{"id":207,"date":"2008-09-02T08:39:54","date_gmt":"2008-09-02T06:39:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=207"},"modified":"2008-09-02T08:39:54","modified_gmt":"2008-09-02T06:39:54","slug":"kunst-selbstreflexion-subjekt-medium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kunst-selbstreflexion-subjekt-medium\/","title":{"rendered":"Kunst Selbstreflexion Subjekt Medium"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/subjekt-und-medium.pdf\"><font face=\"arial\" size=\"1\">Subjekt und Medium als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.390 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Subjekt und Medium in der Kunst der Moderne. Delacroix &#8211; Fontana &#8211; Nauman<\/h2>\n<p><small>in: Zeitschrift f\u00fcr \u00c4sthetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 46\/2, 2001, S. 227-254.<\/small><\/p>\n<blockquote>\n<p><em>&#8222;Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Au\u00dfenwelt ber\u00fchren. Wo sie sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.&#8220;<\/em> (Novalis)<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Kapitel I: Einleitung<\/h3>\n<p>Wenn kulturelle oder soziale Referenzrahmen aufbrechen, orientiert sich die Aufmerksamkeit um. Im Laufe des 18. Jahrhunderts beginnen die K\u00fcnstler, auf die Grundlagen ihres Tuns zur\u00fcckzugehen. Sie erforschen sich selbst, indem sie ihre Selbst- und Weltwahrnehmung pr\u00fcfen, und versuchen, sich \u00fcber ihr Gestaltungsmedium Rechenschaft zu geben. Die Selbstbez\u00fcglichkeit des K\u00fcnstlers und die Selbstbez\u00fcglichkeit des Mediums werden nun, da die alten Bezugsgr\u00f6\u00dfen &#8211; das Prinizip der Nachahmung, die rhetorische Fundierung, die Auftragssituationen usw. &#8211; schwinden, zu den neuen Fundamenten k\u00fcnstlerischer Praxis. Ob sie tragen oder sich diese letzten Gr\u00fcnde nicht doch als grundlos erweisen, ist dabei die offene Frage, welche die Reflexion erst in Gang bringt. So befl\u00fcgelte die Erwartung, der R\u00fcckgang auf Eigenart und Gesetze des k\u00fcnstlerischen Mediums lasse ein sicheres Fundament der Kunst entdecken, viele K\u00fcnstler insbesondere der klassischen Moderne, und Greenbergs Theorie des &#8218;Modernismus&#8216; versuchte zu zeigen, wie die k\u00fcnstlerische Selbstvergewisserung durch die &#8218;Essentialisierung&#8216; des jeweils verwendeten Mediums geleistet werden k\u00f6nne. Doch diese Hoffnung mu\u00df zwiesp\u00e4ltig bleiben. Sich des eigenen Tuns und seiner Selbst im verwendeten Medium zu vergewissern, schlie\u00dft bereits die Entfremdung an ein \u00c4u\u00dferes ein. Das Subjekt, als der andere Pol moderner k\u00fcnstlerischer Selbstreflexion, erweist sich als ebenso prek\u00e4re Basis. Es kann sich nicht unmittelbar ent\u00e4u\u00dfern, so als h\u00e4tte das Hervorgebrachte keine andere Verbindung als mit dem Inneren des K\u00fcnstlers, dessen Pr\u00e4senz sich in ihm ausdr\u00fcckt. Die k\u00fcnstlerische Expression ist vielmehr in zweifacher Weise kodiert, erstens, weil das Kunstwerk nicht direkt, sondern lediglich metaphorisch f\u00fcr das Selbst des K\u00fcnstlers einsteht, und zweitens, weil sie sich einer spezifischen Darstellungsform bedient. Der K\u00fcnstler kann sich nur ausdr\u00fccken, weil er \u00fcber eine &#8218;Sprache&#8216; verf\u00fcgt, die das erm\u00f6glicht &#8211; eine Sprache, die er nicht selbst erfindet, sondern die von &#8218;au\u00dfen&#8216; kommt. Die \u00dcbersetzung innerer Erfahrung in diese Sprache geht jeder Expression voraus, so da\u00df zwischen Selbst und Ausdruck eine rhetorische Figur interveniert: das jeweilige Ausdrucksmedium. Wer sein Inneres mitteilen will, mu\u00df es &#8218;\u00fcbersetzen&#8216; &#8211; um den Preis der Unmittelbarkeit.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser gegenseitigen Verweisstruktur, welche die Frage nach der Uspr\u00fcnglichkeit von Subjekt und Medium ins Leere laufen l\u00e4\u00dft, erscheint es auch verfehlt, beide Pole gegeneinander auszuspielen, wie es insbesondere in K\u00f6rper- und Medientheorien geschieht, die den K\u00f6rper als Sitz des authentischen&#8216; unmittelbaren Selbst gegen die &#8218;uneigentlichen&#8216; Medien auszuspielen versuchen. Der K\u00f6rper, den der K\u00fcnstler f\u00fcr seine k\u00fcnstlerische Praxis notwendig braucht, ist keineswegs der Ort der Unmittelbarkeit, sondern bereits selbst ein Medium, das ihm zum Ausdruck &#8218;dient&#8216;. So ist es keineswegs blo\u00df paradoxal, da\u00df &#8218;K\u00f6rper&#8216; und &#8218;Medium&#8216; zur selben Zeit, n\u00e4mlich in den 1960er Jahren, sowohl in der Theorie wie in der Kunst zu zentralen Konzepten werden. Denn es war gerade die Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen Medien und Wirklichkeit, welche durch die Revolution technischer Medien ausgel\u00f6st wurde, die auch zur Aufwertung des K\u00f6rpers beitrug &#8211; der nun aber nicht nur als Ort &#8218;realer Gegenwart&#8216; heraustrat, sondern zugleich als das paradigmatische Medium, als das er seit der Antike galt. Umgekehrt hatte die k\u00fcnstlerische und theoretische Erkundung des K\u00f6rpers als &#8218;Performer&#8216; des Selbst und &#8218;Konstrukteur&#8216; der Welt zur Folge, da\u00df jede Wirklichkeit, selbst die des Subjekts, als medial konstruierte und vermittelte erkennbar wurde. Diese \u00dcberkreuzung wird sich besonders beim dritten der hier diskutierten K\u00fcnstler, Bruce Nauman, zeigen, der in seinen Arbeiten der 60er Jahre sowohl den K\u00f6rper wie die Videotechnik als &#8217;neue Medien&#8216; entdeckt und sie zwecks gegenseitiger Exploration miteinander konfrontiert.<\/p>\n<p>Die Dynamik moderner k\u00fcnstlerischer Selbstreflexion kann daher nur verst\u00e4ndlich werden, wenn die Wechselbeziehung zwischen Subjekt und Medium vorausgesetzt wird. Beide werden im folgenden als Gr\u00f6\u00dfen verstanden, die in einem bald metonymischen, bald metaphorischen Verh\u00e4ltnis f\u00fcreinander einstehen. Sie verbinden sich im &#8218;Akt&#8216;, dem das Kunstwerk seine Entstehung verdankt &#8211; einem Akt, der analog zum literaturwissenschaftlichen Konzept des &#8218;Schreibens&#8216;, der &#8218;\u00e9criture&#8216;, begriffen werden kann, das hei\u00dft als eine Form der Hervorbringung, die ihre Pointe darin besitzt, sich an der Nahtstelle von Medium und &#8217;schreibendem&#8216; bzw. &#8217;sich schreibendem&#8216; Subjekt anzusiedeln. Hierbei wird das Medium subjektiviert und erscheint als personalisierter, anthropomorph besetzter Ersatz des Selbst, w\u00e4hrend umgekehrt das Subjekt als Medium erscheint, durch das hindurch etwas &#8217;spricht&#8216;, das nicht einfach mit dem wachen Ich zu verrechnen ist, sondern vielmehr als Freisetzung von Kr\u00e4ften erscheint, die dem Bewu\u00dftsein vorausgehen. Subjekt und Medium erweisen sich als ambivalente Schaupl\u00e4tze, die in doppelter Funktion stehen. Sie sind der Ort des Aussagens, d.h. der Ort, wo etwas ausgesagt wird, wie zugleich die Sache der Aussage, d.h. der eigentliche Inhalt, den das Kunstwerk kommuniziert.<\/p>\n<p>Drei Beispiele der gegenseitigen \u00dcberschreibung von Subjekt und Medium sollen hier zur Sprache kommen. Sie sind absichtlich heterogen gew\u00e4hlt, da es weniger darum gehen soll, eine Geschichte der Selbstreflexion zu skizzieren, sondern vielmehr, ein Feld zu umrei\u00dfen. Die Metapher des Feldes impliziert den Raum, welcher der Kunst sich hier er\u00f6ffnet, und andererseits die Grenzen, die diesem Raum gesetzt sind. Denn was hier thematisiert wird, beansprucht keineswegs, den Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis moderner Kunstpraxis \u00fcberhaupt zu bieten, sondern versucht allein, einen bestimmten Aspekt derselben herauszustellen. Von den vielen k\u00fcnstlerischen Positionen, die sich unter einer solchen Perspektive zur Betrachtung anbieten, fiel die Wahl auf Eug\u00e8ne Delacroix, Lucio Fontana und Bruce Nauman. Sie erlauben es, drei sehr unterschiedliche Formen der k\u00fcnstlerischen Praxis und des Medieneinsatzes zu untersuchen. Geht es bei Delacroix um die Materialit\u00e4t der Farbe und den Akt des Malens &#8211; hier analysiert anhand des <em>Journal<\/em> und nicht der Gem\u00e4lde -, so bei Fontana um die Leinwandfl\u00e4che und ihre Zerschneidung, und schlie\u00dflich bei Nauman um die Verwicklungen von K\u00f6rper, Raum und Video. Eine historische Dimension er\u00f6ffnet sich ansatzweise gleichwohl. W\u00e4hrend Delacroix&#8216; Reflexionen als Zeugnis des \u00dcbergangs zwischen klassischer und moderner Malerei gelten k\u00f6nnen, erscheint Fontana als Beispiel &#8218;modernistischer&#8216;, die Grundelemente des Bildes thematisierender Kunst, und Nauman als Vertreter einer nachmodernen, neue Medien einsetzenden K\u00fcnstlergeneration. Indem die drei Positionen miteinander konfrontiert werden, wird es m\u00f6glich, eine Thematik herauszuarbeiten, welche die Unterschiedlichkeit von Vorgehen, historischer Stellung und eingesetzten Medien \u00fcbergreift.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kunst-selbstreflexion-subjekt-medium\/\">Kapitel I: Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/eugene-delacroix-journal-romantik-le-vague-farbe\/\">Kapitel II: Eug\u00e8ne Delacroix <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/lucio-fontana-tagli-zeichnung-schnitt-ikonoklasmus\/\">Kapitel III: Lucio Fontana <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-performance-video-corridors\/\">Kapitel IV: Bruce Nauman <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/subjekt-und-medium.pdf\">Subjekt und Medium als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.390 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Subjekt und Medium als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.390 KB) Subjekt und Medium in der Kunst der Moderne. Delacroix &#8211; Fontana &#8211; Nauman in: Zeitschrift f\u00fcr \u00c4sthetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 46\/2, 2001, S. 227-254. &#8222;Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Au\u00dfenwelt ber\u00fchren. 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