{"id":917,"date":"2015-10-04T12:31:34","date_gmt":"2015-10-04T10:31:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=917"},"modified":"2015-10-04T12:31:34","modified_gmt":"2015-10-04T10:31:34","slug":"warhol-jackie-serie-attentat-kennedy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/warhol-jackie-serie-attentat-kennedy\/","title":{"rendered":"Warhol Jackie Serie Attentat Kennedy"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\"><font size=\"1\" face=\"arial\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220;<\/h2>\n<p><small>in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370.<\/small><\/p>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>\u00bbAls ich von meiner Operation heruntergebracht wurde, h\u00f6rte ich irgendwo einen Fernseher laufen und immer wieder die Worte \u203aKennedy\u2039 und \u203aM\u00f6rder\u2039 und \u203aerschossen\u2039. Robert Kennedy war erschossen worden, aber das unheimliche daran war mein Unverst\u00e4ndnis, dass es sich um eine <em>zweite<\/em> Kennedy-Ermordung handelte \u2013 ich dachte einfach, sie w\u00fcrden dir die Dinge nach deinem Tod nochmals auff\u00fchren, wie eben Pr\u00e4sident Kennedys Ermordung. Einige Krankenschwestern weinten, und nach einer Weile h\u00f6rte ich Dinge wie \u203adie Trauergemeinde in St. Patrick\u2039. Es war alles so seltsam f\u00fcr mich, dieser Hintergrund einer anderen Erschie\u00dfung und einer Beerdigung \u2013 ich konnte sowieso noch nicht zwischen Leben und Tod unterscheiden, und hier war jemand, der im Fernsehen unmittelbar vor mir beerdigt wurde.\u00ab<br \/>\nAndy Warhols Erinnerungssequenz erz\u00e4hlt die Verschlingung der Realit\u00e4ten, die ihm widerf\u00e4hrt, nachdem er am 3. Juni 1968, zwei Tage vor Robert Kennedy, selbst zum Opfer eines Attentats geworden war, das ihn beinahe das Leben gekostet h\u00e4tte. In der Sequenz klingen entscheidende Aspekte der vier Jahre fr\u00fcher entstandenen Bilderserie der <em>Jackies<\/em> an, die dem \u00bbersten\u00ab Kennedy-Mord gegolten hatte, demjenigen an John F. Kennedy. Der Erinnerungsbericht verdeutlicht das Verschwimmen der realen Ereignisse mit der praktisch synchron erfolgenden medialen Vermittlung, hier in Gestalt eines in H\u00f6rweite laufenden Fernsehers. Zugleich manifestiert sich jenes Wiederholungsmoment, das Warhols \u00c4sthetik in so dominanter Weise pr\u00e4gt, auf unterschiedlichen Ebenen: zun\u00e4chst in der Wirklichkeit als Verkettung zweier t\u00f6dlicher Kennedy-Attentate und einem beinahe t\u00f6dlichen Anschlag auf den K\u00fcnstler selbst, sodann in der medialen Aufbereitung, welche dieselben Namen und Schl\u00fcsselw\u00f6rter best\u00e4ndig wiederholt, und schlie\u00dflich in Warhols Phantasmagorie, das Vergangene werde einem, nachdem man gestorben sei, noch einmal aufgef\u00fchrt.<br \/>\nDes Weiteren verdeutlicht Warhols Erinnerung, wie sehr die dramatischen Vorg\u00e4nge um Pr\u00e4sident Kennedys Ermordung eine ganze Nation traumatisierten. Sie gruben sich in einer Weise ins US-amerikanische Bewusstsein ein, die sie jederzeit reaktivierbar machte. Dass die Tat in entscheidenden Aspekten ungekl\u00e4rt blieb, verst\u00e4rkte die Traumatisierung, da auf die Ermordung des Hoffnungstr\u00e4gers einer ganzen Generation die Unf\u00e4higkeit des Staates folgte, eine koh\u00e4rente und glaubw\u00fcrdige Aufkl\u00e4rung des Verbrechens zu gew\u00e4hrleisten. Den Vorg\u00e4ngen und ihren Protagonisten bescherte dies ein phantasmatisches Nachleben, das sich in immer neuen Recherchen und Verschw\u00f6rungstheorien manifestiert. Einen zentralen Platz darin nahmen \u2013 und nehmen bis heute \u2013 die damals entstandenen Bilder ein. Ihre best\u00e4ndige Wiederholung verweist ebenso sehr auf das Unbew\u00e4ltigte der Ereignisse wie auf die Hoffnung, die Wahrheit habe sich irgendwo in sie eingeschrieben und k\u00f6nne ihnen zuletzt doch noch entrissen werden.<br \/>\nWarhols Bilderserie der <em>Jackies<\/em> bearbeitet ein St\u00fcck Geschichte im Zeitalter der Medien, die auch hier ihr Janusgesicht offenbaren, die Ereignisse einerseits zu \u00fcbermitteln und andererseits mitzuerzeugen. Zugleich ist Warhols Serie selbst ein Teil dieser Medien- Geschichte, indem sie wesentlich daran mitwirkt, das komplexe Geschehen zu einem wiederkehrenden Set einiger weniger Bilder gerinnen zu lassen. Die Durchdringung von Ereignis und Bild, welche die Gattung des Historienbildes auszeichnet, vollzieht sich in einer spezifischen Weise, die auf die neuartige mediale und psychologische Konstellation antwortet. Sie schafft weniger eine Fiktion des Geschehens, wie es im traditionellen Historienbild geschieht, vielmehr verfremdet sie bestehendes, von dritter Hand stammendes Bildmaterial. Auf diese Weise handelt sie genauso von den Ereignissen wie von deren medialer Spiegelung. Warhol geh\u00f6rt zu jenen nachmodernen K\u00fcnstlern, welche die Welt nicht aus sich heraus gestalten, sondern ihre Konfrontation mit der Welt zum Thema machen. Entsprechend liegt seine k\u00fcnstlerische Leistung nicht in der Erzeugung neuer, sondern im <em>pictorial design<\/em> vorhandener Bilder. Im Verfremdungsprozess zeigt sich seine \u00bbHandschrift\u00ab, deren Eigenart hervortritt, wenn wir die Ereignisse jener vier Tage im November 1963 rekapitulieren und anschlie\u00dfend Warhols Umsetzung Schritt f\u00fcr Schritt nachverfolgen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-jackie-serie-attentat-kennedy\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Event and Mediality\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-dallas-ermordung-warhol-medien\/\">Kapitel 1: Warhols Umgang mit dem dokumentarischen Material<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-fernsehen-transformation-politik\/\">Kapitel 2: Mediale Transformationen der Politik<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kennedy-ermordung-warhol-unsichtbarkeit-tod\/\">Kapitel 3: Sichtbarkeitsverweigerung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/ereignis-und-medialitaet.pdf\">Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ereignis und Medialit\u00e4t (PDF mit Abb. u. Fn.) Ereignis und Medialit\u00e4t. Andy Warhols &#8222;Jackie (The Week That Was)&#8220; in: Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Ged\u00e4chtnis der Kunst, hrsg. von Uwe Fleckner (Studien aus dem Warburg-Haus 13), Berlin 2014, S. 357-370. 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