{"id":573,"date":"2011-01-16T11:31:20","date_gmt":"2011-01-16T09:31:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=573"},"modified":"2011-01-16T11:31:20","modified_gmt":"2011-01-16T09:31:20","slug":"landschaftsmalerei-19-jahrhundert-fontainebleau-barbizon-symbolismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/landschaftsmalerei-19-jahrhundert-fontainebleau-barbizon-symbolismus\/","title":{"rendered":"Landschaftsmalerei 19. Jahrhundert Fontainebleau Barbizon Symbolismus"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/realismus-urspruenglichkeitssehnsucht.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.182 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht. Zur franz\u00f6sischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts<\/h2>\n<p><small><\/p>\n<p>in: Die Natur der Kunst. Begegnungen mit der Natur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Ausstellungskatalog Kunstmuseum Winterthur, hrsg. von Dieter Schwarz, D\u00fcsseldorf 2010, S. 29-47. <\/small><\/p>\n<h3>Kapitel III: Natur und Kultur<\/h3>\n<p>Die Autonomie einer Malerei, die in erster Linie ihre eigenen Prozesse vorf\u00fchrte, und die anspruchslose \u203aNat\u00fcrlichkeit\u2039 eines daliegenden Findlings, der diese Neubegr\u00fcndung der Malerei demonstrieren sollte, erweisen sich bei genauerem Hinsehen allerdings als Schein. Die <em>Natur<\/em>, die Rousseau &#8211; und die anderen Maler der K\u00fcnstlerkolonie von Barbizon, in der Ausstellung vertreten durch Narcisse-Virgile D\u00edaz de la Pe\u00f1a, Charles-Fran\u00e7ois Daubigny und Constant Troyon &#8211; ins Bild setzten, erh\u00e4lt eine <em>kulturelle<\/em> Bedeutung, sobald man sich verdeutlicht, dass die betreffenden Gem\u00e4lde einen Adressaten haben: das st\u00e4dtische gebildete B\u00fcrgertum insbesondere von Paris. Gerade am Wald von Fontainebleau, dem Sujet der Barbizon-Maler, zeigt sich die intensive Verflechtung von Stadt und Land, urbaner Kultur und l\u00e4ndlichem Raum. Die \u203aNat\u00fcrlichkeit\u2039 dieser Natur erweist sich als Konstrukt st\u00e4dtischer Subjekte. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Jahrhunderte der Valois- und Bourbonen-Herrschaft war der Wald von Fontainebleau das k\u00f6nigliche Jagdrevier gewesen. Nach der franz\u00f6sischen Revolution, an der Wende zum 19. Jahrhundert, beherbergte das weitl\u00e4ufige Gebiet neben gef\u00e4hrlichen Tieren &#8211; unter anderem zahllosen Vipern &#8211; eine schillernde Bev\u00f6lkerung an oder jenseits der Grenze des Gesetzes: Wilderer, Holzf\u00e4ller und K\u00f6hler, die h\u00e4ufig zu Wegelagerern wurden, wenn sich Reisende abseits der wenigen Wege verirrten. Das Gel\u00e4nde war weitgehend unerschlossen, es gab nur rudiment\u00e4re Karten, die lediglich die Hauptwege verzeichneten. <\/p>\n<p>Dies fiel einem ehemaligen Soldaten der napoleonischen Armee, Claude Fran\u00e7ois Denecourt, auf, der sich seit der Verbannung Napoleons mit Gelegenheitst\u00e4tigkeiten \u00fcber Wasser hielt und schlie\u00dflich als Cognac-H\u00e4ndler im St\u00e4dtchen Fontainebleau ein Auskommen fand. Sein Lebenswerk sollte die Erschlie\u00dfung des Waldes von Fontainebleau und dessen touristische Nutzbarmachung werden. Das Mittel dazu war eine neuartige Verbindung von st\u00e4dtischer Kultur und Natur: der Wanderweg, als dessen Erfinder Denecourt in Frankreich gilt. Seit den 1830er Jahren konzipierte er mehrere G\u00e4nge durch das Dickicht des Waldes, deren Verlauf er durch blaue, auf Baumst\u00e4mme gemalte Pfeile markierte. 1837 brachte er den ersten, in den Folgejahren rasch erweiterten Wanderf\u00fchrer heraus, der die Touristen, die das k\u00f6nigliche Schloss von Fontainebleau besuchten, davon \u00fcberzeugen sollte, den Gang ins Waldesinnere anzutreten. Voraussetzung daf\u00fcr war die erste detaillierte Karte des Waldes, die er drucken lie\u00df und auf der die unterschiedlichen Touren farbig eingezeichnet waren. Die nach L\u00e4nge und topografischer Schwierigkeit unterschiedenen Wege waren so angelegt, dass sie dem Besucher die verschiedenen Aspekte des Waldes zeigten. Auf Klettertouren \u00fcber felsige H\u00e4nge folgten bequeme Wege auf offenen Wiesen oder an B\u00e4chen entlang. In Analogie zur Besichtigung historischer Monumente war Denecourt darauf bedacht, die Wege durch \u203aSehensw\u00fcrdigkeiten\u2039 zu bereichern: eindrucksvolle B\u00e4ume, die er nach Schriftstellern oder K\u00f6nigen benannte und im Wanderf\u00fchrer erl\u00e4uterte, H\u00f6hlen, die er zug\u00e4nglich machte, besonders pittoreske Ausblicke usw. <\/p>\n<p>Denecourts Initiative zog eine rasch wachsende Gruppe von Enthusiasten an, zun\u00e4chst aus der romantisch gestimmten Boh\u00e8me und bald auch aus der Bourgeoisie. Neue Auflagen des Wanderf\u00fchrers adressierten die sich ausdifferenzierenden Besuchergruppen; es gab solche, die speziell f\u00fcr K\u00fcnstler gedacht waren und ihnen Ratschl\u00e4ge gaben, wo sich die besten Ausblicke boten, w\u00e4hrend andere besonders vermerkten, wo die Maler ihre Motive gefunden hatten. Die Erfolge der Barbizon-K\u00fcnstler und des Fontainebleau-Tourismus bef\u00f6rderten sich wechselseitig. <\/p>\n<p>Auch Rousseau und seine Kollegen wandelten auf Denecourts markierten Wegen, manche ihrer Motive lassen sich ihnen eindeutig zuordnen. Nach wiederholten Malkampagnen suchte sich Rousseau als erster der Gruppe 1847 im Bauerndorf Barbizon, das unmittelbar au\u00dferhalb des Waldes und praktischerweise an der Stra\u00dfe nach Paris gelegen war, eine H\u00fctte, um dauerhaft dort zu leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Denecourts touristisches Programm bereits etabliert und war das Dorf zur Anlaufstelle der Waldg\u00e4nger geworden. Als in den 1850er Jahren die Eisenbahnlinie Paris-Lyon-Marseille er\u00f6ffnet wurde, mit einer Haltestelle am \u00f6stlichen Rand des St\u00e4dtchens Fontainebleau, stieg die Zahl der Besucher sprunghaft an. Um 1860 ergossen sich &#8211; wenn den damaligen Zahlen zu glauben ist &#8211; j\u00e4hrlich einhunderttausend Touristen aus den Sonntagsz\u00fcgen, was einen beschleunigten Ausbau der Wege und der gastronomischen Angebote erforderte. Wer nur wenig Zeit hatte oder nicht wandern wollte oder konnte, buchte eine Kutschenfahrt, die an den wichtigsten \u203aSehensw\u00fcrdigkeiten\u2039 vorbeif\u00fchrte, oder lie\u00df sich direkt zu einem Aussichtsturm bringen, von dem aus der Wald zu \u00fcberblicken und bei klarer Sicht die Pariser Stadtkrone zu erkennen war. <\/p>\n<p>Denecourt, dessen T\u00e4tigkeit mit der Bef\u00f6rderung zum <em>conservateur-en-chef<\/em> des Waldes schlie\u00dflich eine offizielle Legitimation erfuhr, hatte es verstanden, den Wald von Fontainebleau zu einem st\u00e4dtischen Naherholungsgebiet zu machen. Sein Werk ist ein exemplarisches Projekt jenes 19. Jahrhunderts, das hier einleitend als Epoche der Objektivit\u00e4t und des positiven Wissens charakterisiert wurde. Ein kaum erschlossenes, weitgehend rechtsfreies Territorium wurde mit den Mitteln der Datensammlung, der Ingenieurskunst und der strategischen Topografie in Besitz genommen, klassifiziert und kartografisch erfasst. Zugleich wurde es, einmal geordnet, \u00f6konomisch nutzbar gemacht. Denn Denecourt, der das Bed\u00fcrfnis des modernen St\u00e4dters nach unterbrechender Abwechslung und \u203anat\u00fcrlicher\u2039 Heilung von urbaner Entkr\u00e4ftung erkannt hatte, fand einen Weg, dessen Befriedigung zu organisieren. Der Ausflug in jenen \u203aunber\u00fchrten\u2039 Wald von Fontainebleau, den die Maler von Barbizon inszenierten, versprach die Begegnung mit einer der Gegenwart enthobenen \u203aWildnis\u2039, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, tats\u00e4chlich die Orientierung zu verlieren oder vom R\u00fcckweg abgeschnitten zu werden. <\/p>\n<p>So bringt die fiktive Realit\u00e4t des Waldes von Fontainebleau jene eigent\u00fcmliche Verbindung von Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht, die die Landschaftsmalerei des franz\u00f6sischen 19. Jahrhunderts zwischen Rousseau und C\u00e9zanne auszeichnet, auf den Punkt. Zugleich zeigt die rasante, nur wenige Jahre in Anspruch nehmende Zivilisierung dieser Wildnis, wie prek\u00e4r, ja widerspr\u00fcchlich jene Verbindung war. Gegen Ende des Jahrhunderts floh Gauguin, nach einer Zwischenstation an der bretonischen K\u00fcste, in die S\u00fcdsee, um endlich dort ein unber\u00fchrtes \u203aParadies\u2039 zu finden &#8211; um nach seiner Ankunft in Tahiti festzustellen, dass ihm die Zivilisation auch hier zuvorgekommen war. Immer mehr lie\u00df sich die \u203aWildnis\u2039 nicht mehr im \u00e4u\u00dferen, sondern h\u00f6chstens noch im Inneren des Menschen finden, &#8222;im Sumpf in unserem Kopf und Bauch&#8220;, wie es Henry David Thoreau in seinem als Motto vorangestellten Tagebucheintrag formulierte. In den Landschaften des Symbolismus &#8211; in der Ausstellung in den Gem\u00e4lden Vincent van Goghs und F\u00e9lix Vallottons fassbar &#8211; deutet sich die Wende zur Exploration der \u203ainneren Wildnis\u2039 bereits an, im Surrealismus avancierte sie zum \u00e4sthetischen Programm. Damit aber endete jener Realismus, der die in diesem Essay behandelten Kunstwerke pr\u00e4gte. Zugleich lockerte sich die feste Koppelung des Themas \u203aNatur\u2039 an das Auffassungs- und Darstellungsparadigma der \u203aLandschaft\u2039 &#8211; eine Koppelung, die, bei aller Transformation der \u00e4lteren Gattungskonventionen, im 19. Jahrhundert unbefragt weiterbestanden hatte, fortan aber keineswegs mehr zwingend sein sollte. <\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/landschaftsmalerei-19-jahrhundert-frankreich-realismus\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/landschaftsmalerei-19-jahrhundert-rousseau-courbet-cezanne\/\">Kapitel I: Realismus<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/landschaftsmalerei-19-jahrhundert-autonomie-aesthetisierung-monet\/\">Kapitel II: Kunstautonomie<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/landschaftsmalerei-19-jahrhundert-fontainebleau-barbizon-symbolismus\/\">Kapitel III: Natur und Kultur<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/realismus-urspruenglichkeitssehnsucht.pdf\">Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.182 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.182 KB) Realismus und Urspr\u00fcnglichkeitssehnsucht. Zur franz\u00f6sischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts in: Die Natur der Kunst. Begegnungen mit der Natur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Ausstellungskatalog Kunstmuseum Winterthur, hrsg. von Dieter Schwarz, D\u00fcsseldorf 2010, S. 29-47. Kapitel III: Natur und Kultur Die Autonomie &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/landschaftsmalerei-19-jahrhundert-fontainebleau-barbizon-symbolismus\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLandschaftsmalerei 19. 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