{"id":924,"date":"2015-10-05T06:49:23","date_gmt":"2015-10-05T04:49:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=924"},"modified":"2015-10-05T06:49:23","modified_gmt":"2015-10-05T04:49:23","slug":"kennedy-ermordung-warhol-unsichtbarkeit-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-warhol-unsichtbarkeit-tod\/","title":{"rendered":"Kennedy Ermordung Warhol Unsichtbarkeit Tod"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\"><font size=\"1\" face=\"arial\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220;<\/h2>\n<p><small>in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 3: Sichtbarkeitsverweigerung<\/h3>\n<p><em>Jackie (The Week That Was)<\/em> reflektiert diese Verquickung von Politik, Medien und Geschichte: \u00bbEs erregte mich\u00ab, schreibt Warhol in seinen Erinnerungen, \u00bbKennedy zum Pr\u00e4sidenten zu haben; er war h\u00fcbsch, jung und intelligent \u2013 aber es k\u00fcmmerte mich nicht so sehr, dass er tot war. Was mich k\u00fcmmerte, war die Art und Weise, in der das Fernsehen und das Radio alle auf Trauerstimmung programmierten.\u00ab Warhols Biograph Victor Bockris berichtet \u00fcberdies, wie fasziniert der K\u00fcnstler von der wiederholten Ausstrahlung von Zapruders Super-8-Film war, insbesondere von der Zeitlupenwiedergabe der Schl\u00fcsselpassagen. Unter dieser Perspektive wird nun auch der Bildtitel relevant. Ob Warhol selbst ihn fand, muss offen bleiben; zumindest aber belegt eine Etikette auf der Bildr\u00fcckseite, dass er aus dem Entstehungsjahr 1964 stammt. Er spielt auf eine Fernsehproduktion der BBC an, die 1962\u20131963 w\u00f6chentlich unter dem Titel <em>That Was The Week That Was<\/em> das politische Geschehen und dessen Protagonisten satirisch begleitete. Die Sendung wurde kurz vor ihrem britischen Ende in die Vereinigten Staaten verkauft. Die Pilotsendung brachte NBC am 10. November 1963, die erste regul\u00e4re Ausstrahlung erfolgte im Januar 1964. Am Samstag, den 23. November 1963 wandelte die BBC das Wochenmagazin zu einem \u2013 keineswegs satirischen \u2013 Tribut an John F. Kennedy um; auch dieser wurde von NBC \u00fcbernommen und bereits am Sonntagabend in den USA gezeigt. <em>Jackie (The Week That Was)<\/em> liefert, so suggeriert der Bildtitel, zwar einen Ereigniszusammenhang, ist jedoch auch immer schon ein Medienprodukt gewesen.<br \/>\nAls ebenso bedeutsam erweisen sich die einzelnen Schritte in Warhols <em>pictorial design:<\/em> Die Fokussierung auf Jacqueline Kennedys Gesichtsausdruck, unter Auslassung aller \u00fcbrigen fotografischen Information, spiegelt die Personalisierung und Emotionalisierung des Geschehens, die Verwischung der Grenzen von Politik und Hollywood, durch welche sich die Bilderserie im Grenzbereich zwischen den Starportr\u00e4ts von Marilyn Monroe oder Liz Taylor einerseits und den <em>Death and Disaster Series<\/em> \u2013 den unterschiedlichen Versionen von <em>Car Crash<\/em>, <em>Race Riot<\/em> oder <em>Suicide<\/em> \u2013 andererseits ansiedelt. Die Pr\u00e4sentation der verschiedenen Bildmotive im identischen Format von f\u00fcnfzig mal vierzig Zentimetern wiederum erscheint vergleichbar zur Verwandlung des realen Geschehens im Fernsehbild, dessen Mattscheibe mit Warhols Tafeln gemeinsam hat, die F\u00fclle des Sichtbaren in einem stets gleichbleibenden Raster zu zeigen.<br \/>\nSignifikant ist aber vor allem die Anordnung der sechzehn Tafeln zum Gesamtbild. Denn obgleich die chronologische Ordnung missachtet wird, erweist sich das Werk kei- neswegs als strukturlos. Wie bereits beschrieben, ist jedes Motiv als seitenrichtiger und seitenverkehrter Druck doppelt vertreten. Die Ordnung dieser Tafelpaare gestaltet sich wie folgt:<br \/>\n(Schema-Grafik, vgl. <a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\">PDF-Version<\/a> des Textes)<br \/>\nDasselbe l\u00e4sst sich auch als Zahlenprogression ausdr\u00fccken: Ein Motiv wurde jeweils zweimal spiegelsymmetrisch gedruckt; zwei solcher Bildpaare wurden jeweils zu einem Viererblock zusammengef\u00fcgt; aus vier solchen Bl\u00f6cken entstand schlie\u00dflich das sechzehnteilige Gesamtbild. Diese Progression wird durch die im Diagramm veranschaulichte Anordnung in eine zyklische Form gebracht, die weder einen bestimmbaren Auftakt noch eine eindeutige Richtung besitzt. So treten in <em>Jackie (The Week That Was)<\/em> Inhalt und Form, das Gezeigte und seine Strukturierung, zueinander in Konkurrenz. Die fotografische Referenz auf die Vorg\u00e4nge in Dallas und Washington im November 1963 trifft auf eine abstrakte, rein immanente Bildordnung, die an das <em>non-relational<\/em> der Minimal Art denken l\u00e4sst, beispielsweise an die Reihungen identischer K\u00e4sten bei Donald Judd oder die Streifenfolgen in Frank Stellas <em>Black Paintings<\/em>, die beide in zeitlicher N\u00e4he zu Warhols fr\u00fchen Siebdrucken entstanden. In sich selbst koh\u00e4rent strukturiert, verh\u00e4lt sich die Bildform zur Abfolge der historischen Ereignisse zugleich g\u00e4nzlich indifferent. Lachende Jackie, trauernde Jackie, lachende Jackie, <em>ad infinitum:<\/em> Die Historie, die Warhol erz\u00e4hlt, ist die Transformation eines Geschehens in ein kreisendes Bilder-Stakkato, bei dem nicht die Inhalte die Form bestimmen, sondern die zyklische Rasterstruktur die Inhalte gleichsam vor sich her treibt. Das Fernsehen bestehe, so Warhol, \u00bbnur eben aus einer Menge von Bildern: Cowboys, Polizisten, Zigaretten, Kinder, Krieg, alles ein-, aus- und ineinandergeblendet ohne Ende. Wie die Bilder, die wir machen.\u00ab<br \/>\nGleichwohl ist <em>Jackie (The Week That Was)<\/em> fern von simpler Medienkritik, deren Pointe darin best\u00fcnde, das Verschwinden des Realen hinter dem medialen Schirm zu verk\u00fcnden. In dem Bild wirkt eine Kraft, die sich durch die Wiederholungen nicht abnutzt, sondern stets erneuert. Diese Kraft speist sich weniger aus dem Sichtbaren als vielmehr aus dem Nicht-Sichtbaren: aus den Fehlstellen und L\u00fccken im Darstellungsgef\u00fcge, welche die Vorstellungskraft des Betrachters aktivieren und dennoch nicht geschlossen werden k\u00f6nnen. Zwei Aspekte scheinen hierbei besonders relevant. F\u00fcr Warhol wird Jacqueline Kennedy nicht zuletzt durch die Ereignisse um die Ermordung ihres Pr\u00e4sidentengatten zum Star, das hei\u00dft zu einer jener mythischen Figuren des Medienzeitalters, auf die man sein Inneres projiziert, ohne von ihnen mehr als ihre \u00f6ffentliche Schauseite zu kennen. In Warhols aufrasternder, den Kontrast versch\u00e4rfender, die fotografische Information um der Pr\u00e4gnanz einiger weniger Z\u00fcge willen minimierender Verfremdung wird Jackie zu einer auratischen Figur ohne Grund, zur \u00bbErscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag\u00ab (Walter Benjamin). Da Jackie als \u00bbStar\u00ab der Trauerfeierlichkeiten \u00fcberdies immer schon <em>image<\/em> und ihr Leben w\u00e4hrend dieser vier Tage immer schon <em>live<\/em> war, verschwimmen Sein und mediales Erscheinen, mit der Folge, dass in jeder Wiederholung der Medienbilder das Sein des Gezeigten in voller G\u00fcltigkeit erneuert wird. Die Bilder \u00f6ffnen sich f\u00fcr die Imagination einer Tiefe, die sie zugleich negieren.<br \/>\nDer zweite Aspekt der Sichtbarkeitsverweigerung betrifft die eigent\u00fcmlich indirekte Darstellung des Todes. Indem Warhol lediglich Jacqueline Kennedys Gesicht zeigt, spart er das eigentliche Ereignis aus, das dem Wechsel von lachenden und trauernden Gesichtern erst Sinn verleiht: Kennedys Ermordung. Die zirkul\u00e4re Bildstruktur und die quasi-filmische Montage zwingen uns zu einem best\u00e4ndigen <em>re-enactment<\/em> der Ereignisse. Im fortlaufenden Springen zwischen vorher und nachher wird jedoch der fatale Augenblick immer verfehlt, indem er entweder noch bevorsteht oder aber bereits geschehen ist. Man \u00bbwiederholt, anstatt zu erinnern\u00ab, schreibt Sigmund Freud und weist auf diese Weise darauf hin, dass die Wiederholung dasjenige maskiert, was nicht erinnert werden kann. In der Repetition kann das Ausgesparte indessen \u00fcberraschend wiederkehren. So wird John F. Kennedy, dem eigentlichen Gravitationszentrum der Bildhandlung, ein einziger, durchaus gespenstischer Auftritt gew\u00e4hrt. Im Zwischenraum zweier Tafeln der lachenden Gattin erscheint sein ebenfalls lachendes Gesicht, mittig geteilt und durch die spiegelbildliche Verdoppelung wieder komplettiert, allerdings in grotesk verzerrter Form. Es handelt sich um einen jener \u00bbVorf\u00e4lle an der Oberfl\u00e4che\u00ab, die von Warhol bewusst provoziert wurden, sich in der jeweiligen Form aber dennoch zuf\u00e4llig ergaben. Was den Oberfl\u00e4chenvorfall hier hervorrief, ist das Kernst\u00fcck von Warhols Verfahren: die Wiederholung der Bilder.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-jackie-serie-attentat-kennedy\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-dallas-ermordung-warhol-medien\/\">Kapitel 1: Warhols Umgang mit dem dokumentarischen Material<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik\/\">Kapitel 2: Mediale Transformationen der Politik<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-warhol-unsichtbarkeit-tod\/\">Kapitel 3: Sichtbarkeitsverweigerung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.) Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220; in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370. 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