{"id":420,"date":"2009-06-07T10:02:04","date_gmt":"2009-06-07T08:02:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=420"},"modified":"2009-06-07T10:02:04","modified_gmt":"2009-06-07T08:02:04","slug":"manet-psychoanalyse-muzan-alter-ego","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/manet-psychoanalyse-muzan-alter-ego\/","title":{"rendered":"Manet Psychoanalyse M\u2019Uzan Alter ego"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/manet-velazquez.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Manets Reise zu Vel\u00e1zquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Manets Reise zu Vel\u00e1zquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie<\/h2>\n<p><small>in: Umwege. \u00c4sthetik und Poetik exzentrischer Reisen, hrsg. von Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wi\u00dfmann und Volker Woltersdorff, Bielefeld 2008, S. 119-158.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel V: Vel\u00e1zquez als \u201ainnere Figur&#8216;, Teil 2<\/h3>\n<p>Die Durchsicht dieser Bildzeugnisse f\u00fchrt vor Augen, welch komplexe Rolle Vel\u00e1zquez f\u00fcr Manet spielte. Diese Rolle wird durch den Hinweis auf stilistische \u00dcbereinstimmungen, beispielsweise auf beider \u201aRealismus&#8216; oder \u201aPr\u00e4impressionismus&#8216;, nicht ersch\u00f6pft. Weiterf\u00fchrend sind hier Ans\u00e4tze, die im Rahmen der Psychologie k\u00fcnstlerischer Produktivit\u00e4t entwickelt wurden. Insbesondere scheinen mir Thesen, die der Psychoanalytiker Michel de M&#8217;Uzan zur Natur des k\u00fcnstlerischen Schaffensprozesses entwickelte, einschl\u00e4gig zu sein, sowohl hinsichtlich des Charakters der Beziehung zwischen Manet und Vel\u00e1zquez als auch hinsichtlich der Gr\u00fcnde, diese Beziehung aufzubauen.<\/p>\n<p>Den Ausgangspunkt von M&#8217;Uzans Argument bildet die blockierte Kommunikation zwischen K\u00fcnstler und Publikum. M&#8217;Uzans Beschreibung einer solchen Situation erlaubt es, Manets Dilemma zu erfassen, als sein chef-d&#8217;\u0153uvre der <em>Olympia<\/em> im Salon von 1865 auf einhelliges Mi\u00dffallen stie\u00df. Sich auszudr\u00fccken, ohne zu gefallen, so M&#8217;Uzan, werfe den K\u00fcnstler auf seine Einsamkeit und Ohnmacht zur\u00fcck; sie verweise ihn, wie der Psychoanalytiker formuliert, auf seine Kastration. Doch in einer solchen Situation dem Publikumsgeschmack nachzugeben, biete hier keine Abhilfe. Denn zu gefallen, ohne sich auszudr\u00fccken, also auf die eigene Wahrheit zugunsten einer unmittelbaren narzi\u00dftischen Befriedigung zu verzichten, l\u00f6se eine narzi\u00dftische Kr\u00e4nkung aus, die tiefer gehe, da sie an die Wurzeln der eigenen Person r\u00fchre.<\/p>\n<p>F\u00fcr M&#8217;Uzan h\u00e4ngt in einer solchen Situation alles davon ab, ob es dem K\u00fcnstler gelingt, einen Weg aus dieser unm\u00f6glichen Alternative zu finden. Die L\u00f6sung bestehe darin, sich eine \u201ainnere Figur&#8216; aufzubauen, die anstelle des unverst\u00e4ndigen Publikums zum Adressaten des eigenen k\u00fcnstlerischen Tuns werde. Manets Aufbruch nach Madrid scheint mir genau so motiviert gewesen zu sein: der Wahl zwischen \u201aPublikum&#8216; oder \u201aWahrheit&#8216; auszuweichen und stattdessen \u201ama\u00eetre Vel\u00e1zquez&#8216; als jene \u201ainnere Figur&#8216; zu installieren, an die sich die eigene Malerei richtete. Der K\u00fcnstler arbeite, so f\u00fchrt M&#8217;Uzan zum Charakter einer solchen \u201ainneren Figur&#8216; aus, immer im Hinblick auf jemanden, f\u00fcr oder gegen einen anderen, der auch v\u00f6llig still bleiben k\u00f6nne, dessen unausgesprochene Meinung aber von h\u00f6chster Wichtigkeit sei. Wenn eine solche Person in der Wirklichkeit nicht vorstellbar sei, habe dies jene \u201ainnere Figur&#8216; zu leisten, \u00fcber die das Zusammenspiel der gegens\u00e4tzlichen Strebungen m\u00f6glich sei:<\/p>\n<p>&#8222;Dieser [\u2026] Andere, dem man gewisserma\u00dfen schon im Augenblick der Konzeption das Werk widmet, f\u00e4llt keineswegs mit dem realen Publikum zusammen, dem sich das fertige Werk grunds\u00e4tzlich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter stellen mu\u00df. Aber er ist auch nicht der wirkliche Vater, obwohl er von einem introjizierten Elternbild notwendigerweise abstammt, denn die Eltern sind im Normalfall das erste Publikum, sozusagen die ersten Adressaten des Kindes. [\u2026] Der Autor hat also in sich ein gutes Objekt errichtet, auf das er in aller Sicherheit seine Triebe richten kann, denn er riskiert dabei nicht, die Figur zu zerst\u00f6ren noch sich ihre Repressalien zuzuziehen. Er ist der Vater dieses anderen, der gewi\u00df aus Eigenschaften entsteht, die zuerst auf den realen Vater projiziert werden, und der, f\u00fcr das Entstehen des Werks notwendig, symbolisch die Rolle des Erzeugers spielt. Das Werk ist das Kind, das man ihm verdankt, das man ihm zueignet und das gleichzeitig dazu dient, ihm zu zeigen, wozu man f\u00e4hig ist, w\u00e4hrend man ihm die bedingungslose Best\u00e4tigung abverlangt, die im voraus die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Arbeit garantiert. [\u2026] In dieser Hinsicht \u00fcbernimmt sie [die innere Figur, M.L.] die Rolle des Mittlers [\u2026] mit allem, was das an Gef\u00fchlen der Verehrung und Rivalit\u00e4t einschlie\u00dft. Aber in einem letzten Paradox macht das best\u00e4ndige Wechselspiel der Projektionen und Identifizierungen aus ihr auch das <em>alter ego<\/em> des Autors, der auf diesem Umweg seine narzi\u00dftische Integrit\u00e4t wiederherzustellen sucht.&#8220;<\/p>\n<p>\u201aAlter ego&#8216;, \u201aMittler&#8216;, \u201aVater&#8216; und \u201aRivale&#8216;: M&#8217;Uzans Beschreibung versammelt genau diejenigen Rollen, die Vel\u00e1zquez bei Manet \u00fcbernahm, und die Manet, vor dessen Werken im Prado stehend, \u00fcberpr\u00fcfte und best\u00e4tigte. Die Gewichtungen wechseln dabei von Bild zu Bild. <em>Le fifre<\/em>, in der Auseinandersetzung mit Vel\u00e1zquez&#8216; <em>Pablo de Valladolid<\/em> entstanden, ist &#8211; wie in Anlehnung an M&#8217;Uzan formuliert werden kann &#8211; jenes \u201aKind das man dem Meister verdankt&#8216;, das ihm gleichzeitig zeigen soll, \u201awozu man f\u00e4hig ist&#8216;. Im <em>Portrait d&#8217;Emile Zola<\/em> spielt Vel\u00e1zquez hingegen eher die Rolle des \u201aMittlers&#8216;, der es Manet erlaubte, sein eigenes k\u00fcnstlerisches Vorgehen zu rechtfertigen, w\u00e4hrend er schlie\u00dflich im <em>Autoportrait<\/em> als Manets \u201aalter ego&#8216; auftritt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-velazquez-krise-spanien-reise\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-paris-zweites-kaiserreich-napoleon-eugenie\/\">Kapitel I: Spanien in Paris<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-salon-gautier-olympia-goya\/\">Kapitel II: Der Z\u00f6gling Goyas<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-prado-velazquez-goya-balkon\/\">Kapitel III: Ma\u00eetre Vel\u00e1zquez<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/auguste-manet-leon-suzanne-leenhoff-koella\/\">Kapitel IV: Legitimit\u00e4t, Vaterschaft und Tradition, Teil 1<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/autonomie-academie-salon-velazquez-tradition\/\">Kapitel IV: Legitimit\u00e4t, Vaterschaft und Tradition, Teil 2<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-pfeiffer-zola-velazquez-meninas-selbstportrait\/\">Kapitel V: Vel\u00e1zquez als \u201ainnere Figur&#8216;, Teil 1<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-psychoanalyse-muzan-alter-ego\/\">Kapitel V: Vel\u00e1zquez als \u201ainnere Figur&#8216;, Teil 2<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-kunstgeschichte-tradition-moderne-impressionismus\/\">Kapitel VI: Tradition und\/oder Modernit\u00e4t<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/manet-velazquez.pdf\">Manets Reise zu Vel\u00e1zquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manets Reise zu Vel\u00e1zquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB) Manets Reise zu Vel\u00e1zquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie in: Umwege. \u00c4sthetik und Poetik exzentrischer Reisen, hrsg. von Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wi\u00dfmann und Volker Woltersdorff, Bielefeld 2008, S. 119-158. 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