{"id":771,"date":"2013-11-28T11:15:39","date_gmt":"2013-11-28T09:15:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=771"},"modified":"2024-11-18T19:24:44","modified_gmt":"2024-11-18T18:24:44","slug":"manet-portraet-kinderbildnis-blick-schwelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/manet-portraet-kinderbildnis-blick-schwelle\/","title":{"rendered":"Manet Portr&#228;t Kinderbildnis Blick Schwelle"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/auf-der-schwelle-der-zeit.pdf\"><span style=\"font-size: xx-small; font-family: verdana;\">Auf der Schwelle der Zeit als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 122 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/p>\n<h2>Auf der Schwelle der Zeit<br \/>\n(\u00c9douard Manet: Kinderbildnis, 1862)<\/h2>\n<p><small> in: Unter vier Augen. Sprachen des Portr\u00e4ts, Ausstellungskatalog Staatliche<br \/>\nKunsthalle Karlsruhe, Bielefeld\/Berlin 2013, S. 258-263.<\/small><\/p>\n<p>\u201eEs ist m\u00f6glich, dass Ernest heute noch lebt: doch wo? wie? welch ein Roman!\u201c Mit diesen Worten begleitet Roland Barthes in seinem Fotografie-Essay <em>Die helle Kammer<\/em> Andr\u00e9 Kert\u00e9sz\u2019 Bild eines kleinen Jungen, der uns direkt in die Augen sieht. Bei allen Unterschieden zwischen Fotografie und Malerei sowie dem Unterschied, dass der von Manet portr\u00e4tierte Junge heute keinesfalls mehr lebt \u2013 Barthes\u2019 Kommentar zu Kert\u00e9sz\u2019 Bild erfasst in pr\u00e4gnanter Weise auch die Anmutung von Manets Portr\u00e4t. Denn Barthes\u2019 Emphase ist die Reaktion auf den r\u00fcckhaltlosen Blick, der uns \u00fcber den Abgrund von Raum und Zeit hinweg trifft, und an dem entscheidend ist, dass es derjenige eines Kindes ist. Aus der Vergangenheit erreicht uns ein Blick, der in die Zukunft gerichtet ist \u2013 eine Zukunft, die nicht nur der Betrachter des Bildes, sondern auch das Kind nicht kennt.<br \/>\nWer ist das von Manet gemalte Kind? Auf die Spur seiner Identit\u00e4t f\u00fchrt die Widmung, die das Gem\u00e4lde einer Mme h. (?) Lange zueignet. Sie legt nahe, im Dargestellten den Sohn jener adressierten Mme Lange zu erkennen, und tats\u00e4chlich verkehrten die Manets mit einer Familie dieses Namens. Der Vater des Kindes w\u00e4re demnach Daniel Adolphus Lange, ein Mitglied der Kommission, die den Bau des Suezkanals vorantrieb. Genaueres lie\u00df sich trotz Recherchen nicht in Erfahrung bringen, noch nicht einmal, um welchen der Lange-S\u00f6hne es sich handelt. Diese biografische Ungewissheit erschwert auch die Datierung des Gem\u00e4ldes, das nun aufgrund stilistischer Argumente den fr\u00fchen 1860er Jahren zugeordnet wird. Der eminente Rang von Manets Portr\u00e4t folgt also nicht aus der Prominenz des Jungen, sondern allein aus der stupenden Qualit\u00e4t des Gem\u00e4ldes selbst.<br \/>\nDen vielleicht f\u00fcnfj\u00e4hrigen Jungen malte Manet in Lebensgr\u00f6\u00dfe, was das Bildnis zugleich monumental und klein erscheinen l\u00e4sst. Breitbeinig, den vorderen Arm leicht angewinkelt, steht er in der Mitte des Bildes. Bei strikt frontaler Ausrichtung von F\u00fc\u00dfen und Kopf hat er die H\u00fcfte und den Oberk\u00f6rper geringf\u00fcgig ins Dreiviertelprofil weggedreht, was dem ruhigen Stehen Spannung und dem fl\u00e4chigen K\u00f6rper eine gewisse Raumtiefe verleiht. Bekleidet ist er mit einem graubraunen, ins Gr\u00fcne spielenden Anzug aus Kniebundhose und Paletot, kombiniert mit hohen grauen Gamaschen. Der schwere Stoff umh\u00fcllt den kleinen K\u00f6rper so vollst\u00e4ndig, dass er als Physiognomie darunter verschwindet. Die Farben der Kleidung kehren wieder in den leicht gewellten Haaren, die die Symmetrie der ernsten Gesichtsz\u00fcge zumindest ein wenig auflockern. Dasselbe Farbspektrum, in ein helleres Braun gewendet, beh\u00e4lt Manet auch f\u00fcr den Umraum bei, womit die nebelschwadengleiche Umgebung zum Echoraum des Jungen wird \u2013 ein Effekt, den die helle Zone hinter dem Kopf des Jungen noch verst\u00e4rkt. In der Kopfpartie steigern sich die Kontraste. Dem wei\u00dfen Hemdkragen antwortet ein aureolenartiger Hut aus einem Schwarz, das Manet wie eine strahlende Farbe zu inszenieren wei\u00df und das auch die gro\u00dfen Augen des Jungen leuchten l\u00e4sst. Im Gesicht mit seinen gro\u00dfen Ohren, das plastischer ausgearbeitet ist als jede andere Stelle im Bild, findet sich endlich auch ein Anflug von Buntwerten, mit denen Manet ansonsten geizt. Lediglich das ziegelrote Zaumzeug, das der Junge unschl\u00fcssig in der Hand h\u00e4lt, als h\u00e4tte er vergessen, weswegen er es bei sich tr\u00e4gt, bringt einen zweiten Farbakzent ins Bild, der mit den Rosat\u00f6nen des Gesichts konkurrieren kann.<br \/>\nManets Portr\u00e4t pr\u00e4gt eine auf verschiedenen Ebenen sich aufbauende Spannung zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit. Da ist zun\u00e4chst die unebenm\u00e4\u00dfige malerische Ausf\u00fchrung. Zwischen der Pr\u00e4zision der Augenpartie und dem lediglich Hingeworfenen der Gamaschen, des Zaumzeugs oder der fast hinter die H\u00fcfte zur\u00fcckgezogenen Hand klaffen Unterschiede, als geh\u00f6re das alles nicht zu derselben Figur. Bestimmt-unbestimmt ist weiterhin die Art und Weise, wie der Junge vor uns tritt. So selbstbewusst die eingenommene Haltung ist, so offen bleibt der Ort, an dem sich sein Auftritt vollzieht. Manet l\u00f6st die Figur aus jedem Zusammenhang, sodass wir nicht einmal sagen k\u00f6nnen, ob sie sich in einem Innen- oder Au\u00dfenraum aufh\u00e4lt, ja selbst die Standfl\u00e4che ist durch den fleckartigen Schattenwurf lediglich vage markiert. In diesem Nicht-Raum ist der Junge so weit nach vorne getreten, dass es insbesondere in der oberen Bildh\u00e4lfte so wirkt, als st\u00fcnde er weniger im als vielmehr vor dem Bild. Einen solchen Ort gibt es nur in der Malerei \u2013 womit eine der Differenzen zu Kert\u00e9sz\u2019 Bild benannt ist: <em>Le petit Lange<\/em> steht auf der Schwelle zwischen Bildraum und Betrachterraum, keinem der beiden R\u00e4ume ganz zugeh\u00f6rig. Sein Standort bleibt genauso unfassbar wie die Oberfl\u00e4che des Gem\u00e4ldes selbst. F\u00fcr diese gilt ebenfalls, weder zum Bildraum noch zum Raum des Betrachters zu geh\u00f6ren, sondern jene ungreifbare Grenze zu sein, an der beide sich ber\u00fchren. Die Grenze zwischen Bildraum und Betrachterraum, auf der sich der Junge aufh\u00e4lt, wird von Manet dadurch akzentuiert, dass sie von beiden Seiten her \u00fcberschritten wird. Aus dem Bild heraus f\u00fchrt der Blick des Jungen; ins Bild hinein indes f\u00fchrt das Licht, das den Jungen frontal aus jenem Raum heraus beleuchtet, in dem der Betrachter steht \u2013 so als sei es, wie Michel Foucault die Parallelit\u00e4t von Betrachterblick und Lichtf\u00fchrung auf den Punkt brachte, der Blick des Betrachters, der die Figur beleuchte.<br \/>\nZwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit aber schillert insbesondere dasjenige, worauf in Manets Gem\u00e4lde alles zul\u00e4uft: der Blick. Dieser ist ebenso unverwandt wie unfokussiert \u2013 was auch daran liegt, dass die Sehachsen der beiden Augen leicht voneinander abweichen. Worauf ist er gerichtet? Die Antwort, es sei der ihn portr\u00e4tierende Maler, relativiert sich durch seine Stummheit, die nicht auf eine Interaktion zwischen zwei Menschen hindeuten will. Ebenso plausibel w\u00e4re zu sagen, dieser Blick richte sich gar nicht auf ein \u00c4u\u00dferes, sondern sei vielmehr nach innen gerichtet. Der Umraum wird nicht nur aufgrund der Farben und der Valeurs zum Echoraum des Jungen; in seiner Untiefe hallt auch das Unauslotbare dieses Blicks wider. Und w\u00e4hrend Manets Bildraum in seinen Dimensionen vage bleibt, dehnt sich der Augenblick, in dem der Junge erfasst ist, zu unbestimmter Dauer. Das f\u00fcllige Gesicht und die herausfordernde Haltung lassen jedoch keinen Zweifel an der Lebendigkeit dieses Jungen aufkommen, was sich auf die Art und Weise auswirkt, wie diese Abwesenheit vom Hier und Jetzt erscheint. In ihr manifestiert sich keine Bl\u00e4sse oder Schw\u00e4che, sondern Eigensinnigkeit. <em>Le petit Lange<\/em> ist nicht ganz \u201ada\u2018, weil er ganz bei sich ist.<br \/>\nViele der von Manet gemalten Menschen treten in einer vergleichbaren Weise vor uns. Doch bei einem Kind gewinnt diese mehrfache \u2013 r\u00e4umliche, zeitliche und psychische \u2013 Schwellensituation einen besonderen Charakter. Im Blick der Erwachsenen scheinen Kinder ganz in der Gegenwart aufzugehen und dennoch im Licht einer Zukunft zu stehen, auf die sie gerichtet sind. Diese Zukunft, in die <em>Le petit Lange<\/em> blickt und von der her er beleuchtet wird, liegt au\u00dferhalb dessen, was das Bild uns zu sehen gibt. Was ist aus dem Jungen geworden? Welches Leben hat er gef\u00fchrt? Welch ein Roman!<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/auf-der-schwelle-der-zeit.pdf\">Auf der Schwelle der Zeit als Druckversion (PDF mit Abb. u. 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