{"id":77,"date":"2007-06-03T11:17:49","date_gmt":"2007-06-03T09:17:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-leonardo-mona-lisa-kennedy-kalter-krieg\/"},"modified":"2007-06-03T11:17:49","modified_gmt":"2007-06-03T09:17:49","slug":"andy-warhol-leonardo-mona-lisa-kennedy-kalter-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-leonardo-mona-lisa-kennedy-kalter-krieg\/","title":{"rendered":"Andy Warhol Leonardo Mona Lisa Kennedy Kalter Krieg"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-thirty-are-better-than-one.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Thirty Are Better Than One als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 6.077 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Andy Warhol. Thirty Are Better Than One<\/h2>\n<p><small>Frankfurt\/M. 1995 (Reihe Kunst-Monographien d. Insel-Verlags)<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel I: Der Anla\u00df<\/h3>\n<p>Da\u00df sich Warhol, der Maler des Ber\u00fchmten und Allgegenw\u00e4rtigen, f\u00fcr Leonardos Portr\u00e4t der Mona Lisa (Abb. 1) interessiert, ist unmittelbar einleuchtend. Im Louvre dr\u00e4ngen sich die Besucher Tag f\u00fcr Tag, um ihrer ansichtig zu werden, und durch Reproduktionen haben sich ihre Z\u00fcge \u00fcber die ganze Welt verbreitet. Leonardos Portr\u00e4t ist das ber\u00fchmteste Bild der Welt, seine Dargestellte nicht nur die ber\u00fchmteste weibliche Gestalt der Kunstgeschichte, sondern vielleicht die ber\u00fchmteste Frau \u00fcberhaupt. Warhols Entschlu\u00df, sich mit dem Gem\u00e4lde zu besch\u00e4ftigen, hat jedoch nicht allein mit dem einzigartigen Rang der Mona Lisa zu tun. Es gibt daf\u00fcr, wie bei manchem Bild Warhols, einen spezifischen Grund, der f\u00fcr das Bild sehr aufschlu\u00dfreich ist.<\/p>\n<h4>Mona Lisas Reise<\/h4>\n<p>Am 12. Dezember 1962 er\u00f6ffnet Pr\u00e4sident Kennedy seine w\u00f6chentliche Pressekonferenz mit folgenden Worten: \u00bbIm Namen des amerikanischen Volkes m\u00f6chte ich der franz\u00f6sischen Regierung meine Dankbarkeit f\u00fcr ihre Entscheidung ausdr\u00fccken, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci zu einer Pr\u00e4sentation in die Vereinigten Staaten auszuleihen. Dieses unvergleichliche Meisterwerk . . . wird in unser Land kommen als Erinnerung an die Freundschaft, die zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten besteht. Es wird ebenfalls kommen als Erinnerung an die universale Natur der Kunst. Mrs. Kennedy und ich m\u00f6chten insbesondere Pr\u00e4sident de Gaulle f\u00fcr seine gro\u00dfz\u00fcgige Geste danken, welche diese historische Ausleihe m\u00f6glich machte, und Mr. Andr\u00e9 Malraux, dem herausragenden franz\u00f6sischen Kultusminister, f\u00fcr seine guten Dienste in der Sache.\u00ab<br \/>\nDie Reise der Mona Lisa in die Vereinigten Staaten, die Kennedy in dieser Weise offiziell ank\u00fcndigt, bildet f\u00fcr Warhol den Anla\u00df f\u00fcr seine Auseinandersetzung mit dem Gem\u00e4lde. 1963 entsteht eine Reihe von Paraphrasen, unter anderen <em>Double Mona Lisa, Four Mona Lisas<\/em>(Abb. 2) sowie als bekannteste und bedeutendste die Fassung mit dem Titel <em>Thirty Are Better Than One<\/em> (Klapptafel), die hier im Mittelpunkt steht. Warhols Interesse gilt nicht Leonardos Kunstwerk als solchem. Er setzt sich weder mit dessen Komposition noch mit dessen Farbgebung auseinander, sondern ordnet Mona Lisa in seine Galerie der Stars ein. Da\u00df er sie hier, neben Marilyn Monroe und Elvis Presley, Jacqueline Kennedy und Marlon Brando, placiert, liegt an der eigent\u00fcmlichen Rolle, die Mona Lisa im Gef\u00fcge der Kultur spielt, einer Rolle, die nicht allein diejenige eines Meisterwerks der Malerei ist. Die Reise nach Amerika l\u00e4\u00dft das exemplarisch deutlich werden.<br \/>\nEs ist bereits au\u00dfergew\u00f6hnlich und historisch einmalig, da\u00df die Ausleihe eines Gem\u00e4ldes durch den amerikanischen Pr\u00e4sidenten selbst angek\u00fcndigt wird. Einzigartig und spektakul\u00e4r ist jedoch der Besuch von Leonardos Portr\u00e4t insgesamt. Die entsprechenden Vorbereitungen und Verhandlungen beginnen im Mai 1962, als Malraux den Vereinigten Staaten einen offiziellen Besuch abstattet. Die Idee stammt wohl urspr\u00fcnglich von einem Journalisten der Washington Post, der sie anl\u00e4\u00dflich eines Presse-Empfangs Malraux vortragen kann. Er findet beim franz\u00f6sischen Kultusminister offensichtlich Geh\u00f6r, denn noch am selben Tag spricht Malraux \u00f6ffentlich davon, Frankreich werde die Mona Lisa m\u00f6glicherweise ausleihen. Doch die F\u00fcrsprache Malraux&#8216; reicht f\u00fcr die Verwirklichung der ldee nicht aus. In Frankreich regt sich Widerstand von verschiedener Seite. In den \u00fcber 400 Jahren, seit sich das Gem\u00e4lde in franz\u00f6sischem Besitz befindet, ist die Mona Lisa nie au\u00dfer Landes gebracht worden, sieht man vom spektakul\u00e4ren Raub, der das Bild zwischen 1911 und 1913 nach Italien schafft, einmal ab. W\u00e4hrend die Verantwortlichen des Louvre vor allem konservatorische Bedenken \u00e4u\u00dfern, bringen zahlreiche Intellektuelle und K\u00fcnstler kulturpolitische Einw\u00e4nde vor, die h\u00e4ufig einen anti-amerikanischem Einschlag aufweisen. Der Plan droht zu scheitern. Doch es kommt anders. W\u00e4hrend des Sommers 1962 steigt das Vorhaben zu einer Staatshandlung ersten Ranges auf, und dieser Aufstieg macht es m\u00f6glich, da\u00df die Mona Lisa Frankreich schlie\u00dflich doch verl\u00e4\u00dft. Das Gem\u00e4lde wird nun unmittelbar vom franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten an das amerikanische Pr\u00e4sidentenehepaar ausgeliehen, die Durchf\u00fchrung seiner Reise und seiner Pr\u00e4sentation direkt vom Wei\u00dfen Haus organisiert, und Kennedy selbst er\u00f6ffnet die Ausstellung mit einer Ansprache. All das ist in der Geschichte des Ausstellungswesens ohne Parallele.<\/p>\n<h4>Kalter Krieg<\/h4>\n<p>Die Politisierung der g\u00e4nzlich unpolitisch gemeinten Ausgangsidee des Washingtoner Journalisten mu\u00df vor dem Hintergrund der Ost-West-Beziehungen gesehen werden, die in den fr\u00fchen 1960er Jahren auf einem Tiefpunkt stehen. 1961 wird mit dem Bau der Berliner Mauer der letzte freie \u00dcbergang zwischen Ost und Westeuropa gesperrt. Im selben Jahr versuchen die USA, das kommunistische Regime Fidel Castros in Kuba zu st\u00fcrzen. Doch die Invasion der Insel durch Exilkubaner, die der CIA ausgebildet und ausger\u00fcstet hat, scheitert bereits beim Landungsversuch in der \u00bbSchweinebucht\u00ab. Wegen der Stationierung sowjetischer Atomraketen in Kuba droht im Oktober 1962 gar der Ausbruch eines Weltkrieges, der nur dank dem Einlenken Chruschtschows und dem Abzug der Raketen abgewendet werden kann. Zur gleichen Zeit beginnen die USA ihren Einsatz in Vietnam entscheidend auszubauen. Seit der Niederlage und dem R\u00fcckzug der Kolonialmacht Frankreich sowie der anschlie\u00dfenden Teilung Vietnams (1954) haben sie die Schutzmachtrolle f\u00fcr das nicht-kommunistische S\u00fcd-Vietnam \u00fcbernommen. Nach einer anf\u00e4nglichen Phase, in der sie sich auf Finanz- und Waffenhilfe an die s\u00fcdvietnamesische Regierung beschr\u00e4nkten, greifen sie nun 1962 erstmals mit eigenen Soldaten in die K\u00e4mpfe gegen die kommunistische Guerilla ein. Der m\u00f6rderischste Stellvertreterkonflikt des Kalten Krieges, der f\u00fcr die Vereinigten Staaten in einer milit\u00e4rischen, politischen und moralischen Katastrophe enden wird, beginnt zu eskalieren.<br \/>\nDas Tauwetter, das nach Stalins Tod 1953 anbrach, ist am Beginn der 1960er Jahre nicht nur in den Beziehungen der beiden Superm\u00e4chte vorbei. Im Inneren der Sowjetunion zieht Chruschtschow, dem die Abl\u00f6sung an der Staatsspitze droht, die ideologischen Z\u00fcgel fester an. Zeitgleich mit Kennedys Ank\u00fcndigung des Besuchs der Mona Lisa beginnt er einen Feldzug gegen bourgeoise Tendenzen in der sowjetischen Kunst. In R\u00fcckbesinnung auf die orthodoxe kommunistische Kunstauffassung erkl\u00e4rt er Propaganda wieder zu deren erster Aufgabe. Es ist der schwerste R\u00fcckschlag f\u00fcr die K\u00fcnstler und Intellektuellen der Sowjetunion, deren Freiheiten in der nach-stalinistischen \u00c4ra allm\u00e4hlich gewachsen sind.<br \/>\nDie Konfrontation und die Rivalit\u00e4t der kapitalistischen und kommunistischen Bl\u00f6cke ist ein erster Grund, warum sich die Staatsspitzen Frankreichs und Amerikas pl\u00f6tzlich f\u00fcr die Idee einer Ausleihe der Mona Lisa interessieren. In der eingangs zitierten Pressekonferenz spricht Kennedy davon, die Ausleihe solle nicht nur an die franz\u00f6sisch-amerikanische Freundschaft erinnern, sondern ebenfalls \u00bban die universale Natur der Kunst\u00ab. Da\u00df dies gegen das propagandistische Kunstverst\u00e4ndnis des Kommunismus und in einem weiteren Sinne gegen den Kommunismus \u00fcberhaupt gesprochen ist, zeigen die Tischreden, die Malraux und der amerikanische Vize-Pr\u00e4sident Johnson Mitte Mai 1962 in New York halten, also kurz nachdem Malraux zum ersten Mal die m\u00f6gliche Ausleihe der Mona Lisa erw\u00e4hnt hat. In auff\u00e4llig milit\u00e4rischer Metaphorik bezeichnet Malraux die Kultur als den m\u00e4chtigsten Besch\u00fctzer der freien Welt und als deren wichtigsten Verb\u00fcndeten in der F\u00fchrung der Menschheit. Die USA sieht er als die Vork\u00e4mpfer der Kultur, die dem Marxismus nicht mit Waffen, sondern mit der Freiheit der Sch\u00f6pferkraft entgegentr\u00e4ten. Er beschlie\u00dft seine Rede mit einem Toast auf die Kultur, auf die atlantische Zivilisation und auf die Freiheit des Geistes. Johnson seinerseits f\u00fchrt aus, die Welten der Kultur und der Politik seien nicht l\u00e4nger getrennt. Frankreich und die USA h\u00e4tten in Stunden der Gefahr stets sowohl materiell wie geistig zusammengestanden, und er ruft dazu auf, es auch in diesen Stunden der Verhei\u00dfung zu tun. Johnson mag dabei sowohl die gemeinsamen Interessen der beiden L\u00e4nder in Vietnam, aber auch das Mona-Lisa-Projekt vor Augen haben. Tats\u00e4chlich feiert Kennedy ein halbes Jahr sp\u00e4ter, als er die Schaustellung der Mona Lisa in Washington er\u00f6ffnet, das Portr\u00e4t als Musterbeispiel f\u00fcr die Werte und Ideale der freien, westlichen Welt, die es gegen die ideologische und milit\u00e4rische Expansion der kommunistischen Staaten zu verteidigen gelte.<br \/>\nDer zweite und unmittelbarere Grund f\u00fcr die transatlantischen Gr\u00fc\u00dfe, die Mona Lisa zu \u00fcberbringen hat, steckt jedoch hinter dem unauff\u00e4lligen Satz Kennedys, Leonardos Werk komme \u00bbals Erinnerung an die Freundschaft, die zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten bestehe\u00ab. In der Tat ist es notwendig, an diese Freundschaft zu erinnern, denn es steht um sie so schlecht wie nie seit dem zweiten Weltkrieg. Am selben Tag im Mai 1962, an dem Johnson und Malraux in New York das Glas auf die kulturelle und politische Zusammenarbeit ihrer beiden L\u00e4nder heben, h\u00e4lt Frankreichs Pr\u00e4sident de Gaulle in Paris eine Rede, die das Verh\u00e4ltnis der beiden Staaten schwer belastet und das westliche Verteidigungsb\u00fcndnis der NATO einer Zerrei\u00dfprobe aussetzt. De Gaulle erscheint die sicherheitspolitische Abh\u00e4ngigkeit Europas von Amerikas Atomwaffen unannehmbar und gef\u00e4hrlich. Wenn Europa im Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis der Superm\u00e4chte nicht \u00fcbergangen werden wolle, m\u00fcsse es seine eigene Atomstreitmacht aufbauen. Frankreich werde hierbei vorangehen und gleichzeitig mit L\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien und der Bundesrepublik Deutschland \u00fcber eine Beteiligung verhandeln. Kennedy reagiert \u00e4u\u00dferst ungehalten auf diese lnfragestellung der amerikanischen Vormachtstellung und verurteilt jegliches Bem\u00fchen, innerhalb der NATO ein europ\u00e4isches Sonderb\u00fcndnis einzugehen. Immerhin unterbreitet er einen Gegenvorschlag, der darin besteht, sowohl Frankreich wie Gro\u00dfbritannien das mit atomaren Mittelstreckenraketen best\u00fcckte \u203aPolaris\u2039-Unterseeboot zu liefern. Doch da nach den Vorstellungen Kennedys der Oberbefehl dieser \u00bbeurop\u00e4ischen\u00ab Atomwaffe dennoch bei der NATO liegen soll, lehnt de Gaulle ab. England hingegen geht auf das amerikanische Angebot ein. Drei Wochen vor der Er\u00f6ffnung der Mona-Lisa-Pr\u00e4sentation in Washington treffen sich Kennedy und der britische Premierminister Macmillan in Nassau zur Unterzeichnung eines entsprechenden Grundsatzvertrags. Mit dieser Entscheidung erteilt Macmillan gleichzeitig Frankreichs ldee einer eigenst\u00e4ndigen europ\u00e4ischen Atommacht eine Absage &#8211; was Frankreich im Januar 1963 mit einem Veto vergilt, das die Aufnahme Gro\u00dfbritanniens in die Europ\u00e4ische Wirtschaftsgemeinschaft vereitelt. De Gaulle h\u00e4lt gegen den amerikanischen Widerstand an seinen atomaren Pl\u00e4nen fest. 1966, inzwischen im Besitz eigener Atomwaffen, l\u00f6st Frankreich seine Truppen aus der integrierten milit\u00e4rischen Struktur der NATO und bleibt nur noch Mitglied der politischen Allianz.<br \/>\nDie Situation in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 1962, als der Plan einer Ausleihe der Mona Lisa Gestalt annimmt, ist somit folgende: sowohl in den USA wie auch in Frankreich besteht die Einsicht, da\u00df es in der gegenw\u00e4rtigen Situation weder m\u00f6glich ist, ernstlich gegeneinander, noch in voller Eintracht miteinander zu agieren. Die ldee des amerikanischen Journalisten kommt also gerade gelegen. Das ber\u00fchmte Gem\u00e4lde soll als \u00bbBotschafter des guten Willens\u00ab, wie John Walker, der Direktor der Washingtoner National Gallery und der von Kennedy ernannte Organisator der Ausstellung, das Gem\u00e4lde nennt, in einer Art Ersatzhandlung eine Allianz symbolisieren, die auf politisch-milit\u00e4rischer Ebene blockiert ist.<br \/>\nMona Lisa wird auf ihrer Reise ein Protokoll zuteil, das jedem Staatsoberhaupt schmeicheln m\u00fc\u00dfte. Nach der offiziellen Verabschiedung in Le Havre Mitte Dezember 1962 reist sie in einer Luxuskabine des Passagierdampfers France, bewacht von zwei vor der Kabinent\u00fcr aufgestellten Sicherheitsbeamten und in st\u00e4ndiger Gesellschaft der verantwortlichen Konservatorin des Louvre. Das Einlaufen in New York eskortieren Schiffe der amerikanischen Kriegsmarine, Salutsch\u00fcsse werden abgefeuert. Nach der Begr\u00fc\u00dfungszeremonie mit Ansprachen verschiedener Pers\u00f6nlichkeiten aus Politik und Kultur rollt Mona Lisa auf einem roten Teppich zur Ankunftshalle, wo sie in eine schwarze, kugelsichere Limousine umgeladen wird. Eine Kolonne von acht Fahrzeugen mit 50 Polizisten und Sicherheitsbeamten sch\u00fctzt den Wagen auf seiner anschlie\u00dfenden Fahrt in die Hauptstadt.<br \/>\nZum eigentlichen Staatsakt aber ger\u00e4t die Er\u00f6ffnung am 8. Januar 1963. Kennedy selbst hat dieses Datum bestimmt, da zu diesem Zeitpunkt die Repr\u00e4sentanten des Staates aus dem Weihnachtsurlaub zur\u00fcckgekehrt sein w\u00fcrden. Im langen Marmorsaal der National Gallery, aus dem alle anderen Kunstwerke entfernt worden sind, finden sich rund 2000 G\u00e4ste ein, unter ihnen das gesamte Kabinett Kennedys sowie die Mehrzahl der Abgeordneten und der Obersten Richter des Landes. Zu dieser fast vollz\u00e4hligen Versammlung der politischen Elite der Vereinigten Staaten gesellen sich Vertreter der Armee, Diplomaten und Pers\u00f6nlichkeiten der Kultur. Die Er\u00f6ffnungsreden, die Kennedy und Malraux vor diesem Auditorium halten, lassen endg\u00fcltig offenbar werden, wie sehr die Mona Lisa hier nicht um ihrer selbst willen gefeiert, sondern f\u00fcr ganz andere Zwecke eingesetzt wird. Kennedy betont zun\u00e4chst die ideelle und kulturelle, dann auch die politisch-milit\u00e4rische Gemeinschaft Frankreichs und der USA seit den Tagen des amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieges:<br \/>\n\u00bbUnsere beiden Nationen haben in vier Kriegen w\u00e4hrend der letzten 185 Jahre auf derselben Seite gek\u00e4mpft. [. . . ] Unsere beiden Revolutionen halfen die Bedeutung von Demokratie und Freiheit definieren, von Werten, die heute vehement bek\u00e4mpft werden. Heute, hier in diesem Museum, vor diesem gro\u00dfartigen Gem\u00e4lde, erneuern wir unsere Verpflichtung diesen Idealen gegen\u00fcber, die uns w\u00e4hrend so mancher Gefahr aufs st\u00e4rkste verbanden.\u00ab<br \/>\nDann aber wendet er sich den gegenw\u00e4rtigen Rissen im Einverst\u00e4ndnis zu:<br \/>\n\u00bbWir in den Vereinigten Staaten sind dankbar f\u00fcr diese Leihgabe Frankreichs, der f\u00fchrenden k\u00fcnstlerischen Macht in der Welt. Im Lichte des j\u00fcngsten Treffens in Nassau mu\u00df ich anmerken, da\u00df dieses Gem\u00e4lde sorgf\u00e4ltig unter franz\u00f6sischem Befehl gehalten wurde, und da\u00df Frankreich sogar dessen Oberbefehlshaber, M. Malraux, mitgeschickt hat. Und ich m\u00f6chte klarstellen, da\u00df wir, so dankbar wir f\u00fcr dieses Gem\u00e4lde sind, im Bem\u00fchen fortfahren werden, eine unabh\u00e4ngige und eigene k\u00fcnstlerische Streitmacht aufzubauen.\u00ab<br \/>\nDie anwesende politische, milit\u00e4rische und diplomatische Prominenz wei\u00df Kennedys verklausulierte kriegerische Sprache durchaus zu verstehen. Das Treffen mit Macmillan in Nassau hatte auf milit\u00e4rischem Gebiet genau das zum Anla\u00df &#8211; die franz\u00f6sische Initiative einer unabh\u00e4ngigen, unter eigenem Oberbefehl stehenden Atomstreitmacht -, worauf Kennedy hier durch das ironische Vertauschen der Bereiche von Kunst und Milit\u00e4r sowie der beiden L\u00e4nder anspielt. Mit dieser Ironisierung der franz\u00f6sischen Atomwaffenpl\u00e4ne bringt er indirekt, aber unmi\u00dfverst\u00e4ndlich seine Auffassung der angemessenen Rolle der beiden L\u00e4nder zum Ausdruck: Frankreich als die f\u00fchrende k\u00fcnstlerische Macht der Welt, die USA aber als deren f\u00fchrende milit\u00e4rische Macht.<\/p>\n<h4>Ein janusk\u00f6pfiger Ruhm<\/h4>\n<p>In all den Ehrungen, Reden und Zeremonien verliert Leonardos Bildnis der Lisa del Giocondo jegliche Identit\u00e4t. Eigent\u00fcmlich ist bereits der Status als Gesandter Frankreichs, ja gewisserma\u00dfen als Stellvertreter de Gaulles. Mona Lisa wird weniger wie ein Gem\u00e4lde als wie ein lebender Mensch, wie eine reisende Majest\u00e4t behandelt. K\u00fchn sind auch die Verbindungen, die die beiden Redner in ihren Er\u00f6ffnungsansprachen schaffen. Bei Kennedy darf Mona Lisa f\u00fcr die \u00bbheute vehement bek\u00e4mpften Werte von Freiheit und Demokratie\u00ab einstehen, wird mit Waffen unter franz\u00f6sischem Befehl verglichen und dient schlie\u00dflich als Beweis f\u00fcr den Rang Frankreichs als f\u00fchrende k\u00fcnstlerische Macht der Welt. Malraux seinerseits schl\u00e4gt die Br\u00fccke vom Risiko, dem Mona Lisa bei ihrer Fahrt nach Amerika ausgesetzt ist, zu den viel bedeutenderen Gefahren, die die amerikanischen Soldaten bei ihren Eins\u00e4tzen in Europa w\u00e4hrend der beiden Weltkriege auf sich genommen haben. Mit dem Gem\u00e4lde Leonardos, das zwischen 1503 und 1506 f\u00fcr den Florentiner Kaufmann Francesco del Giocondo entstand, hat das alles kaum etwas zu tun. Als einzigen Ankn\u00fcpfungspunkt k\u00f6nnen Kennedy und Malraux die Tatsache verwerten, da\u00df sich das Portr\u00e4t seit Ca. 1540 in franz\u00f6sischem Besitz befindet, erst der K\u00f6nige, dann der Republik. Doch das Bildnis des italienischen Renaissancemalers allein schon aufgrund des Besitzverh\u00e4ltnisses zum franz\u00f6sischen Botschafter, ja sogar zum Beweis der k\u00fcnstlerischen Vorrangstellung Frankreichs zu machen, ist nur eine weitere der Identit\u00e4tsverf\u00e4lschungen, die notwendig sind, damit Mona Lisa ihre politische und ideologische Mission erf\u00fcllen kann.<br \/>\nDem Ruhm der Mona Lisa hingegen sind diese Ereignisse nur f\u00f6rderlich. Ihr Status ist einzigartig: als mehrhundertj\u00e4hriges Meisterwerk der Malerei und gleichzeitiger Ehrengast des amerikanischen Pr\u00e4sidenten erscheint sie als eine Pers\u00f6nlichkeit <em>sui generis<\/em>. Die Bev\u00f6lkerung der Vereinigten Staaten zollt ihr die entsprechende Aufmerksamkeit. Der Besucherstrom erreicht einen bis heute ungebrochenen Rekord. Zun\u00e4chst im Januar in Washington, dann im Februar in New York ausgestellt, zieht die Mona Lisa insgesamt \u00fcber 1,7 Millionen Schaulustige an. Das aber sind so viele, da\u00df den Besuchern nach langem Anstehen nur wenige Sekunden vor dem Gem\u00e4lde bleiben, die gerade eben erlauben, einen fl\u00fcchtigen Blick darauf zu werfen. Auch die Verbreitung des Kunstwerkes durch Reproduktionen stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Eine wahre Flut von Kunstdrucken und Zeitungsbildern sowie Adaptationen, Karikaturen und Cartoons ergie\u00dft sich bereits im Vorfeld der Ausstellung \u00fcber ganz Amerika, und die entscheidenden Stationen des Besuchs werden vom Fernsehen \u00fcbertragen. Wer zuf\u00e4lligerweise mit Mona Lisa noch nicht bekannt war, wird es jetzt.<br \/>\nAuf der Reise der Mona Lisa in die Vereinigten Staaten wird vor allem eines deutlich: das Janusk\u00f6pfige ihres Ruhms. Das Gefeiertwerden als gr\u00f6\u00dftes Kunstwerk aller Zeiten, ja die Erhebung weit \u00fcber den Bereich der Kunst hinaus, ist verkn\u00fcpft und sogar bedingt durch den Verlust jeglicher k\u00fcnstlerischer und historischer Identit\u00e4t. Erst deren Ausblendung erlaubt die mannigfache Nutzung des Gem\u00e4ldes: die Trivialisierung durch die Cartoonisten, die Vermarktung durch die Souvenirindustrie, an erster Stelle aber das Rahmengeschehen selbst, den Einsatz als antikommunistisches, amerikanisch-franz\u00f6sisches Unterpfand. Die Glorifizierung und die Banalisierung der Mona Lisa, zwei Vorg\u00e4nge, die sich eigentlich gegenseitig ausschlie\u00dfen m\u00fc\u00dften, erweisen sich als die zwei Seiten derselben Medaille.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-bedeutung-werkanalyse\/\"> Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-leonardo-mona-lisa-kennedy-kalter-krieg\/\"> Kapitel I: Der Anla\u00df<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Andy Warhol - thirty are better tahn one - Pfeil\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-paraphrase-malewitsch-duchamp-werbung\/\"> Kapitel II: Die Vorl\u00e4ufer<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-star-starportrait-marilyn-monroe\/\">Kapitel III: Die Einordnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-benjamin-reproduzierbarkeit-aura-last-supper\/\">Kapitel IV: Die reproduzierte Mona Lisa<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-kombinatorik-serialitaet-kennedy-attentat\/\"> Kapitel V: Pictorial Design<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-pop-art-fotografie-massenmedien\/\">Kapitel VI: Das Dilemma des Malens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-thirty-are-better-than-one.pdf\">Thirty Are Better Than One als Druckversion (PDF mit Abb. u. 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