{"id":711,"date":"2012-03-13T10:24:20","date_gmt":"2012-03-13T08:24:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=711"},"modified":"2012-03-13T10:24:20","modified_gmt":"2012-03-13T08:24:20","slug":"wittgenstein-hase-ente-kopf-kunst-aspektwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-hase-ente-kopf-kunst-aspektwechsel\/","title":{"rendered":"Wittgenstein Hase-Ente-Kopf Kunst Aspektwechsel"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/das-medium-der-aesthetischen-erfahrung.pdf\"><span style=\"font-family: verdana; font-size: xx-small;\">Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.171 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung<br \/>\nWittgensteins Aspektbegriff, exemplifiziert an Pollocks Malerei<\/h2>\n<p><small>in: Imagin\u00e4re Medialit\u00e4t &#8211; Immaterielle Medien, hrsg. von Gertrud Koch, Kirsten Maar und Fiona McGovern, M\u00fcnchen 2012, S. 125-142.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel III: Aspektwechsel und Kunst<\/h3>\n<p>Ich kehre zu Wittgensteins Erl\u00e4uterung des Aspektbegriffs zur\u00fcck. Der Aspekt, unter dem wir etwas auffassen, kann das Gesehene in einer bestimmten gegenst\u00e4ndlichen Weise definieren, beispielsweise wenn wir das in Abb. 4 gezeigte Dreieck wechselnd als geometrische Zeichnung, als Berg oder als umgefallenen K\u00f6rper auffassen oder wenn wir \u2013 wie in Wittgensteins ber\u00fchmtem Beispiel \u2013 die in Abb. 5 reproduzierte Zeichnung als Hasen oder aber als Ente sehen. In anderen F\u00e4llen hingegen ist der Aspekt weniger gegenstandsbestimmend als vielmehr diesen strukturierend. Als Beispiel f\u00fcr diese anderen F\u00e4lle nennt Wittgenstein ein \u201eGewirr nichtssagender Striche\u201c, in dem pl\u00f6tzlich eine \u201eLandschaft\u201c erscheine. Diese Landschaft, die in den Linien pl\u00f6tzlich aufleuchtet, verdankt sich, so Wittgenstein, einer Phrasierung des Auges, das einige Zeichen \u2013 nicht zwingend alle Zeichen \u2013 anders organisiert. Wechselt der Aspekt vom Liniengewirr zur Landschaft, sind, so Wittgenstein w\u00f6rtlich, \u201eTeile des Bildes zusammengeh\u00f6rig, die fr\u00fcher nicht zusammengeh\u00f6rig waren\u201c. Hier kippen nicht wie beim Dreieck und beim Hase-Ente-Kopf divergierende Gegenstandsbestimmungen ineinander um, sondern ein neuer Aspekt \u2013 die Landschaft \u2013 tritt aus dem anderen \u2013 dem Liniengewirr \u2013 hervor. Wenn es sich beim Aspekt um eine solche Strukturierung des Wahrgenommenen handelt, wechseln wir Wittgenstein zufolge zu einer ganz anderen Bedeutung des Begriffs \u201eAspekt\u201c, in ein \u201eganz anderes Sprachspiel mit dem Ausdruck \u201aetwas <em>so<\/em> sehen\u2018\u201c.Den Unterschied zwischen den beiden Sprachspielen benennt Wittgenstein gleich im ersten Eintrag des Kapitels der <em>Philosophischen Untersuchungen<\/em>, das dem Aspektsehen gewidmet ist:<\/p>\n<p style=\"\u201cmargin-left:40px\u201c\">\n<p style=\"\u201cmargin-right:40px\u201c\">\u201eZwei Verwendungen des Wortes \u201asehen\u2018. Die eine: \u201aWas siehst du dort?\u2018 \u2013 \u201aIch sehe <em>dies<\/em>\u2018 (es folgt eine Beschreibung, eine Zeichnung, eine Kopie). Die andere: \u201aIch sehe eine \u00c4hnlichkeit in diesen beiden Gesichtern\u2018 [\u2026]. Die Wichtigkeit: Der kategorische Unterschied der beiden \u201aObjekte\u2018 des Sehens.\u201c<\/p>\n<p>Im ersteren Fall ist das Objekt des Sehens ein Gegenstand, den man im Wahrgenommenen erkennt; als Beispiele daf\u00fcr k\u00f6nnen das Dreieck oder der Hase-Ente-Kopf dienen. Im anderen Fall ist das Objekt des Sehens etwas, worauf ich nicht zeigen kann, weil es ein Dazwischen meint, beispielsweise die \u00c4hnlichkeit zwischen zwei Gesichtern. Insofern als dieses Zwischen kein Objekt ist, setzt Wittgenstein diesen Begriff in Anf\u00fchrungszeichen. Denn der Aspekt benennt hier kein Objekt, sondern vielmehr eine Relation.<br \/>\nF\u00fcr die weitere Erl\u00e4uterung dieses letzteren Falles zieht Wittgenstein fast ausschlie\u00dflich Beispiele aus der Kunst heran. Sie stammen weniger aus dem Bereich der bildenden K\u00fcnste als vielmehr aus der Musik und der Literatur \u2013 Wittgensteins bevorzugten K\u00fcnsten. Der Begriff des Aspektsehens wird damit entsprechend gedehnt, \u201eSehen\u201c meint dann jeweils so viel wie \u201eWahrnehmen\u201c, unabh\u00e4ngig davon, um welche Sinne und um welches sinnliche Material es sich im Einzelnen handelt. In einem dieser Beispiele nennt Wittgenstein die \u201ewichtige und merkw\u00fcrdige Tatsache\u201c, dass ein musikalisches Thema, in schnellerem Tempo gespielt, seinen Charakter \u00e4ndern k\u00f6nne. In dem Musikst\u00fcck, das man bislang als immer wieder abrei\u00dfende St\u00fccke geh\u00f6rt habe, passten die Teile pl\u00f6tzlich zueinander, und es werde nun als Organismus erfahren. Hier zeigt sich das Relationale des Aspekts deutlich: Das Musikst\u00fcck als Organismus zu erfahren hei\u00dft, zwischen seinen Teilen einen Zusammenhang zu erkennen, der vordem nicht wahrgenommen wurde. Wittgenstein veranschaulicht diese strukturierende T\u00e4tigkeit von Betrachtern oder H\u00f6rern mit Formulierungen, die wie Ausschnitte aus \u00e4sthetischen Konversationen klingen: \u201eDu musst diese Takte als Einleitung h\u00f6ren\u201c; \u201eDu musst es <em>so<\/em> phrasieren\u201c; \u201eMan sagt etwa einem Architekten \u201aMit dieser Verteilung der Fenster schaue die Fassade <em>dorthin<\/em>\u2018\u201c; oder man verwende den Ausdruck \u201eDieser Arm unterbricht die <em>Bewegung<\/em> der Skulptur\u201c und schlage vor, \u201eDie Bewegung sollte <em>so<\/em> verlaufen\u201c, wobei man eine entsprechende Geste mache.<br \/>\nIn Wittgensteins ausgreifenden, \u00fcber verschiedene Textkonvolute verstreuten Er\u00f6rterungen des \u201eAspekts\u201c steht die Kunst jeweils am oberen, komplexen Ende einer Beispielskala, die mit einfachen geometrischen Schemata beginnt. Zugleich steht sie aber auch am Anfang von Wittgensteins Gedankenweg. In der ersten jener <em>Bemerkungen \u00fcber die Philosophie der Psychologie<\/em>, die die Aspekttheorie der <em>Philosophischen Untersuchungen<\/em> vorbereiten, stellt sich Wittgenstein die folgende Frage, die er auch umgehend beantwortet:<\/p>\n<p style=\"\u201cmargin-left:40px\u201c\">\n<p style=\"\u201cmargin-right:40px\u201c\">\u201eWie ist man denn \u00fcberhaupt zu dem Begriff des \u201adas als das sehen\u2018 gekommen? Bei welchen Gelegenheiten wird er gebildet, ist f\u00fcr ihn ein Bedarf? Sehr h\u00e4ufig, wenn wir \u00fcber ein Kunstwerk reden.\u201c<\/p>\n<p>Damit ist zun\u00e4chst lediglich festgestellt, dass die Kunst eine jener Situationen sei, bei denen das Aspektsehen h\u00e4ufig auftrete und thematisch werde. Einen entscheidenden Schritt weiter geht Wittgenstein, wenn er, an anderer Stelle, den Aspekt<em>wechsel<\/em> zum wesentlichen Kriterium der Kunst erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p style=\"\u201cmargin-left:40px\u201c\">\n<p style=\"\u201cmargin-right:40px\u201c\">\u201eAber die Verwendungen [des Ausdrucks \u201aIch sehe es jetzt <em>so<\/em>\u2018; M. L.] in der \u00c4sthetik und in der darstellenden Geometrie sind doch grundverschieden. Ist es in der \u00c4sthetik nicht wesentlich, da\u00df das Bild, das Musikst\u00fcck, etc., seinen Aspekt f\u00fcr mich wechseln kann? \u2013 denn f\u00fcr jene Darstellung r\u00e4umlicher Vorg\u00e4nge [in der Geometrie; M. L.] ist es das nat\u00fcrlich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich diese Behauptung verstehen? Worin liegt das <em>Wesentliche<\/em> des Aspektwechsels bei einem Kunstwerk? Was unterscheidet das Kippen zwischen den unterschiedlichen Auffassungsweisen desselben Dreiecks oder zwischen Hase und Ente vom Aspektwechsel bei einem Kunstwerk, beispielsweise wenn wir ein Musikst\u00fcck \u201ewie aus weiter Ferne\u201c  oder die Spuren von Pollocks Malakt wie einen immateriellen Tiefenraum wahrnehmen?<br \/>\nBei einer geometrischen Figur wie dem Dreieck mag es zwar frappant sein, dass es auch als Berg aufgefasst werden kann, f\u00fcr das geometrische Verst\u00e4ndnis des Schemas ist ein solcher Aspektwechsel jedoch unwesentlich. Dessen Funktion besteht darin, bestimmte geometrische Sachverhalte, zum Beispiel das Verh\u00e4ltnis der Winkel zueinander, darzustellen, und diese Funktion bleibt von der M\u00f6glichkeit, dass das Dreieck in das Bild eines anderen Gegenstands umkippt, unber\u00fchrt. Wesentlich ist der Aspektwechsel jedoch, so k\u00f6nnte man gegen Wittgenstein einwenden, beim Hase-Ente-Kopf, obschon dieser kein Kunstwerk ist. Denn die Funktion dieser Zeichnung besteht im Unterschied zur Dreiecksdarstellung gerade nicht darin, einen bestimmen Sachverhalt darzustellen, in diesem Fall einen Hasen oder eine Ente, sondern diese beiden Auffassungen, die in jeglicher Hinsicht voneinander wegstreben, ineinander umschlagen zu lassen. Der Zweck der Hase-Ente-Zeichnung ist es, das Paradox des Aspektwechsels besonders intensiv erfahrbar werden zu lassen. Was also unterscheidet den Aspektwechsel beim Hase-Ente-Kopf von demjenigen bei einem Kunstwerk?<br \/>\nVon Kunstwerken ist der Hase-Ente-Kopf dadurch unterschieden, dass der Aspektwechsel hier eigent\u00fcmlich \u201egehaltsleer\u201c bleibt. Der Umschlag von Hase zu Ente ist zwar frappant, entfaltet aber keine \u00fcber das Ph\u00e4nomen des Umschlagens selbst hinausf\u00fchrende Bedeutung. Die Zeichnung zeigt uns gerade nicht, dass ein Hase zuweilen auch eine Ente ist; f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis dessen, was Hasen und Enten sind, ist das Kippbild irrelevant. Formulierungen wie \u201eWenn du es <em>so<\/em> siehst, siehst du es richtig\u201c, die Wittgenstein auf Kunstwerke m\u00fcnzt, haben beim Hase-Ente-Kopf nicht nur keinen Sinn, sondern verfehlen dessen Pointe g\u00e4nzlich. Denn die Funktion dieser Figur besteht im Rahmen von Wittgensteins Er\u00f6rterungen zum Aspekt gerade darin, <em>keine<\/em> richtige Auffassung zu erm\u00f6glichen, sie ist f\u00fcr Wittgenstein ein \u201eEmblem des Widerstands\u201c gegen jede sich stabilisierende Interpretation.<br \/>\nDer Argumentationsstand l\u00e4sst sich also folgenderma\u00dfen zusammenfassen: Wesentlich an der Kunsterfahrung ist Wittgenstein zufolge nicht das <em>Sehen<\/em> eines Aspekts, sondern die Erfahrung des Aspekt<em>wechsels<\/em> \u2013 des \u201eUmschlagens\u201c, der \u201eVerwandlung\u201c oder des \u201eFluktuierens\u201c des wahrgenommenen Objekts, wie Wittgenstein das Ph\u00e4nomen korrelativ benennt \u2013, also jene paradoxe Erfahrung einer neuen Wahrnehmung bei gleichzeitigem Bewusstsein, dass sich das Wahrnehmungsobjekt materiell nicht ver\u00e4ndert hat. Der Abgleich mit dem Kippbild des Hase-Ente-Kopfs, f\u00fcr den dies ebenfalls gilt, zeigt indessen, dass dieses Kriterium allein nicht gen\u00fcgt, um die Erfahrung der Kunst ausreichend profilieren zu k\u00f6nnen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir den <em>besonderen<\/em> Aspektwechsel der Kunst verstehen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/aesthetische-erfahrung-kunst-wahrnehmung-betrachter\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/pollock-kambartel-bildformat-all-over-action-painting\/\">Kapitel I: Pollock &#8211; nach Kambartel <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-philosophische-untersuchungen-aspekt-aspektwechsel\/\">Kapitel II: Wittgensteins Aspektbegriff<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-hase-ente-kopf-kunst-aspektwechsel\/\">Kapitel III: Aspektwechsel und Kunst<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-aspekt-bewertung-passen-verstehen\/\">Kapitel IV: &#8222;Passen&#8220;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-kunstwerk-aspekt-erfahrung-interpretation\/\">Kapitel V: Erfahrung und Interpretation<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/das-medium-der-aesthetischen-erfahrung.pdf\">Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.171 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.171 KB) Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung Wittgensteins Aspektbegriff, exemplifiziert an Pollocks Malerei in: Imagin\u00e4re Medialit\u00e4t &#8211; Immaterielle Medien, hrsg. von Gertrud Koch, Kirsten Maar und Fiona McGovern, M\u00fcnchen 2012, S. 125-142. 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