{"id":162,"date":"2008-07-24T09:24:24","date_gmt":"2008-07-24T07:24:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-geschichte-der-skulptur\/"},"modified":"2008-07-24T09:24:24","modified_gmt":"2008-07-24T07:24:24","slug":"claes-oldenburg-the-store-geschichte-der-skulptur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-geschichte-der-skulptur\/","title":{"rendered":"Claes Oldenburg The Store Geschichte der Skulptur"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/konsumgut-deutsch.pdf\"><font face=\"arial\" size=\"1\">Konsumgut in der Kunstwelt als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.019 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" height=\"20\" width=\"10\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Das Konsumgut in der Kunstwelt &#8211;  Zur Para-\u00d6konomie der amerikanischen Pop Art<\/h2>\n<p><small>in: Shopping. 100 Jahre Kunst und Konsum, hrsg. von Max Hollein und Christoph Grunenberg, Katalog Schirn Kunsthalle Frankfurt\/M., Ostfildern-Ruit 2002, S. 148-153. <\/small><\/p>\n<h3>Abschnitt II<\/h3>\n<p>&#8222;Ich empfinde es als ganz nat\u00fcrlich&#8220;, sagte Claes Oldenburg, &#8222;unter den Bedingungen der amerikanischen, technischen Zivilisation zu arbeiten. Ich kenne die jeweiligen Effekte, die jeweiligen Resultate der technischen Arbeitsverfahren, und ich glaube sie zu kontrollieren.&#8220; So n\u00fcchtern das klingen mag, so hartn\u00e4ckig glaubte Oldenburg zugleich an den alten Traum von einer Vers\u00f6hnung von Kunst und Leben. Erreichen wollte er sie durch die Vers\u00f6hnung von Mensch und Ding. &#8222;Die Erh\u00f6hung der Sensibilit\u00e4t \u00fcber das, was die b\u00fcrgerlichen Werte definieren&#8220;, sagt Oldenburg, &#8222;wird hoffentlich den Begriff der Kunst zerst\u00f6ren und dem Objekt seine Kraft zur\u00fcckgeben. Dann wird die dem Universum innewohnende Magie wiederhergestellt sein, und die Menschen werden in sympathetischem religi\u00f6sem Austausch stehen mit den Dingen, die sie umgeben. Sie werden sich nicht mehr von ihnen geschieden f\u00fchlen, und das Schisma zwischen beseelt und unbeseelt wird aufgehoben sein.&#8220; Oldenburg kritisierte die Entfremdung des Alltags vom Leben ebenso wie die Entfremdung der Kunst vom Alltag. Dagegen stellte er einen &#8222;unf\u00f6rmigen&#8220; Universalismus, der alles mit allem in Beziehung setzt, sein Wunschbild einer \u2013 wie er sagte \u2013 &#8222;erotisch-politisch-mystischen&#8220; Kunst.<br \/>\n1961 er\u00f6ffnete er in seinem Atelier in New Yorks Lower East Side einen Laden, <em>The Store<\/em>, in dessen weiterem Zusammenhang auch der <em>Lingerie Counter<\/em> entstand. Der Laden war nicht nur Verkaufsort, sondern auch Produktionsst\u00e4tte. Zu kaufen gab es das gesamte Spektrum des Alltagsbedarfs, so wie es auch die \u00fcberf\u00fcllten L\u00e4den der Nachbarschaft anboten, von Nahrungsmitteln \u00fcber Kleider und Schuhe bis zu Papeteriewaren. Alles bestand aus demselben Material, gips\u00fcberzogenem Musselin, und war starkfarbig und quasi-expressionistisch bemalt. Oldenburgs Wirklichkeitsdarstellung bewegte sich auf mehreren Ebenen. Sie betraf zun\u00e4chst die Alltagsobjekte selbst, noch wichtiger aber war ihm die &#8222;Nachahmung&#8220; der unterschiedlichen T\u00e4tigkeitsfelder, die ihm erlaubte, Konditor, Schneider, Brautausstatter, Metzger, Schildermaler und Schuhmacher in einem zu werden. Als Verk\u00e4ufer oblag ihm auch die Distribution des Hergestellten. Die anvisierte &#8222;politische&#8220; Dimension seiner Kunst lag folglich darin, inmitten der amerikanischen arbeitsteiligen Gesellschaft zum nicht-entfremdeten Handwerker-Dasein der vorkapitalistischen Wirtschaft zur\u00fcckzukehren. In der Kunst-Welt des <em>Store<\/em> gab es kein Ding, das er potenziell nicht h\u00e4tte produzieren und verkaufen k\u00f6nnen \u2013 allerdings um den Preis der \u00dcbertragung der Dinge in Kunst: der einzelnen Waren in unverzehrbare und dysfunktionale Plastiken, des Ladens als Ganzem in ein &#8222;Environment&#8220;. Alle Objekte waren, wie gesagt, aus demselben Material, ob es sich um einen Briefumschlag, eine Wurst oder einen Turnschuh handelte. Auch die Oberfl\u00e4chen waren durchweg \u00e4hnlich, alles wies dieselbe schrundige, durch die gl\u00e4nzende Farbe gegl\u00e4ttete Oberfl\u00e4che auf, alles erschien leicht deformiert, angeschmolzen und verklumpt. Einige der Gegenst\u00e4nde inszenierte Oldenburg als Relief. Sie trugen einen Teil eines unbestimmten Grundes mit sich, vor dem sie sich pr\u00e4sentierten, schienen wie herausgebrochen aus einem gr\u00f6\u00dferen, imagin\u00e4ren Zusammenhang. Das Kontinuum, das sich zwischen den Dingen auszubilden begann, ergab sich nicht aus den Objekten selbst \u2013 was haben Turnschuhe und W\u00fcrste schon gemeinsam \u2013, sondern aus der gleich bleibenden plastischen Behandlung. Sie verwandelte die Varianz der Objekte und Materialien in einen Kosmos &#8222;vom selben Fleisch&#8220;. Der <em>Store<\/em> war, wie Oldenburg sagte, eine &#8222;super texture supercollage&#8220;, ein aus- und \u00fcbergreifender, pulsierender Organismus.<br \/>\nOldenburgs osmotische Warenwelt lockerte die Relation von Zeichen und Bezeichnetem, in ihrer uniformen Unf\u00f6rmigkeit war das einzelne Ding pl\u00f6tzlich mehrere Dinge zugleich. Die Notizen und Skizzen zum <em>Store<\/em> enthalten Listen von Form-Entsprechungen, welche die Ordnung, die sie zu schaffen vorgeben, zugleich einst\u00fcrzen lassen. Gem\u00e4\u00df Oldenburg &#8222;entsprechen sich&#8220; Haare und Speck; Ohrringe, Flugzeugr\u00e4der, B\u00fcstenhalter und Br\u00fcste; Obelisk und B\u00fcgelbrett; Wurst im Br\u00f6tchen, Flugzeug und gerollte Zeitung; Hut, Lippen, Banana Split und Pistole; usw. Die &#8222;Entformung&#8220; des einzelnen Objekts und die Abl\u00f6sung von Nutzungszusammenh\u00e4ngen er\u00f6ffnet neuartige Anschlussm\u00f6glichkeiten f\u00fcr g\u00e4nzlich disparate Dinge. Sexuelles liegt diesem Verschiebungsprozess zugrunde. &#8222;Das Erotische oder das Sexuelle ist die Wurzel der Kunst, ihr erster Impuls&#8220;, sagte Oldenburg. &#8222;Hier und heute, wo ich lebe, in Amerika, ist die Sexualit\u00e4t mehr auf Substitute gerichtet, zum Beispiel mehr auf Kleider denn auf die Person, auf fetischistisches Zeug, und das gibt dem Objekt eine Intensit\u00e4t, die ich zu nutzen suche.&#8220; Das Begehren des mythischen Bildhauers Pygmalions richtete sich auf seine Marmorskulptur einer Jungfrau; Aphrodite erbarmte sich, beseelte sie und gab sie Pygmalion zur Frau. Oldenburgs Begehren richtete sich auf Eiscornetti und Mikrofone, auf Badekleider und Bratenst\u00fccke. Die &#8222;Braut&#8220;, die es im <em>Store<\/em> ebenfalls zu kaufen gab, war weder k\u00f6rperlicher noch begehrenswerter als der Turnschuh, in allem steckte dieselbe sexuelle Energie. So brachte Oldenburg nicht nur das System kapitalistischer Arbeitsteilung zum Einsturz, sondern auch die gezielte Fetischisierung der Warenwelt, die das Marketing zwecks besserer Verk\u00e4uflichkeit errichtete. Seine Besetzung der Objektwelt war ebenso total wie ebenm\u00e4\u00dfig in seiner Intensit\u00e4t. &#8222;Store: 1. Eros. 2. Stomach. 3. Memory. Enter my Store&#8220;, fordert er uns in <em>Store Days<\/em> auf.<br \/>\nDem Ziel der Ann\u00e4herung von Kunst und Leben n\u00e4herte sich Oldenburg, indem er deren jeweilige Energien ineinander flie\u00dfen lie\u00df. Sein die Dinge belebender &#8222;Animismus&#8220; steht in der Tradition der Plastik, die seit jeher mit der Dialektik von unbeseelter Materie und lebendiger, &#8222;beseelter&#8220; Wirkung arbeitete. Diese Energie koppelt er mit der Begehrensstruktur des Warenfetischismus zu seiner &#8222;erotisch-politisch-mystischen&#8220; Kunst. Oldenburgs <em>Store<\/em> hob die Tradition der Plastik auf, indem er sie bewahrte und zugleich liquidierte. Die &#8222;Anthropomorphisierung&#8220; der Dingwelt f\u00fchrte die Tradition der Plastik fort, die sich \u00fcber Jahrhunderte fast ausschlie\u00dflich der menschlichen Figur widmete. Zugleich wurde sie von dieser thematischen Fixierung abgel\u00f6st, die angesichts einer zunehmend nicht von Menschen, sondern von Dingen gepr\u00e4gten Lebenswelt unzeitgem\u00e4\u00df zu werden begann.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/pop-art-konsum-high-und-low-konzeptkunst\/\">Abschnitt I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt Konsumgut in der Kunstwelt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/claes-oldenburg-the-store-geschichte-der-skulptur\/\">Abschnitt II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Pfeil Konsumgut in der Kunstwelt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/the-american-supermarket-campbells-soup-can-christo-store-front\/\">Abschnitt III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-werbegrafik-wayne-thiebaud-stilleben\/\">Abschnitt IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" height=\"20\" width=\"10\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/konsumgut-deutsch.pdf\">Konsumgut in der Kunstwelt als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.019 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konsumgut in der Kunstwelt als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.019 KB) Das Konsumgut in der Kunstwelt &#8211; Zur Para-\u00d6konomie der amerikanischen Pop Art in: Shopping. 100 Jahre Kunst und Konsum, hrsg. von Max Hollein und Christoph Grunenberg, Katalog Schirn Kunsthalle Frankfurt\/M., Ostfildern-Ruit 2002, S. 148-153. 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