{"id":79,"date":"2007-06-03T11:21:16","date_gmt":"2007-06-03T09:21:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-star-starportrait-marilyn-monroe\/"},"modified":"2007-06-03T11:21:16","modified_gmt":"2007-06-03T09:21:16","slug":"andy-warhol-star-starportrait-marilyn-monroe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-star-starportrait-marilyn-monroe\/","title":{"rendered":"Andy Warhol Star Starportrait Marilyn Monroe"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-thirty-are-better-than-one.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Thirty Are Better Than One als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 6.077 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Andy Warhol. Thirty Are Better Than One<\/h2>\n<p><small>Frankfurt\/M. 1995 (Reihe Kunst-Monographien d. Insel-Verlags)<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel III: Die Einordnung<\/h3>\n<p>Auf den einzigartigen Status der Mona Lisa antwortet Warhol mit ihrer Einordnung unter die Stars. Die Mona-Lisa-Paraphrasen sind Teil seiner Galerie der Starportraits. Diese Reaktion, einsichtig und widersinnig zugleich, verdient eine genauere Betrachtung. Der Rahmen daf\u00fcr mu\u00df ein zweifacher sein, zum einen das Ph\u00e4nomen des Stars allgemein, so wie es sich in der Filmindustrie Hollywoods um 1915 herausbildet und um 1960 einen (vielleicht letzten) H\u00f6hepunkt erlebt, und zum anderen Warhols bildnerischer Umgang damit.<br \/>\nMit der Zuwendung zu diesem gr\u00f6\u00dferen Feld ist zugleich ein Hauptstrang von Warhols Werk ber\u00fchrt, in dem Stars eine herausragende Rolle spielen. Die Portr\u00e4ts z. B. von Marilyn Monroe oder Liz Taylor (Abb. 11 u. 12) geh\u00f6ren nicht nur zu den bedeutendsten und bekanntesten Arbeiten des K\u00fcnstlers, sie haben sogar, besonders im Falle Marilyn Monroes, das Bild des jeweiligen Stars wesentlich mitgepr\u00e4gt. Wichtig dabei ist, da\u00df der Erfolg der Starportraits seinen Grund weder ausschlie\u00dflich in der Ber\u00fchmtheit der Dargestellten noch in der Ber\u00fchmtheit von Warhol selbst hat. Er beruht vielmehr auf ihrer Eigenschaft, ein grundlegendes Merkmal des vielschichtigen (psychologischen, soziologischen, \u00f6konomischen) Ph\u00e4nomens Star, herauszustellen und sichtbar werden zu lassen &#8211; die Beziehung des Stars zu seinem Bild.<\/p>\n<h4>Der Star<\/h4>\n<p>Der Star ist eine Bild-Realit\u00e4t, und das in einem zun\u00e4chst ganz w\u00f6rtlichen Sinne. Die Vorstellung, die man von ihm besitzt, wird durch das bestimmt, was die Photographien und die Filmbilder als seine unverwechselbaren Z\u00fcge, als seinen individuellen Habitusvermitteln. So wahrheitsgetreu jedoch diese Bilder sein m\u00f6gen (und als technische Bilder stehen sie im Ruf, wahrheitsgetreu zu sein), der Star ist doch offensichtlich mehr als diese \u00f6ffentliche Schauseite seiner Bilder. Je gr\u00f6\u00dfer die Ausstrahlung der Bilder, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Neugier auf den Menschen hinter dem Bild. Man m\u00f6chte wissen, wer der Star in Wahrheit, als wirklicher, privater Mensch ist. Sowohl historisch wie strukturell ist der Star gerade dadurch definiert und vom blo\u00dfen Schauspieler unterschieden, da\u00df er als Pers\u00f6nlichkeit interessiert, ja da\u00df die Person des Stars zum eigentlichen Brennpunkt der Aufmerksamkeit wird. So hat sich als fester Bestandteil des sogenannten Star-Systems eine Publikationsindustrie etabliert, die den Wunsch, in das private Dasein der Stars einzudringen, zu befriedigen verspricht.<br \/>\nDas Eigent\u00fcmliche ist nun aber, da\u00df die Neugier auf die wahre Pers\u00f6nlichkeit des Stars nie befriedigt wird &#8211; weil sie weder befriedigt werden soll noch befriedigt werden kann. Das Wissen \u00fcber das Individuum hinter dem Bild speist sich, indem es aus Magazinen, Biographien, Interviews, Bildreportagen usw. stammt, wiederum nur aus Sekund\u00e4rem, aus \u00bbBildern\u00ab. Obschon diese Publikationen und Sendungen ihre Auflagenst\u00e4rke und Einschaltquoten aus der Behauptung ziehen, der Oberfl\u00e4che des Stars die Tiefe seiner wahren Pers\u00f6nlichkeit hinzuzuf\u00fcgen, entpuppt sich diese Tiefe als blo\u00dfe Verkn\u00fcpfung weiterer Oberfl\u00e4chen sprachlicher und bildlicher Art. Die \u00bbWirklichkeit\u00ab hinter dem photographischen Bild ist, mit einem Begriff der Literaturwissenschaft gesprochen, ein intertextuelles Konstrukt.<br \/>\nSo ist der \u00bbwirkliche Mensch\u00ab erneut ein Bild: das spezifische <em>Image<\/em>, das meist von der Filmgesellschaft, die den Star lanciert, gezielt aufgebaut wird. Das <em>lmage <\/em> soll weder zu eigent\u00fcmlich noch zu allgemein, weder zu abseitig noch zu banal sein, damit der Star sowohl als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr unsere W\u00fcnsche zu dienen vermag als auch die Identifikation mit ihm m\u00f6glich bleibt. Die Enth\u00fcllungen \u00fcber den Star als Menschen sind deswegen stets sowohl sensationell wie auch Best\u00e4tigungen der Klischees. Im Spiel von Oberfl\u00e4che und \u00bbTiefe\u00ab, von photographischem Bild und kalkuliertem Pers\u00f6nlichkeitsbild, bleibt der Star eine undurchdringliche Erscheinung, geheimnisvoll und auratisch wie sein klingender Name.<br \/>\nHistorisch ist die Bild-Wirklichkeit des Stars eine Erscheinung der technischen Medien von Photographie und Film. Erst deren Entwicklung erlaubt eine so universale Verbreitung seines Antlitzes, da\u00df es jedem vertraut werden kann. Und erst indem die Photographie die Wahrhaftigkeit des Bildes mit der M\u00f6glichkeit verbindet, einen Menschen von Angesicht zu Angesicht betrachten zu k\u00f6nnen, ohne ihm je Auge in Auge gegen\u00fcbergestanden zu haben, kann die voyeuristische Spannung entstehen, die zwischen dem Star und seinem Bewunderer besteht. Sie ist die Folge davon, da\u00df die absolute Sichtbarkeit des Stars stets an die Verborgenheit seiner Pers\u00f6nlichkeit gekoppelt bleibt.<br \/>\nDoch nicht nur historisch gesehen ist der Star das Erzeugnis der visuellen Massenkommunikation; er ist es auch im jeweiligen Einzelfall. Denn die Gr\u00f6\u00dfe eines Stars liegt nicht prim\u00e4r in seiner Schauspielkunst, sondern in der Eignung als Rohstoff f\u00fcr ein <em>Image<\/em>. Wichtiger als der Vorweis dramatischen K\u00f6nnens ist Hollywood das Ergebnis des sogenannten <em>screen<\/em>  test, in dem ein Bewerber auf seine filmische Photogenit\u00e4t gepr\u00fcft wird. Die Konsequenz ist die unterschiedliche Beziehung des Schauspielers zu seiner Rolle in Theater und Film. Im Theater ist die literarische Figur (z.B. Shakespeares \u00bbKing Lear\u00ab) die Konstante, der Schauspieler hingegen die Variable, die danach beurteilt wird, wie glaubw\u00fcrdig er die Rolle des King Lear zu verk\u00f6rpern vermag und ob er ihr neue Aspekte zu entlocken wei\u00df. Der Star-Film hingegen kehrt das Verh\u00e4ltnis um. Hier bildet der Star die Konstante, w\u00e4hrend die Rolle, ihm auf den Leib geschrieben, die Funktion der Variablen \u00fcbernimmt, die danach bewertet wird, wie gut oder schlecht der Star in ihr \u00bbherauskommt\u00ab. Sein spezifisches <em>lmage<\/em>  soll durch die neue Rolle zwar bereichert, aber keinesfalls durchbrochen werden.<br \/>\nSo nimmt die Ber\u00fchmtheit des Stars tautologische Z\u00fcge an. Jedes neue Bild, jede neue Schlagzeile, ja sogar das erneute Zeigen der bekannten Bilder mehrt die Ber\u00fchmtheit des Stars, ohne damit jemals etwas Neues mitzuteilen. Der Ruhm des Stars besteht schlie\u00dflich in der schieren Ber\u00fchmtheit selbst. Er ist, in einer Wendung Daniel Boorstins, nicht ber\u00fchmt, weil er gro\u00dfartig ist, sondern gro\u00dfartig, weil er ber\u00fchmt ist.<br \/>\nDas geschmeidige Gewebe der <em>Images<\/em>  l\u00e4\u00dft sich nicht zerrei\u00dfen. Selbst wenn der Star als Privatperson auftritt, ist sein Ich nur eine Funktion der Institution, die er verk\u00f6rpert. Das Weinen bei der Oscar-Verleihung ist nicht echter und pers\u00f6nlicher als das Weinen als \u00bbX\u00ab im Film. Die Unterscheidung zwischen dem Star Marilyn Monroe und dem lndividuum Marilyn Monroe ist fiktiv, eine Fiktion allerdings, die von den Produzenten Hollywoods wie von den Fans aufrechterhalten und gepflegt wird. So steht in der Regel der Bewunderer eines Stars gleichzeitig den ausbeuterischen Machenschaften der Produzenten und der verleumderischen Presse ablehnend gegen\u00fcber. Er sieht den Star als deren Opfer, unter Ausblendung der Tatsache, da\u00df auch das Opfer (das lndividuum hinter dem Star) ein Konstrukt des Star-Systems ist. Doch g\u00e4be er sich dar\u00fcber Rechenschaft, der Star verm\u00f6chte seine Aufmerksamkeit nicht l\u00e4nger zu erregen. Er w\u00e4re als Identifikations- und Projektionsobjekt so geeignet wie eine M\u00e4rchenfigur oder ein antiker Gott. Nur wenn dem phantasmagorischen Gebilde <em>Marilyn<\/em>  eine Wirklichkeit zugesprochen wird, nur wenn unser Assoziationsfeld gleichsam naturalisiert wird, kann der Star seine mythische Doppelrolle von gott\u00e4hnlichem, archetypischem Wesen einerseits und irdischem, allt\u00e4glichen Menschen andererseits spielen.<br \/>\nDie Tragik Norma Bakers alias Marilyn Monroe, die am Mechanismus Hollywoods zerbrach, besteht in dieser Fiktion. Was die \u00d6ffentlichkeit als die \u00bbwahre Marilyn Monroe\u00ab begriff, hatte nicht mehr mit ihrer Identit\u00e4t (Norma Baker) zu tun als ihr \u00f6ffentliches <em>lmage<\/em> als Star. Zwischen der Differenz, die den Star (Marilyn Monroe) von seiner Identit\u00e4t (Norma Baker) trennt, und der Indifferenz, die zwischen dem <em>lmage<\/em>  und der \u00bbwahren Marilyn Monroe\u00ab besteht, herrscht ein unaufhebbarer Widerspruch &#8211; ein Widerspruch, der f\u00fcr Norma Baker t\u00f6dlich war. \u00bbIhr Scheitern, sich ihrem Bild in der \u00d6ffentlichkeit anzupassen, endete schlie\u00dflich in Verzweiflung und Selbstmord\u00ab, vermerkt die <em>Encyclopaedia Britannica<\/em>  lapidar. Das Bild hat \u00fcber den Menschen triumphiert.<\/p>\n<h4>Das Beispiel der <em>Marilyns<\/em><\/h4>\n<p>In seinen Portr\u00e4ts der Stars reagiert Warhol auf deren Bild-Realit\u00e4t in verschiedener Hinsicht. Bleiben wir beim Beispiel Marilyn Monroes (Abb. 11). Zun\u00e4chst ist von Bedeutung, da\u00df Warhol nicht das Portr\u00e4t der lebenden, sondern der toten Marilyn Monroe schuf:<br \/>\n\u00bbThe Monroe picture was part of a death series I was doing of people who had died by different ways. There was no profound reason for doing a death series, no \u203avictims of their time\u2039; there was no reason of doing it all, just a surface reason.\u00ab [\u00bbDas Monroe-Bild war Teil einer Todesserie, die ich von Menschen machte, die auf verschiedene Weise zu Tode gekommen waren. Es gab keinen tiefen Grund, eine Todesserie zu machen, es sollten keine \u203aOpfer ihrer Zeit\u2039 sein; es gab keinen Grund, das alles zu machen, nur einen Oberfl\u00e4chen- Grund.\u00ab]<br \/>\nIn seiner Erkl\u00e4rung f\u00fcr die <em> Marilyn<\/em>-Serie, die ab 1962 in unmittelbarer Reaktion auf den Selbstmord der Dargestellten entsteht, trifft Warhol also dieselbe Unterscheidung, die im vorhergehenden Kapitel wesentlich war: der Grund daf\u00fcr sei kein \u00bbtiefer\u00ab gewesen, sondern ein \u00bbOberfl\u00e4chen-Grund\u00ab, \u00bba sur-face reason\u00ab. Was diese Aussage f\u00fcr die Marilyns bedeutet, konkretisiert sich im bildnerischen Verfahren.<br \/>\nDa ist an erster Stelle die Tatsache, da\u00df die <em>Marilyns<\/em>  auf einer bereits existierenden, bekannten Photographie basieren. Diese Eigenart teilen die <em>Marilyns<\/em>  mit den anderen <em>Starportraits<\/em>, ja mit praktisch allen Bildern Warhols: sie ist gewisserma\u00dfen Warhols Markenzeichen. Meistens wird diese Tatsache allein unter dem produktions\u00e4sthetischen Aspekt wahrgenommen, was zum Urteil f\u00fchrt, die Bilder seien als blo\u00dfe Wiederholung von l\u00e4ngst Bekanntem der Inbegriff einer unpers\u00f6nlichen und indifferenten, ja nihilistischen Kunst. Dabei bleibt au\u00dfer Betracht, ob und inwiefern der Entschlu\u00df, den eigenen Bildern bereits existierende Bilder zugrundezulegen, eine thematische Angemessenheit haben k\u00f6nnte. Diese Angemessenheit liegt nun bei den <em>Starportraits<\/em> gerade im Durchbrechen der herk\u00f6mmlichen Vorgehensweise der Bildnismalerei, die auf der pers\u00f6nlichen und unmittelbaren Erfahrung des Malers von seinem Modell beruht. Denn es entspr\u00e4che der Seinsweise eines Stars kaum, dessen Portr\u00e4t anhand der unmittelbaren Anschauung der Person zu fertigen. Wenn einen Star zu portr\u00e4tieren in Wahrheit bedeutet, eine surface (Oberfl\u00e4che), ein <em>Image<\/em>  zu portr\u00e4tieren, dann handelt Warhol nur konsequent, wenn er das Bildnis dessen fertigt, als das der Star f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit existiert: das Bildnis seines photographischen Bildes.<br \/>\nF\u00fcr die Marilyn-Serie greift Warhol auf eine Werbestandaufnahme f\u00fcr den Film \u00bbNiagara\u00ab aus dem Jahr 1953 zur\u00fcck (Abb. 13). Es ist aufschlu\u00dfreich, diese Photographie mit anderen bekannten Bildern des Stars zu vergleichen. Es f\u00e4llt dann auf, wie maskenhaft ihr Gesicht hier erscheint, wie die Lippen sich in einer Weise verziehen, in der das Laszive keiner Spontaneit\u00e4t entspringt, sondern das Produkt einer sorgf\u00e4ltig einstudierten Pose ist. \u00bbMarilyn&#8217;s lips weren&#8217;t kissable, but they were very photographable.\u00ab [\u00bbDie Lippen Marilyns waren nicht zu k\u00fcssen, doch sehr gut zu photographieren.\u00ab], so lautet Warhols Kommentar zu diesen Lippen, die er eigens und in 168-facher Vermehrung zu einer riesigen Doppeltafel verarbeitet hat (Abb. 14).<br \/>\nDen Konstruktcharakter von Marilyns Antlitz verst\u00e4rkt Warhol in der Umarbeitung zum Tafelbild. Den Bildausschnitt der Photographie verengt Warhol radikal. Der K\u00f6rper wird an der Kehle abgetrennt, \u00fcbrig bleibt allein der starr ins Bild einquadrierte Kopf. Durch die Steigerung des Hell-Dunkel-Kontrastes wird Marilyns Gesicht zudem auf ein flaches Klischee reduziert, durch das der Blick hindurchzufallen scheint. Gleichzeitig jedoch erh\u00f6ht diese Klischierung, unterst\u00fctzt durch die schablonierten, grellen Farben, die Pr\u00e4gnanz der Gesichtsz\u00fcge, w\u00e4hrend das Fokussieren des Kopfes das makellose Antlitz im wahrsten Sinne gro\u00df herauskommen l\u00e4\u00dft. Marilyns Gesicht ist flach und zugleich bodenlos, es ist erstarrt und entleert von allem, was an ihr Mensch ist, zugleich aber von gesteigerter Pr\u00e4senz in dem, was sie zum Mythos macht, zum so hellen Stern, da\u00df \u00bbneben ihm die Sonne verbla\u00dft\u00ab (Arthur Miller).<br \/>\nWarhols Bildnis zeigt das Entstehen eines Mythos. Es zeigt, wie der prim\u00e4re Sinn der Portr\u00e4tphotographie, n\u00e4mlich das naturgetreue Abbild eines Menschen zu sein, durch einen sekund\u00e4ren Sinn \u00fcberlagert und verformt wird, der in diesem Menschen etwas anderes, neues sieht: die perfekte Kreatur, die sexuelle Wunschfigur, die Verk\u00f6rperung des Amerikanischen Traums usw. Und es zeigt &#8211; und hier beginnt der Mythos -, wie dieser sekund\u00e4re Sinn, so sehr er eine Projektion sein mag, durch den Realismus, den die Photographie als \u00bbwahres Abbild\u00ab verb\u00fcrgt, dennoch in der \u00bbWirklichkeit\u00ab eines tats\u00e4chlich existierenden Menschen verankert wird. Die <em>Marilyns<\/em> sind fiktiv und realistisch zugleich, sie zeigen ein Wesen, das \u00fcber den Menschen steht und dennoch einer von ihnen ist.<br \/>\nErinnert man sich an die Tatsache, da\u00df die <em>Marilyn<\/em>-Bildnisse auf den Selbstmord der Portr\u00e4tierten reagieren und ein Teil einer Todesserie sind, dann stellt sich die Frage, warum sie keinen toten Menschen zeigen, sondern im Gegenteil Marilyn Monroe auf der H\u00f6he ihres Glanzes. Die Frage verweist auf eine andere: was der Tod einer Figur bedeutet, die im Grunde nie gelebt hat, die deswegen aber auch solange nicht sterben wird, wie ihr Bild zirkuliert und unsere Phantasie anregt. Es ist letztlich die Frage, ob der Tod Marilyn Monroes nicht bereits in den Bildern wie der Werbeaufnahme f\u00fcr \u00bbNiagara\u00ab stattgefunden hat, w\u00e4hrend der tats\u00e4chliche Tod, der Freitod, gleichsam nur ein Nachspiel dazu war. Warhols <em>Marilyn<\/em>-Bilder, die den Tod und das Leben ineinanderblenden, in denen die Erstarrung zum Bild als h\u00f6chste Form des <em>Glamour<\/em>  erscheint, geben eine m\u00f6gliche Antwort darauf.<\/p>\n<h4>Mona Lisa als Star<\/h4>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind Mona Lisa und Marilyn Monroe nicht in derselben Weise Stars. Doch auch bei der Mona Lisa zeigt sich diese \u00dcberlagerung und Verformung des Sinns, auch sie wurde zu einer Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Konnotationen ganz unterschiedlicher Art, die aber dennoch behaupten, in den realen Gegebenheiten des Bildes begr\u00fcndet zu sein. Ihr Glanz ist der <em>Glamour<\/em>  der Stars, und es gilt auch f\u00fcr sie, da\u00df sie nicht ber\u00fchmt ist, weil sie gro\u00dfartig ist (so ist es einmal gewesen), sondern gro\u00dfartig, weil sie ber\u00fchmt ist.<br \/>\nDie <em>Marilyns<\/em>  und die <em>Mona Lisas<\/em>  entsprechen sich aber vor allem darin, Bilder \u00fcber Bilder, Portr\u00e4ts von Portr\u00e4ts zu sein. Der jeweilige Ausgangspunkt und das jeweilige Ergebnis der beiden Bildgruppen entsprechen sich jedoch nicht, sondern sind kreuzweise miteinander verbunden: sie bilden einen Chiasmus. Wenn die Bildkultur der Massenmedien und der Reproduktionsindustrie die Grenzen von Bild und Wirklichkeit unscharf werden l\u00e4\u00dft, dann f\u00fchren die <em>Marilyns<\/em> die Variante vor, wie sich ein Mensch in seinem <em>Image<\/em> aufzul\u00f6sen vermag. Die <em>Mona Lisas<\/em> hingegen zeigen, da\u00df auch das Umgekehrte m\u00f6glich ist, da\u00df ein Gem\u00e4lde das Dasein einer Quasi-Lebendigen annehmen kann, wie es das Empfangszeremoniell in den USA oder die Werbegraphik sichtbar werden lassen. Fertigt also Warhol das Portr\u00e4t Marilyn Monroes, indem er ein photographisches Bild portr\u00e4tiert, dann reflektiert er die Tatsache, da\u00df bei ihr die Ebene des Menschen gar nie in den Blick kommt. Behandelt er hingegen die Mona Lisa, als w\u00e4re sie ein lebender Star, so reagiert er darauf, da\u00df bei ihr die Ebene des Gem\u00e4ldes gleichsam ausgefallen ist.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-bedeutung-werkanalyse\/\"> Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-leonardo-mona-lisa-kennedy-kalter-krieg\/\"> Kapitel I: Der Anla\u00df<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-paraphrase-malewitsch-duchamp-werbung\/\"> Kapitel II: Die Vorl\u00e4ufer<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-star-starportrait-marilyn-monroe\/\">Kapitel III: Die Einordnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Andy Warhol - thirty are better than one - Pfeil\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-benjamin-reproduzierbarkeit-aura-last-supper\/\">Kapitel IV: Die reproduzierte Mona Lisa<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-kombinatorik-serialitaet-kennedy-attentat\/\"> Kapitel V: Pictorial Design<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-pop-art-fotografie-massenmedien\/\">Kapitel VI: Das Dilemma des Malens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-thirty-are-better-than-one.pdf\">Thirty Are Better Than One als Druckversion (PDF mit Abb. u. 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