{"id":463,"date":"2009-08-10T13:50:32","date_gmt":"2009-08-10T11:50:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=463"},"modified":"2009-08-10T13:50:32","modified_gmt":"2009-08-10T11:50:32","slug":"warhol-tod-newman-rodtschenko-philosophy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/warhol-tod-newman-rodtschenko-philosophy\/","title":{"rendered":"Warhol Tod Newman Rodtschenko Philosophy"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-disaster-diptychen.pdf\"><span style=\"font-family: verdana; font-size: xx-small;\">Warhols Disaster-Diptychen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 519 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Warhols <em>Disaster-<\/em>Diptychen: Das Dementi als Bildform<\/h2>\n<p><small>in: Der dementierte Gegenstand. Artefaktskepsis der russischen Avantgarde zwischen Abstraktion und Dinglichkeit, hrsg. von Anke Hennig und Georg Witte (Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband Nr. 71), Wien\/M\u00fcnchen 2008, S. 475-507.<\/small><\/p>\n<h3>4. Das Dementi als Bildform<\/h3>\n<p>Warhols Investition in die Todesthematik war au\u00dfergew\u00f6hnlich. Doch statt seine Gef\u00fchle in die Bilder zu \u00fcbertragen, \u00fcbertrug er es an den Betrachter, sich zu seinem (Nicht-)Verh\u00e4ltnis zum Tod ins Verh\u00e4ltnis zu setzen. In den <em>Disaster<\/em>-Diptychen begegnet diesem ein mehrfaches Dementi, das vom Bild in Form gesetzt und somit als Vorgang sichtbar gehalten wird. Die bedruckten Bildtafeln, um mit ihnen zu beginnen, dementieren die Abbildfunktion, und zwar durch die serielle Wiederholung, die von der Unm\u00f6glichkeit zeugt, das Bild des Todes fixieren zu k\u00f6nnen, sowie durch die Eigenart der Drucke, aus ihrem Abbildstatus auszubrechen und selbst das zu tun, was sie zeigen, beispielsweise selbst zu verungl\u00fccken. Die leeren Bildtafeln wiederum dementieren die Zeigefunktion des Bildes. Bei ihnen handelt es sich eigentlich gar nicht um Bilder, sondern lediglich um grundierte Leinw\u00e4nde, also um die materielle Vorstufe eines Bildes, das nicht zustande kam und nur durch die Rahmung den Charakter eines Quasi-Bildes annahm. Warhols Monochrome schwanken zwischen Anfang und Ende eines Bildes. Im Zusammenhang von Diptychen, deren andere Bildtafeln jeweils zwar gegenst\u00e4ndlich sind, aber auf Pressefotografien basieren, erscheinen sie zugleich als Kommentare zur (Un-)M\u00f6glichkeit der Wirklichkeitsrepr\u00e4sentation in der Malerei. Diesbez\u00fcglich reihen sie sich in die Geschichte von malerischen Dementis ein, die sich auf die eigene Gattung beziehen, angefangen mit Aleksandr Rodcenkos <em>Reine Farbe Rot, reine Farbe Gelb, reine Farbe Blau<\/em> von 1921 &#8211; einem k\u00fcnstlerischen Manifest, das gegen den Illusionismus der traditionellen Malerei gerichtet war und eine neue Bildwirklichkeit jenseits der Repr\u00e4sentation begr\u00fcnden wollte. Auch Rodcenkos aus drei Einzeltafeln bestehendes Monochrom inszenierte sich als zugleich letztes und erstes Bild, allerdings in einer kulturrevolution\u00e4ren Perspektive, die Warhol fremd war.<\/p>\n<p>N\u00e4her lag, insbesondere f\u00fcr das amerikanische Publikum der 1960er Jahre, die Anspielung der <em>blanks<\/em> auf Barnett Newmans <em>color field painting<\/em>, nicht zuletzt wegen der jeweils stattlichen Formate, die das Studioformat von Rodcenkos Triptychon weit hinter sich lie\u00dfen. Newman verankerte seine neuartige Bildform in der philosophischen Traditionslinie des Erhabenen und bestimmte die Wirkung seiner Bilder als Befreiung und Selbstst\u00e4rkung des Betrachtersubjekts. Zu erreichen versuchte er dies \u00fcber die Farbe, die er gro\u00dffl\u00e4chig, unmoduliert und untexturiert auftrug und die er im Bild als selbstbez\u00fcgliches Quantum &#8222;erschaffen&#8220; wollte. Newman betonte, seine Bilder seien weder Abstraktionen der Wirklichkeit noch Darstellungen reiner Ideen, sondern &#8222;Verk\u00f6rperungen eines Gef\u00fchls&#8220;, das angesichts der Eigenrealit\u00e4t jedes einzelnen Bildes individuell zu erfahren sei.<\/p>\n<p>Keine dieser M\u00f6glichkeitsbestimmungen monochromer Malerei trifft diejenige Warhols, was insbesondere an dem Umstand liegt, dass er das Monochrom nicht zum autonomen Bild erkl\u00e4rte, sondern ausschlie\u00dflich als Komplement der fotografisch bedruckten und mit derselben Farbe grundierten Tafeln auftreten lie\u00df. Zwar haben die <em>blanks<\/em> mit Rodcenkos Monochromen gemeinsam, die jeweiligen Bildfl\u00e4chen nur mit einer einzigen Farbe auszuf\u00fcllen und auf diese Weise den Illusionismus des Bildes durch g\u00e4nzliche Vermeidung eines Figur-Grund-Kontrastes aufzuheben &#8211; im Unterschied zu Newman, bei dem dieser Kontrast entweder durch die vertikalen Linien der sogenannten <em>zips<\/em> oder durch die Konstellation mehrerer Farbfelder ansatzweise fortbesteht. Doch w\u00e4hrend Rodcenko das Bild im Konkreten der drei Prim\u00e4rfarben zu verankern versuchte, sind Warhols <em>blanks<\/em> Bilder in Latenz: zugrunde gegangene oder noch nicht erschienene gegenst\u00e4ndliche Bilder. Mit Newmans Farbfeldern wiederum haben Warhols leere Tafeln gemeinsam, &#8222;Verk\u00f6rperungen eines Gef\u00fchls&#8220; zu sein &#8211; was beide wiederum von Rodcenkos analytisch-kritischem Triptychon absetzt. Allerdings l\u00e4sst sich kaum ein sch\u00e4rferer Gegensatz denken als derjenige zwischen der Farbmacht von Newmans Gem\u00e4lden, deren Bildtitel, beispielsweise <em>Day One<\/em> oder <em>Be<\/em>, verdeutlichen, dass sie den Durchbruch zum Jetzt und zur F\u00fclle des Seins erm\u00f6glichen sollen, und Warhols entleerten Fl\u00e4chen, deren Farbe nicht f\u00fcr sich selbst steht, sondern diejenige der angrenzenden Todesbilder ist und damit, so Alain Jouffroy, das &#8222;Verbrechen einer Absenz&#8220; zeigten.<br \/>\nDas Dementi artikuliert sich also zun\u00e4chst in den beiden einzelnen Bildtafeln der Diptychen, links durch die wuchernde, potenziell endlose Wiederholung desselben Motivs, welche die M\u00f6glichkeit des einen gelingenden Bildes negiert, rechts durch die gegenl\u00e4ufige Zurschaustellung des fehlenden Bildes. Die beiden Dementis sind zugleich wechselseitig aufeinander bezogen, indem das unabl\u00e4ssige \u201aReden&#8216; der Siebdrucke durch das \u201aSchweigen&#8216; der <em>blanks<\/em> beantwortet wird, und umgekehrt. Auf eine h\u00f6chst theatralische Weise, welche die Theatralit\u00e4t der gezeigten Tode aufnimmt und steigert, inszenieren die riesigen, wandartigen <em>Disaster<\/em>-Diptychen die Unm\u00f6glichkeit, der Katastrophe des Todes zu einem angemessenen bildnerischen Ausdruck zu verhelfen. Weil kein Bild ihn zu erfassen vermag, wird es wiederholt, verschoben, verunstaltet (im Falle der Fotografien) oder verneint (im Falle der leeren Leinw\u00e4nde). Die psychische Dynamik, die sich darin abzeichnet, kann mit Worten Jacques Lacans umrissen werden:<\/p>\n<p>&#8222;Wiederholen&#8220;, schreibt Lacan in den <em>Vier Grundprinzipien der Psychoanalyse<\/em>, &#8222;ist Wiederholen einer Entt\u00e4uschung, und zwar der Erfahrung als entt\u00e4uschende. Wiederholen steht im Zusammenhang mit einem Realen, das das Subjekt notwendig verfehlen muss, was sich aber gerade in diesem Verfehlen enth\u00fcllt.&#8220;<\/p>\n<p>Warhol selbst widmet dem Tod in der ansonsten redseligen <em>Philosophie des Andy Warhol<\/em> gerade einmal zwei kurze Passagen. Deren zweite reiht lauter Negationen aneinander und wiederholt somit jenes Verfehlen des Realen, das die Bilder durchzieht, auf der Ebene der Sprache: &#8222;Ich glaube nicht daran, weil man dann nicht mehr da ist und gar nicht mehr mitbekommt, dass es passiert ist. Ich kann gar nichts zum Thema sagen, weil ich darauf nicht vorbereitet bin.&#8220;<\/p>\n<p>Das <em>Subjekt<\/em> &#8211; so k\u00f6nnte man diese verschiedenen Ebenen aufeinander beziehen &#8211; <em>kennt<\/em> den Tod nicht, weil es f\u00fcr dessen Erkenntnis entweder zu fr\u00fch oder zu sp\u00e4t kommt. Das <em>Bild<\/em> wiederum <em>zeigt<\/em> den Tod nicht, weil dieser eine strikt subjektive Erfahrung bleibt, die nicht nach au\u00dfen, in die Sichtbarkeit, treten kann. Dass der Tod nie Teil des Bildes wird, sondern vielmehr jenen Riss bedeutet, der das Bild und den Referenten auseinanderrei\u00dft: das enth\u00fcllen Warhols Diptychen am (fotografischen) Bild.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-disaster-diptychon-gegenstaendlichkeit-ungegenstaendlichkeit\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-todesserie-electric-chair-car-crash\/\">1. Death in America<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-pressefotografie-siebdruck-serialitaet\/\">2. Von der Faktografie zur Faktur<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-leere-leinwand-figur-grund-monochromie\/\">3. Blanks<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Warhol Disaster-Diptychon \" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-tod-newman-rodtschenko-philosophy\/\">4. Das Dementi als Bildform<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-disaster-diptychen.pdf\">Warhols Disaster-Diptychen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 519 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warhols Disaster-Diptychen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 519 KB) Warhols Disaster-Diptychen: Das Dementi als Bildform in: Der dementierte Gegenstand. Artefaktskepsis der russischen Avantgarde zwischen Abstraktion und Dinglichkeit, hrsg. von Anke Hennig und Georg Witte (Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband Nr. 71), Wien\/M\u00fcnchen 2008, S. 475-507. 4. 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