{"id":185,"date":"2008-09-02T07:51:50","date_gmt":"2008-09-02T05:51:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=185"},"modified":"2008-09-02T07:51:50","modified_gmt":"2008-09-02T05:51:50","slug":"kocherscheidt-suedamerika-sartre-ekel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/kocherscheidt-suedamerika-sartre-ekel\/","title":{"rendered":"Kocherscheidt S&#252;damerika Sartre Ekel"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/kocherscheidt-brustrauschen.pdf\"><font face=\"arial\" size=\"1\">Kocherscheidt &#8211; Sartre &#8211; Rihm als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 34.100 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>&#8222;Ein Lob dem groben Schnitt, dem brechenden Rand und der Bildentgleisung.&#8220; Kocherscheidt &#8211; Sartre &#8211; Rihm<\/h2>\n<p><small>in: Brustrauschen. Zum Werkdialog von Kurt Kocherscheidt und Wolfgang Rihm, hrsg. von Heinz Liesbrock, Stuttgart 2001, S. 28-53.<\/p>\n<p><\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II<\/h3>\n<p>Zu Recht wird der eigentliche Beginn von Kocherscheidts Werk in seiner Reise nach S\u00fcdamerika 1972\/73 gesehen. Hier gelang Kocherscheidt die Z\u00e4sur, ein Fr\u00fchwerk zu durchbrechen, das distanziert und ironisch zwischen expressionistischem Dekor und erz\u00e4hlender Phantastik pendelte. In Kocherscheidts Bilder zog jetzt die Stummheit und der Ernst ein, die sich nicht mehr verlieren sollten. Dem K\u00fcnstler scheint auf seiner Reise etwas begegnet zu sein, das einschneidend und folgenschwer war. Blicken wir auf die Zeichnungen, die Mitte der siebziger Jahre im Anschlu\u00df an die Reise entstanden, so treffen wir wiederkehrend auf eigent\u00fcmlich unf\u00f6rmige, dimensionslose Natur-Dinge, auf unterdeterminierte Ph\u00e4nomene, die nicht selten widerw\u00e4rtig sind. Die Konfrontation mit der tr\u00e4ge schwellenden und ihre Tentakelarme \u00fcberallhin ausstreckenden <em>Schmarotzerbohne<\/em> (Abb. S.30 oben) oder den eigent\u00fcmlichen Naturleibern, die in der Mitte der <em>Pal\u00e4ontologischen Waldlichtung<\/em> (Abb. S.30 unten) verstreut liegen, darf man sich vielleicht vorstellen wie die ber\u00fchmte Begegnung Antoine Roquentins mit der Wurzel eines Kastanienbaums, die Jean-Paul Sartre in seinem ersten Roman <em>Der Ekel<\/em> beschreibt. Dieser epochale Roman Sartres, der urspr\u00fcnglich nach D\u00fcrers Kupferstich den Titel &#8222;Melancholia&#8220; tragen sollte, etablierte mit einen Schlag nicht nur seinen Autor, sondern zugleich die Denk- und Lebensform des Existenzialismus. Die entscheidende, hier stark kondensierte Passage lautet wie folgt:<\/p>\n<p>&#8222;Das Wort Absurdit\u00e4t entsteht jetzt unter meiner Feder; vorhin im Park habe ich es nicht gefunden, aber ich suchte es auch nicht, ich brauchte es nicht: ich dachte ohne Worte \u00fcber die Dinge, mit den Dingen. Die Absurdit\u00e4t, das war keine Idee in meinem Kopf, keine Einfl\u00fcsterung, sondern diese lange tote Schlange zu meinen F\u00fc\u00dfen, diese Holzschlange. Schlange oder Kralle oder Wurzel oder Geierklaue, was auch immer. Ohne etwas deutlich zu formulieren, begriff ich, da\u00df ich den Schl\u00fcssel der Existenz, den Schl\u00fcssel meines Ekels, meines eigenen Lebens gefunden hatte. [\u2026] Dort im Park ber\u00fchrte ich das Ding. [\u2026] Absurd, ungreifbar; nichts &#8211; nicht einmal ein tiefer und geheimer Wahn der Natur &#8211; konnte es erkl\u00e4ren. Nat\u00fcrlich wu\u00dfte ich nicht alles, ich hatte weder den Keim sich entwickeln noch den Baum wachsen sehen. Aber angesichts dieser rauhen Pranke hatten weder die Unwissenheit noch das Wissen eine Bedeutung: die Welt der Erkl\u00e4rungen und Gr\u00fcnde ist nicht die der Existenz. [\u2026] Knorrig, inert, namenlos, faszinierte sie mich, erf\u00fcllte meine Augen, f\u00fchrte mich st\u00e4ndig auf ihre eigene Existenz zur\u00fcck. Ich konnte mir noch so oft wiederholen : &#8218;Es ist eine Wurzel&#8216;, das verfing nicht mehr. Ich sah ein, da\u00df man von ihrer Funktion als Wurzel, als Saugpumpe, nicht auf das kommen konnte, auf diese harte und kompakte Seehundshaut, auf dieses \u00f6lige, schwielige, eigensinnige \u00c4u\u00dfere. Die Funktion erkl\u00e4rte nichts: sie lie\u00df in groben Z\u00fcgen verstehen, was eine Wurzel war, aber keinesfalls diese hier. Diese Wurzel, mit ihrer Farbe, ihrer Form, ihrer erstarrten Bewegung, war [\u2026] unterhalb jeder Erkl\u00e4rung. [\u2026] Habe ich sie getr\u00e4umt, diese ungeheure Gegenwart? Sie war da, lag auf diesem Park, war in diese B\u00e4ume gepurzelt, ganz wabbelig, alles verschmierend, ganz dickfl\u00fcssig, eine Konfit\u00fcre. [\u2026] Ich stand auf, ich ging. Am Tor angekommen, habe ich mich umgedreht. Da hat der Park mir zugel\u00e4chelt. Ich habe mich an das Tor gelehnt und habe lange geschaut. Das L\u00e4cheln der B\u00e4ume [\u2026], das wollte etwas sagen; das war das wirkliche Geheimnis der Existenz. [\u2026] Ich sp\u00fcrte verdrossen, da\u00df ich kein Mittel hatte zu verstehen. Kein Mittel. Trotzdem war es da, abwartend, das hatte \u00c4hnlichkeit mit einem Blick. [\u2026] Ich bin gegangen, ich bin ins Hotel zur\u00fcckgekehrt und habe geschrieben.&#8220;<\/p>\n<p>Der Rekurs auf Sartre erfolgt nicht mit der Absicht, Kocherscheidt als existentialistischen K\u00fcnstler zu stilisieren, auch wenn er als Melancholiker, gem\u00e4\u00df dem eigentlich vorgesehenen Titel von Sartres Roman, wohl nicht mi\u00dfverstanden w\u00e4re. Die Verbindung der <em>Schmarotzerbohne<\/em> mit Roquentins Kastanienwurzel soll lediglich die entscheidende Wende, die sich in diesen Zeichnungen ereignete, zu deuten helfen. Kocherscheidt, der in seinen bisherigen Arbeiten &#8211; in seinen eigenen Worten &#8211; &#8222;die \u00dcbersetzung der \u00dcbersetzung, eine nochmalige Sinnentleerung&#8220; betrieb und &#8222;Zerrbilder von Allegorien in schlechtestem Geschmack&#8220; schuf, der also in der Auszehrung der Tradition und in Spielformen des unendlichen Regresses verharrte, stie\u00df inmitten der Natur mit einem Mal auf Widerstand: auf die Widerst\u00e4ndigkeit des Dings in seinem schieren, unableitbaren, aufdringlichen Dasein. Bei Sartres Roquentin \u00fcbersteigt die Erfahrung dieser blo\u00dfgelegten Existenz das Sehen und erfa\u00dft seinen ganzen K\u00f6rper, ja seine Identit\u00e4t. Von au\u00dfen her, auf dem Umweg \u00fcber das Ding, st\u00f6\u00dft er auf sich selbst als einer leibhaften Person in der Welt. Das Befremden in der Konfrontation mit dem Ding ersch\u00fcttert die Koh\u00e4renz seines imagin\u00e4ren Selbst. Genau von solchem spricht auch Kocherscheidt. In seinen Erinnerungen, auf die ich mich erneut beziehe, stehen diese S\u00e4tze, die er zu seiner Reise notiert: &#8222;Ich spielte manchmal mit dem Gedanken, meine Identit\u00e4t zu wechseln. Ich fand keine ad\u00e4quate Form der Darstellung. Zur\u00fcckgeworfen und konfrontiert mit der Natur, begann ich mich von einem literarisch bestimmten Bild von Malerei zu l\u00f6sen.&#8220; Drei Krisen: die Krise der Wahrnehmung, die Krise der Darstellung und die Krise der Identit\u00e4t, verschr\u00e4nken sich. Die k\u00fcnstlerische Antwort darauf &#8211; Sartres &#8222;ich bin ins Hotel zur\u00fcckgekehrt und habe geschrieben&#8220; &#8211; war jetzt allerdings erst noch zu finden. Der Weg, den Kocherscheidt ging, um dieser prim\u00e4ren Erfahrung k\u00fcnstlerisch zu entsprechen, l\u00e4\u00dft sich beschreiben als der allm\u00e4hliche Wandel von einer herk\u00f6mmlichen Vorstellung des Bildes als Darstellung zu einer Auffassung des Bildes als Verk\u00f6rperung dessen, was es zeigt. Das scheint ein unausweichlicher Proze\u00df zu sein, wenn am Anfang des Weges die Erfahrung einer Natur steht, die sich einer herk\u00f6mmlichen Repr\u00e4sentation verschlie\u00dft. Es beschreibt den Versuch, zu einer Bildform jenseits des Zeichens vorzusto\u00dfen, da es genau die Spaltung der Welt in Zeichen und Bezeichnetes ist, die Sartres Kastanienwurzel und Kocherscheidts Schmarotzerbohne durchschlagen. Das Bild selbst soll zu einem solchen Ding werden, wie sie der K\u00fcnstler auf seiner Reise traf. Deren entsetzender Blick soll nicht gegenst\u00e4ndlich fixiert werden, sondern in den K\u00f6rper des Bildes selbst Eingang finden. Diese Auffassung des Bildes als K\u00f6rperding ist es, wovon eingangs die Rede war als dem, was im Raum des Morat-Instituts, den Kocherscheidt einrichtete, unmittelbar sp\u00fcrbar wird. Von der Darstellung zur Verk\u00f6rperung: versuchen wir diesen Weg nachzuzeichnen.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kocherscheidt-malerei-skulptur\/\">Kapitel I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt Marcel Duchamp\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kocherscheidt-suedamerika-sartre-ekel\/\">Kapitel II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Marcel Duchamp Pfeil\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kocherscheidt-illusionismus-ding-leib\/\">Kapitel III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kocherscheidt-bild-objekt-verkoerperung-skulptur\/\">Kapitel IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/kocherscheidt-spaetwerk-wolfgang-rihm\/\">Kapitel V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/kocherscheidt-brustrauschen.pdf\">Kocherscheidt &#8211; Sartre &#8211; Rihm als Druckversion (PDF mit Abb. u. 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