{"id":585,"date":"2011-02-20T11:15:08","date_gmt":"2011-02-20T09:15:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=585"},"modified":"2011-02-20T11:15:08","modified_gmt":"2011-02-20T09:15:08","slug":"zeichnung-autonomie-19-jahrhundert-kuenstler-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-autonomie-19-jahrhundert-kuenstler-moderne\/","title":{"rendered":"Zeichnung Autonomie 19. Jahrhundert K&#252;nstler Moderne"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/universalitaet-und-geschichtlichkeit-des-zeichnens.pdf\"><font face=\"verdana\" size=\"1\">Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 172 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens &#8211; am Beispiel von Egon Schieles Weiblichem Akt mit angezogenem linkem Knie<\/h2>\n<p><small><\/p>\n<p>in: Linea. Vom Umriss zur Aktion. Die Kunst der Linie zwischen Antike und Gegenwart, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zug, Ostfildern 2010, S. 154-165. <\/small><\/p>\n<h3>Kapitel III: Autonomie<\/h3>\n<p>Wechseln wir zu den Werken, die die Ausstellung aus dem sp\u00e4teren 19. und dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert pr\u00e4sentiert, erweisen sich entscheidende Parameter des Zeichnens als grundlegend ver\u00e4ndert. Wenn bereits an fr\u00fcherer Stelle vom Prozess der &#8222;Autonomisierung&#8220; die Rede war, in dem sich die unterschiedlichen Transformationen der Kunst seit dem 19. Jahrhundert b\u00fcndeln lassen, so ist diesbez\u00fcglich an erster Stelle die Auftrennung jenes Ineinander von &#8222;freier&#8220; und Gebrauchskunst zu nennen, das die Zeichenpraxis des &#8222;disegno&#8220; pr\u00e4gte. Diese Auftrennung erfolgte im Zug der generellen materiellen und geistigen Umw\u00e4lzungen am Beginn der Moderne. Zum einen schwanden die Patronats- und Auftragsverh\u00e4ltnisse, die bislang einem gro\u00dfen Teil der K\u00fcnstler, die besten und ber\u00fchmtesten eingeschlossen, neben ihren k\u00fcnstlerischen Aufgaben auch praktische Pflichten \u00fcbertrugen, beispielsweise als Illustrator, Innendekorateur, Zeremonienmeister oder Architekt. Der Doppelstatus der K\u00fcnstler hatte sich gerade auch in einer Zeichenpraxis manifestiert, die die klare Trennung von &#8222;freier&#8220; und Gebrauchszeichnung nicht kannte. Dieses \u00e4sthetisch-praktische Kontinuum der vormodernen Kunst zerbrach im 19. Jahrhundert in seine beiden H\u00e4lften. Der K\u00fcnstler war jetzt nur noch autonom, ohne flankierende soziale oder funktionale Absicherung in Patronatsverh\u00e4ltnissen, seine Praxis verk\u00fcrzte sich zunehmend auf die eine, die \u00e4sthetische Seite seines Tuns. Parallel dazu verloren aber auch die Bezugsgr\u00f6\u00dfen, die das &#8222;disegno&#8220;-Konzept trugen, ihre Normativit\u00e4t, insbesondere das Prinzip der Kunst als Nachahmung der Natur (&#8222;mimesis&#8220;) sowie die Ordnung der Kunstgattungen und Darstellungsverfahren, in welch letzterer das Zeichnen h\u00e4ufig am Anfang eines mehrstufigen Prozesses gestanden hatte, der, \u00fcber verschiedene Zwischenschritte, zum finalen Werk f\u00fchrte. Dagegen entwickelten sich im 19. Jahrhundert malerische Praktiken, die, wie etwa jene des Impressionismus, das Vorzeichnen ablehnten, um das Motiv direkt in Farbe auf der Leinwand einzufangen. Solches hatte zur Folge, dass sich die Zeichnung jenseits ihrer \u00fcberlieferten Funktionen im Zusammenhang reglementierter Atelierpraxis neu &#8222;erfinden&#8220; musste. <\/p>\n<p>Die g\u00e4nzlich ver\u00e4nderten metaphysischen, sozialen und arbeitspragmatischen Rahmenbedingungen der Moderne erzwangen eine Neuausrichtung der k\u00fcnstlerischen Praxis. Von ihren angestammten Aufgaben und Arbeitsabl\u00e4ufen entbunden und zugleich der bisherigen Legitimationsrhetorik des k\u00fcnstlerischen Tuns beraubt, gingen die K\u00fcnstler erneut, aber anders, auf den &#8222;Grund&#8220; ihrer T\u00e4tigkeit zur\u00fcck, auf der Suche nach einem neuen &#8222;Urspr\u00fcnglichen&#8220; jenseits der alten, au\u00dfer Kraft gesetzten Vorstellungen davon. Zu den neuen Fundamenten der Kunst wurden nun die individuelle, durch die jeweilige Psyche nicht weniger als durch die Physiologie des Auges gepr\u00e4gte Wahrnehmung sowie die Eigengesetzlichkeit der eingesetzten k\u00fcnstlerischen Medien. Die Suche galt, nolens volens, einer auf nichts au\u00dferhalb der Kunst r\u00fcckf\u00fchrbaren, von anderen menschlichen T\u00e4tigkeitsformen abgrenzbaren k\u00fcnstlerischen Produktivit\u00e4t. <\/p>\n<p>Das Losungswort f\u00fcr diese Suche hie\u00df &#8222;Autonomie&#8220; &#8211; als ein Konzept, in dem die Randst\u00e4ndigkeit des K\u00fcnstlers in der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in den besonderen Sinn der Kunst umschlagen sollte. Das Autonomiepostulat zielte zun\u00e4chst darauf, die Kunst von der Aufgabe zu emanzipieren, gewisse von au\u00dfen vorgegebene Inhalte zu repr\u00e4sentieren, die der \u00e4lteren Kunst ihre &#8222;\u00dcberbau&#8220;-Funktion f\u00fcr Staat oder Kirche verliehen hatten. Ein zweites Autonomiepostulat fiel entschieden radikaler aus. Zunehmend wiesen die K\u00fcnstler die Verpflichtung zur\u00fcck, in ihren Bildern \u00fcberhaupt etwas auszusagen, was sich nicht aus dem Kunstwerk selbst erschloss. Daraus erkl\u00e4rt sich die Tendenz zu &#8222;schweigsamen&#8220; Sujets und zu einer &#8222;unvollendeten&#8220; oder fragmentarischen Bildform, die auch die Zeichnungen des sp\u00e4teren 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts in dieser Ausstellung kennzeichnet. Denn beides unterlief die M\u00f6glichkeit, den Sinn des Kunstwerks von diesem abzul\u00f6sen; beides zielte auf eine neuartige \u00e4sthetische Immanenz, die den Sinn des Kunstwerks mit seinem \u00e4sthetischen Erscheinen konvergieren lie\u00df. Diese keineswegs selbstverst\u00e4ndliche &#8222;\u00c4sthetisierung&#8220; der Kunst wirkte sich nicht nur auf die Auffassung der damals zeitgen\u00f6ssischen, sondern auch der \u00e4lteren Kunst aus. Die Durchl\u00e4ssigkeit zwischen den \u00e4sthetischen, praktischen und epistemischen Dimensionen, die die vormodernen Zeichenpraktiken pr\u00e4gt, kann inzwischen kaum mehr nachvollzogen werden. <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-anthropologie-medium-ursprung-geschichte\/\">Kapitel I: Urspr\u00fcnglichkeit(en) der Zeichnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-disegno-renaissance-kunst-wissenschaft\/\">Kapitel II: Disegno<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Kapitel\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-autonomie-19-jahrhundert-kuenstler-moderne\/\">Kapitel III: Autonomie<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Kapitel\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-schiele-linie-handschrift-sehen\/\">Kapitel IV: Schieles &#8222;Weiblicher Akt mit angezogenem linkem Knie&#8220;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-moderne-tradition-schiele-kandinsky\/\">Kapitel V: Modernit\u00e4t und Tradition in der Zeichenkunst um 1900<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/universalitaet-und-geschichtlichkeit-des-zeichnens.pdf\">Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 172 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 172 KB) Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens &#8211; am Beispiel von Egon Schieles Weiblichem Akt mit angezogenem linkem Knie in: Linea. Vom Umriss zur Aktion. Die Kunst der Linie zwischen Antike und Gegenwart, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zug, Ostfildern 2010, S. 154-165. Kapitel III: Autonomie &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-autonomie-19-jahrhundert-kuenstler-moderne\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZeichnung Autonomie 19. 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