{"id":328,"date":"2009-02-08T11:45:27","date_gmt":"2009-02-08T09:45:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=328"},"modified":"2009-02-08T11:45:27","modified_gmt":"2009-02-08T09:45:27","slug":"rhetorik-cezanne-klee-lorrain-pollock-natur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-cezanne-klee-lorrain-pollock-natur\/","title":{"rendered":"Rhetorik Cezanne Klee Lorrain Pollock Natur"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/wahrscheinlichkeit.pdf\"><span style=\"font-family: arial; font-size: xx-small;\">Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst<\/h2>\n<p><small>in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer &#8222;Rhetorik), S. 80-89.<\/small><\/p>\n<h3>Abschnitt IV<\/h3>\n<p>Was aber meint &#8222;Stimmigkeit&#8220; oder &#8222;innere Koh\u00e4renz&#8220; bei einem Kunstwerk? C\u00e9zannes Bild der <em>Montagne Ste.-Victoire<\/em> besteht aus einzelnen Flecken, die mehrdeutig sind. Sie verweisen zum einen vage auf Wiedererkennbares (Berg, Himmel, B\u00e4ume), gleichzeitig aber sind sie das, was vorhin &#8222;Funktionen des Ganzen&#8220; genannt wurde. Sie sind Farbsetzungen, die mit den anderen Farbsetzungen des Bildes in einen Austausch treten und eine kompositorische und farbliche &#8222;Textur&#8220; ausbilden. Diese &#8222;Textur&#8220; ist nicht gegenst\u00e4ndlich definiert (als das realr\u00e4umliche Verh\u00e4ltnis von Baum, H\u00e4usern und Berg), sondern unterliegt einem rein malerischen Kalk\u00fcl. C\u00e9zanne balanciert die beiden Funktionen der Farbflecken sorgf\u00e4ltig aus. Ihr Wiedererkennungswert ist soweit reduziert, da\u00df oft unklar bleibt, was sie konkret &#8222;bedeuten&#8220;. Sie gewinnen dadurch die Autonomie, die ihnen die Herstellung der malerischen &#8222;Textur&#8220; erlaubt. Erst im Zusammenspiel der beiden Funktionen der Flecken, der abbildenden und der bildstrukturellen, entsteht das, was sich schlie\u00dflich als &#8222;Landschaft&#8220; zu erkennen gibt. &#8222;Stimmig&#8220; ist C\u00e9zannes Bild also nicht aufgrund seiner Abbildleistung (als getreues Bild einer tats\u00e4chlich existierenden Landschaft), sondern durch die Art und Weise, wie es sich im komplexen Zusammenspiel seiner einzelnen Elemente aufbaut. Bevor ein Bild etwas zu zeigen vermag, in dem Fall eine Landschaft, mu\u00df es sich selber &#8222;zeigen&#8220;. Es ist dieser Proze\u00df, in dem die einzelnen Teile zusammenfinden und sich zum &#8222;Bild&#8220; verdichten, der uns von &#8222;Stimmigkeit&#8220; und &#8222;innerer Widerspruchslosigkeit&#8220; sprechen l\u00e4\u00dft. An anderen Landschaftsdarstellungen l\u00e4\u00dft sich das vertiefen. Klee arbeitet in seinem Aquarell mit \u00e4hnlichen stukturellen Mitteln wie C\u00e9zanne. Allerdings f\u00fchrt das Nebeneinander von mehr abstrakten und mehr gegenst\u00e4ndlichen Elementen (Schiff oder Pflanzen) dazu, da\u00df nicht nur einzelne Elemente, sondern das Bild als ganzes zwischen Abstraktion und Gegenst\u00e4ndlichkeit zu oszillieren beginnt. Eine zentrale Rolle spielt au\u00dferdem der \u00fcberall durchscheinende wei\u00dfe Blattgrund, der das Bild von Licht durchflutet, ja das Licht zum eigentlichen Ausdruckstr\u00e4ger werden l\u00e4\u00dft. F\u00fcr Claude Lorrains arkadische Szenerie ist hingegen die ausgewogene, u.a. mit dem goldenen Schnitt arbeitende Proportionierung der einzelnen Bildgewichte (z.B. Baum oder Burgh\u00fcgel) konstitutiv. F\u00fcr die Bildordnung ebenso wichtig ist das milde Gegenlicht, das durch die Silhouettierung von Baum, H\u00fcgel usw. die Raumabfolge sorgf\u00e4ltig gliedert. Insgesamt entsteht so die ausgebreitete \u00dcbersichtlichkeit, die die Natur bei Lorrain als ideal gebaut erscheinen l\u00e4\u00dft. Historisch wieder in die andere Richtung gehend, erkennen wir in Jackson Pollocks <em>Lavender Mist<\/em> ein energetisch aufgeladenes Feld, das sich aus \u00fcbereinanderliegenden Schichten von Farbspuren erzeugt, die Pollock in einem heftigen Malakt auf die unter ihm auf dem Boden liegende Leinwand spritzte. Es ist ein &#8222;Lavendelfarbener Nebel&#8220;, dessen Tiefe und Grenzen unabsehbar sind. Wir sehen uns einer stehenden Ruhelosigkeit gegen\u00fcber, in der wir uns verlieren und die uns durch ihre ebenm\u00e4\u00dfige Dichte gleichwohl h\u00e4lt. Die vier unterschiedlichen Bilder sind dadurch miteinander verbunden, da\u00df sie alle Bilder der Natur sind. Wenn wir ihre &#8222;Stimmigkeit&#8220; jedoch als Proze\u00df beschreiben, im dem das blo\u00dfe Nebeneinander von Farben und Formen, das wir auf dem Bild vorfinden, zu einem Ganzen wird, gewinnen wir eine pr\u00e4zisere Auffassung davon, worin ihre mimetischen Qualit\u00e4ten liegen. Entscheidend ist nicht die Abbildbeziehung als solche, sondern die Analogie des &#8222;Erscheinens&#8220;. In dem Ma\u00dfe, wie die Bilder Lorrains, C\u00e9zannes, Klees oder Pollocks sich als bildnerische Zusammenh\u00e4nge aufbauen, entwerfen sie ein &#8222;Bild&#8220; davon, wie das Raum-Zeit-Gef\u00fcge der Natur zu verstehen und zu erfahren ist. Wenn es der Kunst gelingt, &#8222;wahrscheinlich&#8220; zu sein, vermag sie Orientierungen dar\u00fcber zu geben, wie die Wirklichkeit zu deuten w\u00e4re. Die Kunst ist daher immer auch eine Schule des Sehens &#8211; im unmittelbaren wie im \u00fcbertragenen Sinne. Sie entfaltet einen intersubjektiven Sinn, den die Rhetorik als sensus communis, als &#8222;Gemeinsinn&#8220;, beschrieb.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrheit-text-linguistic-turn\/\">Abschnitt I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-sprache-konvention-kunst-aehnlichkeit\/\">Abschnitt II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrscheinlichkeit-baumgarten-aesthetik-quintilian\/\">Abschnitt III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-cezanne-klee-lorrain-pollock-natur\/\">Abschnitt IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Pfeil\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-rede-kunst-simultaneitaet-sukzession\/\">Abschnitt V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-werbung-kunst-moeglichkeit-offenheit\/\">Abschnitt VI<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/wahrscheinlichkeit.pdf\">Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB) Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer &#8222;Rhetorik), S. 80-89. Abschnitt IV Was aber meint &#8222;Stimmigkeit&#8220; oder &#8222;innere Koh\u00e4renz&#8220; bei einem Kunstwerk? C\u00e9zannes Bild der Montagne Ste.-Victoire besteht aus einzelnen Flecken, die mehrdeutig sind. 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