{"id":759,"date":"2013-11-28T10:37:05","date_gmt":"2013-11-28T08:37:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=759"},"modified":"2013-11-28T10:37:05","modified_gmt":"2013-11-28T08:37:05","slug":"unverfuegbares-bildordnung-stimmigkeit-organisation-wittgenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/unverfuegbares-bildordnung-stimmigkeit-organisation-wittgenstein\/","title":{"rendered":"Unverf&#252;gbares Bildordnung Stimmigkeit Organisation Wittgenstein"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/drei-dimensionen-des-unverfuegbaren.pdf\"><span style=\"font-size: xx-small; font-family: verdana;\">Drei Dimensionen des Unverf\u00fcgbaren als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.356 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Drei Dimensionen des Unverf\u00fcgbaren im k\u00fcnstlerischen Bild<\/h2>\n<p><small>in: Das Unverf\u00fcgbare. Wunder, Wissen, Bildung, hrsg. von Karl-Josef Pazzini, Andrea Sabisch und Daniel Tyradellis, Z\u00fcrich\/Berlin 2013, S. 211-228.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 2: Die Bildordnung<\/h3>\n<p>Wird das Bild, unter dem Aspekt formaler Koh\u00e4renz betrachtet, \u203averf\u00fcgbarer\u2039? Die im letzten Kapitel verwendeten Begriffe dieser Koh\u00e4renz wie \u203adynamisch ausbalanciert\u2039 oder \u203aleitmotivisch wiederkehrende Dreiecksformen\u2039 verweisen in ihrer Unsch\u00e4rfe eher auf das Gegenteil. Die formale Ordnung von Manets Bild erscheint zwar durchaus als ein \u00bbgeregelter (d.h. nicht beliebiger) Zusammenhang von diesem und jenem\u00ab. Doch in ihrer Singularit\u00e4t ist sie von Manets Gem\u00e4lde nicht abl\u00f6sbar, ebenso wie das Gem\u00e4lde keine Anwendung au\u00dferbildlicher Ordnungsschemata darstellt.<br \/>\nDas bekannte Bilderbuch <em>Kunst aufr\u00e4umen<\/em> des Schweizer Kabarettisten und K\u00fcnstlers Ursus Wehrli macht das Gesagte schlagartig klar. Jede Doppelseite des Buches stellt einem Kunstwerk, beispielsweise Mir\u00f3s <em>L\u2019or de l\u2019azur<\/em>, eine von Wehrli \u203aaufger\u00e4umte\u2039 Variante gegen\u00fcber. Diese Variante folgt einer kalkulatorisch-klassifikatorischen Logik, der zufolge die Bildelemente nach Gr\u00f6\u00dfe, Farbe und Form sortiert werden. Allerdings erscheint Mir\u00f3s Gem\u00e4lde gegen Wehrlis Behauptung keineswegs \u203aunaufger\u00e4umt\u2039. Doch f\u00fcr diese <em>andere<\/em> Ordnung lassen sich nur unscharfe Kriterien anf\u00fchren. So m\u00f6gen wir von der \u203aStimmigkeit\u2039 oder dem \u203aPassen\u2039 von Mir\u00f3s Formenkonstellationen \u00fcberzeugt sein, ohne aber deren Regeln angeben zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem ist der Eindruck von \u203aStimmigkeit\u2039 an eine bestimmte Auffassungsweise des Sichtbaren gebunden, die in ihrer Richtigkeit ebenfalls nicht beweisbar ist. So k\u00f6nnten wir, wenn wir das Bild beispielsweise als Himmelskonstellation auffassen, vom \u203aGravitationsfeld\u2039 der gro\u00dfen blauen Form sprechen, demgegen\u00fcber die kleineren Formen wie \u203aTrabanten\u2039 wirken, und wir k\u00f6nnten diese Auffassung dadurch st\u00fctzen, dass wir auf die \u203ahimmelw\u00e4rts\u2039 von links unten nach rechts oben f\u00fchrende Bildbewegung verwiesen. Eine solches \u203aPassen\u2039 der einzelnen Bildelemente geh\u00f6rt zur Kategorie spontaner Ordnungen, die im Bild als spezifische Organisation seiner Teile erfahren wird, wobei diese Organisation der Teile durch die Art und Weise, das Sichtbare zu deuten, angesto\u00dfen wird.<br \/>\nNicht erst die \u203aoffenen Kunstwerke\u2039 der Moderne, zu denen Mir\u00f3s Gem\u00e4lde gez\u00e4hlt werden kann, verdeutlichen, dass eine solche \u203aStimmigkeit\u2039 einem Untergrund der Unbestimmtheit entspringt \u2013 mit der Folge, dass Mir\u00f3s <em>L\u2019or de l\u2019azur<\/em> nicht nur jenen Akt der Organisation des Bildganzen erfahrbar werden l\u00e4sst, sondern zugleich die Unvorhersehbarkeit, dass und wie sie sich vollzieht. Indem ein Kunstwerk seine je besondere Ordnung als deren \u00fcberraschende <em>Genese<\/em> vorf\u00fchrt, k\u00f6nnen wir sie nicht dadurch erschlie\u00dfen, dass wir bekannte Schemata darauf anwenden, sondern allein durch einen mimetischen Nachvollzug, in dem wir uns die Bildordnung allm\u00e4hlich erschlie\u00dfen. Dieses Erschlie\u00dfungsgeschehen kann auch scheitern. In einem solchen Fall ist die Bildordnung jedoch nicht \u203afalsch\u2039, so wie es f\u00fcr normative Ordnungen gilt, sondern vielmehr \u203anicht gelungen\u2039 \u2013 womit wir uns erneut in jenem Feld notwendig unscharfer \u00e4sthetischer Begriffe befinden. Entsprechend schwer ist es zu entscheiden, ob das Misslingen, eine Ordnungsstruktur zu erkennen, objektive, im Kunstwerk liegende, oder subjektive, im Betrachter liegende Gr\u00fcnde hat. All dies verdeutlicht, dass der Eindruck der \u203aStimmigkeit\u2039 kein passives Registrieren ist, sondern sich als <em>Organisation<\/em> des sinnlichen Materials dem produktiven <em>Zusammenspiel<\/em> von Bild und Betrachter verdankt. Dies aber ist gerade bei Mir\u00f3s \u203akosmischem\u2039 Bild nicht ohne Pointe, gilt doch der Kosmos von Sternen und Planeten als ein Bereich \u203aewiger\u2039 Ordnung, die vom Menschen zwar in ihrer Regularit\u00e4t erkennbar, ja errechenbar ist, jedoch von ihm nicht miterschaffen wird.<br \/>\nDer Erfahrung des \u203aPassens\u2039 angesichts von Kunstwerken widmete Ludwig Wittgenstein einige Schl\u00fcsselpassagen der <em>Philosophischen Untersuchungen<\/em> und benachbarter Textkonvolute. Wittgenstein beschreibt das \u203aPassen\u2039 deshalb als entscheidende \u00e4sthetische Erfahrung am Kunstwerk, weil sie sowohl dessen immanente Ordnung als auch dessen Weltbez\u00fcge kenntlich werden l\u00e4sst. Mir\u00f3s Bild ist \u2013 zumindest in der hier vorgeschlagenen Deutungsperspektive \u2013 f\u00fcr dieses doppelte \u203aPassen\u2039 ein gutes Beispiel. Denn die Auffassung als \u203aGravitationsfeld von Himmelsk\u00f6rpern\u2039 bringt einerseits die interne Organisation des Bildes auf einen metaphorischen Begriff, andererseits verbindet sie das ungegenst\u00e4ndliche Gem\u00e4lde mit der au\u00dferbildlichen Wirklichkeit. Wittgenstein betont allerdings, das Kriterium dieses \u203aPassens\u2039 sei \u00bbdunkel\u00ab, und an anderer Stelle schreibt er: \u00bbStets aufs Neue benutzen wir dieses Bild des Klickens oder Passens, wo es in Wirklichkeit nichts gibt, was klickt oder was irgendwo hineinpasst.\u201c Wittgenstein illustriert dieses \u203aDunkle\u2039 der Bildordnung und ihrer Verbindung mit der Wirklichkeit mit einem plastischen Beispiel. Er stellt sich vor, er beschreibe jemandem ein Zimmer und lasse ihn aufgrund dieser Beschreibung ein \u00bb<em>impressionistisches<\/em> Bild\u00ab malen. Die als gr\u00fcn beschriebenen St\u00fchle male dieser nun dunkelrot, und was ihm als gelb genannt wurde, male er blau \u2013 denn das sei der Eindruck, den er von dem Zimmer erhalten habe. \u00bbUnd nun sage ich: \u203aGanz richtig; so sieht es aus.\u2039\u00ab Die Bildelemente \u203apassen\u2039 und geben das Zimmer \u203arichtig\u2039 wieder, weil \u2013 so l\u00e4sst sich Wittgensteins Argument verstehen \u2013 ihre interne Organisation stimmig ist. Als \u00e4sthetische Konfiguration, nicht aber aufgrund einer formalen Richtigkeit der Darstellung, sieht das gemalte Zimmer wie jenes aus, das dem Malenden beschrieben wurde. Dasselbe gilt, <em>mutatis mutandis<\/em>, auch f\u00fcr die \u203a\u00c4hnlichkeit\u2039 des Mir\u00f3 zu einer stellaren Konstellation. Die \u203aStimmigkeit\u2039 des Bildes wie auch die \u203a\u00c4hnlichkeit\u2039 zu etwas Au\u00dferbildlichem blitzen auf, ohne dass wir im Bild zeigen k\u00f6nnten, woraus sie entspringen.<br \/>\nWittgenstein betont aber nicht nur die Unverf\u00fcgbarkeit bildnerischer Ordnungen, sondern ebenso deutlich, dass sich dar\u00fcber erfolgreich kommunizieren l\u00e4sst. Auch wenn das Paradigma des \u203aPassens\u2039 \u203adunkel\u2039 bleibt, gelingt es doch immer wieder, andere von unseren Urteilen zu \u00fcberzeugen, auch wenn dies, wie aus dem Gesagten folgt, nicht als deduktive Beweisf\u00fchrung, sondern allein in der Form rekursiver Erschlie\u00dfungen erfolgen kann. Die Dialog-Fragmente, die Wittgensteins Argumentation durchziehen \u2013 \u00bbDu musst es <em>so<\/em> sehen, so ist es gemeint\u00ab oder \u00bbWenn ich es so sehe, so pa\u00dft es wohl <em>dazu<\/em>, aber nicht <em>dazu<\/em>\u00ab \u2013 paraphrasieren, was wir tun, um andere von der eigenen Wahrnehmungsweise zu \u00fcberzeugen. Wittgenstein fasst solche Unternehmungen folgenderma\u00dfen zusammen: \u00bbIch wollte dies Bild vor seine Augen stellen, und seine <em>Anerkennung<\/em> dieses Bil\u001fdes besteht darin, da\u00df er nun geneigt ist, einen gegebenen Fall anders zu be\u001ftrachten [\u2026]. Ich habe seine <em>Anschauungsweise<\/em> ge\u00e4ndert.\u00ab<br \/>\nDas Unverf\u00fcgbare bildnerischer Ordnungen \u2013 als zweite Konkretion des Unverf\u00fcgbaren im k\u00fcnstlerischen Bild \u2013 liegt demnach nicht nur darin, dass deren Regeln nicht vom jeweiligen Werk abl\u00f6sbar und verallgemeinerbar sind. Sie liegt genauso am substanziellen Anteil, den das Subjekt an der Emergenz bildlicher Ordnung hat. Wer sich bem\u00fcht, die Ordnung eines Bildes zu entdecken, hat es bereits als Bild anerkannt, das einer entsprechenden Aufmerksamkeit w\u00fcrdig ist, und wem sich die Bildordnung erschlie\u00dft, dem ist gelungen, das Wahrnehmbare und die eigenen Anschauungen einander anzupassen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-unverfuegbares-unbestimmtheit-paradoxie-offenheit\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/unverfuegbares-bildflaeche-rahmen-fenster-naht\/\">Kapitel I: Die Bildfl\u00e4che<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/unverfuegbares-bildordnung-stimmigkeit-organisation-wittgenstein\/\">Kapitel II: Die Bildordnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Pfeil\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/unverfuegbares-bild-sichtbarkeit-wiesing-lacan\/\">Kapitel III: Das Unsichtbare im Bild<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/unverfuegbares-kunst-bildflaeche-bildordnung-unsichtbarkeit\/\">Schluss<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/drei-dimensionen-des-unverfuegbaren.pdf\">Drei Dimensionen des Unverf\u00fcgbaren als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.356 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Dimensionen des Unverf\u00fcgbaren als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.356 KB) Drei Dimensionen des Unverf\u00fcgbaren im k\u00fcnstlerischen Bild in: Das Unverf\u00fcgbare. Wunder, Wissen, Bildung, hrsg. von Karl-Josef Pazzini, Andrea Sabisch und Daniel Tyradellis, Z\u00fcrich\/Berlin 2013, S. 211-228. Kapitel 2: Die Bildordnung Wird das Bild, unter dem Aspekt formaler Koh\u00e4renz betrachtet, \u203averf\u00fcgbarer\u2039? 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