{"id":373,"date":"2009-04-01T08:29:19","date_gmt":"2009-04-01T06:29:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=373"},"modified":"2009-04-01T08:29:19","modified_gmt":"2009-04-01T06:29:19","slug":"zola-manet-kunsttheorie-temperament-naturalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/zola-manet-kunsttheorie-temperament-naturalismus\/","title":{"rendered":"Zola Manet Kunsttheorie Temperament Naturalismus"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/manet-zola.pdf\"><span style=\"font-size: xx-small; font-family: arial;\">Manet Zola als Druckversion (PDF mit Abb. 635 KB) <\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Das Fleisch des Malers. Manet malt Zola, Zola schreibt \u00fcber Manet<\/h2>\n<p><small>in: Magazin der Basler Zeitung, Nr. 13, 3.4.1999, S. 6-7.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II: Zolas Kunstauffassung \u2026<\/h3>\n<p>Zum H\u00f6hepunkt kommt die Allianz der beiden im Jahr 1868. Manet stellt im Salon das Bildnis Zolas aus, Zola wiederum widmet Manet die Buchausgabe seines dritten Romans, &#8222;Madeleine F\u00e9rat&#8220;. Die \u00dcbereinstimmung scheint perfekt. Nicht Zola, sondern h\u00f6here M\u00e4chte haben sie zusammengef\u00fchrt. Es sei die Masse, die seine Freundschaft f\u00fcr Manet gewollt h\u00e4tte, schreibt Zola in seiner Widmung.<\/p>\n<p>Doch die Freundschaft ist asymmetrisch. So emphatisch Zola sie beschw\u00f6rt, so verhalten reagiert Manet. Auch wenn ihn Zolas F\u00fcrsprache inmitten der hagelnden Kritik tr\u00f6stet, wird er sich in dessen Beschreibungen nur bedingt wiedergefunden haben. Neben den Briefen, die seine Zur\u00fcckhaltung durch ihre K\u00fcrze und ihre allgemeinen Formulierungen bezeugen, ist das Bildnis Zolas der wichtigste Hinweis darauf. Im Grunde widerlegt es Zolas Kunst- und Manet-Verst\u00e4ndnis Punkt f\u00fcr Punkt.<\/p>\n<p>Zola entwickelt seine Kunstauffassung vor der Begegnung mit Manets Bildern, auf die er, wie er schreibt, seine Sichtweise der Kunst &#8222;bloss anwende&#8220;. In mancherlei Hinsicht ist sie wenig originell und greift auf g\u00e4ngige rhetorische Topoi der Kunstschriftstellerei zur\u00fcck. Ihr Erfolg liegt jedoch in ihrer radikalen Einfachheit. Im Zuge einer vernichtenden Kritik an Pierre-Joseph Proudhons nachgelassenem Werk &#8222;Von den Grundlagen und der sozialen Bestimmung der Kunst&#8220; spricht er sich gegen jede moralische oder politische Inanspruchnahme der Kunst aus. Der idealisierten Darstellung der Wirklichkeit, die nach Proudhon zu einer sittlichen und physischen Verbesserung der Menschheit f\u00fchren soll, stellt er die Formel gegen\u00fcber, an der er Zeit seines Lebens festhalten wird: &#8222;Die Kunst ist eine Ecke der Sch\u00f6pfung, gesehen durch ein Temperament.&#8220; Moderner formuliert &#8211; als &#8222;Kunst ist die subjektive Sicht des K\u00fcnstlers auf die Welt&#8220; -, unterschrieben manche die Definition auch heute noch.<\/p>\n<p>Zolas Standpunkt ist jedoch kein subjektivistischer Relativismus. Das Kunstwerk setzt sich aus zwei Elementen zusammen, dem Element der unver\u00e4nderlichen Natur, das den Werken als gemeinsames Mass dienen kann, und dem Element des Individuellen, des &#8222;Temperaments&#8220;, das unbegrenzt ver\u00e4nderlich ist. Das &#8222;Temperament&#8220;, das Baudelaires romantische Kunsttheorie noch auf die Imagination des K\u00fcnstlers bezog, versteht Zola als physiologischen und psychologischen &#8222;Mechanismus&#8220; der Wahrnehmung. So sehr das Kunstwerk Ausdruck eines Individuums ist, so sehr vermag es gleichzeitig der Erkenntnis der Natur einen neuen Aspekt hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zola entwirft eine grossartige Vision, in der sich die Dualit\u00e4ten von Subjekt und Welt, Natur und Geschichte vers\u00f6hnen. Er w\u00fcnscht sich, die Gem\u00e4lde aller Maler w\u00e4ren in einem riesigen Saal versammelt, in dem das Epos der menschlichen Sch\u00f6pfung Seite f\u00fcr Seite gelesen werden k\u00f6nnte. Das Thema w\u00e4re stets die gleiche Natur, die gleiche Realit\u00e4t, und die Variationen die besonderen Weisen, mit denen die K\u00fcnstler Gottes Sch\u00f6pfung wiedergegeben h\u00e4tten. Das Sch\u00f6ne zeigte sich hier nicht l\u00e4nger als ein absolutes, allgemeing\u00fcltiges Mass.<\/p>\n<p>&#8222;Das menschliche Leben selbst wird das Sch\u00f6ne, das menschliche Element, das sich mit dem unver\u00e4nderlichen Element der Realit\u00e4t vermischt und eine der Menschheit geh\u00f6rende Sch\u00f6pfung hervorbringt.&#8220;<\/p>\n<p>Der entscheidende Faktor in Zolas Formel scheint mir jedoch weder die &#8222;Sch\u00f6pfung&#8220; noch das &#8222;Temperament&#8220; zu sein, sondern das, was beide zusammenbringt und zum Kunstwerk werden l\u00e4sst &#8211; dieses unscheinbare &#8222;gesehen durch&#8220; (&#8222;vu \u00e0 travers&#8220;). In einem langen Brief aus dem Jahr 1864 entwickelt Zola die daf\u00fcr grundlegende &#8222;Filter-Theorie&#8220;.<br \/>\n&#8222;Jedes Kunstwerk ist wie ein Fenster, das auf die Sch\u00f6pfung hin ge\u00f6ffnet ist. In die Fenster\u00f6ffnung ist eine Art transparenter Filter eingepasst, durch den hindurch man die Objekte mehr oder weniger ver\u00e4ndert erblickt. In einem Kunstwerk sehen wir die Sch\u00f6pfung durch einen Menschen, durch ein Temperament, eine Pers\u00f6nlichkeit hindurch. Der K\u00fcnstler setzt sich in den direkten Kontakt mit der Natur, sieht sie auf seine Weise, ist von ihr durchdrungen, und schickt sodann ihre Lichtstrahlen zur\u00fcck, die er wie ein Prisma, entsprechend seiner Natur, bricht und f\u00e4rbt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Metapher vom Kunstwerk als &#8222;ge\u00f6ffnetem Fenster&#8220; greift auf die klassische Definition des neuzeitlichen Bildes zur\u00fcck, die Leon Battista Alberti in seinem Traktat &#8222;\u00dcber die Malerei&#8220; (1435) pr\u00e4gt. Doch Zola ver\u00e4ndert die Metapher auf bedeutsame Weise. Bei Alberti steht der Maler diesseits des Fensterrahmens, durch den hindurch er die Objekte erblickt, die er zu malen beabsichtigt. Das Bildfeld entspricht einem vertikalen Schnitt durch die Sehpyramide. Diese Dreiteilung von sehendem Subjekt, Rahmen des Sehens und gesehenem Objekt verk\u00fcrzt Zola auf das Gegen\u00fcber von sehendem Subjekt als &#8222;Filter&#8220; und gesehenem Objekt. Der &#8222;Filter&#8220; liegt nicht l\u00e4nger zwischen dem Maler und der Welt, sondern die Pers\u00f6nlichkeit des Malers ist selbst dieser &#8222;Filter&#8220;. Somit kann, nach Zola, die Wahrnehmung unmittelbar ins Kunstwerk \u00fcbergehen, und umgekehrt erblicken wir in einem Kunstwerk die Welt nicht durch ein Bild, sondern durch eine Pers\u00f6nlichkeit hindurch. Der &#8222;Filter&#8220; im Inneren des Malers und die Leinwand des Bildes fallen zusammen, das Subjekt ist gleichsam auf den Rahmen des Bildes gespannt.<\/p>\n<p>Damit erh\u00e4lt auch Zolas Diktum, Manets Bilder seien &#8222;das Fleisch und Blut des Malers&#8220;, eine andere F\u00e4rbung. Denn die Sch\u00f6pfung des Kunstwerks, die sich im Inneren des K\u00fcnstlers im Augenblick der Wahrnehmung vollzieht, gleicht der Zeugung eines Kindes. Der K\u00fcnstler m\u00fcsse verstehen, schreibt Zola in einem Artikel \u00fcber Hippolyte Taine, dass die Werke z\u00e4rtlich geliebte Kinder seien, denen man sein Blut und sein Fleisch g\u00e4be. Je mehr sie dabei ihren V\u00e4tern gleichten, desto ber\u00fchrender seien sie. Den Augenblick der &#8222;Zeugung&#8220; eines Kunstwerks begreift Zola konsequenterweise als unbewusst &#8211; denn wie sollten wir ein Wissen davon haben, was wir im Augenblick der Zeugung entstehen lassen?<br \/>\nEine solche Auffassung des Kunstwerks schliesst nun aber das Verst\u00e4ndnis des Bildes als Artefakt, als bewusst Geschaffenes, aus. Was in Zolas Kunsttheorie fehlt, ist ein Verst\u00e4ndnis des Bildes, das sich nicht allein dem Sehen, sondern vor allem dem konkreten Tun des K\u00fcnstlers verdankt. Diese Feststellung mag erstaunen, geh\u00f6rt Zolas Manet-Deutung doch zu den fr\u00fchen Beispielen einer &#8222;formalistischen&#8220; Kunstauffassung, die das motivische &#8222;Was&#8220; zugunsten des &#8222;Wie&#8220; relativiert &#8211; f\u00fcr Manet sei, so Zola, das Sujet ein blosser &#8222;Vorwand zum Malen&#8220;.<\/p>\n<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zola-manet-salon-kunstkritik-olympia\/\">Kapitel I: Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Manet Zola Kapitel II\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zola-manet-kunsttheorie-temperament-naturalismus\/\">Kapitel II: Zolas Kunstauffassung \u2026<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Manet Zola Kapitel III\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zola-manet-genieaesthetik-positivismus-portraet\/\">Kapitel III: \u2026 auf Manet angewendet <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zola-manet-velazquez-japanischer-farbholzschnitt\/\">Kapitel IV: Das Bild als Artefakt <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zola-manet-moderne-form-informe\/\">Kapitel V: Der Aspekt der Peinture <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/manet-zola.pdf\">Manet Zola als Druckversion (PDF mit Abb. 635 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manet Zola als Druckversion (PDF mit Abb. 635 KB) Das Fleisch des Malers. 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