{"id":920,"date":"2015-10-04T12:37:21","date_gmt":"2015-10-04T10:37:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=920"},"modified":"2015-10-04T12:37:21","modified_gmt":"2015-10-04T10:37:21","slug":"kennedy-dallas-ermordung-warhol-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-dallas-ermordung-warhol-medien\/","title":{"rendered":"Kennedy Dallas Ermordung Warhol Medien"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\"><font size=\"1\" face=\"arial\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220;<\/h2>\n<p><small>in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 1: Warhols Umgang mit dem dokumentarischen Material<\/h3>\n<p>Am Freitag, den 22. November 1963 wird Pr\u00e4sident John F. Kennedy, der sich auf Vorwahlkampfreise durch Texas befindet, w\u00e4hrend der mitt\u00e4glichen Paradefahrt durch Dallas im offenen Wagen erschossen. Die Ereignisse folgen darauf Schlag auf Schlag: Bereits drei Stunden nach dem Attentat wird Vizepr\u00e4sident Lyndon B. Johnson an Bord des pr\u00e4sidialen Flugzeuges in Gegenwart der Witwe Jacqueline Kennedy vereidigt. Anschlie\u00dfend fliegt der neue Pr\u00e4sident unverz\u00fcglich nach Washington, um sich Kennedys Kabinett zu verpflichten und die Fortf\u00fchrung von dessen Politik anzuk\u00fcndigen. Kennedys Leiche, die in der Pr\u00e4sidentenmaschine mitflog, wird derweil einer Autopsie unterzogen, bei der bis heute umstritten bleibt, ob sie der Wahrheitsfindung oder aber -vertuschung \u00fcber die Eigenart der Todessch\u00fcsse diente. Noch am Nachmittag dieses Freitags wird Lee Harvey Oswald als mutma\u00dflicher T\u00e4ter verhaftet. W\u00e4hrend des nachfolgenden Tages bleibt Kennedys Leiche im <em>East Room<\/em> des Wei\u00dfen Hauses aufgebahrt, wo ihm Familienmitglieder und Vertraute sowie Vertreter der staatlichen Gewalten die letzte Ehre erweisen. Am Sonntag, den 24. November wird der Sarg in feierlicher Prozession zum Kapitol gebracht und in dessen Rotunde aufgestellt. Tausende nehmen dort bis in die Morgenstunden des n\u00e4chsten Tages von ihrem Pr\u00e4sidenten Abschied. W\u00e4hrend der \u00dcberf\u00fchrung vom Polizeihauptquartier ins Bezirksgef\u00e4ngnis von Dallas wird Lee Harvey Oswald, dessen T\u00e4terschaft keineswegs feststeht, vom Nachtklubbesitzer Jack Ruby erschossen. Am n\u00e4chsten Tag, den Johnson zum nationalen Trauertag erkl\u00e4rt, wird Kennedys Sarg wieder zum Wei\u00dfen Haus und weiter in die St. Matthew\u2019s Cathedral zur Totenmesse gebracht. Zu Fu\u00df folgen nicht nur die Familienmitglieder und die wichtigsten Repr\u00e4sentanten des Staates, sondern auch eine gro\u00dfe Zahl ausw\u00e4rtiger Staatsoberh\u00e4upter und Regierungschefs. Nach der Messe bricht eine lange Wagenkolonne zum letzten zeremoniellen Akt auf, dem Staatsbegr\u00e4bnis auf dem Arlington National Cemetery.<br \/>\nDie Arbeit an der Serie der <em>Jackies<\/em> nimmt Warhol vermutlich unmittelbar nach den Ereignissen auf, und bereits Anfang Februar 1964, nur gut zwei Monate nach dem Attentat, entstehen die ersten Werke, unter ihnen als eines der fr\u00fchesten Bilder <em>Jackie (The Week That Was)<\/em>. Bis November desselben Jahres w\u00e4chst die Serie auf \u00fcber dreihundert Werke an, von Mehrtafelwerken wie dem hier besprochenen Bild \u00fcber Triptychen und Diptychen bis hin zu Einzelbildern, von denen einige im Tondoformat gefertigt sind.<br \/>\nDen ersten Schritt in Warhols <em>pictorial design<\/em> bildet die Entscheidung f\u00fcr bestimmte Vorlagenbilder, welche die Werke der Serie zu einer Mischung aus Historienbild und Portr\u00e4t werden lassen. Warhol w\u00e4hlt acht Pressebilder, die jeweils auch die Gattin beziehungsweise Witwe des Pr\u00e4sidenten zeigen, schneidet jedoch um deren Kopf herum alles weg, was jeweils nicht nur den gr\u00f6\u00dften Teil des Bildes betrifft, sondern zuweilen auch dessen eigentlichen Fokus, beispielsweise Kennedy selbst oder den Nachfolger Johnson. Der K\u00fcnstler \u00e4u\u00dferte sich in einem Interview \u00fcber dieses Verfahren: \u00bbIn den [\u2026] K\u00f6pfen, die ich von Jacqueline Kennedy machte [\u2026], ging es darum, ihr Gesicht zu zeigen sowie den Ablauf der Zeit vom Augenblick, als die Kugel John Kennedy traf, bis zum Augenblick, als sie ihn bestattete.\u00ab Die Ereignisse zeigen sich ausschlie\u00dflich im Spiegel von Jacquelines Gesicht; das historische Narrativ verwandelt sich in eine Vier-Tage-Biografie. Durch das Herausrei\u00dfen aus dem situativen Zusammenhang k\u00f6nnen die Bildreste dem Geschehen nur noch vage zugeordnet werden. Es bleibt nicht viel mehr m\u00f6glich, als die lachenden Gesichter der Zeit vor dem Attentat und die ernsten, teilweise verschleierten Gesichter der Zeit danach zuzuordnen.<br \/>\nSeine Ausschnitte klebt Warhol ohne R\u00fccksicht auf deren Chronologie in zwei Reihen untereinander, wobei das Ergebnis in Format und Aussehen jenen Fotokabinen-Streifen aus jeweils vier Bildern gleicht, die er kurz zuvor als Vorlagen f\u00fcr seine fr\u00fchesten Auftragsportr\u00e4ts zu fertigen begann. Dieser Bildblock wird fotomechanisch vergr\u00f6\u00dfert und zu einem Drucksieb von zweihundert mal 160 Zentimetern verarbeitet, was bei den Einzelbildern ein Format von jeweils f\u00fcnfzig mal vierzig Zentimetern erzeugt. Warhol l\u00e4sst zudem ein weiteres Sieb fertigen, das die Bilder seitenverkehrt zeigt. In der Umwandlung der fotografischen Vorlagen zum Drucksieb wird die Bildqualit\u00e4t zielstrebig verschlechtert, der Kontrast \u00fcbersteuert und die K\u00f6rnigkeit erh\u00f6ht; die entsprechende Anweisung an das Labor, die Bilder \u00bbvery Black+White\u00ab zu verarbeiten, notiert Warhol auf der Vorlagencollage. Die zu bedruckenden einzelnen Leinw\u00e4nde werden in Gold, Blau oder Wei\u00df grundiert und ebenfalls im Format von f\u00fcnfzig mal vierzig Zentimetern gerahmt. Die verwendeten Farben verleihen der Serie einen feierlichen, beinahe heraldischen Klang, der sich innerhalb von Warhols OEuvre deutlich abhebt. Vielleicht stellt er einen Reflex auf die damals weit verbreitete Meinung dar, nie seien ein Pr\u00e4sident und seine First Lady dem so nahe gekommen, was in Europa die K\u00f6nigsh\u00e4user seien. Beim Druckvorgang, den Warhol nur gemeinsam mit seinem Assistenten Gerard Malanga durchf\u00fchren konnte, wurde das gro\u00dfformatige Sieb fixiert und bis auf das zu druckende Bild abgedeckt. Die gerahmten Leinw\u00e4nde wurden von unten herangedr\u00fcckt, w\u00e4hrend die schwarze Drucktinte durch das Sieb gepresst wurde. Die hierbei zu beobachtende Nachl\u00e4ssigkeit, die Tinte ungleich zu verteilen, das Sieb kaum zu reinigen und schiefe Drucke hinzunehmen, steht in derselben \u00e4sthetischen Funktion wie die Entkontextualisierung der Bildschnipsel und deren fototechnische \u00bbVerschlechterung\u00ab: Die urspr\u00fcnglichen Motive verlieren dadurch ihren journalistisch- dokumentarischen Wert, statt dessen erhalten die Bilder jene ambivalente Oberfl\u00e4chenerscheinung, wie sie Werke der Hochkunst auszeichnet.<br \/>\n<em>Jackie (The Week That Was)<\/em> ist nicht nur eines der fr\u00fchesten Bilder der Serie, sondern das einzige Werk, das alle sechzehn (je acht seitenrichtige und seitenverkehrte) Bildvarianten und zugleich alle drei benutzten Farben aufweist. Indem es das vollst\u00e4ndige Bildarsenal vorf\u00fchrt, aus dem sich alle weiteren Werke der Bilderfolge speisen, wird es gewisserma\u00dfen zum Referenzwerk der Serie. Dabei entfalten die sechzehn Tafeln ein intrikates Spiel von Identit\u00e4t und Differenz. So werden die Bilder in spiegelsymmetrische Varianten aufgespaltet, die teilweise auf die gleiche, teilweise auf andere Farben gedruckt wurden. Des Weiteren liegt dem Viererblock rechts unten dieselbe Fotografie zugrunde, die jedoch unterschiedlichen Pressever\u00f6ffentlichungen entnommen wurde. Was wie ein Zoom auf Jacqueline Kennedys Gesicht wirkt, verdankt sich allein dem unterschiedlichen Format der Bildvorlagen, so dass die zwischen Ereignis und Wahrnehmung liegende mediale Zwischenschicht sich hier besonders deutlich manifestiert. Warhols Verfahren l\u00e4sst aber nicht nur Identisches different erscheinen, sondern umgekehrt identisch werden, was als different zu erwarten w\u00e4re. Das betrifft insbesondere das Format der einzelnen Tafeln, das unber\u00fchrt von dem jeweils Gezeigten stets gleich bleibt.<br \/>\nDas arbitr\u00e4re Moment in der Gestaltung der einzelnen Tafeln setzt sich in der Anordnung zum Gesamtbild fort. Vor allem missachtet sie, was f\u00fcr die sinnf\u00e4llige Narration eines Historienbildes entscheidend ist: die chronologische Reihenfolge. Bei n\u00e4herem Hinsehen zeigt sich, dass die Anordnung der spiegelbildlichen Bildpaare Viererbl\u00f6cke entstehen l\u00e4sst, die jeweils einer Zeitstufe im Geschehensablauf entsprechen. Der Viererblock oben links zeigt die lachende Jackie, aufgenommen bei der Ankunft auf dem Dallas Love Field Airport sowie kurz danach bei der Fahrt durch Downtown Dallas. Die chronologisch anschlie\u00dfenden Tafeln, die Jackie noch am selben Tag bei der Vereidigung Johnsons an Bord der Air Force One zeigen, befinden sich nun aber nicht rechts daneben, sondern diagonal versetzt rechts unten. Damit werden beide m\u00f6glichen Leseordnungen des Bildes hinf\u00e4llig, sowohl eine im Uhrzeigersinn als auch eine nach \u00bbTextzeilen\u00ab. Die zeitlich nachfolgenden Tafeln platzierte Warhol in der rechten oberen Ecke; sie halten in zwei voneinander leicht abweichenden Kameraperspektiven den Augenblick fest, an dem sich die Pr\u00e4sidentenwitwe zum ersten Mal nach dem Attentat \u00f6ffentlich zeigt, als sie den Portikus des Wei\u00dfen Hauses betritt, um Kennedys Sarg zum Kapitol zu begleiten. Im Viererblock unten links schlie\u00dflich sieht man auf der linken Seite die verschleierte Witwe, die den Trauerzug zur St. Matthew\u2019s Cathedral anf\u00fchrt, und rechts, wie sie das Gotteshaus nach der Totenmesse wieder verl\u00e4sst. <em>Jackie (The Week That Was)<\/em> weist also folgendes Datums-Schema auf:<\/p>\n<p>22. 22. 24. 24.<\/p>\n<p>22. 22. 24. 24.<\/p>\n<p>25. 25. 22. 22.<\/p>\n<p>25. 25. 22. 22.<\/p>\n<p>Das politisch und historisch h\u00f6chst bedeutsame Geschehen der Ermordung des amerikanischen Pr\u00e4sidenten verk\u00fcrzt Warhol folglich nicht nur auf die Wandlungen von Jaqueline Kennedys Gesichtsausdruck, auf ein <em>biographical picture<\/em> von Fr\u00f6hlichkeit und Trauer. In einem zweiten Schritt nimmt der K\u00fcnstler dieser bereits minimierten Geschichte auch noch ihre zeitliche Folgerichtigkeit.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-jackie-serie-attentat-kennedy\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-dallas-ermordung-warhol-medien\/\">Kapitel 1: Warhols Umgang mit dem dokumentarischen Material<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik\/\">Kapitel 2: Mediale Transformationen der Politik<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-warhol-unsichtbarkeit-tod\/\">Kapitel 3: Sichtbarkeitsverweigerung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.) Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220; in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370. Kapitel 1: Warhols Umgang mit dem dokumentarischen Material Am Freitag, den 22. 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