{"id":241,"date":"2008-09-29T06:27:04","date_gmt":"2008-09-29T04:27:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=241"},"modified":"2008-09-29T06:27:04","modified_gmt":"2008-09-29T04:27:04","slug":"kunst-moral-religion-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kunst-moral-religion-moderne\/","title":{"rendered":"Kunst Moral Religion Moderne"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/strassenkinder.pdf\"><span style=\"font-family: arial; font-size: xx-small;\">Strassenkinder im Museum als Druckversion (PDF 1.250 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Strassenkinder im Museum. Betrachtungen zu Kunst und Moral: Das Projekt &#8222;Devotionalia&#8220;<\/h2>\n<p><small>in: ZeitSchrift\/Reformatio, Jg. 46, Nr. 1, Februar 1997 (Sondernummer &#8222;Moralismus&#8220;), S. 55-63.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 1: Kunst und Moral<\/h3>\n<p>In regelm\u00e4ssiger Wiederkehr \u00e4ussert sich bei manchen K\u00fcnstlern und K\u00fcnstlerinnen sowie bei einem Teil des Publikums ein Unbehagen, das durch ein kennzeichnendes Merkmal der modernen Kunst hervorgerufen wird \u2013 durch deren Autonomie und die damit einhergehende scheinbare Folgenlosigkeit f\u00fcr das Leben. Das Unbehagen stellt sich ein, weil das &#8222;bloss \u00c4sthetische&#8220; der Kunst dem Ethisch-Praktischen des &#8222;wirklichen Lebens&#8220; entgegensetzt und damit zugleich eine klare Wertung vollzogen wird. Denn indem die Kunst vom Treiben der Welt bewusst Abstand nehme, offenbare sie sich als ein Bereich vermiedener Verantwortung, als spielerischer Immoralismus angesichts der brennenden Fragen einer unerl\u00f6sten Wirklichkeit. Versuche, die Kunst an das &#8222;Leben&#8220; neu anzukoppeln sind deshalb vielf\u00e4ltig erfolgt, allerdings jeweils ohne l\u00e4nger w\u00e4hrenden Erfolg.<\/p>\n<p>Augenblicklich ist das Unbehagen wieder gross. In den achtziger Jahren ergab sich das Missverst\u00e4ndnis, das Problem des Verh\u00e4ltnisses von Kunst und Leben sei auf allseits begl\u00fcckende Weise gel\u00f6st. Der Bedarf nach Kunst schien unstillbar, und endlich wurden nicht mehr nur die Alten Meister oder die Impressionisten begehrt, sondern gleichermassen die so akzeptanzgef\u00e4hrdete Moderne bis hin zur neusten Position. Kunstmessen und Auktionsh\u00e4user bl\u00fchten, Museen f\u00fcr moderne Kunst schossen aus dem Boden, und Firmen entdeckten das Kunstsponsoring als Baustein der <em>corporate identity<\/em>. Gedanken \u00fcber die Bedeutung der Kunst f\u00fcr das Leben er\u00fcbrigten sich, der finanzielle Erfolg und die \u00fcberw\u00e4ltigende gesellschaftliche Aufmerksamkeit entlasteten davon. 1990 jedoch brach der Kunstmarkt massiv ein, die \u00f6ffentlichen Kulturbudgets wurden reduziert, und das Sponsoring fokussierte sich wieder auf konjunkturbest\u00e4ndigere Felder wie den Sport. Das pl\u00f6tzliche Austrocknen des Geldflusses schlug auf das Selbstwertgef\u00fchl der K\u00fcnstler und das Interesse des Publikums unmittelbar durch, auf allen Seiten breitete sich Katerstimmung aus. Wenn aber eine seelische Baisse auf eine Zeit ungez\u00fcgelten Gewinnstrebens und blinder Wachstumsausrichtung folgt, ist die Kunst, die ihr Selbstverst\u00e4ndnis gerne jenseits des Materiellen bestimmt, besonders anf\u00e4llig f\u00fcr die Behauptung, was ihr fehle, sei die Moral.<\/p>\n<p>So nahe der Schluss liegt, so falsch d\u00fcrfte er sein. Zun\u00e4chst ist fraglich, was Boom oder Baisse mit der inneren Verfassung der Kunst zu tun haben. Warum van Goghs Lilien, um das einschl\u00e4gige Beispiel zu nennen, 1987 54 Millionen Dollar wert waren und 1992 nur noch ein F\u00fcnftel davon, ist dem Bild selbst nicht abzulesen. Und dass die Stadt Frankfurt mit einer monstr\u00f6sen \u00f6ffentlichen Schuld k\u00e4mpft und nat\u00fcrlich zun\u00e4chst bei der Kultur (und beim Sozialen) spart, hat nichts mit der gegenw\u00e4rtigen Gesinnung der Kunst zu tun. Allerdings muss man sich nun eingestehen, dass die beschleunigte Geldzirkulation und die Besucherrekorde gar keine wirkliche Akzeptanz und kein tiefergehendes Verst\u00e4ndnis der Kunst anzeigten. Denn nur so ist es erkl\u00e4rlich, dass mit dem R\u00fcckzug des Geldes auch gleich das Interesse an der Kunst wegbrach. Die Rekorde waren offenbar wichtiger als die Kunst. Damit wird es notwendig, den Wert der Kunst wieder unabh\u00e4ngig von H\u00f6chstpreisen und der L\u00e4nge von Besucherschlangen zu definieren und sich an ihr eigentliches Potentials zu erinnern, das <em>als Potential<\/em> unvermindert weiterbesteht. <em>Diese<\/em> R\u00fcckbesinnung tut not, und zwar bei allen am Umgang mit Kunst Beteiligten, nicht aber die Remedur durch eine moralische Aufr\u00fcstung, um ihr einen h\u00f6heren gesellschaftlichen Nutzen und einen besseren Sitz im Leben zu verschaffen.<\/p>\n<h4><em>Die Schnittmenge von Kunst und Moral<\/em><\/h4>\n<p>Dass das die falsche Remedur w\u00e4re, hat nicht nur mit der Einsch\u00e4tzung der gegenw\u00e4rtigen Situation zu tun, sondern vor allem damit, dass sich unter modernen Bedingungen Kunst und Moral wohl stets verfehlen d\u00fcrften. Wenn wir Moral als die Gesamtheit der Normen und Einstellungen definieren, die unser Handeln in der R\u00fccksichtnahme auf den Lebensvollzug Dritter leiten und kontrollieren; und wenn wir Kunst als das Tun definieren, sinnliche Erfahrungen in formal stimmigen Gebilden zu verdichten, die ebensolche Erfahrungen f\u00fcr den Betrachter bereithalten \u2013 dann stellen wir fest, dass es zwischen Kunst und Moral unmittelbar keine Schnittmenge gibt. Denn welcher Lebensvollzug Dritter wird durch die so oder anders vollzogene Verfertigung eines Kunstwerks betroffen, ja sogar eingeschr\u00e4nkt oder missachtet? So gesehen bleibt k\u00fcnstlerisches Tun tats\u00e4chlich folgenlos, verglichen mit dem Tun in Politik, Rechtsprechung oder \u00d6konomie. Auf die formale und inhaltliche Optimierung des Werks ausgerichtet, <em>er\u00f6ffnet<\/em> die Kunst M\u00f6glichkeiten, wobei sich auch diese \u2013 als Erkenntnisse oder als Gef\u00fchle von Lust oder Unlust \u2013 nur mittelbar lebenspraktisch auswirken. Die Betrachter und Betrachterinnen m\u00fcssen selbst bereit sein, das Kunstwerk auf sich wirken zu lassen, von sich aus erzielt es keine Wirksamkeit. Dennoch wird immer wieder behauptet, die \u00d6ffentlichkeit sei verderblichen Auswirkungen der Kunst ausgesetzt und m\u00fcsse davor im Namen der Moral bewahrt werden. Den angeblichen Sch\u00e4digungen liegen jedoch umstrittene Wirkungstheorien zugrunde, die davon ausgehen, das Sehen von Unmoralischem, zum Beispiel einer Vergewaltigung, verleite die Betrachter zur Nachahmung. Die Auswirkungen von fahrl\u00e4ssiger Umweltvergiftung oder von gewinnmaximierendem <em>Downsizing<\/em> bed\u00fcrfen solcher Theorien hingegen nicht, sie sind unmittelbar und quantifizierbar. Ausserdem blendet man die m\u00f6gliche kritische Position der Kunst aus und unterstellt dem K\u00fcnstler von vornherein, das Dargestellte gutzuheissen. Immoralismus-Vorw\u00fcrfe an die Kunst maskieren normalerweise Angriffe auf das in ihr Dargestellte. So war die Kampagne gegen die Photographien Mapplethorpes in den USA in Wahrheit eine Hetze gegen die Homosexuellen, zu denen der K\u00fcnstler und ein Teil seiner Modelle geh\u00f6rten. Zugleich blitzt hier das Ressentiment gegen die offene, nicht normativ durchgeregelte und deshalb &#8222;unmoralische&#8220; Gesellschaft und gegen den K\u00fcnstler als deren negativen Protagonisten auf. Diese Haltung spiegelt sich aus \u2013 um die schlimmsten Beispiele zu nennen \u2013 in den Staatsaktionen unter Hitler und Stalin zur Eliminierung &#8222;entarteter&#8220;, beziehungsweise &#8222;formalistischer&#8220; Kunst, die im Namen v\u00f6lkischer und sozialistischer Moral erfolgten.<\/p>\n<h4><em>Die Zuspitzung des Problems in der Moderne<\/h4>\n<p><\/em><\/p>\n<p>Allerdings wurde die Schnittfl\u00e4che von Kunst und Moral erst in der Moderne so wenig selbstverst\u00e4ndlich; sie kann heute nur noch mit einigem argumentativem Aufwand hergestellt werden. Von der Antike \u00fcber das Mittelalter und die Renaissance bis zur Aufkl\u00e4rung empfand man beide als eng aufeinander bezogen. Zwar liesse sich zeigen, dass Moral und Kunst auch hier getrenntere Wege gingen, als es zun\u00e4chst den Anschein hat. Denn worin besteht die Moral der <em>Kunst<\/em> des &#8222;Apoll von Belvedere&#8220;, einer karolingischen Miniatur oder Tizians, vom Darstellungs<em>inhalt<\/em> einmal abgesehen? Aber es gab ein Drittes, das sie miteinander verband: die Religion sowie die gemeinsame Verpflichtung auf die gottgeschaffene Natur, deren Wohlgeordnetsein nach Mass und Proportion sowohl das Sch\u00f6ne wie das Gute zu definieren erlaubte. Bei wenigen verdeutlicht sich der vormoderne Zusammenhang von Kunst, Natur, Gott und Moral so wie bei D\u00fcrer, der sein Leben lang nach der &#8222;wahren Sch\u00f6nheit&#8220; in Natur und Kunst forschte. So schreibt er in den &#8222;Vier B\u00fcchern von menschlicher Proportion&#8220; (1528): &#8222;Dan d\u00ff kunst ist gros, schwer und gut, und wir m\u00fcgen und w\u00f6llen s\u00ff mit grossen eren jn das lob gottes wenden.&#8220; Und er warnt seine Kollegen: &#8222;Doch h\u00fct sich ein jedlicher, dass er nichts unm\u00fcgliches mach, das die natur nit leiden k\u00fcnn. Dann so es der natur entgegen ist, so ist es b\u00f6s.&#8220;<\/p>\n<p>Als jedoch in der fr\u00fchen Moderne die Normativit\u00e4t der Natur wie die Religion aus dem Zentrum des k\u00fcnstlerischen Wollens verschwanden, fiel auch das vermittelnde Dritte zwischen Kunst und Moral weg, und beide treten jetzt in ihrer Geschiedenheit heraus. Das Problem versch\u00e4rfte sich, da Kunst wie Moral seit der Aufkl\u00e4rung zu hochgradig wandelbaren Begriffen wurden, so dass sich die Schwierigkeit ergibt, das <em>Verh\u00e4ltnis zweier Variablen<\/em> bestimmen zu wollen \u2013 ein beinahe aussichtsloses Unterfangen. Aus diesem Grund wende ich mich nun einem Beispiel und somit der <em>bestimmten<\/em> Moral eines <em>bestimmten<\/em> Kunstwerks zu.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Stra\u00dfenkinder Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-moral-religion-moderne\/\">Kapitel I: Kunst und Moral<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Stra\u00dfenkinder Pfeil\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/mauricio-dias-walter-riedweg-devotionalia\/\">Kapitel II: Das &#8222;Devotionalia&#8220;-Projekt<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-autonomie-realitaet\/\">Kapitel III: Einige Folgerungen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/strassenkinder.pdf\">Strassenkinder im Museum als Druckversion (PDF 1.250 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Strassenkinder im Museum als Druckversion (PDF 1.250 KB) Strassenkinder im Museum. 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