{"id":84,"date":"2007-07-09T09:34:42","date_gmt":"2007-07-09T07:34:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-blick-bildraum-komposition\/"},"modified":"2007-07-09T09:34:42","modified_gmt":"2007-07-09T07:34:42","slug":"edouard-manet-blick-bildraum-komposition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-blick-bildraum-komposition\/","title":{"rendered":"Edouard Manet Blick Bildraum Komposition"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/edouard-manet-bild-und-blick-in-manets-malerei.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Druckversion von Inhaltsverzeichnis und Einleitung (PDF mit Fn. 6.110 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Bild und Blick in Manets Malerei<\/h2>\n<p><small>Berlin: Gebr. Mann Verlag 2003<\/small><\/p>\n<h3>Einleitung: Bild und Blick im Zeichen k\u00fcnstlerischer Autonomie<\/h3>\n<blockquote><p><em>&#8222;Es ist wirklich ein geheimnisvolles Tausch-Zeremoniell, das seinen letzten Schritt vollzieht, wenn der Spazierg\u00e4nger scheinbar ohne Grund vor einem Bild stehenbleibt und es betrachtet.&#8220; <\/em>(Louis Marin)<\/p><\/blockquote>\n<p>Im <em>Mus\u00e9e imaginaire <\/em> hat Manet einen sicheren Platz. H\u00f6ren wir seinen Namen, erscheinen Bilder vor dem inneren Auge: <em>Olympia, D\u00e9jeuner sur l\u2019herbe, Un bar aux Folies-Berg\u00e8re<\/em>. Ebenso schnell dr\u00e4ngen sich W\u00f6rter auf: Modernit\u00e4t, Skandal, Zweites Kaiserreich, Paris; oder: Realismus, Fl\u00e4chigkeit, impressionistischer Pinselstrich. Diese W\u00f6rter sind gleichzeitig zutreffend und unzureichend. Manets \u0152uvre entspricht ihnen tats\u00e4chlich, und man k\u00f6nnte sogar sagen, es sei in inhaltlichem wie formalem Sinne platt: <em>Olympia<\/em>, das ist eine schn\u00f6rkellose Malerei der Tatsachen, ein Bild ohne Tiefe, mit einer Figur flach wie eine Spielkarte, gemalt mit hellen, klaren, oft nur als Flecken aufgetragenen Farben. Doch es m\u00f6gen sich Zweifel einstellen. Die Erscheinung der Bilder stimmt nicht mit einem Sprechen \u00fcberein, das soviel Einfachheit und Eindeutigkeit suggeriert. Ist Manets Malerei modern, pariserisch, skandal\u00f6s? Ist sie realistisch oder impressionistisch? Sie ist es \u2013 aber auch etwas mehr oder etwas weniger. Eher geht sie von diesem oder jenem aus, um etwas anderes entstehen zu lassen. Mit einem Wort: Sie ist zwiesp\u00e4ltig. Manet strebte nach &#8217;skandal\u00f6ser Modernit\u00e4t&#8216;, suchte aber zugleich die R\u00fcckversicherung bei den Alten Meistern, vor allem bei <em>&#8222;ma\u00eetre Vel\u00e1squez&#8220;<\/em>, wie er ihn nannte. Die Bilder sind h\u00e4ufig alles andere als realistisch oder impressionistisch, und die modernen Sujets, ein mond\u00e4ner Wintergarten, ein Ausblick auf eine Eisenbahntrasse, eine Bar in einem Vergn\u00fcgungslokal, erscheinen oftmals gar nicht als das eigentliche Darstellungsziel, sondern als Gef\u00e4\u00df f\u00fcr etwas Ungreifbares, Fl\u00fcchtiges, schwer Fa\u00dfbares. Manets \u0152uvre provoziert eine Sprecharbeit, deren erste Aufgabe darin besteht, die sich aufdr\u00e4ngenden W\u00f6rter zur\u00fcckzuweisen, sobald man ihre beschr\u00e4nkte Bestimmungskraft erkennt.<br \/>\nDas Sujet der Bilder ist der Blick. Oft ist er das einzige, was in ihnen &#8218;geschieht&#8216;, ihre eigentliche &#8218;Handlung&#8216;. Von Anfang an suchte Manet nicht nur das Bild des Menschen, sondern seinen Blick. Seine Neugier richtete sich dabei auf jenen leeren Moment, in dem ein Mensch nicht zu blicken wei\u00df. Eine Art <em>suspense<\/em> entsteht: Was m\u00f6gen sie in diesem Augenblick denken? Die andere, gleicherma\u00dfen beunruhigende Frage ist: Was sehen sie? Auf beides geben die Bilder keine Antwort. Meistens blicken die Figuren in einen Raum, der jenseits der Bildgrenzen liegt und den wir folglich nicht einsehen k\u00f6nnen; auch die gezeigten Situationen lassen kaum R\u00fcckschl\u00fcsse zu. Manet f\u00e4ngt Augenblicke des \u00dcbergangs ein, blinde Stellen, in denen die Menschen nicht ganz bei sich, noch nicht einmal ganz da sind. Es handelt sich um &#8218;Anti-Momente&#8216; des Daseins, die zwar herausgehoben sind, in denen sich aber nichts entscheidet. Der Blick macht die Menschen auf eine radikale Weise einsam, er wirkt wie ein &#8218;Fluchtpunkt&#8216; inmitten des Bildes, in dem Raum und Zeit verschwinden. Wer Manets Figuren ins Auge sieht, entdeckt darin weniger die F\u00fclle des Seins, als vielmehr die &#8222;Nacht der Welt&#8220;, die Leere der Subjektivit\u00e4t.<br \/>\nDurch die so h\u00e4ufig aus dem Bild heraus gerichteten Blicke kehren sich die Raumenergien um. Die Bilder er\u00f6ffnen kaum Tiefe, sondern verriegeln sie durch verschiedene bildnerische Ma\u00dfnahmen. Stattdessen projizieren sie den Raum nach vorne, zum Betrachter hin. Sie fahren auf ihn zu &#8222;wie zuweilen Lokomotiven im Film&#8220;, so wie es Theodor W. Adorno an den &#8222;modernen Gebilden&#8220; der Kunst beobachtete. Der Schauplatz des Bildes ist infolgedessen nicht nur die schmale imagin\u00e4re B\u00fchne, auf die der Betrachter sieht. Vielmehr wird der Raum zwischen Bild und Betrachter zum eigentlichen Schauplatz. Die Bildarchitektur ist gleicherma\u00dfen rigide und offen, fest und instabil: ein dynamisches Gleichgewicht. Der Betrachter durchl\u00e4uft die Bilder, ohne wirklich Halt zu finden, da sein Blick durch die Bildstruktur immer auch zerstreut wird. Er trifft auf Bruch- und Nahtstellen, auf Inkoh\u00e4renzen und L\u00fccken im Darstellungsgef\u00fcge, auf eine seltsame Un\u00fcbersichtlichkeit trotz der Frontalit\u00e4t der Bildanlage und der Nahsicht auf das, was das Bild ihm zu sehen gibt.<br \/>\nDie kompositorische Struktur der Bilder steht damit in engem, reflexivem Bezug zur Eigenart der Blicke. Im Ineinanderflie\u00dfen von Konzentration und Zerstreuung, Pr\u00e4senz und Leere, Zuwendung und Distanzierung treffen sich Bildstruktur und Figurenblick. Wir werden nicht nur Zeugen einer Beziehung zwischen den Figuren, die sich durch gegenseitiges Verfehlen auszeichnet. Auch die Beziehung zwischen Bild und Betrachter scheint als nahsichtiges <em>face-to-face<\/em> auf Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit angelegt, erweist sich jedoch als asymmetrisch und nicht reziprok. Um Heinrich von Kleists ber\u00fchmte Formulierung aufzunehmen: Dem Anspruch des Betrachters an das Bild antwortet der Abbruch, den es ihm zumutet. Manets letztes Hauptwerk, <em>Un bar aux Folies-Berg\u00e8re<\/em>, f\u00fchrt dies mit seiner Spiegelreflexion zum H\u00f6hepunkt. Sie schlie\u00dft den Betrachter ins Bild ein, zugleich aber, weil im Spiegel ein Anderer erscheint als er selbst, auch aus.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-blick-bildraum-komposition\/\">Bild und Blick im Zeichen k\u00fcnstlerischer Autonomie<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Edouard Manet - Pfeil\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-paradoxie-widerspruechlichkeit-gesamtwerk\/\">Abschnitt II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-formalismus-greenberg-impressionismus-offenes-kunstwerk\/\">Abschnitt III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-autonomie-velazquez-cezanne\/\">Abschnitt IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edouard-manet-baudelaire-benjamin-salon-subjektivitaet\/\">Abschnitt V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/edouard-manet-bild-und-blick-in-manets-malerei.pdf\">Druckversion von Inhaltsverzeichnis und Einleitung (PDF mit Fn. 6.110 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Druckversion von Inhaltsverzeichnis und Einleitung (PDF mit Fn. 6.110 KB) Bild und Blick in Manets Malerei Berlin: Gebr. 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