{"id":323,"date":"2009-02-08T11:34:56","date_gmt":"2009-02-08T09:34:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=323"},"modified":"2009-02-08T11:34:56","modified_gmt":"2009-02-08T09:34:56","slug":"rhetorik-wahrscheinlichkeit-baumgarten-aesthetik-quintilian","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrscheinlichkeit-baumgarten-aesthetik-quintilian\/","title":{"rendered":"Rhetorik Wahrscheinlichkeit Baumgarten &#196;sthetik Quintilian"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/wahrscheinlichkeit.pdf\"><span style=\"font-family: arial; font-size: xx-small;\">Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst<\/h2>\n<p><small>in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer &#8222;Rhetorik), S. 80-89.<\/small><\/p>\n<h3>Abschnitt III<\/h3>\n<p>Angesichts all dessen scheint es mir f\u00fcr eine Verh\u00e4ltnisbestimmung von Kunst und Rhetorik am aussichtsreichsten zu sein, dem maximalistischen Rhetorikbegriff einen gleichsam minimalistischen Zugang entgegenzusetzen. Die Einsichten gewinnen zudem an Sch\u00e4rfe, wenn wir uns an die alte Auffassung von Rhetorik halten, deren thematische Begrenzung vom modernen, ausgefransten Rhetorikbegriff vorteilhaft absticht. Als einer spezifischen Ausdrucks- und Wirkungstheorie sind in ihr Einsichten formuliert, die ihre G\u00fcltigkeit nicht verloren haben und auch f\u00fcr die Kunst aufschlu\u00dfreich sein k\u00f6nnen. Von Interesse kann allerdings weniger die Lehre von den rhetorischen Figuren oder von den unterschiedlichen Stilh\u00f6hen sein, es sei denn, man untersuche, wie bereits erw\u00e4hnt, z.B. die Allegorik des Barock. F\u00fcr die Kunst allgemein kann es h\u00f6chstens darum gehen, aus dem Arsenal der Rhetorik diejenigen \u00dcberlegungen und Begriffe herauszusuchen, die die spezifische Ausdrucksqualit\u00e4t der Kunst zu kl\u00e4ren helfen.<br \/>\nEs geh\u00f6rt zur Einsicht der Rhetorik seit ihren Anf\u00e4ngen, da\u00df sie es nicht mit der Wahrheit selbst, sondern allein mit der Wahrscheinlichkeit zu tun hat. Gemeinsam mit Klarheit und K\u00fcrze bildet sie die drei Tugenden der Rede. Nur wer diesen Tugenden nachlebt, mag zu \u00fcberzeugen. Wahrscheinlichkeit ist dabei der Rhetorik keineswegs ein schwacher, gegen\u00fcber der Wahrheit ausschlie\u00dflich defizienter Begriff, sondern enth\u00e4lt auch eine moralische, Gemeinsinn stiftende Dimension. Das Wahrscheinliche ist zugleich das Vern\u00fcnftige und das Angemessene, dem wir guten Gewissens zustimmen k\u00f6nnen. Dieser Zentralbegriff der Rhetorik schl\u00e4gt nun die Br\u00fccke zum Gebiet der Kunst. &#8222;Daher ist die \u00e4sthetische Wahrheit in ihrer wesentlichen Bedeutung Wahrscheinlichkeit&#8220;, schreibt A.G. Baumgarten in der <em>Aesthetica<\/em> (1750), der ersten philosophischen \u00c4sthetik \u00fcberhaupt. Rhetorische und \u00e4sthetisch-k\u00fcnstlerische \u00dcberzeugungskraft werden von Baumgarten analogisiert im Begriff der Wahrscheinlichkeit als Glaubw\u00fcrdigkeit. Die antike Rhetorik unterschied Wahrheit und Wahrscheinlichkeit folgenderma\u00dfen: Wahrscheinlichkeit wird nicht durch die vollst\u00e4ndige Wiedergabe all dessen, was ist, erreicht; das w\u00e4re das positivistische Ideal der Wahrheit. Vielmehr wird sie durch eine raffende und akzentuierte Gestaltung erzielt, die auch die beiden anderen Tugenden, die K\u00fcrze und die Klarheit, in ihr Recht setzt. Glaubw\u00fcrdig ist die Rede dann, wenn ihre Elemente nicht allein der Repr\u00e4sentation von Sachverhalten verpflichtet sind, sondern zugleich Funktionen des Ganzen der Rede bilden. Quintilian (<em>Institutio Oratoria<\/em>, VII, Vorrede) verdeutlicht das mit der Metapher der Plastik. Die Elemente der Rede, sagt er, m\u00fc\u00dften wie die Glieder eines K\u00f6rpers so angeordnet werden, da\u00df daraus ein wohlproportioniertes Standbild entstehe. Baumgarten \u00fcbernimmt diese \u00dcberlegung in seine &#8222;\u00c4sthetik&#8220; und verallgemeinert sie zur Definition, das Kunstwerk sei eine innere Wahrheit ohne Widerspruch in sich. Es erscheint weniger deshalb als wahr, weil es die Welt so abbildet, wie sie ist, sondern weil seine innere Organisation in sich stimmig ist. Das Kunstwerk \u00fcberzeugt durch die Form seines Geschaffenseins, durch seine koh\u00e4rente Struktur. So offen formuliert, besitzt die alte rhetorische Vorgabe der Wahrscheinlichkeit selbst f\u00fcr moderne, ja sogar abstrakte Werke G\u00fcltigkeit, auch wenn deren &#8222;Stimmigkeit&#8220; nicht mehr mit Quintilians Metapher des wohlproportionierten menschlichen K\u00f6rpers zu fassen ist.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrheit-text-linguistic-turn\/\">Abschnitt I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-sprache-konvention-kunst-aehnlichkeit\/\">Abschnitt II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrscheinlichkeit-baumgarten-aesthetik-quintilian\/\">Abschnitt III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Pfeil\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-cezanne-klee-lorrain-pollock-natur\/\">Abschnitt IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-rede-kunst-simultaneitaet-sukzession\/\">Abschnitt V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-werbung-kunst-moeglichkeit-offenheit\/\">Abschnitt VI<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/wahrscheinlichkeit.pdf\">Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB) Wahrscheinlichkeit. 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Die Einsichten gewinnen zudem an Sch\u00e4rfe, &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrscheinlichkeit-baumgarten-aesthetik-quintilian\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eRhetorik Wahrscheinlichkeit Baumgarten &#196;sthetik Quintilian\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-323","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=323"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/323\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}