{"id":461,"date":"2009-08-10T13:47:33","date_gmt":"2009-08-10T11:47:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=461"},"modified":"2009-08-10T13:47:33","modified_gmt":"2009-08-10T11:47:33","slug":"warhol-leere-leinwand-figur-grund-monochromie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/warhol-leere-leinwand-figur-grund-monochromie\/","title":{"rendered":"Warhol Leere Leinwand Figur Grund Monochromie"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-disaster-diptychen.pdf\"><span style=\"font-family: verdana; font-size: xx-small;\">Warhols Disaster-Diptychen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 519 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Warhols <em>Disaster-<\/em>Diptychen: Das Dementi als Bildform<\/h2>\n<p><small>in: Der dementierte Gegenstand. Artefaktskepsis der russischen Avantgarde zwischen Abstraktion und Dinglichkeit, hrsg. von Anke Hennig und Georg Witte (Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband Nr. 71), Wien\/M\u00fcnchen 2008, S. 475-507.<\/small><\/p>\n<h3>3. Blanks<\/h3>\n<p>Die leeren Bildtafeln, auf die ich nun zu sprechen komme, stellen gewisserma\u00dfen die Auslagerung und Verselbst\u00e4ndigung jener offen gebliebenen Leinwandpartie in <em>White Disaster I<\/em> dar. Warhol bezeichnete sie als &#8222;blanks&#8220; &#8211; wie <em>screen<\/em> ein mehrdeutiges Wort. Es meint nicht nur <em>leer<\/em> und <em>unbeschrieben<\/em>, sondern auch <em>ausdruckslos<\/em>; auch an die Wortverbindung <em>mental blank &#8211; Erinnerungsl\u00fccke<\/em>, sei in diesem Zusammenhang erinnert. Die Genese der leeren Leinw\u00e4nde hat bei Warhol nichts mit einer k\u00fcnstlerischen Entwicklung zur Ungegenst\u00e4ndlichkeit zu tun, sondern d\u00fcrfte sich aus der technischen Herstellungsweise der Siebdruckbilder erkl\u00e4ren. Warhol begann jeweils mit dem Ausrollen der Leinwand auf dem Boden, grundierte sie farbig und bedeckte sie schlie\u00dflich mit den schwarz gedruckten fotografischen Motiven. All dies spielte sich vor dem Zuschneiden und Aufspannen der Leinw\u00e4nde ab. Bereits die innerbildliche Serialit\u00e4t, also das mehrfache Zeigen desselben Motivs auf einer einzigen Leinwand, d\u00fcrfte der Entscheidung geschuldet sein, die bedruckte Leinwand nicht wie geplant zu zerteilen, sondern als ein einziges Bild zu belassen. Auf diese Weise entstand aus einem Produktionsprinzip ein Formprinzip. Dasselbe gilt nun, wie ich vermute, auch f\u00fcr die leeren Leinw\u00e4nde, mit dem Unterschied, dass der Herstellungsvorgang hier noch fr\u00fcher abgebrochen wurde. Die <em>blanks<\/em> sind nicht zu Ende produzierte Bilder, Leerstellen im Tafelbildformat, Grund ohne Figur.<\/p>\n<p>Warhols bildnerisches Vorgehen &#8211; das in den Diptychen besonders anschaulich wird, da sie gleichsam zwei Produktionsstufen desselben Bildes zeigen &#8211; radikalisiert die Figur-Grund-Problematik, welche die moderne Malerei sp\u00e4testens seit C\u00e9zanne und dem Kubismus pr\u00e4gte. Mit Radikalisierung ist gemeint, dass Figur und Grund hier als distinkte, ja autonome Bildkomponenten vorgef\u00fchrt werden, die erst auf der Oberfl\u00e4che des Bildes zueinander kommen, indem sie buchst\u00e4blich \u00fcbereinander gelegt werden. Damit kommt eine dritte Wortbedeutung von <em>screen<\/em> ins Spiel: die Projektionsleinwand. In Warhols <em>screen prints<\/em> entstehen Figur und Grund nicht im Zuge desselben bildnerischen Prozesses, so wie es in der klassischen Malerei der Fall ist. Vielmehr stellt Warhol zun\u00e4chst den Grund als einen materiellen Tr\u00e4ger her, auf den die Figur &#8211; d. h. die Drucke &#8211; in einem zweiten Schritt gleichsam projiziert werden.<\/p>\n<p>Als distinkte Komponenten erscheinen Figur und Grund aber auch deshalb, weil die bunten, heiteren Farbgr\u00fcnde ein strikt heterogenes Moment ins Bild bringen. Warhols Farben begleiten das Dargestellte nicht wie Filmmusik, die das visuelle Geschehen passend und effektsteigernd umspielt. Zwischen den Bilderbuchfarben und den gezeigten Katastrophen klafft vielmehr eine L\u00fccke, und beides st\u00f6\u00dft sich gegenseitig ab.<\/p>\n<p>Obwohl Figur und Grund (bzw. Motiv und Farbe) in produktionstechnischer wie auch in \u00e4sthetischer Hinsicht distinkte, ja heterogene Bildbestandteile sind, treten sie aufgrund von Warhols Siebdruckverfahren in eine intensive Wechselbeziehung. Das liegt insbesondere an der forcierten Aufrasterung der Fotografien, die dazu f\u00fchrt, dass die Motive von der Grundierungsfarbe regelrecht impr\u00e4gniert werden. Wenn Warhol seine Bilder <em>Blue Electric Chair<\/em> oder <em>Green Car Crash<\/em> nennt, ist das jeweils ganz w\u00f6rtlich zu verstehen: Alles im Bild wird blau oder gr\u00fcn. So ist beispielsweise die R\u00fcckenlehne des elektrischen Stuhls genau so strahlend blau wie die Bildtafel rechts. Denn da die \u00dcbersteuerung des Bildkontrasts, die zur Eliminierung der Zwischent\u00f6ne f\u00fchren sollte, an dieser Stelle des Drucksiebs nur eine leere, lediglich durch die Au\u00dfenkontur bestimmte Fl\u00e4che erzeugte, kommt die Grundierungsfarbe hier ungebrochen zum Vorschein. Auf diese Weise gewinnt Warhol die M\u00f6glichkeit, allein durch das Kombinieren des Siebs mit verschiedenfarbigen Leinw\u00e4nden verschiedene Varianten desselben Gegenstandes zu erzeugen. Eine blaue Leinwand, obschon lediglich die Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr das Druckmotiv, erzeugt einen blauen elektrischen Stuhl, eine rote Leinwand einen roten, usw. Auf diese Weise gelingt Warhol das Paradox invarianter Varianten. Dieses Paradox der <em>Todesbilder<\/em>, immer gleich und immer anders zu sein, f\u00fchrt uns zu Peggy Phelans Unterscheidung von &#8222;performance&#8220; und &#8222;performativity&#8220; zur\u00fcck: zum problematischen Verh\u00e4ltnis zwischen dem irreduzibel singul\u00e4ren Sterben und der Allgemeinheit des Todes, das sie in Warhols Bildern verk\u00f6rpert sieht.<\/p>\n<p>Das gegenstrebige Verschmelzen und Auseinanderfallen von Figur und Grund f\u00fchrt nun bei den <em>blanks<\/em> dazu, dass das Motiv, obschon es dort gerade nicht erscheint, in ihnen gleichwohl nachhallt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dieses habe sich darin aufgel\u00f6st wie ein Eisw\u00fcrfel im Wasser. So erscheinen die <em>blanks<\/em> als Aufhebung des Bildes. Es geht darin zu Grunde und bleibt in diesem Grund zugleich aufbewahrt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-disaster-diptychon-gegenstaendlichkeit-ungegenstaendlichkeit\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-todesserie-electric-chair-car-crash\/\">1. Death in America<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-pressefotografie-siebdruck-serialitaet\/\">2. Von der Faktografie zur Faktur<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Warhol Disaster-Diptychon \" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-leere-leinwand-figur-grund-monochromie\/\">3. Blanks<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Pfeil Warhol Disaster-Diptychon \" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/warhol-tod-newman-rodtschenko-philosophy\/\">4. Das Dementi als Bildform<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-disaster-diptychen.pdf\">Warhols Disaster-Diptychen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 519 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warhols Disaster-Diptychen als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 519 KB) Warhols Disaster-Diptychen: Das Dementi als Bildform in: Der dementierte Gegenstand. 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