{"id":319,"date":"2009-02-08T11:27:55","date_gmt":"2009-02-08T09:27:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=319"},"modified":"2009-02-08T11:27:55","modified_gmt":"2009-02-08T09:27:55","slug":"rhetorik-wahrheit-text-linguistic-turn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrheit-text-linguistic-turn\/","title":{"rendered":"Rhetorik Wahrheit Text Linguistic turn"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/wahrscheinlichkeit.pdf\"><span style=\"font-family: arial; font-size: xx-small;\">Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst<\/h2>\n<p><small>in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer &#8222;Rhetorik), S. 80-89.<\/small><\/p>\n<h3>Abschnitt I<\/h3>\n<p>Der &#8222;Dornr\u00f6schenschlaf&#8220;, den Walter Jens die Rhetorik noch in den 1960er Jahren schlafen sah, ist unerwarteter Wachheit gewichen. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln r\u00fcckte sie seither ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Hermeneutik, der Dekonstruktivismus, die Philosophie in der Nachfolge des <em>linguistic turn<\/em>, strukturalistische Semiotik und moderne Textlinguistik, ja selbst die im Begriff der Kommunikation zentrierte Gesellschaftstheorie Habermas&#8216; oder Luhmanns &#8211; alle diese unterschiedlichen und teilweise unvereinbar scheinenden Theorien eint, da\u00df sie von der Unm\u00f6glichkeit einer objektiven, rein denotierenden Sprache ausgehen und &#8222;Wahrheit&#8220; als Ergebnis eines offenen Kommunikationsprozesses begreifen. &#8222;Wahrheit&#8220; ist eine gesellschaftliche \u00dcbereinkunft auf Widerruf, die auf rhetorischem Wege zustande kommt, d.h. durch eine Sprache, die auf \u00dcberzeugung ausgerichtet ist. Ist jedes Wissen davon, was &#8222;wahr&#8220; ist, das Ergebnis von Kommunikation, so wird zugleich die &#8222;Wirklichkeit&#8220; zu einem einzigen &#8222;Text&#8220;. Die Rhetorik, verstanden als Theorie der kommunikativen Wirklichkeitsproduktion, wird zur Instanz, die diesen Text &#8222;lesbar&#8220; machen soll. Das gilt nicht nur f\u00fcr den &#8222;Supertext&#8220; der &#8222;Welt&#8220;, sondern ebenso f\u00fcr die einzelnen &#8222;Subtexte&#8220; kultureller Objektivationen, also neben der Sprache f\u00fcr die Musik, den Film, die Medien, die Politik &#8211; und f\u00fcr die Kunst.<br \/>\nMit der traditionellen Vorstellung von Rhetorik hat dieser maximalistische Rhetorikbegriff nur wenig zu tun. Diese war ein auf die Praxis des Redens ausgerichtetes Regelinventar, das in der griechischen und r\u00f6mischen Antike kodifiziert wurde und seine Wirkung bis weit in die Neuzeit hinein entfaltete. Als &#8222;Kunst des guten Redens&#8220; schl\u00e4ft die Rhetorik noch immer ihren &#8222;Dornr\u00f6schenschlaf&#8220;, aus dem sie wahrscheinlich auch nicht mehr erwachen d\u00fcrfte. Als Quelle des Verst\u00e4ndnisses sprachlicher Artikulation, d.h. als Mittel der Interpretation, ist sie gleichwohl unverzichtbar. So gibt es neben den eingangs genannten Theorien, die sich der Rhetorik in systematischer Hinsicht n\u00e4hern, den historischen Zugang, der ihre Geschichte und ihren Einflu\u00df in den verschiedenen Epochen und Bereichen verfolgt. Solches ist auch f\u00fcr die Kunst m\u00f6glich und notwendig. Vor allem die Zeit zwischen 1400 und 1800 zeigt sich als Bl\u00fcte der Rhetorik in der Kunst. Als die Renaissance eine Neuformulierung der Poetik, d.h. der Lehre von der k\u00fcnstlerischen Produktion unternahm, griff sie auf die antike Rhetorik als dem einzigen Regelwerk zur\u00fcck, das eine systematische Ausdrucks- und Wirkungslehre bot. Die Ziele der Rede (informieren, ber\u00fchren und erfreuen), ihre Elemente (Inhaltsfindung, Anordnung und Ausdruck), die verschiedenen Stilh\u00f6hen (bescheidener, mittlerer und erhabener Stil), die Auffassung von Angemessenheit und Geschmack als der Ausbalancierung von Natur und Kunst, usw.: All diese Unterscheidungen und Anweisungen wurden in die Poetik der Kunst hin\u00fcbergenommen und entfalteten ihre un\u00fcbersehbare Wirkung, etwa in der Hierarchie der Gattungen oder in der Lehre vom <em>decorum<\/em>, der Lehre von Anstand und Ma\u00df. F\u00fcr den einflu\u00dfreichen Traktat Albertis <em>\u00dcber die Malerei<\/em> (1436) l\u00e4\u00dft sich das bis in die einzelnen Formulierungen hinein verfolgen. Der Barock wiederum bringt mit seinem gro\u00dfen Interesse an Emblematik und Allegorie, die beide Zwischenformen von Sprache und Bild sind, sowie am Wirkungsziel des Ber\u00fchrens (<em>movere<\/em>) die Rhetorisierung der Kunst zu einem H\u00f6hepunkt, der sich z.B. in Rubens&#8216; <em>Zyklus f\u00fcr Maria de&#8216; Medici<\/em> (1622\/25) manifestiert. Solche Werke lassen sich ohne Kenntnis der antiken rhetorischen Lehre nicht angemessen verstehen. In diesem Feld hat die Methode der Ikonologie Wichtiges geleistet. Doch mit der Abl\u00f6sung der Regelpoetik durch die philosophische \u00c4sthetik sowie mit dem Aufkommen der neuen k\u00fcnstlerischen Leitkategorien des Genies und der Originalit\u00e4t verbla\u00dft gegen 1800 die Wirkmacht der Rhetorik. Die nach Autonomie strebende Kunst der Moderne sucht nicht nur jede Au\u00dfenregelung abzuwerfen, sondern sie versch\u00e4rft au\u00dferdem den Gegensatz von Bild und Wort, der das Ende der allegorisierenden Kunst zur Folge hat. Die Moderne erweist sich als geradezu anti-rhetorische Epoche. Da\u00df die Rhetorik gerade in den 60er Jahren aus dem Vergessen geholt wird, f\u00e4llt nicht zuf\u00e4llig mit dem Beginn der postmodernen Modernekritik zusammen. Wenn also die Rede vom Rhetorischen der Kunst nicht nur f\u00fcr die Zeit vor 1800, sondern auch f\u00fcr die Kunst der Moderne begr\u00fcndet sein will, dann scheinen wir gezwungen zu sein, den traditionellen Begriff der Rhetorik zu verlassen und uns der neuen, maximalistischen Definition zuzuwenden, f\u00fcr die der ausdr\u00fcckliche Bezug eines Kunstwerks auf bestimmte rhetorische Regeln keine Bedingung darstellt, um es als rhetorisch zu begreifen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrheit-text-linguistic-turn\/\">Abschnitt I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Pfeil\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-sprache-konvention-kunst-aehnlichkeit\/\">Abschnitt II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-wahrscheinlichkeit-baumgarten-aesthetik-quintilian\/\">Abschnitt III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-cezanne-klee-lorrain-pollock-natur\/\">Abschnitt IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-rede-kunst-simultaneitaet-sukzession\/\">Abschnitt V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/rhetorik-werbung-kunst-moeglichkeit-offenheit\/\">Abschnitt VI<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/wahrscheinlichkeit.pdf\">Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrscheinlichkeit als Druckversion (PDF mit Abb. 8.639 KB) Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer &#8222;Rhetorik), S. 80-89. Abschnitt I Der &#8222;Dornr\u00f6schenschlaf&#8220;, den Walter Jens die Rhetorik noch in den 1960er Jahren schlafen sah, ist unerwarteter Wachheit gewichen. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln r\u00fcckte sie seither ins Zentrum der Aufmerksamkeit. 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