{"id":525,"date":"2010-11-28T10:53:22","date_gmt":"2010-11-28T08:53:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=525"},"modified":"2010-11-28T10:53:22","modified_gmt":"2010-11-28T08:53:22","slug":"performance-theater-body-art-aktionskunst-happening","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/performance-theater-body-art-aktionskunst-happening\/","title":{"rendered":"Performance Theater Body-art Aktionskunst Happening"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/struktur-und-wirkung.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Struktur und Wirkung in der Performance-Kunst als Druckversion (PDF mit Fn. 11.2 MB)<\/a><\/font><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Struktur und Wirkung in der Performance-Kunst<\/h2>\n<p><small>in: Grenzen der Karthasis in den modernen K\u00fcnsten. Transformationen des aristotelischen Modells seit Bernays, Nietzsche und Freud, hrsg. von Martin V\u00f6hler und Dirck Linck, Berlin\/New York 2009, S. 199-230.<\/small><\/p>\n<h3> Kapitel IIa: Zwischen bildender Kunst und Theater<\/h3>\n<p>Die Performance-Kunst ist ein unscharf definiertes k\u00fcnstlerisches Genre. Weder \u00fcber den historischen Beginn besteht Einigkeit noch \u00fcber die Abgrenzung zu anderen k\u00fcnstlerischen Praktiken wie <em>Body Art<\/em>, Aktionskunst oder <em>Happening<\/em>. Gemeinsam war den in zeitlicher N\u00e4he zueinander entstandenen, zugleich aber heterogenen k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen eine Ausdrucksform, die den K\u00f6rper als Medium entdeckte und die Produktion von Kunstobjekten durch physisches, in raumzeitlicher Gegenwart sich vollziehendes Handeln ersetzte. Der K\u00f6rper des Performers wurde in seiner Materialit\u00e4t ausgestellt und erschien zugleich als symbolischer K\u00f6rper, an dem etwas sich vollzog, was auf identit\u00e4tspolitische oder gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse deuten konnte. Dabei war das Verh\u00e4ltnis zwischen der Persona des K\u00fcnstlers und seinem realen Selbst schwer zu bestimmen. Der reale und der symbolische K\u00f6rper ber\u00fchrten sich, indem die Aktionen nicht nur repr\u00e4sentiert wurden, sondern sich am konkreten K\u00f6rper vollzogen. Des weiteren wurde der Austausch zwischen K\u00fcnstler und Publikum auf eine g\u00e4nzlich neue Grundlage gestellt. Die meisten Performances verfolgten das doppelte Ziel, die Betrachter ausdr\u00fccklicher zu adressieren, als es in der fr\u00fcheren Kunst je geschehen war, um zugleich deren Erwartungen m\u00f6glichst konsequent zu durchkreuzen. Das gespaltene, zwischen Zuwendung und Aggression schwankende Verh\u00e4ltnis zum Publikum zeichnete selbst jene Performances aus, bei denen keine Zuschauer anwesend waren, da sie nur f\u00fcr die Kamera inszeniert wurden.<\/p>\n<p>Die Performance-Kunst ist eines der einschl\u00e4gigen Beispiele f\u00fcr die Entgrenzung der Gattungen, die sich nach ersten Manifestationen in den Avantgarden des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts in den 1960er Jahren so deutlich bemerkbar machte, da\u00df der Eindruck entstehen konnte, Neuerungen seien inzwischen kaum mehr innerhalb der einzelnen K\u00fcnste, sondern vor allem in ihren Mischformen m\u00f6glich. In der Performance-Kunst \u00fcberkreuzten sich vor allem das Theater und die bildende Kunst, wobei auch Tanz, Musik und Literatur einbezogen werden konnten. Mit der bildenden Kunst verband sie die Eigenart, da\u00df die Aktionen meistens von der Herstellung von Artefakten begleitet waren. Fast alle Performances wurden photografisch oder filmisch festgehalten und manche davon anschlie\u00dfend zu Bildcollagen oder Installationen weiterverarbeitet. Nicht selten entstanden auch Objekte, die hinterher ausgestellt wurden. Dazu geh\u00f6ren etwa die reliquienartigen \u00dcberbleibsel von Chris Burdens Performances, z. B. das auf einem kleinen schwarzen Sockel pr\u00e4sentierte Vorh\u00e4ngeschlo\u00df des Schlie\u00dffaches, in dem er im April 1971 f\u00fcnf Tage lang ausharrte. Vom herk\u00f6mmlichen Begriff der bildenden Kunst hingegen unterschied sich die Performance-Kunst durch die Eigenart, als Medium nicht Leinwand, Farbe oder Gips, sondern den K\u00f6rper einzusetzen, sowie weiterhin der ephemere Charakter der Aktionen, welcher der Kunst jene Warenform zu nehmen versuchte, zu der sie nach der Meinung der Performance-K\u00fcnstler herabgesunken war.<\/p>\n<p>Das Ereignishafte sowie die Publikumsorientierung der performativen Handlungen schlugen die Br\u00fccke zum Theater, insbesondere zu dessen experimentellen Formen bei Grotowski oder Artaud, die einige der Charakteristika der Performance-Kunst vorwegnahmen. Gleichwohl sind auch hier die Unterschiede un\u00fcbersehbar. In unserem Zusammenhang sind sie von besonderem Interesse, da sich das aristotelische Katharsis-Konzept auf das Theater (genauer: auf die Trag\u00f6die) bezieht. Im Unterschied zu klassischen Theaterst\u00fccken lag Performances jeweils kein Text zugrunde, der darin zur Auff\u00fchrung gekommen w\u00e4re. Dies verband sich mit der Eigenart, da\u00df es f\u00fcr die Zuschauer bei den wenigsten Performances darum ging, eine theatrale Handlung zu verstehen, ja, es meist \u00fcberhaupt keine nennenswerte Narration gab. Performances waren vielmehr strukturelle Anordnungen f\u00fcr sich darin ereignende Interaktionen. Aus diesem Grund trieben sie auch andere Ereignisformen und Umschlagpunkte hervor als ein Drama.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr sind die Aktionen von Chris Burden, der zu den bekanntesten Akteuren in der US-amerikanischen Performance-Szene geh\u00f6rte. In der Performance <em>Shoot<\/em>, die am 19. November 1971 stattfand, lie\u00df sich der K\u00fcnstler vor dem kleinen Publikum einer Produzentengalerie in Santa Ana\/Kalifornien von einem befreundeten Scharfsch\u00fctzen in den Arm schie\u00dfen. &#8222;Um 19:45 Uhr scho\u00df mir ein Freund in den linken Arm. Die Kugel war eine verkupferte <em>22 long rifle<\/em>. Mein Freund stand etwa 4,5 Meter von mir entfernt&#8220;, so lautet Burdens n\u00fcchterne Beschreibung der Performance. Danach begab sich der K\u00fcnstler in einen Nebenraum, um sich medizinisch betreuen zu lassen. Was das Publikum zu sehen bekam, war eine einzige sehr kurze Aktion, deren Pointe darin bestand, das Angek\u00fcndigte auch auszuf\u00fchren. Der Augenblick der Schu\u00dfabgabe desorganisierte die klare Relation von Faktum und Fiktion, die ein theatrales Geschehen strukturiert, indem als Ergebnis der k\u00fcnstlerischen Aktion die rohe Tats\u00e4chlichkeit einer blutenden Wunde zur\u00fcckblieb.<\/p>\n<p>Der extremen K\u00fcrze von <em>Shoot<\/em> stand in anderen Arbeiten Burdens eine zeitliche Dehnung gegen\u00fcber, die jedoch ebenfalls keinerlei narrative Dimension entfaltete. In <em>Bed piece<\/em>, durchgef\u00fchrt im Februar\/M\u00e4rz 1972, lag er 22 Tage lang auf einem Feldbett, das parallel zur R\u00fcckwand einer Galerie in Venice\/Kalifornien aufgestellt war. Zu Beginn der Performance zog er sich aus und legte sich hin, ohne weitere Anweisungen zu geben und ohne w\u00e4hrend der Performance-Dauer mit jemandem zu sprechen. Nur nachts, wenn die Galerie geschlossen war, erhob er sich zuweilen von seinem Bett. Burdens Nahrung bestand in dem, was ihm die Galerieangestellten aus eigenem Antrieb hinstellten, wobei sie es immer h\u00e4ufiger verga\u00dfen, da er f\u00fcr sie, wie er selbst sagte, zu einem Objekt geworden war. Nicht zuletzt wegen Burdens Schweigen klaffte zwischen Performer und Galeriebesuchern eine un\u00fcberwindliche Distanz, welche die Spiegelung des eigenen Ichs in demjenigen des K\u00fcnstlers verunm\u00f6glichte. Da\u00df jemand in einem Bett lag, war nichts ungew\u00f6hnliches, doch der Transfer dieser intimen Situation in eine Galerie f\u00fchrte dazu, da\u00df sich die Betrachter, wie Burden sich erinnerte, h\u00f6chstens auf f\u00fcnf Meter an das Bett herantrauten.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-theater-katharsis-aristoteles-psychoanalyse\/\">Kapitel I: Eine Kunst in ihrer Zeit<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-avantgarde-autonomie-subjekt-subversion\/\">Kapitel II: Performance als k\u00fcnstlerische Form<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Performance\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-theater-body-art-aktionskunst-happening\/\">Kapitel IIa: Zwischen bildender Kunst und Theater<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Pfeil Performance\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-chris-burden-shoot-bed-piece-handlung\/\">Kapitel IIb: Der Betrachterbezug von Performances<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-performer-theater-schauspieler-subjektivitaet\/\">Kapitel IIc: Performer versus Schauspieler<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-fiktion-ende-burden-abramovic-nauman\/\">Kapitel IId: Das Ende einer Performance<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-psychoanalyse-kritik-abramovic-acconci\/\">Kapitel III: Katharsis und Kritik<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/performance-kunst-leben-subjekt-medium\/\">Kapitel IV: Res\u00fcmee<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/struktur-und-wirkung.pdf\">Struktur und Wirkung in der Performance-Kunst als Druckversion (PDF mit Fn. 11.2 MB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Struktur und Wirkung in der Performance-Kunst als Druckversion (PDF mit Fn. 11.2 MB) Struktur und Wirkung in der Performance-Kunst in: Grenzen der Karthasis in den modernen K\u00fcnsten. 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