{"id":631,"date":"2011-06-19T10:19:33","date_gmt":"2011-06-19T08:19:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=631"},"modified":"2011-06-19T10:19:33","modified_gmt":"2011-06-19T08:19:33","slug":"kuenstler-spieler-rolle-duchamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kuenstler-spieler-rolle-duchamp\/","title":{"rendered":"K&#252;nstler Spieler Rolle Duchamp"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/einsatz-der-autonomie.pdf\"><span style=\"font-size: xx-small; font-family: verdana;\">Der Einsatz der Autonomie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.054 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Der Einsatz der Autonomie. Spieldimensionen in der Kunst der Moderne<\/h2>\n<p><small>in: Faites vos jeux! Kunst und Spiel seit Dada, Katalog Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz; Akademie der K\u00fcnste, Berlin; Museum f\u00fcr Gegenwartskunst, Siegen, hrsg. von Nike B\u00e4tzner, Ostfildern-Ruit 2005, S. 37-46.<\/small><\/p>\n<h3>4. Der K\u00fcnstler als Spieler<\/h3>\n<p>Die dritte Dimension im Verh\u00e4ltnis zwischen Kunst und Spiel stellt die Figur des K\u00fcnstlers dar. Diese dritte Dimension erschlie\u00dft dem Thema eine sozio-historische Perspektive, da sie auf jenen komplexen Prozess der Autonomisierung der Kunst verweist, der seine positive Seite in der Befreiung des K\u00fcnstlers aus den paternalistischen Bindungen an Herrscherh\u00e4user oder Gildenstrukturen hat. Die negative Seite dieses Prozesses besteht in der drohenden Marginalisierung in einer Gesellschaft, deren materialistische Werte der Existenz und dem Ansehen der K\u00fcnstler abtr\u00e4glich sind und deren Marktmechanismen h\u00e4ufig noch unbarmherziger ausfallen als die feudalen Verh\u00e4ltnisse des <em>Ancien r\u00e9gime<\/em>. Erst mit der ebenso ersehnten wie erlittenen Autonomisierung entsteht jenes eigengesetzlich strukturierte &#8222;Feld&#8220; der Kunst, wie Pierre Bourdieu es nennt. Folgen wir Bourdieus Definition gesellschaftlicher Felder, dann teilen sie mit dem Spielfeld die Eigenschaft, ein Ort relationaler Interaktion zu sein. Den Relationen kommt dabei gegen\u00fcber den Menschen und Dingen der Vorrang zu, da die Menschen und Dinge durch die Relationen bestimmt werden und nicht umgekehrt. Erst im Zuge der Herausbildung eines eigenen k\u00fcnstlerischen Feldes mit den ihm eigenen relationalen Kr\u00e4ften entsteht die Figur des K\u00fcnstlers, so wie wir sie heute kennen, jenseits der ehemaligen Daseinsform als Handwerker oder H\u00f6fling. Zweierlei musste sich dabei herausbilden: eine neue Funktion der Kunst und eine neue gesellschaftliche Rolle des K\u00fcnstlers. Letzteres aber f\u00fchrt dasjenige Spiel in die Kunst ein, das Roger Caillois als eine der vier Grundformen des Spiels bestimmte: das Rollenspiel. Es d\u00fcrfte kaum gelingen, alle Rollen aufzulisten, die von den K\u00fcnstlern der Moderne probeweise angenommen wurden, eben weil die Gesellschaft keine origin\u00e4re Rolle und Funktion f\u00fcr den K\u00fcnstler bereithielt. Sie reichen vom Dandy (Edouard Manet) bis zur Maschine (Andy Warhol), vom Sozialutopisten (Joseph Beuys) bis zum Zirkusartisten (der fr\u00fche Pablo Picasso), vom Intellektuellen (Joseph Kosuth) bis zum Museumsdirektor (Marcel Broodthaers), vom Ethnologen (Robert Smithson) bis zur Enzyklop\u00e4distin (Hanne Darboven). Viele dieser Rollen bilden einen Reflex auf die gespaltene Position des K\u00fcnstlers, einerseits Teil der Gesellschaft sein zu wollen, andererseits au\u00dferhalb ihrer stehen zu m\u00fcssen.<br \/>\nIn der besonders reichen Rollenkollektion, die sich Marcel Duchamp im Laufe seines Lebens zulegte, kommt die Figur des Spielers auch selbst vor &#8211; bezeichnenderweise in der doppelten Auspr\u00e4gung als Strategiespieler (Schach) und Gl\u00fccksspieler (Roulette), womit zugleich die Pole von Duchamps Umgang mit der Kunst benannt sind. Duchamps einzigartige F\u00e4higkeit bestand darin, die Kunstpraxis der Moderne von au\u00dfen wie eine Spielanordnung zu sehen, w\u00e4hrend er sich zugleich als Spieler darin bewegte. Gerade weil er die Gesetze des Modernismus kannte &#8211; die Ich-Bezogenheit der <em>Expression<\/em>, die <em>id\u00e9e fixe<\/em> des Fortschritts, das b\u00fcrgerliche Streben nach Ansehen, den \u00e4sthetischen Moralismus der reinen Form oder den Glauben an die soziale Sprengkraft k\u00fcnstlerischer Praxis -, gelangte er zu jener souver\u00e4nen, nach allen Seiten hin spielverderberischen Autonomie, die sein Lebenswerk auszeichnet. In ihm durchdringen sich die transitive und die intransitive Dimension des Spiels. Zum einen summiert sich sein \u0152uvre zu einem best\u00e4ndigen Spiel mit den Regeln der Kunst. Zum anderen zeigt sich die intransitive Bewegung eines in sich zur\u00fccklaufenden Hin und Her in jenem &#8222;Atmen&#8220;, das er nicht nur seinen Werken zuschrieb, sondern in sp\u00e4ten Jahren sogar als seine eigentliche T\u00e4tigkeit bezeichnete. So unterlief Duchamp sogar das Grundprinzip der k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit: das Produzieren selbst. Sein gr\u00f6\u00dftes Werk sei die Art und Weise, wie er sich die Zeit vertreibe, sagte sein langj\u00e4hriger Freund Henri-Pierre Roch\u00e9. Duchamps Bruder Jacques Villon dr\u00fcckte es drastischer aus. Er beschrieb diesen gr\u00f6\u00dften Spieler unter den K\u00fcnstlern des 20. Jahrhunderts als jemanden, &#8222;der alles tut, als ob es ihm stets nur darum ginge, die Zeit totzuschlagen&#8220;.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-spiel-illusion-repraesentation-autonomie\/\">1. Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/werk-spiel-offenheit-sinn\/\">2. Das Werk als Spiel<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/fischli-weiss-lauf-der-dinge-signer\/\">3. Das Spiel mit dem Betrachter<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Kapitel\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kuenstler-spieler-rolle-duchamp\/\">4. Der K\u00fcnstler als Spieler<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Kapitel\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-spiel-ernst-caillois-pfaller\/\">5. Res\u00fcmee<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/einsatz-der-autonomie.pdf\">Der Einsatz der Autonomie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.054 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Einsatz der Autonomie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.054 KB) Der Einsatz der Autonomie. Spieldimensionen in der Kunst der Moderne in: Faites vos jeux! Kunst und Spiel seit Dada, Katalog Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz; Akademie der K\u00fcnste, Berlin; Museum f\u00fcr Gegenwartskunst, Siegen, hrsg. von Nike B\u00e4tzner, Ostfildern-Ruit 2005, S. 37-46. 4. 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