{"id":237,"date":"2008-09-29T06:20:50","date_gmt":"2008-09-29T04:20:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=237"},"modified":"2008-09-29T06:20:50","modified_gmt":"2008-09-29T04:20:50","slug":"kunst-autonomie-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kunst-autonomie-realitaet\/","title":{"rendered":"Kunst Autonomie Realit&#228;t"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/strassenkinder.pdf\"><span style=\"font-family: arial; font-size: xx-small;\">Strassenkinder im Museum als Druckversion (PDF 1.250 KB)<\/span><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/p>\n<h2>Strassenkinder im Museum. Betrachtungen zu Kunst und Moral: Das Projekt &#8222;Devotionalia&#8220;<\/h2>\n<p><small>in: ZeitSchrift\/Reformatio, Jg. 46, Nr. 1, Februar 1997 (Sondernummer &#8222;Moralismus&#8220;), S. 55-63.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 3: Einige Folgerungen<\/h3>\n<p>Das Doppelmoral-Dilemma von &#8222;Devotionalia&#8220;, wie \u00fcberhaupt das Dilemma jeder Kunst, die sich \u00fcber ihre &#8222;Brauchbarkeit&#8220; (Mary Jane Jacobs) zu definieren versucht, l\u00e4sst zwei L\u00f6sungen zu. Entweder man steigt ganz aus der Kunst aus &#8211; und nicht nur aus einer bestimmten, kritisierten Form derselben -, um im &#8222;wirklichen&#8220; Leben t\u00e4tig zu werden. Oder aber es bedeutet, das Negativurteil \u00fcber die Autonomie der Kunst zu revidieren, das heisst den Wert heutiger Kunst nicht gegen, sondern <em>im Lichte ihrer Autonomie<\/em> zu bestimmen. Dazu ein paar abschliessende Bemerkungen.<\/p>\n<h4><em>Kunst und Realit\u00e4t<\/h4>\n<p><\/em><\/p>\n<p>Eine Moral der Kunst setzt die Fixierung der Bereiche &#8222;Kunst&#8220; und &#8222;Realit\u00e4t&#8220; sowie die Fixierung von deren Verh\u00e4ltnis voraus. Nur so ist ein Programm zur besseren Adaptierung der Kunst an die Erfordernisse der Realit\u00e4t, wie es Mary Jane Jacobs entwirft, \u00fcberhaupt vorstellbar, nur so kann von &#8222;realen Bez\u00fcgen&#8220; zwischen Kunst und Leben und von der &#8222;Brauchbarkeit&#8220; der Kunst f\u00fcr das Leben gesprochen werden. Diese vorausgesetzte Fixierung bezeugt nicht nur die Unreflektiertheit der &#8222;New Genre Public Art&#8220;. Sie weist zugleich auf das grundlegende Problem einer Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Kunst und Moral. Denn das Kennzeichen der Kunst in der Moderne ist gerade die Lockerung ihres Verh\u00e4ltnisses zur ausserk\u00fcnstlerischen Realit\u00e4t. Es w\u00e4re allerdings verkehrt, diese Lockerung als blossen Mangel zu begreifen und das Band wieder straffen oder gar die Kunst im Leben aufgehen lassen zu wollen. Vielmehr geht es darum, in der Lockerung der Beziehung das eigentliche Potential der modernen Kunst zu erkennen. Denn sie erlaubt, die Realit\u00e4tszusammenh\u00e4nge, in der das Kunstwerk entsteht und von denen es zwangsl\u00e4ufig bestimmt wird, bewusst zu reflektieren und damit den produktiv-paradoxen Zustand von Kontext-Gebundenheit <em>und<\/em> Autonomie zu erreichen. Der wechselvolle Gang der k\u00fcnstlerischen Moderne ist die immer aufs neue ermittelte Balance zwischen beidem. Durch die hartn\u00e4ckige Befragung der Abh\u00e4ngigkeit von ihrem Entstehungszusammenhang vermag die Kunst die ansonsten bestehende Stringenz dieser Abh\u00e4ngigkeit zu sprengen und in dieser Sprengung als das Ereignis herauszutreten, das jedes gelungene Kunstwerk ist. Die beargw\u00f6hnte Autonomie der Kunst bedeutet also keineswegs Losgel\u00f6stheit oder schiere Selbstreferenz, als das sie so oft missverstanden wird, sondern &#8211; w\u00f6rtlich &#8211; die Eigengesetzlichkeit, mit der sie die Relation zur ausserk\u00fcnstlerischen Wirklichkeit bestimmt. Zur Eigenart der modernen Kunst geh\u00f6rt deshalb auch, \u00e4usserst unterschiedlichen Kunstbegriffen und Wirklichkeitsverst\u00e4ndnissen zu folgen &#8211; man denke nur an Malewitsch und Duchamp, Kirchner und Mondrian, Warhol und Beuys &#8211; und sich dennoch derselben Epoche mit demselben k\u00fcnstlerischen Paradigma zu verdanken.<\/p>\n<p>Diese Bestimmungen gelten nicht nur f\u00fcr die Produktion, sondern ebenso f\u00fcr die Rezeption der Kunst. Das Erfordernis, in Akten der Interpretation die Verh\u00e4ltnisbestimmungen, die das Werk charakterisieren, nachzuvollziehen und zu deuten, erzeugt nicht allein die Lust der Betrachtung als eine Mischung aus Wirklichkeitserkenntnis und Verf\u00fchrung. Daraus ergibt sich auch der gleichsam aufkl\u00e4rerische Aspekt der Kunst, uns als die Interpretierenden in diese Verh\u00e4ltnisbestimmung einzubeziehen. Denn die Kunst fordert von uns nicht nur die Bestimmung unseres eigenen Verh\u00e4ltnisses zur Realit\u00e4t, sondern auch, das Realit\u00e4tsverst\u00e4ndnis selbst best\u00e4ndig revidierbar zu halten. Das ist eine Leistung der Kunst, die durchaus <em>moralisch<\/em> genannt werden kann.<\/p>\n<h4><em>Die autonome Stimme der Kunst<\/h4>\n<p><\/em><\/p>\n<p>An der so verstandenen Autonomie der Kunst ist auch angesichts des anderen Aspekts der Thematik von Kunst und Moral festzuhalten: der zuweilen unterstellten unmoralischen Auswirkungen von Kunst und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit, solche Werke zu unterdr\u00fccken. Denn auch hier liegt eine Fixierung des Verh\u00e4ltnisses von Kunst und Wirklichkeit vor, in diesem Fall als Einebnung jeglicher Differenz zwischen beiden. Vom Gezeigten wird zum einen direkt auf die Moralit\u00e4t und Psyche des K\u00fcnstlers geschlossen. Nach der Logik der &#8222;entarteten&#8220; Kunst ist Klee wie seine Bilder, und das hiess damals ein verkindeter Verr\u00fcckter, oder Dix ein perverser L\u00fcstling, der sich in Bordellen herumtreibt. Zum anderen wird dem Publikum die Naivit\u00e4t unterstellt, zwischen den Sph\u00e4ren des Realen und des Fiktiven nicht unterscheiden zu k\u00f6nnen und deshalb das Gesehene direkt ins eigene Handeln zu \u00fcbersetzen. Die Eigenart und der Eigenwert der bildnerischen Sprache kommt so gar nicht erst in den Blick.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch \u00fcber die Selbst- und Weltverst\u00e4ndigung speist sich aus verschiedenen Quellen. Sowohl die Kunst wie die Moral sind daran mit je unterschiedlichen, aber gleichermassen notwendigen Stimmen beteiligt. Die Klarheit und Wirksamkeit dieser Stimmen erh\u00f6ht sich nicht, wenn sie aus dem selben Mund zu sprechen versuchen. Die Moral verw\u00e4ssert sich zum Moralismus, und die Kunst verformt sich in Gesinnungskitsch.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-moral-religion-moderne\/\">Kapitel I: Kunst und Moral<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/mauricio-dias-walter-riedweg-devotionalia\/\">Kapitel II: Das &#8222;Devotionalia&#8220;-Projekt<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Stra\u00dfenkinder Punkt\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-autonomie-realitaet\/\">Kapitel III: Einige Folgerungen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/strassenkinder.pdf\">Strassenkinder im Museum als Druckversion (PDF 1.250 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Strassenkinder im Museum als Druckversion (PDF 1.250 KB) Strassenkinder im Museum. 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