{"id":1305,"date":"2022-03-05T09:45:08","date_gmt":"2022-03-05T08:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/?p=1305"},"modified":"2022-03-09T09:08:42","modified_gmt":"2022-03-09T08:08:42","slug":"etant-donnes-licht-blick-wasserfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/etant-donnes-licht-blick-wasserfall\/","title":{"rendered":"\u00c9tant donn\u00e9s Licht Blick Wasserfall"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/p>\n<h2>PERSPEKTIVINVERSION<\/h2>\n<p>\u00dcber das Sehen von Duchamps <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>. Mit Vorbemerkungen zur <em>perspicuitas<\/em> in der klassischen Repr\u00e4sentation<\/p>\n<p><small>in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177.<\/small><\/p>\n<h3>V. AUF DEN SCHWELLEN VON <em>\u00c9TANT DONN\u00c9S<\/em><\/h3>\n<p>Inwiefern aber ereignet sich nun jene phantasmatische \u00dcberblendung von Realit\u00e4t und Fiktion, die ich als einen wesentlichen Effekt von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> bezeichnete? Und inwiefern h\u00e4ngt diese \u00dcberblendung auch hier mit jener Perspektivinversion zusammen, die ich einleitend an Veroneses Gem\u00e4lde und an D\u00fcrers Holzstich herausarbeitete?<\/p>\n<p>Auf einer ersten Ebene erweist sich die anhand von Veroneses <em>Anbetung der Hirten<\/em> beschriebene Kreuzung der Sehstrahlen, die ins Bild dringen, mit den Lichtstrahlen, die aus dem Bild heraus den Betrachter treffen, als dasjenige, was hier in buchst\u00e4blicher Weise geschieht. Wer durch die Guckl\u00f6cher blickt, wird getroffen von einem vielf\u00e4ltigen Leuchten und Gl\u00e4nzen: vom hellen Widerschein der \u2013 nicht sichtbaren \u2013 Lampen auf der Pergamenthaut der Puppe, vom Schimmern der in die H\u00f6he gehaltenen Gaslampe sowie vom flirrenden Glitzern des Wasserfalls im Landschaftshintergrund. Auch dieses Glitzern ist durch Reproduktionen nicht vermittelbar, insbesondere da es am Rande der eigent\u00fcmlich stillgestellten, wie aus der Zeit gefallenen Szenerie ein irritierendes zeitliches Moment einf\u00fchrt. Duchamp realisierte den Wasserfall als eine Durchl\u00f6cherung des Landschaftshintergrundes, die anschlie\u00dfend mit Klebstoff halbtransparent zugedeckt wurde. Das Glitzern selbst wird hervorgerufen durch eine hinter der Landschaftsdurchl\u00f6cherung in einer blechernen Dose eingeschlossene Gl\u00fchbirne, vor der eine perforierte Metallscheibe langsam rotiert. Auf diese Weise werden in unregelm\u00e4\u00dfiger Abfolge wandernde Leuchtpunkte r\u00fcckw\u00e4rtig auf die Klebstoffkaskade projiziert.<\/p>\n<p>Wie die Aufnahme der \u2013 f\u00fcr den Betrachter so nie einsehbaren \u2013 Geh\u00e4usekonstruktion von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> zeigt, tr\u00e4gt dieses Geh\u00e4use Z\u00fcge eines umgekehrten fotografischen Dispositivs. Wenn wir die Arbeit nicht vom Betrachter, sondern vom Raum des Dioramas her denken, dann \u00e4hnelt die Art und Weise, wie das im Diorama leuchtende Licht durch die T\u00fcrl\u00f6cher in den halbdunklen Vorraum f\u00e4llt, der Funktionsweise einer Camera obscura, wobei sich das vom Diorama her durch die T\u00fcr\u00f6ffnungen dringende Licht nicht wie bei einer Camera obscura auf der gegen\u00fcberliegenden Wand niederschl\u00e4gt, sondern auf dem Gesicht des vor der Holzt\u00fcre stehenden Betrachters. Wie um diese (pr\u00e4)fotografischen Assonanzen zu best\u00e4tigen, befindet sich zwischen der durchbrochenen Backsteinmauer und der Holzt\u00fcre eine dunkel verhangene Passage, die an den Balg historischer Kameras erinnert als jene Passage, die das Licht durchqueren muss, wenn es von der Objektlinse zur fotografischen Platte gelangen will.<\/p>\n<p>Das Moment der zu durchmessenden Passage, der \u00fcberschrittenen Schwelle und des sich \u00f6ffnenden Intervalls findet sich aber nicht nur in diesem mit schwarzem Samt verhangenen Zwischenraum, sondern es handelt sich dabei um ein grundlegendes und durchgehendes Strukturelement der Installation. Das Sehen wird in <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> als mehrfaches \u00dcberschreiten von Grenzen, als eine Hintereinanderstaffelung von Durchl\u00f6cherungen und Durchquerungen inszeniert. So f\u00fchrt die erste Passage vom riesigen und hellen Museumsraum, in dem das <em>Gro\u00dfe Glas<\/em> steht, in den niedrigen, zwielichtigen und leeren Raum vor der Holzt\u00fcre, die zweite Passage ereignet sich beim Blick durch die Guckl\u00f6cher, die dritte verl\u00e4uft durch die verhangene Dunkelkammer, bei der vierten durchqueren wir die Backsteinmauer, die f\u00fcnfte Passage ist die Vulva der liegenden Frau als \u00d6ffnung ins Innere ihres K\u00f6rpers, die sechste schlie\u00dflich ist der Wasserfall, der aus einer H\u00f6hle in der Hangkante des Landschaftshintergrundes hervorquillt.<\/p>\n<p>Bei dieser letzten und hintersten Passage, dem hervorquellenden Wasserfall, erfolgt nun aber eine entscheidende Richtungsumkehr. Denn das Wasser bricht von hinten, von einem unsichtbaren Jenseits des Dioramas, durch die Landschaft hindurch und ergie\u00dft sich zu uns hin in einen See; und das Glitzern des Wasserfalls dringt in umgekehrter Richtung zum Betrachterblick durch all jene Intervalle, die dieser Betrachterblick soeben durchma\u00df: durch die Backsteinmauer, die verhangene Zwischenzone und die L\u00f6cher in der Holzt\u00fcre, bis er auf das Auge des Betrachters trifft \u2013 eines Betrachters, der schlie\u00dflich selbst umkehren und die Sackgasse des leeren Raums auf jenem Weg, den er gekommen ist, wieder verlassen wird. Die verschiedenen \u00d6ffnungen und Durchg\u00e4nge sind strukturell homolog, indem es sich jeweils um Passagen in beiderlei Richtungen handelt und sie sich s\u00e4mtlich als Orte eines osmotischen Austauschs erweisen. Zugleich verbinden sie sich aufgrund formaler \u00c4hnlichkeiten, die bei der \u00d6ffnung in der Backsteinmauer, der Vulva der Frau und dem Wasserfall besonders auff\u00e4llig sind. Genauso bedeutsam ist die strukturelle und zugleich atmosph\u00e4rische \u00c4hnlichkeit zwischen dem Eintritt in den halbdunklen Vorraum von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>und dem Blick in das dunkle Intervall zwischen der Holzt\u00fcre und der Backsteinmauer. Im Zuge dieser hintereinandergestaffelten Transgressionen gleiten wir allm\u00e4hlich von der Seite der Realit\u00e4t auf die Seite der Fiktion hin\u00fcber, ohne allerdings angeben zu k\u00f6nnen, wo genau die Grenze zwischen beidem verl\u00e4uft. Es ist ebenso plausibel, diese Grenze gleich am Anfang, am T\u00fcrdurchgang zwischen dem hellen Raum des <em>Gro\u00dfen Glases<\/em>und dem Halbdunkel des Vorraums von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>, zu situieren, wie sie in jener Backsteinmauer zu erkennen, hinter der sich der Ausblick auf die Landschaft und die nackte Frau \u00f6ffnet, oder aber sie ganz am r\u00e4umlichen Ende der Installation zu verorten, im Wasserfall, dessen optisch-mechanisch illudiertes Glitzern inmitten der stillgestellten Zeit zum vielleicht irrealsten Moment des gesamten Dioramas wird.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/perspektive-fiktion-repraesentation-veronese-duerer\/\">Kapitel I: Perspektivit\u00e4t und Fiktion in der klassischen Repr\u00e4sentation<br \/>\n<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-malerei-geist-perspektive-glas\/\">Kapitel II: Duchamps Transformationen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince\/\">Kapitel III: \u00c4sthetische Osmose und <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-passage-schwelle-etant-donnes\/\">Kapitel IV: Ein vierfaches Explizitwerden des Sehens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/etant-donnes-licht-blick-wasserfall\/\">Kapitel V: Auf den Schwellen von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/\"> Kapitel VI: Das Bild als Gem\u00e4lde, als Glas und als <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB) PERSPEKTIVINVERSION \u00dcber das Sehen von Duchamps \u00c9tant donn\u00e9s. Mit Vorbemerkungen zur perspicuitas in der klassischen Repr\u00e4sentation in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177. V. 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