{"id":665,"date":"2011-09-04T10:59:08","date_gmt":"2011-09-04T08:59:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=665"},"modified":"2011-09-04T10:59:08","modified_gmt":"2011-09-04T08:59:08","slug":"claes-oldenburg-the-store-aesthetische-grenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-aesthetische-grenze\/","title":{"rendered":"Claes Oldenburg The Store &#228;sthetische Grenze"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/oldenburg-e-versus-u.pdf\"><span style=\"font-size: xx-small; font-family: verdana;\">Die Kunst und ihr Au\u00dfen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.430 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Die Kunst und ihr Au\u00dfen \u2013 Am Beispiel von Claes Oldenburgs <em>The Store<\/em><\/h2>\n<p><small>in: Zwischen \u201eU\u201c und \u201eE\u201c. Grenz\u00fcberschreitungen in der Musik nach 1950, hrsg. von Friedrich Geiger und Frank Hentschel, Frankfurt am Main 2011, S.  173 \u2013 194.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel VII: Die Die St\u00f6rung der \u00e4sthetischen Grenze<\/h3>\n<p>\u201eIch empfinde es als nat\u00fcrlich\u201c, sagte Claes Oldenburg, \u201eunter den Bedingungen der amerikanischen, technischen Zivilisation zu arbeiten. Ich kenne die jeweiligen Effekte, die jeweiligen Resultate der technischen Arbeitsverfahren, und ich glaube sie zu kontrollieren.\u201c Trotz der N\u00fcchternheit dieser Selbstbeschreibung machte Oldenburg eben diese Bedingungen der amerikanischen Zivilisation f\u00fcr die Isolation und Entfremdung der sozialen Subjekte im Allgemeinen und des K\u00fcnstlers im Besonderen verantwortlich. Er hoffte jedoch, diese widrigen Umst\u00e4nde \u00fcberwinden und den Zusammenschluss von Kunst und Leben erwirken zu k\u00f6nnen. Verwirklichen wollte er diesen Zusammenschluss durch eine, wie er es formulierte, \u201eerotisch-politisch-mystische Kunst\u201c, die Mensch und Ding miteinander vers\u00f6hnen sollte:<\/p>\n<p style=\"\u201cmargin-left:40px\u201c\">\n<p style=\"\u201cmargin-right:40px\u201c\">\u201eThis elevation of sensibility above bourgeois values, which is also a simplicity of return to truth and first principles, will (hopefully) destroy the notion of art and give the object back its power. Then the magic inherent in the universe will be restored and people will live in sympathetic religious exchange with the materials and objects surrounding them. They will not feel so different from these objects, and the animate\/inanimate schism mended.\u201c<\/p>\n<p>Obschon Oldenburg das Prinzip der gesellschaftlichen Arbeitsteilung im <em>Store<\/em> nicht aufheben konnte, so lie\u00df es sich doch durch die Spaltung in seine zahlreiche Rollen unterwandern. Und entsprechend zu seinem k\u00fcnstlerischen Ich, das sich in unterschiedliche nicht zu vereinbarende personae aufteilte, sollten auch seine Objekte Gegens\u00e4tze abbauen und Widerspr\u00fcche einebnen. Ein Objekt sollte seine Spuren im anderen hinterlassen, so dass sich in der gegenseitigen Anleihe Formen, Farben und Bedeutungen \u00fcberlagern. Oldenburg wollte auf diese Weise eine Kraft freisetzen, die alles durchdringt, indem sie die bestehenden Ordnungen deklassiert \u2013 nicht zuletzt die gesellschaftliche Ordnung, und darin eingeschlossen deren Auffassung k\u00fcnstlerischer Produktion.<br \/>\nOldenburg konzipierte den <em>Store<\/em> mithin als Schwellenraum, in dem sich Momente von \u201aKunst\u2018 und Momente von \u201aNicht-Kunst\u2018 \u00fcberlagerten; er desorganisierte die klare Relation von Fiktion und Realit\u00e4t, indem er den Bereich seiner T\u00e4tigkeit auf den des Warenhandels ausdehnte. Die hierdurch erzeugte kategoriale \u201aUnordnung\u2018 betraf dabei nicht nur die Objekte selbst, sondern zugleich den Modus ihrer Pr\u00e4sentation.<br \/>\nDurch den Einzug in einen realen Gesch\u00e4ftsraum fiel der kunstinstitutionelle Rahmen als Vorbedingung und Signalgeber f\u00fcr eine \u00e4sthetische Einstellung des Betrachters weg, die Entgegensetzung von \u00e4u\u00dferer Welt und Kunstraum war nicht mehr gegeben. Wer den <em>Store<\/em> betrat, befand sich nicht in \u00e4sthetischer Distanz zu den Dingen, sondern bewegte sich auf dem gleichen Terrain wie die Artefakte, wobei das Terrain zwischen Laden, handwerklichem Betrieb, Galerie, Atelier und Environment schwankte. F\u00fcr den Rezipienten bedeutete dies, dass sein Verh\u00e4ltnis zum Werk unsicher wurde: Seine Position war zugleich innerhalb und au\u00dferhalb, er war zugleich Betrachter eines Kunstwerkes, potenzieller K\u00e4ufer von Kunstartikeln und Teil eines Environments. Wer seinen Blick durch das Schaufenster zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe richtete, verstrickte sich in die Frage, ob er sich auf der richtigen Seite befand, ob er mit dem \u201aEinstieg\u2018 in Oldenburgs \u201aBild\u2018 nicht selbst Teil einer Fiktion geworden war. Die Realit\u00e4t war pl\u00f6tzlich dort, wo normalerweise das Fiktive ist, n\u00e4mlich innerhalb des \u201aRahmens\u2018, das Fiktive dagegen dort, wo sich gemeinhin das Reale befindet, n\u00e4mlich au\u00dferhalb des \u201aRahmens\u2018, jenseits der \u201aBildes\u2018.<br \/>\nEine letzte Unsicherheit bezog sich auf das quod des Kunstwerks, auf dessen eigene Grenzen und Rahmungen: Hatte man eher die einzelnen Objekten oder aber die Gesamtheit des <em>Store<\/em> als Kunstwerk zu identifizieren, handelte es sich eher um eine Galerie, die Einzelwerke ausstellte, oder aber um ein geschlossenes Ganzes? War man mit einem Kunstwerk, das einen Laden nachahmt, konfrontiert, oder mit einem Laden, der Kunstartikel verkauft? Waren die Plakate und Visitenkarten Teil des Kunstwerks oder lediglich Instrumente des Marketing?<br \/>\nDer <em>Store<\/em> konnte nach damaligem Verst\u00e4ndnis weder blo\u00dfes \u201aGesch\u00e4ft\u2018 noch reine \u201aKunstbetrachtung\u2018 bieten. Dies entsprach Oldenburgs Wunsch, weder blo\u00dfe Konsumg\u00fcter noch reine Kunstartikel zu produzieren, sondern sich in einer begriffslosen, nur negativ fassbaren und damit nicht zu vereinnahmenden Zone zu situieren. In kunstinstitutioneller Perspektive gesehen war diese Irritation der eigentliche Inhalt, das \u00e4sthetische Programm dieses Projekts. Damit bewegte sich Oldenburg auf einer Grenze, die gerade als solche auf die Differenz von Kunst und Leben angewiesen blieb. Bis heute bleibt es schwer, den <em>Store<\/em> in seinem Charakter zwischen Galerie, Environment und Happening zu fassen.<br \/>\nUrspr\u00fcnglich hatte Oldenburg geplant, die Laufzeit des <em>Store<\/em> auf den Monat Dezember des Jahres 1961 zu beschr\u00e4nken, doch hielt er ihn aufgrund des hohen Besucherandrangs bis Ende Januar 1962 ge\u00f6ffnet. Gleichwohl konnte nur ein kleiner Teil der \u201aWaren\u2018 ver\u00e4u\u00dfert werden, und die Abschlussbilanz belief sich auf ein Defizit von 285 US-Dollar. Die Produkte mussten erst in den Kunstkontext integriert werden, um nicht nur symbolischen, sondern auch \u00f6konomischen Gewinn abzuwerfen \u2013 heute erzielen sie Spitzenpreise auf dem Markt der <em>Kunst<\/em>.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-oekonomie-ware-design\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-institutionen-museum-kunsthandel\/\">Kapitel I: Die institutionelle Perspektive<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-objekt-kunstmesse-auktion\/\">Kapitel II: Die mediale Perspektive<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-publikum-museum-documenta-pop-art\/\">Kapitel III: Die Popularit\u00e4t der Kunst, oder: Gibt es in der bildenden Kunst einen Bereich des \u201aU\u2018?<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-design-werbung-comic\/\">Kapitel IV: Die Kunst und ihr Au\u00dfen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-kunst-ware\/\">Kapitel V: Ein konkretes Beispiel: Claes Oldenburgs \u201aThe Store\u2018<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-koerper-raum\/\">Kapitel VI: Die \u201aBeseelung\u2018 der Dinge<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-aesthetische-grenze\/\">Kapitel VII: Die St\u00f6rung der \u00e4sthetischen Grenze<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/oldenburg-e-versus-u.pdf\">Die Kunst und ihr Au\u00dfen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.430 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunst und ihr Au\u00dfen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.430 KB) Die Kunst und ihr Au\u00dfen \u2013 Am Beispiel von Claes Oldenburgs The Store in: Zwischen \u201eU\u201c und \u201eE\u201c. Grenz\u00fcberschreitungen in der Musik nach 1950, hrsg. von Friedrich Geiger und Frank Hentschel, Frankfurt am Main 2011, S. 173 \u2013 194. 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