. 3)<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-cezanne-lacan-bild-blick\/\">Kapitel I: Zwei Formen des Relationalen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-lacan-blick-fleck\/\">Kapitel II: &#8218;Blick&#8216; und &#8218;Fleck&#8216;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Andy Warhol - Pfeil\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-cezanne-fleck-farbe-raum\/\">Kapitel III: &#8218;Fleck&#8216; und Farbe<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-cezanne-lacan-merleau-ponty-malerei\/\">Kapitel IV: Die Geste des Malens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/relationale-aesthetik-cezanne-lacan-kunst-funktion\/\">Kapitel V: Die Funktion des Gem\u00e4ldes<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/relationale-aesthetik.pdf\">Relationale \u00c4sthetik als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 8.8 MB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Relationale \u00c4sthetik als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 8.8 MB) Relationale \u00c4sthetik. \u00dcber den &#8218;Fleck&#8216; bei C\u00e9zanne und Lacan in: Blickz\u00e4hmung und Augent\u00e4uschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie, hrsg. von Claudia Bl\u00fcmle und Anne von der Heiden, Z\u00fcrich\/Berlin 2005, S. 265-288. 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