{"id":412,"date":"2009-06-07T09:51:47","date_gmt":"2009-06-07T07:51:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=412"},"modified":"2009-06-07T09:51:47","modified_gmt":"2009-06-07T07:51:47","slug":"auguste-manet-leon-suzanne-leenhoff-koella","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/auguste-manet-leon-suzanne-leenhoff-koella\/","title":{"rendered":"Auguste Manet L\u00e9on Suzanne Leenhoff Ko\u00eblla"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/manet-velazquez.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Manets Reise zu Vel\u00e1zquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Manets Reise zu Vel\u00e1zquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie<\/h2>\n<p><small>in: Umwege. \u00c4sthetik und Poetik exzentrischer Reisen, hrsg. von Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wi\u00dfmann und Volker Woltersdorff, Bielefeld 2008, S. 119-158.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel IV: Legitimit\u00e4t, Vaterschaft und Tradition, Teil 1<\/h3>\n<p>Manets Reisemotive h\u00e4ngen, so die zu erl\u00e4uternde These, mit einem Legitimit\u00e4tsproblem zusammen, das sich in zwei unterschiedlichen Bereichen abzeichnete: einerseits in Manets Familie, andererseits in der eigenen k\u00fcnstlerischen Praxis. In beiden Bereichen zeigt es sich als unsichere genealogische Verankerung, als ungewisse Vater- und Sohnesschaft; und in beiden Bereichen war es die erste H\u00e4lfte der 1860er Jahre, in der sich die Krise und deren Bew\u00e4ltigung ereigneten.<\/p>\n<p>Wenden wir uns zun\u00e4chst der famili\u00e4ren Situation zu. Auf zahlreichen von Manets Gem\u00e4lden begegnen wir einem Jungen &#8211; sp\u00e4ter einem jungen Mann -, dessen b\u00fcrgerlicher Name L\u00e9on-\u00c9douard Ko\u00eblla lautete und der gem\u00e4\u00df Geburtsurkunde der Sohn von Suzanne Leenhoff und einem unbekannten Holl\u00e4nder namens Ko\u00eblla war. Suzanne Leenhoff war um die Jahreswende 1849\/50 ins Hause Auguste Manets, des Vaters des K\u00fcnstlers, gekommen, um den S\u00f6hnen Klavierunterricht zu erteilen. 1852 gebar sie den erw\u00e4hnten Sohn, dessen leiblicher Vater bis heute nicht feststeht. In der Gesellschaft wurde er als Suzannes j\u00fcngerer Bruder ausgegeben, bei der sp\u00e4ten Taufe 1855 wurde Manet sein Pate. Nach Auguste Manets Tod heirateten Suzanne und \u00c9douard. Daraus wurde geschlossen, L\u00e9on sei deren gemeinsamer Sohn. Doch es gibt mehrere Indizien, die gegen \u00c9douards Vaterschaft sprechen. Das wichtigste d\u00fcrfte sein, da\u00df er L\u00e9on nie als Sohn legitimierte. Von Nancy Locke wurde statt dessen die Vermutung ins Spiel gebracht, Manets Vater Auguste sei L\u00e9ons leiblicher Vater gewesen. In diesem Falle w\u00e4re jener nicht \u00c9douards Sohn, sondern Halbbruder gewesen. Auch wenn dies nicht zu beweisen sein d\u00fcrfte, bleibt an den vorliegenden Dokumenten doch auff\u00e4llig, da\u00df gerade die engsten Familienfreunde den R\u00e4tselcharakter von L\u00e9ons Abstammung betonten, ja L\u00e9on selbst davon sprach, er habe dieses &#8222;secret de famille&#8220; nie aufdecken k\u00f6nnen. Dies erzeugt den Eindruck eines R\u00e4tsels, das nicht gel\u00f6st werden <em>durfte<\/em>. W\u00e4hrend die Vaterschaft des ledigen Kunststudenten \u00c9douard kein allzu gro\u00dfes moralisches und juristisches Problem gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte Augustes Vaterschaft unter allen Umst\u00e4nden geheim bleiben m\u00fcssen, nicht zuletzt weil er als Richter \u00fcber genau solche Familienangelegenheiten schwere Sanktionen zu gew\u00e4rtigen gehabt h\u00e4tte. Da sichere Informationen dar\u00fcber fehlen, ob und ab wann \u00c9douard und Suzanne ein Liebespaar waren, ergeben sich, sofern die Vermutung von Augustes Vaterschaft zutreffen sollte, mehrere in unterschiedlicher Weise problematische Konstellationen. Entweder war Suzanne die Geliebte des Vaters und des Sohnes, und \u00c9douard f\u00fchlte sich verpflichtet, f\u00fcr den Sohn (auch) seiner Geliebten zu sorgen; oder Manet \u201aerbte&#8216; als erstgeborener Sohn nach dem Tod des Vaters nicht nur betr\u00e4chtliche Verm\u00f6gensteile, sondern auch dessen Geliebte sowie den mit ihr gezeugten Sohn. In beiden F\u00e4llen h\u00e4tte Manet das v\u00e4terliche Unrecht gedeckt, auch \u00fcber dessen Tod hinaus.<\/p>\n<p>Dieses \u00f6dipale Drama, sollte es sich tats\u00e4chlich ereignet haben, h\u00e4tte sich einer ohnehin schwierigen Vater-Sohn-Beziehung eingef\u00fcgt. Auguste Manet, Magistrat der Restaurationszeit, exemplarischer \u201ahaut bourgeois&#8216; und autorit\u00e4rer \u201ap\u00e8re de famille&#8216;, war vor allem anderen besorgt, das Ansehen des Familiennamens und des Berufsstandes, dem schon seine Vorfahren angeh\u00f6rten, zu wahren. Infolgedessen versuchte er mit allen Mitteln, dem \u00e4ltesten Sohn seine Neigungen zum K\u00fcnstlerischen auszureden. Er sollte die juristische Laufbahn einschlagen, und als dies unm\u00f6glich schien, in der Marine untergebracht werden. Da Manet jedoch die jeweiligen Examen nicht bestand oder gar nicht ablegte, blieb Auguste nichts anderes \u00fcbrig, als in die Malerausbildung einzuwilligen. 1857, ein Jahr nachdem Manet seine Lehrzeit beendet und den Weg des selbst\u00e4ndigen Malers angetreten hatte, erkrankte Auguste so schwer, da\u00df er sein Amt niederlegen mu\u00dfte, da er aufgrund von L\u00e4hmungserscheinungen nicht mehr sprechen und schreiben konnte. Das ohnehin schwierige Gespr\u00e4ch zwischen Vater und Sohn brach ab. Ein eindr\u00fcckliches Dokument dieses Verstummens hinterlie\u00df Manet im <em>Portrait de M. et Mme Manet<\/em>. Gerade weil die Figuren in Manets Bildern meistens direkt aus dem Bild blicken, f\u00e4llt hier auf, da\u00df Auguste, obwohl er nahe und fast frontal an den vorderen Bildrand ger\u00fcckt wurde, nicht zum Betrachter &#8211; bzw. zum portr\u00e4tierenden Sohn &#8211; schaut, sondern mit einem Gesichtsausdruck vor sich hinstarrt, in dem sich Wut, Anstrengung und Trauer gleicherma\u00dfen abzeichnen. 1861, ein Jahr vor Augustes Tod, pr\u00e4sentierte sich Manet mit diesem Bild in dem ersten Salon, dessen Jury ihn zulie\u00df. Daneben hing sein <em>Chanteur espagnol<\/em>, der vom Publikum als Beginn einer erfolgreichen Malerlaufbahn gepriesen wurde.<\/p>\n<p>Ein Jahr nach dem Tod des Vaters wurde die causa L\u00e9on Leenhoff innerlich und \u00e4u\u00dferlich abgeschlossen: 1863 heiratete Manet Suzanne Leenhoff, sie bezogen eine gemeinsame Wohnung, und Manet sorgte f\u00fcr L\u00e9on wie f\u00fcr seinen eigenen Sohn. Sp\u00e4ter bestimmte er ihn testamentarisch als denjenigen, der nach seinem und Suzannes Tod die gesamte Hinterlassenschaft erben sollte.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-velazquez-krise-spanien-reise\/\">Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-paris-zweites-kaiserreich-napoleon-eugenie\/\">Kapitel I: Spanien in Paris<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-salon-gautier-olympia-goya\/\">Kapitel II: Der Z\u00f6gling Goyas<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-prado-velazquez-goya-balkon\/\">Kapitel III: Ma\u00eetre Vel\u00e1zquez<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/auguste-manet-leon-suzanne-leenhoff-koella\/\">Kapitel IV: Legitimit\u00e4t, Vaterschaft und Tradition, Teil 1<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Manet Velazquez\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/autonomie-academie-salon-velazquez-tradition\/\">Kapitel IV: Legitimit\u00e4t, Vaterschaft und Tradition, Teil 2<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-pfeiffer-zola-velazquez-meninas-selbstportrait\/\">Kapitel V: Vel\u00e1zquez als \u201ainnere Figur&#8216;, Teil 1<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-psychoanalyse-muzan-alter-ego\/\">Kapitel V: Vel\u00e1zquez als \u201ainnere Figur&#8216;, Teil 2<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-kunstgeschichte-tradition-moderne-impressionismus\/\">Kapitel VI: Tradition und\/oder Modernit\u00e4t<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/manet-velazquez.pdf\">Manets Reise zu Vel\u00e1zquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manets Reise zu Vel\u00e1zquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB) Manets Reise zu Vel\u00e1zquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie in: Umwege. \u00c4sthetik und Poetik exzentrischer Reisen, hrsg. von Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wi\u00dfmann und Volker Woltersdorff, Bielefeld 2008, S. 119-158. 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