{"id":922,"date":"2015-10-04T12:40:24","date_gmt":"2015-10-04T10:40:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=922"},"modified":"2015-10-04T12:40:24","modified_gmt":"2015-10-04T10:40:24","slug":"kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik\/","title":{"rendered":"Kennedy Ermordung Fernsehen Transformation Politik"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\"><font size=\"1\" face=\"arial\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220;<\/h2>\n<p><small>in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 2: Mediale Transformationen der Politik<\/h3>\n<p>Die vom Attentat ausgel\u00f6ste Krise wird zumindest vom Fernsehen meisterlich bew\u00e4ltigt.  Kurz nach Kennedys Tod beschlie\u00dfen die drei landesweit sendenden Kan\u00e4le ABC, CBS und NBC, alle laufenden und geplanten Programme auszusetzen und bis zum Begr\u00e4bnis am Montag auf Direktsendung zu schalten. So entsteht die bis heute l\u00e4ngste und aufwendigste Live-Sendung der Fernsehgeschichte: \u00bbIch kenne nichts, was zuvor oder danach diese Spitzenleistung erreichte. [\u2026] Ich war f\u00fcr die gesamte Berichterstattung verantwortlich. Es war eine schwierige Aufgabe, aber jedermann kooperierte; wir hatten Kameras an allen Orten, wir hatten Leitungen von \u00fcberall her \u2013 die Berichterstattung und die Zusammenarbeit des Fernsehens war einfach absolut gro\u00dfartig\u00ab, so beschreibt J. Leonard Reinsch, Kennedys Medienberater, die damalige Aufgabe. Die Vorf\u00e4lle dieses Wochenendes transformieren sich bereits im Augenblick ihres Geschehens in ein Medienereignis, der historische Einschnitt der Ermordung Kennedys wird zum H\u00f6hepunkt der Fernsehgeschichte. Er schlie\u00dft sogar einen sensationellen Live-Augenblick ein: W\u00e4hrend ABC und CBS am Sonntag den eint\u00f6nigen Vorbeizug der Trauernden am Sarg zeigen, schaltet NBC auf die \u00dcberf\u00fchrung Lee Harvey Oswalds ins Bezirksgef\u00e4ngnis. So k\u00f6nnen die Zuschauer dieses Senders dessen Erschie\u00dfung in der Tiefgarage des Polizeihauptquartiers von Dallas unmittelbar mitverfolgen.<br \/>\nDas Fernsehen dokumentiert das Geschehen nicht nur, sondern \u00fcbernimmt zugleich eine bislang unbekannte Rolle im politischen und emotionalen Leben der Nation. Reinsch nennt sie die Herstellung einer \u00bbGemeinschaft der Anteilnahme\u00ab, bei der zum Beispiel die Bilder von Kennedys Lieblingspferd <em>Black Jack<\/em>, das dem Sarg auf dem Weg zum Kapitol folgt, oder von seinem dreij\u00e4hrigem Sohn, der beim Wegfahren des Leichenwagens zum Friedhof salutiert, eine Schl\u00fcsselrolle spielen: \u00bbAlle \u2013 ob sie nun in Atlanta, Georgia, in New York City oder in Keokuk, Iowa, waren \u2013 empfanden und f\u00fchlten wie ein einziger Mensch. Sie fanden zusammen in ihrer Trauer um die ermordete F\u00fchrerfigur, und sie sp\u00fcrten, dass sie an dieser tragischen Zeremonie beteiligt waren. [\u2026] Das Fernsehen brachte sie an Ort und Stelle. Der Anblick dieses reiterlosen Pferdes auf der Pennsylvania Avenue musste einem das Herz zusammendr\u00fccken, und den kleinen John-John salutieren zu sehen war schlicht ein weltweiter Gef\u00fchlsappell.\u00ab<br \/>\nDer kontinuierliche Bilderfluss sollte den Schock des pl\u00f6tzlichen politischen Vakuums regelrecht \u00fcberspielen. Einerseits wird die unverz\u00fcgliche und unbestrittene \u00dcbertragung der Macht auf den Vizepr\u00e4sidenten f\u00fcr alle sichtbar vorgef\u00fchrt, andererseits Jacqueline Kennedy in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit ger\u00fcckt: als Garantin der Kontinuit\u00e4t sowie als emotionale Identifikationsfigur, in deren Trauer und Tapferkeit sich die Gef\u00fchle der Nation spiegeln k\u00f6nnen. Geschieht auf der Washingtoner Trauerb\u00fchne gerade nichts Neues, was in diesen vier Tagen h\u00e4ufig der Fall ist, werden die vergangenen Szenen des Wochenendes erneut gezeigt. Die unabl\u00e4ssige Wiederholung der Bilder und Meldungen wird, wie Zeitgenossen bezeugen, zu einem wesentlichen Bestandteil der Erinnerung an diese Zeit. Auch mit dieser Redundanz hilft das Fernsehen bei der Bew\u00e4ltigung des Unfassbaren.<br \/>\nZur <em>media coverage<\/em> der Ereignisse, wie es im Englischen so passend hei\u00dft, tragen auch die Printmedien bei, an erster Stelle die damals weltgr\u00f6\u00dfte Wochenzeitschrift <em>Life<\/em> mit ihrer Auflage von knapp zehn Millionen Exemplaren. Die Ausgaben vom 29. November und 6. Dezember 1963 bringen ausf\u00fchrliches Bildmaterial \u00fcber den Mord und die Trauerfeierlichkeiten, dem Warhol f\u00fcnf der acht Vorlagenbilder entnimmt. Doch schon die n\u00e4chstfolgende Ausgabe vom 13. Dezember markiert den vollzogenen \u00dcbergang. Auf dem Titelbild zeigt sich Johnson im Oval Office hinter dem pr\u00e4sidialen Schreibtisch, der Leitartikel tr\u00e4gt die Schlagzeile \u00bbJohnson on the Job\u00ab. Wie weit die stillschweigende Allianz zwischen Massenmedien und Regierungsbem\u00fchungen ging, um Ruhe und Sicherheit im Land zu gew\u00e4hrleisten \u2013 was nicht zuletzt bedeutete, die offizielle Darstellung von Lee Harvey Oswalds Einzelt\u00e4terschaft ohne jeden Verschw\u00f6rungshintergrund zu st\u00fctzen \u2013, offenbart sich im Coup der Zeitschrift <em>Life<\/em>, die sich am Tag nach dem Attentat f\u00fcr eine hohe Geldsumme jenen Super-8-Film sicherte, den der Kleiderfabrikant Abraham Zapruder aus n\u00e4chster N\u00e4he am Tatort aufgenommen hatte und der bis heute das Hauptdokument f\u00fcr den Attentatsverlauf darstellt. W\u00e4hrend das FBI die Kopien beschlagnahmt, erwirbt <em>Life<\/em> den Originalfilm und druckt in seinen Ausgaben vom 29. November und 6. Dezember einige der Einzelbilder ab, allerdings ohne die Einzelbildnummern, welche deren Reihenfolge beglaubigt h\u00e4tten, sowie unter Auslassung derjenigen <em>frames<\/em>, welche die These von Oswalds Einzelt\u00e4terschaft h\u00e4tten unterlaufen k\u00f6nnen. Mit einer Formulierung Jacques Derridas kann man den Bezug zwischen Ereignis und Medialit\u00e4t, so wie er sich in jenen Tagen darstellt, vielleicht am b\u00fcndigsten erfassen: \u00bbAlles f\u00e4ngt mit der Reproduktion an. Immer schon, das hei\u00dft als Niederschlag eines Sinns, der nie gegenw\u00e4rtig war, dessen bedeutete Pr\u00e4senz immer \u203anachtr\u00e4glich\u2039, im Nachhinein und zus\u00e4tzlich rekonstituiert wird.\u00ab<br \/>\nWas die Leistung der Medien anbelangt, kam Kennedys Pr\u00e4sidentschaft zu einem w\u00fcrdigen Abschluss. Er war der erste Pr\u00e4sident, der die Bedeutung und die M\u00f6glichkeiten des neuen Mediums Fernsehens erkannt und zielstrebig eingesetzt hat. Insbesondere im Wahlkampf 1960 wusste er es klug zu nutzen. Dass Kennedy das erste und entscheidende der neu geschaffenen Fernsehduelle zwischen den Spitzenkandidaten gewinnen konnte, lag vor allem an seiner au\u00dferordentlichen Telegenit\u00e4t, die seinem Kontrahenten Nixon abging. Dank zugespielter Informationen der Fernsehgesellschaft CBS vermochte er diesen Vorteil auszubauen. Er hatte davon Kenntnis erhalten, dass die Studiowand, vor der die Redner w\u00e4hrend der Debatte stehen sollten, wei\u00df gestrichen und der Auftritt von starken Scheinwerfern beleuchtet sein w\u00fcrde. So erschien er im dunklen Anzug und von einer Wahltournee in Kalifornien frisch gebr\u00e4unt. W\u00e4hrend er sich den Zuschauern auf diese Weise als \u00bbprofilierte\u00ab Gestalt pr\u00e4sentieren konnte, verschwamm Nixon in seinem hellen Jackett f\u00f6rmlich im Hintergrund. Das grelle und hei\u00dfe Scheinwerferlicht lie\u00df ihn, der gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hatte, w\u00e4chsern und unrasiert erscheinen, die auf die Stirn tretenden Schwei\u00dfperlen erzeugten den Eindruck geringerer Standfestigkeit. Die besseren Argumente, die ihm die politischen Kommentatoren danach zubilligten, unterlagen dieser optisch eindeutigen Situation. Eine Blitzumfrage nach dem Rededuell ermittelte bei denjenigen, welche die Debatte am Radio verfolgt hatten, Nixon als Sieger, w\u00e4hrend die sch\u00e4tzungsweise 74 Millionen Fernsehzuschauer sich klar f\u00fcr Kennedy aussprachen. Der bis dahin national weit weniger bekannte Kennedy hatte nun erstmals einen Vorsprung auf seinen Konkurrenten gewonnen, den er nicht mehr verlieren sollte. Angesichts der Tatsache, dass Kennedy mit einer Mehrheit von lediglich rund einhunderttausend Stimmen gew\u00e4hlt wurde (34.221.463 gegen 34.108.582 Stimmen), wird die Bedeutung des Fernsehduell-Sieges evident. Ereignisse dieser Art markieren die umfassende Ver\u00e4nderung der politischen Kultur durch das Fernsehen, die nicht nur eine Medialisierung, sondern vor allem eine Personalisierung und Emotionalisierung der Politik bewirkt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-jackie-serie-attentat-kennedy\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-dallas-ermordung-warhol-medien\/\">Kapitel 1: Warhols Umgang mit dem dokumentarischen Material<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik\/\">Kapitel 2: Mediale Transformationen der Politik<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-warhol-unsichtbarkeit-tod\/\">Kapitel 3: Sichtbarkeitsverweigerung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.) Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220; in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370. Kapitel 2: Mediale Transformationen der Politik Die vom Attentat ausgel\u00f6ste Krise wird zumindest vom &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKennedy Ermordung Fernsehen Transformation Politik\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-922","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=922"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}