{"id":709,"date":"2012-03-13T10:22:28","date_gmt":"2012-03-13T08:22:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=709"},"modified":"2012-03-13T10:22:28","modified_gmt":"2012-03-13T08:22:28","slug":"wittgenstein-philosophische-untersuchungen-aspekt-aspektwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-philosophische-untersuchungen-aspekt-aspektwechsel\/","title":{"rendered":"Wittgenstein Philosophische Untersuchungen Aspekt Aspektwechsel"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/das-medium-der-aesthetischen-erfahrung.pdf\"><span style=\"font-family: verdana; font-size: xx-small;\">Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.171 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung<br \/>\nWittgensteins Aspektbegriff, exemplifiziert an Pollocks Malerei<\/h2>\n<p><small>in: Imagin\u00e4re Medialit\u00e4t &#8211; Immaterielle Medien, hrsg. von Gertrud Koch, Kirsten Maar und Fiona McGovern, M\u00fcnchen 2012, S. 125-142.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II: Wittgensteins Aspektbegriff<\/h3>\n<p>Den in Kambartels Analyse von Pollocks Gem\u00e4lde fassbar werdenden Verstehensprozess als interne und externe Relationierung des Kunstwerks m\u00f6chte ich nun anhand von Wittgensteins Ausf\u00fchrungen zum &#8222;Aspekt&#8220; genauer und zugleich grunds\u00e4tzlicher untersuchen. Diese Ausf\u00fchrungen finden sich im zweiten Teil der <em>Philosophischen Untersuchungen<\/em> sowie in einer Reihe vorbereitender und begleitender Schriften, die hier ebenfalls herangezogen werden.<br \/>\nDas Sehen eines Aspekts ist, so Wittgenstein, das Bemerken eines Aspekts an etwas, das man zuvor <em>so<\/em> nicht gesehen hat. Bemerkt man einen Aspekt, oder, anders gewendet, leuchtet ein Aspekt an etwas auf, dann \u00e4ndern sich, so Wittgenstein, das Sehen <em>und<\/em> das Denken. Wittgenstein geht es darum, dualistische Auffassungen von Sehen und Denken zu unterlaufen. Es sei nicht so, dass sich, wenn ein Aspekt bemerkt werde, erst das Sehen und dann das Denken &#8211; oder umgekehrt &#8211; \u00e4ndere. Beide \u00c4nderungen vollz\u00f6gen sich vielmehr simultan. Wenn jemand sage, er sehe jetzt <em>dies<\/em>, dann sei das kein Bericht mehr \u00fcber den Gegenstand, sondern \u00fcber eine Modifikation, die das Deuten, das Sehen und den Gegenstand \u00fcbergreife. Wenn ein Kind beim Hantieren mit einer Kiste ausrufe, dies sei ein Haus, dr\u00fccke es damit nicht nur eine andere Auffassung der Kiste aus, sondern die Kiste sei in diesem Augenblick zum Haus <em>geworden<\/em>. Der Aspekt ist Wittgenstein zufolge weder ein intelligibles Objekt des Denkens noch ein physisches Objekt der Wahrnehmung. Ihn zu sehen hei\u00dft, etwas zu sehen, worauf man nicht zeigen kann.<br \/>\nWenn wir am Wahrgenommenen einen Aspekt bemerken, machen wir, genau genommen, die Erfahrung eines Aspekt<em>wechsels<\/em>, denn das Bemerken des Aspekts ist der Austausch einer bisherigen Auffassung durch eine neue &#8211; zum Beispiel der Auffassung &#8222;Kiste&#8220; durch die Auffassung &#8222;Haus&#8220;. Bedeutsam an dieser Differenzierung ist f\u00fcr Wittgenstein, dass sie das Sehen insgesamt als ein Auffassen ausweist, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind. Sobald wir an einem Wahrnehmungsgegenstand die Erfahrung des Aspektwechsels gemacht haben, k\u00f6nnen wir sagen, dass jenes, was wir bislang sahen, ein <em>Aspekt<\/em> des Gegenstands war und nicht der Gegenstand selbst. Sobald an etwas mit einem Mal etwas anderes aufscheint, vollziehen sich demnach drei ineinandergreifende Modifikationen: die Verwandlung des Sehens in einen bewussten Akt, das Auseinandertreten von Wahrnehmungsgegenstand und Aspekt sowie die Neubestimmung des Gegenstands als Modifikation des Sehens und Denkens zugleich.<br \/>\nSolche Erfahrungen des Aspektwechsels haben, so Wittgenstein, etwas &#8222;Unbegreifliches&#8220;. Unbegreiflich daran ist die wundersame Vermehrung nicht nur seitens der Auffassungen, die wir vom Gegenstand gewinnen, sondern auch seitens des Gegenstands selbst. Zwar ist offensichtlich, dass sich materiell nichts ge\u00e4ndert hat, und doch ist er pl\u00f6tzlich zu einem anderen geworden. Im Aspektwechsel verdoppeln sich sowohl die Wahrnehmung als auch der Gegenstand, bei vollem Bewusstsein der Dingkonstanz. Wittgensteins b\u00fcndigste Formulierung daf\u00fcr lautet:<\/p>\n<p style=\"margin-left:40px\">\n<p style=\"margin-right:40px\">&#8222;Der Ausdruck des Aspektwechsels ist der Ausdruck einer neuen Wahrnehmung, zugleich mit dem Ausdruck der unver\u00e4nderten Wahrnehmung.&#8220;<\/p>\n<p>Die paradoxe Erfahrung des Aspektwechsels l\u00e4sst sich nach Wittgenstein nicht im Bericht zusammenfassen, man habe das Wahrgenommene in seinen vielen Facetten gesehen. Was <em>gesehen<\/em> werde &#8211; und was das Wahrgenommene in diesem Augenblick auch <em>sei<\/em> -, sei nicht die Vielfalt, sondern jeweils nur dieses oder jenes oder ein Drittes. Dramatisiert wird die Erfahrung des Aspektwechsels dann, wenn die einzelnen Aspekte miteinander &#8222;unvertr\u00e4glich&#8220; sind.<br \/>\nIch halte an dieser Stelle ein und erl\u00e4utere das Referierte anhand von Kambartels Pollock-Deutung. Denn an dieser l\u00e4sst sich nicht nur zeigen, was unter Aspekt<em>sehen<\/em> zu verstehen ist, sondern ebenso, was Wittgenstein als jene staunenerregende Erfahrung des Aspekt<em>wechsels<\/em> beschreibt. In jeder der drei Deutungsperspektiven Kambartels bemerken wir am Gem\u00e4lde bestimmte Aspekte, etwa wenn uns das Gem\u00e4lde bald wie eine Wand und bald wie ein immaterieller Tiefenraum erscheint. Am physikalischen Objekt \u00e4ndert sich nichts, und dennoch wird es nicht nur in einzelnen Hinsichten, sondern insgesamt zu einem anderen, wenn es einmal als Wand und einmal als immaterieller Tiefenraum gesehen wird. Im Sinne Wittgensteins handelt es sich hier tats\u00e4chlich um den Wechsel zwischen miteinander unvertr\u00e4glichen Aspekten, denn wie sollte es m\u00f6glich sein, dass etwas <em>zugleich<\/em> eine Wand und ein immaterieller Tiefenraum ist? Kambartels logischer Terminus f\u00fcr diese Unvertr\u00e4glichkeit lautet jeweils &#8222;Antinomie&#8220;. Hinsichtlich des gro\u00dfen Bildformats spricht er von dem Gem\u00e4lde als einer &#8222;antinomischen Identit\u00e4t von Bild und Wand&#8220;. Qua Unbegrenztes erscheine Pollocks Gem\u00e4lde wie eine Wand, \u00fcber deren Oberfl\u00e4che der Blick gleite, qua Begrenztes hingegen erscheine es wie ein Bild, <em>in<\/em> welches wir hineinzuschauen vermeinen. Hinsichtlich der All-over-Struktur der schwarzen Linien wiederum schwanken wir Kambartel zufolge zwischen einer Auffassung der Struktur als regularisierte bzw. als chaotische Kontingenz, woraus die &#8222;antinomische Aggressivit\u00e4t&#8220; des Ph\u00e4nomens resultiere, das sich der Kategorisierung fortw\u00e4hrend entziehe. Und hinsichtlich der Action-Painting schlie\u00dflich h\u00e4lt er es f\u00fcr entscheidend, dass sie zu einer &#8222;antinomischen Verbindung von Aktion und Sachverhalt&#8220;, temporalem Malprozess und fixiertem Bild f\u00fchre. Offensichtlich erkennt Kambartel den wesentlichen Zug an der Erfahrung von Pollocks Gem\u00e4lde darin, unsere Auffassung davon permanent in andere, kontradiktorische Auffassungen umschlagen zu lassen, sodass weder das Bild sich unter einem bestimmten Aspekt stabilisiert noch unsere Auffassung desselben &#8211; als Sehen <em>und<\/em> Denken &#8211; zur Ruhe kommt. Entsprechend hei\u00dft es in der kurzen Schlussbemerkung, die Kambartel auf seine drei analytischen Kapitel folgen l\u00e4sst, das Prinzip, das die drei Deutungsperspektiven \u00fcbergreife, sei am ehesten in der &#8222;permanenten Aggressivit\u00e4t als einer dauerhaften Verweigerung der Adaptation&#8220; zu erblicken.<br \/>\nWittgensteins Ausf\u00fchrungen zum Aspektsehen gelten ausdr\u00fccklich den jeweils aktuellen Wahrnehmungen. Er betont, dass es sich beim Begriff des Aspektsehens um einen &#8222;Erfahrungsbegriff&#8220; handle. Damit ist keineswegs ausgeschlossen, dass der Betrachter in der Auseinandersetzung mit einem Wahrnehmungsgegenstand &#8211; und insbesondere mit den komplexen Gegebenheiten von Kunstwerken &#8211; die unterschiedlichen am Gegenstand bemerkten Aspekte in einem umfassenderen Verstehen des Wahrgenommenen integrieren kann &#8211; in einem Verstehen, das gerade auf der Einsicht in die unterschiedlichen Aspekte des Gegenstands basiert. Diese Differenzierung zwischen der je aktuellen Erfahrung und einem die einzelnen Erfahrungen integrierenden Verstehen best\u00e4tigt sich mit Blick auf Kambartels soeben zitiertes Res\u00fcmee seiner Pollock-Deutung. Ein solches Res\u00fcmee setzt voraus, dass der Betrachter die einzelnen Aspekte des Gem\u00e4ldes, die Kambartel nacheinander diskutiert, in eine integrative Deutung des Bildes eingehen lassen kann, auch wenn es ihm &#8211; wie Kambartels Analyse deutlich zeigt &#8211; aufgrund des antinomischen Verh\u00e4ltnisses der Aspekte zueinander nicht m\u00f6glich ist, diese im Bild auch gleichzeitig zu <em>sehen<\/em>.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/aesthetische-erfahrung-kunst-wahrnehmung-betrachter\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/pollock-kambartel-bildformat-all-over-action-painting\/\">Kapitel I: Pollock &#8211; nach Kambartel <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-philosophische-untersuchungen-aspekt-aspektwechsel\/\">Kapitel II: Wittgensteins Aspektbegriff<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-hase-ente-kopf-kunst-aspektwechsel\/\">Kapitel III: Aspektwechsel und Kunst<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-aspekt-bewertung-passen-verstehen\/\">Kapitel IV: &#8222;Passen&#8220;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/wittgenstein-kunstwerk-aspekt-erfahrung-interpretation\/\">Kapitel V: Erfahrung und Interpretation<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/das-medium-der-aesthetischen-erfahrung.pdf\">Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.171 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.171 KB) Das Medium der \u00e4sthetischen Erfahrung Wittgensteins Aspektbegriff, exemplifiziert an Pollocks Malerei in: Imagin\u00e4re Medialit\u00e4t &#8211; Immaterielle Medien, hrsg. von Gertrud Koch, Kirsten Maar und Fiona McGovern, M\u00fcnchen 2012, S. 125-142. 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