{"id":578,"date":"2011-02-20T11:00:18","date_gmt":"2011-02-20T09:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=578"},"modified":"2011-02-20T11:00:18","modified_gmt":"2011-02-20T09:00:18","slug":"zeichnung-anthropologie-medium-ursprung-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-anthropologie-medium-ursprung-geschichte\/","title":{"rendered":"Zeichnung Anthropologie Medium Ursprung Geschichte"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/universalitaet-und-geschichtlichkeit-des-zeichnens.pdf\"><font face=\"verdana\" size=\"1\">Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 172 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens &#8211; am Beispiel von Egon Schieles Weiblichem Akt mit angezogenem linkem Knie<\/h2>\n<p><small><\/p>\n<p>in: Linea. Vom Umriss zur Aktion. Die Kunst der Linie zwischen Antike und Gegenwart, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zug, Ostfildern 2010, S. 154-165. <\/small><\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8222;Es besteht ein unermesslicher Unterschied zwischen dem Sehen einer Sache ohne Bleistift in der Hand und dem Sehen, <em>w\u00e4hrend man sie zeichnet<\/em>. Oder vielmehr, es sind zwei sehr verschiedene Sachen, die man sieht. Selbst der unseren Augen vertrauteste Gegenstand wird etwas v\u00f6llig anderes, sobald man sich bem\u00fcht, ihn zu zeichnen: man wird gewahr, dass man ihn nicht kannte, dass man ihn niemals wirklich <em>gesehen<\/em> hatte. [\u2026] Man muss also <em>wollen<\/em>, um zu sehen, und dieses <em>gewollte Sehen<\/em> ist das <em>Ziel<\/em> und das <em>Mittel<\/em> der Zeichnung zugleich.&#8220; <\/em> Paul Val\u00e9ry<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Kapitel I: Urspr\u00fcnglichkeit(en) der Zeichnung<\/h3>\n<p>Im deutenden Umgang mit der k\u00fcnstlerischen Gattung der Zeichnung, in \u00dcberblickswerken nicht weniger als in theoretischen Abhandlungen, manifestiert sich die Tendenz, das &#8222;Urspr\u00fcngliche&#8220; der Zeichenkunst herauszustellen. Dabei lassen sich zwei unterschiedlich ansetzende, jedoch wechselseitig sich best\u00e4rkende Varianten trennen: <\/p>\n<p>Aus anthropologischer Perspektive wird die Zeichnung als primordiales Ausdrucksmittel des Menschen beschrieben, dessen \u00e4lteste Zeugnisse, auf Faustkeile oder H\u00f6hlenw\u00e4nde geritzt, zeitlich weit hinter die fr\u00fchesten Schriftzeichen zur\u00fcckreichen. Zeichnen gilt als eine humane Uraktivit\u00e4t, deren &#8222;Anf\u00e4nglichkeit&#8220; sich bis heute in jeder Kinderzeichnung wiederholt. Widerhall findet dies im Urteil \u00fcber k\u00fcnstlerische Zeichnungen als pers\u00f6nlichste und subjektivste \u00c4u\u00dferung eines K\u00fcnstlers, als unmittelbarer Ausdruck seines Selbst, mit der Folge, dass uns das Betrachten einer Zeichnung in ein privilegiertes, intimes Verh\u00e4ltnis zum K\u00fcnstler zu setzen scheint. <\/p>\n<p>Auch aus medialer Perspektive wird das Zeichnen als eine Basishandlung begriffen. Denn notwendig ist lediglich ein Minimum: ein markierendes Instrument (ein Stift, ein Finger, eine Tonscherbe, eine Computermaus) sowie etwas, das die Markierung aufnimmt (eine Mauer, eine Sandfl\u00e4che, der Himmel, die virtuelle Ebene des Bildschirms). Schon der erste Strich, in welcher Materialisierung auch immer, l\u00e4sst das mediale Potenzial der Zeichnung sich entfalten: die Scheidung zwischen der Markierung und dem tragendem Grund, aber auch die Doppelwertigkeit jeder Markierung, einerseits die Spur ihrer eigenen Genese zu sein, das hei\u00dft auf den Zeichnenden und sein Tun zur\u00fcckzudeuten, und andererseits von sich weg auf anderes zu verweisen, bei einer einfachen horizontalen Linie beispielsweise auf den Horizont. Noch deutlicher als in der sprachlichen Artikulation werden wir angesichts eines solchen Strichs zum Zeugen eines fundamentalen Akts: der Genese eines Zeichens und seiner Kraft, gleichzeitig auf mehreres zu verweisen. <\/p>\n<p>Der Hang, die Kunstgattung der Zeichnung anthropologisch oder medial zu universalisieren, wird zweifellos durch den Umstand bef\u00f6rdert, dass die un\u00fcberblickbare stilistische und materielle Varianz der Realisierungen von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart es zwingend erscheinen l\u00e4sst, einen Punkt zu bestimmen, um den sich alles anordnet, um der Fliehkraft der je besonderen Ph\u00e4nomene entgegenzuwirken und zu rechtfertigen, noch immer im Kollektivsingular von &#8222;der&#8220; Zeichnung und &#8222;dem&#8220; Zeichnen zu sprechen. <\/p>\n<p>Diesem Universalismus (der sich auf mannigfache Zeugnisse seit der Antike berufen kann) sollte indessen eine Historisierung beigesellt werden. Gerade unter dem &#8222;Urspr\u00fcnglichen&#8220; verstehen die unterschiedlichen Epochen das denkbar Verschiedene &#8211; und praktizieren es entsprechend. Es sind, mit einem Begriff Ludwig Wittgensteins gesprochen, unterschiedliche &#8222;Sprachspiele&#8220; des Primordialen, deren Reiz und Signifikanz in ihrer Besonderheit liegt. Der &#8222;Grund&#8220;, der im Zeichnen sichtbar zu werden scheint, ist kein \u00fcberzeitlich gleicher; der Wandel der Kunst schlie\u00dft den Wandel des Denkens \u00fcber das eigene anthropologische oder mediale Fundament ein. Dies ist insbesondere mit Blick auf das 19. und das beginnende 20. Jahrhundert zu ber\u00fccksichtigen, da die Kunst in diesen Jahrzehnten in einem vielschichtigen Prozess, der gemeinhin unter dem Begriff ihrer &#8222;Autonomisierung&#8220; zusammengefasst wird, sich gleichsam neu erfand beziehungsweise neu erfinden musste. Alle drei Aspekte, unter denen wir eine k\u00fcnstlerische Zeichnung auffassen k\u00f6nnen: als Spur einer menschlichen Aktivit\u00e4t, als Kunstwerk und als zeichenhafte Darstellung, ver\u00e4ndern sich im 19. Jahrhundert deutlich, denn nicht nur das Tun des Menschen, sondern auch die Kunst sowie schlie\u00dflich auch die Darstellungsfunktion eines k\u00fcnstlerischen Bildes werden neu und anders aufgefasst. <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Kapitel\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-anthropologie-medium-ursprung-geschichte\/\">Kapitel I: Urspr\u00fcnglichkeit(en) der Zeichnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Kapitel\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-disegno-renaissance-kunst-wissenschaft\/\">Kapitel II: Disegno<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-autonomie-19-jahrhundert-kuenstler-moderne\/\">Kapitel III: Autonomie<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-schiele-linie-handschrift-sehen\/\">Kapitel IV: Schieles &#8222;Weiblicher Akt mit angezogenem linkem Knie&#8220;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-moderne-tradition-schiele-kandinsky\/\">Kapitel V: Modernit\u00e4t und Tradition in der Zeichenkunst um 1900<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/universalitaet-und-geschichtlichkeit-des-zeichnens.pdf\">Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 172 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 172 KB) Universalit\u00e4t und Geschichtlichkeit des Zeichnens &#8211; am Beispiel von Egon Schieles Weiblichem Akt mit angezogenem linkem Knie in: Linea. Vom Umriss zur Aktion. 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