{"id":1307,"date":"2022-03-05T09:45:35","date_gmt":"2022-03-05T08:45:35","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/?p=1307"},"modified":"2022-03-08T08:08:08","modified_gmt":"2022-03-08T07:08:08","slug":"duchamp-bild-glas-etant-donnes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/","title":{"rendered":"Duchamp Bild Glas \u00c9tant donn\u00e9s"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/p>\n<h2>PERSPEKTIVINVERSION<\/h2>\n<p>\u00dcber das Sehen von Duchamps <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>. Mit Vorbemerkungen zur <em>perspicuitas<\/em> in der klassischen Repr\u00e4sentation<\/p>\n<p><small>in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177.<\/small><\/p>\n<h3>VI. DAS BILD ALS GEM\u00c4LDE, ALS GLAS UND ALS <em>INFRAMINCE<\/em><\/h3>\n<p>Um die Sph\u00e4ren des \u201aDavor\u2018 und des \u201aDahinter\u2018 des Bildes sowie die Sph\u00e4ren des Betrachters und des Kunstwerks in ein osmotisches Austauschverh\u00e4ltnis zu bringen, gab Duchamp um 1913 die Malerei auf und begann die Arbeit am <em>Gro\u00dfen Glas<\/em>. W\u00e4hrend aber das <em>Gro\u00dfe Glas<\/em> trotz allem noch auf einem materiellen Tr\u00e4ger basiert \u2013 sei dieser auch im Unterschied zu einem Gem\u00e4lde transparent und sei dieses auch, erneut im Gegensatz zu einem herk\u00f6mmlichen Bild, <em>inmitten<\/em> des Raums aufgestellt \u2013, verzichtet <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> nun g\u00e4nzlich auf ein solches materielles \u201aDazwischen\u2018. Hier gibt es nur noch ein buchst\u00e4bliches Nichts, das die Seiten des \u201aDavor\u2018 und \u201aDahinter\u2018 trennt: nur noch die Luft in den beiden L\u00f6chern der Holzt\u00fcre. Und w\u00e4hrend das <em>Gro\u00dfe Glas<\/em> eine antinaturalistische, einem Diagramm angen\u00e4herte Abstraktion entwirft, um das Bild von einer herk\u00f6mmlichen Mimesis und von der Malerei als Sinnenreiz abzul\u00f6sen, um daraus jenes Andere zu machen, was man mit Leonardo als \u201aDiscorso mentale\u2018 bezeichnen kann, schockiert <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> den Betrachter mit dem krassen Naturalismus von Wachsfigurenkabinetten und naturhistorischen Dioramen. Damit maximalisiert Duchamp die Spannung zwischen der Schaustellung tats\u00e4chlicher Dinge und der Evokation einer der Wirklichkeit g\u00e4nzlich entr\u00fcckten Fiktion. Auf der einen Seite folgt <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> einer \u00c4sthetik des raumzeitlich Aktualen, der Pr\u00e4senz von K\u00f6rpern und Materialien sowie der situativen Einbindung des Betrachters. Damit konkurriert jedoch die gegenl\u00e4ufige Strategie, gerade kein Hier und Jetzt zu evozieren, sondern eine r\u00e4umlich und zeitlich abgeschiedene Welt, einen U-Topos, der sich aus dem Kontext des Museums, in dem er sich befindet, radikal aussondert. Aus diesen beiden heterogenen, ja gegenl\u00e4ufigen Komponenten speist sich jenes \u201aBild\u2018, das wir beim Blick durch die beiden L\u00f6cher sehen und das g\u00e4nzlich immateriell bleibt, weil es sozusagen im Nichts jener L\u00f6cher h\u00e4ngt, in dem sich das Sehen des Betrachters und die Erscheinung des Dioramas kreuzen. Es ist ein \u201aBild\u2018, das Duchamps Raumkonstruktion zwar hervorbringt, das er aber in einem strengen Sinne nicht geschaffen hat, da es erst in der Erfahrung des Betrachters entsteht: im Zusammenspiel zwischen dem topologischen Dispositiv der Installation mit seiner genau kalkulierten und fixierten Perspektive, in die es den Betrachter zwingt, und der kognitiven Verarbeitung dessen, was sich dem Betrachter unter diesen Bedingungen zeigt. In diesem \u201aBild\u2018 kippen Realit\u00e4t und Fiktion permanent ineinander um, voneinander geschieden durch eine <em>Inframince<\/em>-Trennung, einer <em>d\u00fcnner als d\u00fcnnen Differenz<\/em>.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/perspektive-fiktion-repraesentation-veronese-duerer\/\">Kapitel I: Perspektivit\u00e4t und Fiktion in der klassischen Repr\u00e4sentation<br \/>\n<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-malerei-geist-perspektive-glas\/\">Kapitel II: Duchamps Transformationen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince\/\">Kapitel III: \u00c4sthetische Osmose und <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-passage-schwelle-etant-donnes\/\">Kapitel IV: Ein vierfaches Explizitwerden des Sehens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/etant-donnes-licht-blick-wasserfall\/\">Kapitel V: Auf den Schwellen von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/\"> Kapitel VI: Das Bild als Gem\u00e4lde, als Glas und als <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB) PERSPEKTIVINVERSION \u00dcber das Sehen von Duchamps \u00c9tant donn\u00e9s. Mit Vorbemerkungen zur perspicuitas in der klassischen Repr\u00e4sentation in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177. VI. DAS BILD ALS GEM\u00c4LDE, ALS GLAS UND ALS INFRAMINCE Um die Sph\u00e4ren des &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDuchamp Bild Glas \u00c9tant donn\u00e9s\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1307","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1307"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1307\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1347,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1307\/revisions\/1347"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}