{"id":157,"date":"2008-04-22T08:44:02","date_gmt":"2008-04-22T06:44:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/roy-lichtenstein-spiegel-wahrnehmung-bildzeichen-abstraktion\/"},"modified":"2008-04-22T08:44:02","modified_gmt":"2008-04-22T06:44:02","slug":"roy-lichtenstein-spiegel-wahrnehmung-bildzeichen-abstraktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/roy-lichtenstein-spiegel-wahrnehmung-bildzeichen-abstraktion\/","title":{"rendered":"Roy Lichtenstein Spiegel Wahrnehmung Bildzeichen Abstraktion"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/roy-lichtenstein-beyeler.pdf\"><font size=\"1\" face=\"arial\">Lichtenstein Mirror als Druckversion (PDF mit Abb. 4.720 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Roy Lichtenstein: Mirror (1972)<\/h2>\n<p><small>in: Sammlungskatalog Fondation Beyeler. Neuzug\u00e4nge 1998-2003, Riehen\/Basel\/Wolfratshausen 2003, S. 36-37.<\/small><br \/>\nLichtensteins Bilder haben eine ausgepr\u00e4gt konzeptuelle Seite, die Fragen der Gegenstandswahrnehmung und -darstellung betrifft. Sie versuchen jeweils den Punkt zu treffen, wo an sich bedeutungslose, formalisierte Bildzeichen in ein gegenst\u00e4ndliches Wiedererkennen umschlagen. Darin begr\u00fcndet sich auch Lichtensteins Interesse an Cartoons.<br \/>\nIn ihnen entdeckte er eine Bildsprache, die die Spannung zwischen abstrahierenden Bildchiffren und drastischer Gegenst\u00e4ndlichkeit maximalisiert. Zudem faszinierte ihn, dass sie sogar f\u00fcr fl\u00fcchtige, kaum darstellbare Dinge wie Explosionen oder Lichtstrahlen schlagkr\u00e4ftige Bildchiffren zu finden wissen. Cartoons waren f\u00fcr ihn das Paradebeispiel daf\u00fcr, dass gelingende Repr\u00e4sentation nicht von einer naturalistischen Darstellungsweise abh\u00e4ngt, sondern von der Gew\u00f6hnung an Darstellungskonventionen.<br \/>\nDie Serie der <em>Mirrors<\/em> bildet vermutlich die \u00e4usserste Verdichtung der Darstellungs- und Wahrnehmungsthematik in Lichtensteins Werk. Das liegt nicht zuletzt an ihrem Gegenstand, dem Spiegel, der seit Platon als Metapher f\u00fcr die illusionistische Qualit\u00e4t eines Bildes gilt. Ein Spiegel zeigt die Wirklichkeit genau so, wie sie ist. Als Gegenstand tritt er dabei hinter den wechselnden Inhalt, den er zeigt, zur\u00fcck. Als er selbst bleibt er praktisch unsichtbar. Lichtensteins <em>Mirror<\/em> hingegen l\u00e4sst nichts Gespiegeltes erkennen. Er vollbringt das Kunstst\u00fcck, nicht etwas Gespiegeltes, sondern das Spiegeln selbst zu zeigen. Die bildnerische L\u00f6sung daf\u00fcr zu finden war nicht leicht. &#8222;Es brauchte einige Zeit&#8220;, so Lichtenstein, &#8222;um zu etwas zu gelangen, das ein ausreichend interessantes abstraktes Bild war und das man gleichzeitig f\u00fcr einen Spiegel halten konnte.&#8220; Die beiden Aspekte, die Lichtenstein nennt &#8211; abstraktes Bild und Spiegeldarstellung &#8211; stehen dabei in gr\u00f6sstm\u00f6glicher Spannung zueinander. Wir sehen Rasterpunkte und verschiedenfarbige Streifen, die in keiner Hinsicht einem Spiegel zu \u00e4hneln scheinen und dennoch einen solchen zu illusionieren verm\u00f6gen. An den Rasterpunkten, Lichtensteins Markenzeichen, wird dies besonders augenf\u00e4llig. Eigentlich sind sie ein drucktechnisches Mittel, Halbt\u00f6ne und Mischfarben hervorzubringen. Entsprechend erscheint die blau gepunktete weisse Fl\u00e4che in <em>Mirror<\/em> als lichtes Hellblau. Die starke Vergr\u00f6sserung der Rasterung sowie deren regelm\u00e4ssige Skalierung erzeugen zugleich einen Flimmer-Effekt, der die Fl\u00e4chigkeit des Bildes optisch transzendiert und einen ungreifbaren, lichtvollen Raum evoziert, der sich im Spiegel abzuzeichnen scheint. Faktum und Wirkung, gerasterte Fl\u00e4che und Tiefenillusion, Materialit\u00e4t des Bildes und Immaterialit\u00e4t der Erscheinung werden gegeneinander ausgespielt und somit gleichzeitig wahrnehmbar. Wir k\u00f6nnen gewissermassen unserem Sehen zuschauen, wie es die visuelle Information in Gegenstandserkenntnis umsetzt. Wenn &#8222;Sehen&#8220; normalerweise bedeutet, &#8222;etwas als etwas&#8220; zu sehen, dann dehnt Lichtenstein dieses &#8222;als&#8220; bis zu dem Punkt, wo es als Vorgang sichtbar wird. <em>Mirror<\/em> \u00e4hnelt einem Spiegel, doch in dem Sinne, wie Vexierbilder \u00e4hnlich sind. Denn worauf das Wiedererkennen basiert, wo sich die \u00c4hnlichkeit konkret einstellt, darauf k\u00f6nnen wir im Bild nicht zeigen. Den Vexierbild-Charakter akzentuiert Lichtenstein zus\u00e4tzlich, indem er Form und Gr\u00f6sse des Bildes einem tats\u00e4chlichen Spiegel entsprechen l\u00e4sst. <em>Mirror<\/em> spielt damit, das gemeinte Objekt tats\u00e4chlich zu sein. Doch er reflektiert nicht unser Konterfei. Was er reflektiert, ist allein ein Paradox der Wahrnehmung.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/roy-lichtenstein-beyeler.pdf\">Lichtenstein Mirror als Druckversion (PDF mit Abb. 4.720 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lichtenstein Mirror als Druckversion (PDF mit Abb. 4.720 KB) Roy Lichtenstein: Mirror (1972) in: Sammlungskatalog Fondation Beyeler. Neuzug\u00e4nge 1998-2003, Riehen\/Basel\/Wolfratshausen 2003, S. 36-37. Lichtensteins Bilder haben eine ausgepr\u00e4gt konzeptuelle Seite, die Fragen der Gegenstandswahrnehmung und -darstellung betrifft. 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