{"id":1303,"date":"2022-03-05T09:44:39","date_gmt":"2022-03-05T08:44:39","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/?p=1303"},"modified":"2022-03-07T11:26:16","modified_gmt":"2022-03-07T10:26:16","slug":"duchamp-passage-schwelle-etant-donnes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-passage-schwelle-etant-donnes\/","title":{"rendered":"Duchamp Passage Schwelle \u00c9tant donn\u00e9s"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/p>\n<h2>PERSPEKTIVINVERSION<\/h2>\n<p>\u00dcber das Sehen von Duchamps <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>. Mit Vorbemerkungen zur <em>perspicuitas<\/em> in der klassischen Repr\u00e4sentation<\/p>\n<p><small>in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177.<\/small><\/p>\n<h3>IV. EIN VIERFACHES EXPLIZITWERDEN DES SEHENS<\/h3>\n<p><em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>scheint mir die werkgewordene Materialisierung des soeben umrissenen Denkfeldes von <em>inframince<\/em> und \u00e4sthetischer Osmose zu sein. Es ist die Realisierung eines Artefaktes als Schwelle, Passage und Intervall, das die beiden Seiten \u2013 den Betrachter und das Gesehene \u2013 ebenso separiert wie sich ber\u00fchren l\u00e4sst, wobei im Zusammenspiel beider Seiten ein ungreifbares, ultrad\u00fcnnes \u201aBild\u2018 entsteht.<\/p>\n<p>Im Grunde wiederholt die Anlage von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> diejenige von D\u00fcrers Perspektivgrafik \u2013 allerdings mit einigen signifikanten Abweichungen. Der Betrachter nimmt die Stelle des Zeichners ein, und die durch den trennenden Schirm hindurch gesehene Welt ist nicht die Wirklichkeit, sondern ein aufwendig gestaltetes Artefakt. Des Weiteren wird D\u00fcrers Szenario in eine \u00c4sthetik \u00fcberf\u00fchrt, die durch den Illusionismus der Wachsfigurenkabinette ebenso hindurchging wie durch die Erfahrung der Fotografie; und insbesondere auf Letzteres, den Fotografiebezug, wird noch genauer einzugehen sein.<\/p>\n<p>Wenn ich mich nun der konkreten Realisierung von <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em> zuwende, muss allerdings einschr\u00e4nkend betont werden, dass dieses Werk sich der Reproduzierbarkeit fast vollst\u00e4ndig entzieht. Die Erfahrungen, die in der Begegnung mit diesem Artefakt zu machen sind, lassen sich in keiner Weise an Abbildungen, sondern nur an Ort und Stelle machen. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr den hier herauszuarbeitenden Effekt, Wirklichkeit und Fiktion in phantasmatischer Weise zu \u00fcberblenden und sie dabei in ein Verh\u00e4ltnis der \u201e<em>Inframince<\/em>-Separation\u201czu bringen. Um mein Argument dennoch zu plausibilisieren, behelfe ich mir mit einem durchaus problematischen Mittel: Ich greife auf Fotografien zur\u00fcck, die Ansichten von <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em> zeigen, die dem Museumsbesucher verborgen sind; teilweise handelt es sich um Fotografien, die Duchamp selbst anfertigte, die er aber nicht zur Ver\u00f6ffentlichung bestimmte, sondern f\u00fcr einen detaillierten Leitfaden anfertigte, der es erm\u00f6glichen sollte, die \u00fcberaus komplex konstruierte Arbeit nach seinem Tod in seinem New Yorker Atelier abzubauen und im Philadelphia Museum of Art korrekt wieder zu installieren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens 1954 w\u00e4hlte Duchamp den zuk\u00fcnftigen Museumsraum f\u00fcr seine Installation aus. Es ist der letzte im langen n\u00f6rdlichen Seitenfl\u00fcgel des Philadelphia Museum of Art, und man gelangt in den kleinen, halbdunklen Raum von der hellen und hohen Halle aus, in welcher Duchamps <em>Gro\u00dfes Glas<\/em> installiert ist. Beim Einbau von <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em> in der ersten Jahresh\u00e4lfte 1969 wurde der Raum durch eine grob verputzte Mauer in zwei gleich gro\u00dfe Teilr\u00e4ume unterteilt, wobei diese Mauer im Zusammenspiel mit der verwitterten, von einem Backsteinrahmen gefassten Holzt\u00fcre dem Betrachter suggeriert, er st\u00fcnde auf einmal nicht mehr im Inneren des Museums, sondern vor einer Au\u00dfenwand. Die vordere Raumh\u00e4lfte, die der Betrachter betritt, ist vollst\u00e4ndig leer, lediglich ein Sisalteppich bedeckt den gesamten Boden. In der hinteren Raumh\u00e4lfte hingegen, die von der eingezogenen Mauer vollst\u00e4ndig abgeschlossen wird, ist ein hell beleuchtetes Diorama aufgebaut, in dem hinter einer durchbrochenen Backsteinmauer eine nackte Frau in einem Landschaftszusammenhang liegt und von dem der Betrachter nur genau den Ausschnitt zu sehen bekommt, den zwei auf Augenh\u00f6he vorhandene L\u00f6cher in der Holzt\u00fcre gew\u00e4hren. W\u00e4hrend der leere vordere Raum von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> kein eigenes Licht aufweist und daher in eigent\u00fcmlichem Zwielicht liegt, ist das Diorama von unterschiedlichen Lampen sorgf\u00e4ltig ausgeleuchtet wie von hellem, aber sanftem Sonnenlicht. Diese Helligkeit dringt durch die beiden T\u00fcrl\u00f6cher wie ein Versprechen, das man vernimmt, sobald man sich der T\u00fcr n\u00e4hert.<\/p>\n<p>Die Installation erweist sich als eine Art Geh\u00e4use, in welchem der Augenblick des Sehens als ein expliziter Akt erfahrbar wird. Genau genommen wird der Akt des Sehens in mindestens vierfacher Hinsicht explizit. Auff\u00e4llig wird erstens dessen K\u00f6rpergebundenheit, da man sich an eine ganz bestimmte Stelle bewegen und sich genau positionieren muss, um \u00fcberhaupt etwas sehen zu k\u00f6nnen. Zweitens zeigt er sich in seiner optischen Dimension, weil die Topologie von <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em> das Sehen als perspektivisch gerichtetes Sehen, aber auch als ein Konnex von Sehen und Licht inszeniert. Die dritte Dimension ist die kognitive \u2013 und bedarf einer etwas ausf\u00fchrlicheren Explikation: Die kleinen Guckl\u00f6cher gestatten aufgrund der eingeschr\u00e4nkten und festgezurrten Perspektive keine befriedigende \u00dcbersicht \u00fcber das dargebotene Sehfeld. Oder mit dem zu Beginn eingef\u00fchrten Begriff der <em>perspicuitas<\/em> formuliert: Indem die \u201aDurchsicht\u2018 durch die T\u00fcrl\u00f6cher auf die dahinter befindliche Szenerie dergestalt eingeschr\u00e4nkt und fixiert ist, unterl\u00e4uft sie die <em>perspicuitas<\/em> im Sinne der \u201aDeutlichkeit\u2018 und der \u201aDurchdringung\u2018 des Wahrgenommenen. Was wir sehen \u2013 oder zu sehen meinen \u2013, zeigt sich als irreduzibles Zusammenspiel von Wahrnehmung und konstruierender Vorstellung. Die kognitive Dimension des Sehens wird zudem in einer ganz basalen Art und Weise explizit: Da jedes Auge nur einzeln durch das jeweilige T\u00fcrloch schauen kann, ist der einzige Modus, das Diorama zu erblicken, derjenige zweier distinkter Einzelbilder. Wir k\u00f6nnen nun \u2013 und das geh\u00f6rt zu den \u00fcberraschendsten Erfahrungen von <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em> \u2013 sozusagen unserem Hirn zusehen, wie es diese beiden Bilder zu einem plastisch-dreidimensionalen Bild synthetisiert. Doch da die Guckl\u00f6cher jede seitliche Verschiebung unserer Blickperspektive verhindern, werden wir trotz dieser Synthese zweier leicht voneinander unterschiedener Einzelbilder der tats\u00e4chlichen Tiefe des Dioramas nie wirklich habhaft; beispielsweise l\u00e4sst sich nicht mit Bestimmtheit sagen, in welchem Abstand die Gaslampe und der Landschaftshintergrund sich befinden oder in welcher Relation die durchbrochene Backsteinmauer zum Reisigfeld steht, in welchem die Frau liegt. Obschon wir in einen tats\u00e4chlich gebauten Raum blicken, \u00e4hnelt der Blick durch die T\u00fcrlocher dem Blick in ein Stereoskop, also in einen jener kleinen Apparate, die durch zwei in ihrer Aufnahmeperspektive des Gegenstands geringf\u00fcgig abweichende Fotografien den Eindruck einer Tiefe erzeugen, die physikalisch nicht vorhanden ist. W\u00e4hrend jedoch ein Stereoskop anhand zweier <em>Bilder<\/em> eine physikalisch nicht vorhandene Tiefe vort\u00e4uscht, erzeugt <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em>anhand zweier <em>Blickperspektiven in einen tats\u00e4chlichen Raum<\/em> einen Seheindruck, in welchem das Sichtbare unentscheidbar zwischen realer und blo\u00df illudierter Tiefe schillert. Gerade diese phantasmatische (Un)Tiefe des Sehfeldes, die das Gesehene zwischen zweidimensionalem Bild und dreidimensionalem Raum oszillieren l\u00e4sst, pr\u00e4gt die Erfahrung von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em> entscheidend \u2013 doch gerade dies l\u00e4sst sich an Abbildungen nicht einmal ansatzweise nachvollziehen. Duchamp verst\u00e4rkte diese (Un)Tiefe dadurch weiter, dass der Betrachter dazu neigt, den Landschaftshintergrund als parallel zur T\u00fcre und zu der Backsteinmauer verlaufend anzunehmen, obschon er doch tats\u00e4chlich schr\u00e4g verl\u00e4uft, wie an Duchamps Faltmodell der Installation ablesbar ist. Und schlie\u00dflich, als erzeugten die drei bislang benannten Aspekte des Sehaktes, die hier explizit werden \u2013 die somatisch-performative, die optische und die kognitive \u2013, noch nicht genug an Komplexit\u00e4t, wird das Sehen hier auch in seiner Begehrensdimension thematisch: als ein Sehenwollen, dem ein nicht \u2013 oder zumindest nicht ganz \u2013 Sehenk\u00f6nnen antwortet. Denn in irritierender Weise bleiben wesentliche Teile des hinter der T\u00fcre und der Backsteinmauer Befindlichen dem Blick entzogen, insbesondere der Kopf der Frau, von dem lediglich ein paar Str\u00e4hnen ihres blonden Haares zu sehen sind. Dieses begehrende Sehen schl\u00e4gt \u00fcberdies von einem einsamen Voyeurismus in Ungemach um, sobald eine weitere Person den Raum betritt, wodurch wir selbst zu Objekten f\u00fcr einen anderen Blick werden, der uns von hinten beobachtet, wie wir durch die T\u00fcrl\u00f6cher starren.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/perspektive-fiktion-repraesentation-veronese-duerer\/\">Kapitel I: Perspektivit\u00e4t und Fiktion in der klassischen Repr\u00e4sentation<br \/>\n<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-malerei-geist-perspektive-glas\/\">Kapitel II: Duchamps Transformationen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince\/\">Kapitel III: \u00c4sthetische Osmose und <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-passage-schwelle-etant-donnes\/\">Kapitel IV: Ein vierfaches Explizitwerden des Sehens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/etant-donnes-licht-blick-wasserfall\/\">Kapitel V: Auf den Schwellen von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/\"> Kapitel VI: Das Bild als Gem\u00e4lde, als Glas und als <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB) PERSPEKTIVINVERSION \u00dcber das Sehen von Duchamps \u00c9tant donn\u00e9s. Mit Vorbemerkungen zur perspicuitas in der klassischen Repr\u00e4sentation in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177. IV. 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