{"id":729,"date":"2012-11-23T06:43:59","date_gmt":"2012-11-23T04:43:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=729"},"modified":"2012-11-23T06:43:59","modified_gmt":"2012-11-23T04:43:59","slug":"robert-smithson-spiral-jetty-entstehung-erfahrung-bild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/robert-smithson-spiral-jetty-entstehung-erfahrung-bild\/","title":{"rendered":"Robert Smithson Spiral Jetty Entstehung Erfahrung Bild"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/smithsons-erstversion-der-spiral-jetty.pdf\"><span style=\"font-size: xx-small; font-family: verdana;\">Smithsons Erstversion der Spiral Jetty als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.410 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Das falsche Bild<br \/>\nRobert Smithsons verworfene Erstversion der <em>Spiral Jetty<\/em><\/h2>\n<p><small>in: Was ist ein Bild? Antworten in Bildern (Gottfried Boehm zum 70. Geburtstag), hrsg. von Sebastian Egenhofer, Inge Hinterwaldner und Christian Spies, Paderborn 2012.<\/small><br \/>\nRobert Smithsons Erdskulptur am Ufer des Gro\u00dfen Salzsees in Utah ist nicht erst durch ihr jahrelanges Verschwinden und \u00fcberraschendes Wiederauftauchen zum Mythos geworden. Der Mythos begann an ihrem Ursprung, als ihre Form dem K\u00fcnstler wie eine Vision erschien, in der gl\u00fcckhaften Verbindung zwischen den gehegten Erwartungen an den Ort und der \u00fcberw\u00e4ltigenden \u00e4sthetischen Erfahrung im Augenblick der dortigen Ankunft. Was Smithson in die Ein\u00f6de gelockt hatte, war das aufgrund eines erh\u00f6hten Bakterienanteils ger\u00f6tete Salzwasser. Was er an Ort und Stelle fand, war entschieden mehr, n\u00e4mlich das Erfasstwerden von einem fundamentalen Schwindel, der, wie er im Essay zu <em>Spiral Jetty<\/em> schrieb, \u00bbkeine Ideen, keine Konzepte, keine Systeme, keine Strukturen, keine Abstraktionen\u00ab Bestand haben lie\u00df angesichts der \u00bbWirklichkeit dieser Evidenz\u00ab. Beim Aufbruch zum Salzsee besa\u00df Smithson lediglich vage Vorstellungen der zu realisierenden Arbeit \u2013 ihm schwebte eine mit Booten erreichbare Insel vor \u2013, doch wollte er den Ort dar\u00fcber entscheiden lassen. Die Hoffnung, die Form nicht selbst suchen zu m\u00fcssen, sondern sie dort zu finden, sollte sich auf das Eindr\u00fccklichste erf\u00fcllen:<br \/>\n\u00bbAls ich den Ort betrachtete\u00ab, hei\u00dft es im erw\u00e4hnten Essay, \u00bbstrahlte er aus bis zu den Horizonten und erweckte den Eindruck eines unbeweglichen Zyklons, w\u00e4hrend flackerndes Licht die gesamte Landschaft erzittern lie\u00df. Ein schlummerndes Erdbeben breitete sich wie eine flirrende Stille aus, wie ein Wirbel ohne Bewegung. Dieser Ort war eine Rotation, eingeschlossen in eine immense Rundung. Aus diesem kreisenden Raum trat die M\u00f6glichkeit der Spiral Jetty hervor.\u00ab<br \/>\nObschon Smithson jede Orientierung verlor, blieb ihm die F\u00e4higkeit erhalten, jene Form zu erkennen, die diese Erfahrung zu fassen erlaubte: die Spirale, das uralte, Kultur- und Naturgeschichte durchziehende Symbol des Ineinander von Expansion und Kontraktion, Anfang und Ende, Raum und Zeit.<br \/>\nEntsprechend zur Konzeptualisierung der Kunst in den 1960er Jahren, die die Idee des Kunstwerks von dessen Ausf\u00fchrung scheiden wollte, blieb das \u00dcbrige eine Angelegenheit technischer Ausf\u00fchrung. Smithsons Essay nimmt nun einen entsprechend n\u00fcchternen Ton an, schildert das Abschlie\u00dfen eines Pachtvertrags, die Suche nach einem Bauunternehmer und die Konstruktionsarbeiten selbst. Doch gerade hier, wo der Essay als blo\u00dfer Tatsachenbericht auftritt, wird er fiktional: <em>So<\/em> wurde die Arbeit nicht gebaut. Gebaut wurde keine Spirale, sondern eine auf sich zur\u00fcckgebogene Mole mit einer kreisrunden Plattform am Ende. Diese verbl\u00fcffende Fotografie (Abb. 1) findet sich in einem Erinnerungstext des ausf\u00fchrenden Ingenieurs und Bauunternehmers Bob Phillips. Phillips erz\u00e4hlt darin nicht nur die Ereignisse, die von Smithsons erster Kontaktaufnahme bis zu dessen Lob beim Abschluss der Arbeiten reichen, sondern ebenfalls, wie ein verunsicherter Smithson eine Woche sp\u00e4ter anrief, sie m\u00fcssten die Jetty \u00bbin Ordnung bringen\u00ab, es sei \u00bballes falsch\u00ab. Phillips wehrte sich daraufhin mit dem Argument, die Arbeiten seien vertragsgem\u00e4\u00df ausgef\u00fchrt worden und Smithson habe sie abgenommen. Nur die Zusicherung einer erneuten Zahlung in halber H\u00f6he des schon Gezahlten und die Bereitschaft eines Fahrers, den weiten Weg in die Ein\u00f6de mit seinen Maschinen nochmals anzutreten, stimmte Phillips um. In lediglich drei Tagen wurde die Verl\u00e4ngerung der Mole zur Spirale bew\u00e4ltigt, da f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der zus\u00e4tzlichen Windungen das Material der abgetragenen Plattform ausreichte, nachdem Smithson deren Wiedererrichtung am Ende der Spirale verworfen hatte.<br \/>\nSmithson erw\u00e4hnt die erste Realisierung an keiner Stelle, weder im Essay noch im <em>Spiral<\/em>&#8211;<em>Jetty<\/em>-Film, den er noch im selben Jahr 1970 realisierte. Smithson verband hier die Bildsequenzen vom Beginn der Bauarbeiten unmittelbar mit jenen, die die fertige Spirale zeigen. Das ist nicht ohne Pointe: Das letzte, wie ein Nachwort inszenierte Bild des Films (Abb. 2) zeigt eine gro\u00dfe Fotografie der <em>Spiral Jetty<\/em>, die hinter einem Tisch mit Projektoren und ihren m\u00e4chtigen Filmspulen an der Wand h\u00e4ngt. Die Spirale der Skulptur und der aufgewickelte Film werden in Analogie zueinander gebracht \u2013 eine Analogie, auf die auch Smithsons Essay zur <em>Spiral Jetty<\/em> abhebt. Damit wird der Film, trotz der M\u00f6glichkeiten von Schnitt und Montage, zu einem Kontinuum von der Art der gebauten Spiralmole erkl\u00e4rt. Das einpr\u00e4gsame Schlussbild \u00fcberspielt die narrative L\u00fccke im Film ebenso wie der Film den Bruch in der Konzeption und in der Ausf\u00fchrung der skulpturalen Arbeit. Zweifelhaft erscheinen nun auch Smithsons zahlreiche Spiralskizzen, von den Kritzeleien, die erste Gedanken festzuhalten scheinen, bis zu den kartografisch pr\u00e4zisen Zeichnungen zur konkreten Bauplanung: Sie sind, so meine Vermutung, ebenso nachtr\u00e4glich wie der Essay und der Film.<br \/>\nPhillips Bericht ist mehr als eine Anekdote, denn einerseits wirft er ein Licht auf die Prozessualit\u00e4t k\u00fcnstlerischer Formfindungen, andererseits l\u00e4sst er sch\u00e4rfer heraustreten, worin die Qualit\u00e4t der finalen <em>Spiral Jetty<\/em> liegt. So konterkariert der tats\u00e4chliche Bauprozess den konzeptk\u00fcnstlerischen Idealismus, den Smithson insbesondere in seinem Essay evoziert, indem er offenbart, dass das Finden k\u00fcnstlerischer Formen nicht linear von der Wahrnehmung \u00fcber die Reflexion zur Realisation verlief, sondern \u2013 wie bei der Verfertigung von Kunstwerken generell \u2013 mit nie aufzuhellenden Wechselwirkungen zwischen diesen Aktivit\u00e4ten. Ob eine Form \u203arichtig\u2039 ist oder noch \u203ain Ordnung gebracht\u2039 werden muss, l\u00e4sst sich immer erst dann entscheiden, wenn sie realisiert ist. Und so war es bei <em>Spiral Jetty<\/em> nicht die \u203aEvidenz\u2039 des Ortes, aus dem die Spiralform \u203ahervortrat\u2039, sondern die Betrachtung der dort hineingesetzten Plattform-Mole, die Smithson die Spirale als das passende Bild f\u00fcr seine primordiale Erfahrung aufgehen lie\u00df.<br \/>\nWas wiederum die Qualit\u00e4t der finalen Form betrifft, so bringt sie Phillips in seinem Bericht auf den Punkt. Bei der ersten Realisierung sei er \u00fcberzeugt gewesen, einen gut gemachten Deich gebaut zu haben, jetzt aber sei er von der \u00bbSch\u00f6nheit\u00ab des Anblicks \u00fcberw\u00e4ltigt gewesen. Die Erstausf\u00fchrung w\u00e4re eine erfahrungs\u00e4sthetische Infrastruktur gewesen, die dem Besucher erm\u00f6glicht h\u00e4tte, auf der Plattform wie im Auge des von Smithson erfahrenen Vortex stehend die vom K\u00fcnstler gemachte Erfahrung wiederholen zu k\u00f6nnen. Smithson setzte damit die Anfangsidee einer Insel um, unter Ersetzung der Boote durch eine praktischere Landverbindung.<br \/>\nMit der Spiralform hingegen schuf er ein Bild, in das vielf\u00e4ltigste Ph\u00e4nomene eingefaltet sind und aus dem sich wiederum weiteste Zusammenh\u00e4nge entfalten. Der halbst\u00fcndige Film \u00fcber die Erdskulptur inszeniert das Wechselspiel von zeichenhafter Verdichtung und semantischer Expansion auf brillante Weise. Hervorgehoben sei vor allem die Verschlingung von materiell und dimensional Heterogenem. Beispielsweise zeigt der Film ein Close-up der Salzkristalle, die an den Basaltbrocken der <em>Jetty<\/em> wachsen und deren spiralf\u00f6rmiges Auskristallisieren Smithsons Stimme erl\u00e4utert, und kombiniert sie mit Aufnahmen aus dem Helikopter, bei denen sich die Sonne genau im Mittelpunkt der <em>Spiral Jetty<\/em> im Wasser spiegelt, was den Effekt hat, dass wir wie durch ein Teleskop auf ein spiralf\u00f6rmiges Sonnensystem zu blicken meinen. So verbinden sich Kristallografie und Astronomie, kosmologische Urzeit und aktuelle Gegenwart, mikrologisches Wachstum und galaktisches Vergl\u00fchen. Der ins glitzernde Wasser wie in einen immateriellen Raum hinausf\u00fchrenden Spiralmole gelingt es, diese schwindelerregende Verschlingung \u00e4sthetisch erfahrbar zu machen, indem das Mikrologische soweit vergr\u00f6\u00dfert und das Kosmologische soweit verkleinert wird, bis es in der Dimension der gebauten Arbeit ineinander umschl\u00e4gt.<br \/>\nSmithsons Konnex von Kristallografie und Astronomie ist eine k\u00fchne \u00e4sthetische Spekulation, ein \u203aSchwindel\u2039 im doppelten Wortsinn, da anorganische Salzkristalle, die unter Schwerkraftbedingungen wachsen, und Galaxien, die im Kraftfeld von Materie und Anti-Materie entstehen, objektiv unvergleichlich sind \u2013 ebenso unvergleichlich wie der steinerne Grat der Mole mit dem gepanzerten R\u00fccken einer Echse oder die schweren Erdmaschinen mit den Dinosauriern, die der Film zusammenschneidet. <em>Spiral Jetty<\/em> setzt indes nicht wissenschaftliche Befunde ins Bild, sondern die gegenteilige Erfahrung des Kollapses von Kategorien und Systemen, mit der Folge, dass empirisch Unzusammenh\u00e4ngendes \u00e4sthetisch \u2013 durch die Inszenierung von \u00c4hnlichkeiten \u2013 zueinander in Relation tritt.<br \/>\nDer Aufstieg der <em>Spiral Jetty<\/em> zur Ikone der Land Art h\u00e4ngt wesentlich damit zusammen, dass sie, obgleich die Land Art eigentlich auf die Erfahrung des Ortes abzielt, bereits als Bild funktioniert \u2013 im Unterschied zur verworfenen Erstversion, deren Fotografie lediglich etwas verspricht, was sie selbst nicht zu zeigen vermag.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/smithsons-erstversion-der-spiral-jetty.pdf\">Smithsons Erstversion der Spiral Jetty als Druckversion (PDF mit Abb. u. 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