{"id":1301,"date":"2022-03-05T09:43:57","date_gmt":"2022-03-05T08:43:57","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/?p=1301"},"modified":"2022-03-07T11:32:34","modified_gmt":"2022-03-07T10:32:34","slug":"duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince\/","title":{"rendered":"Duchamp Perspektive \u00c9tant donn\u00e9s Inframince"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/p>\n<h2>PERSPEKTIVINVERSION<\/h2>\n<p>\u00dcber das Sehen von Duchamps <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>. Mit Vorbemerkungen zur <em>perspicuitas<\/em> in der klassischen Repr\u00e4sentation<\/p>\n<p><small>in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177.<\/small><\/p>\n<h3>III. \u00c4STHETISCHE OSMOSE UND <em>INFRAMINCE<\/em><\/h3>\n<p>Eine topologische Inszenierung des mediumistischen \u201aDazwischen\u2018 des Bildes ist aber auch \u2013 wenn auch ganz anders realisiert \u2013 die installationsartige Arbeit <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>. Es ist jene Arbeit Duchamps, die er \u00fcber die letzten zwanzig Jahre seines Lebens konzipierte und realisierte, als k\u00fcnstlerisches Verm\u00e4chtnis, das erst posthum der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht werden durfte, und zugleich als Summa seiner lebenslangen Reflexion \u00fcber den Status des Kunstwerks, \u00fcber die dynamischen Prozesse zwischen Betrachter und Kunstwerk sowie \u00fcber die Eigenart des Sehens.<\/p>\n<p>Bevor ich mich dieser Arbeit als solcher zuwende, seien hinf\u00fchrend zwei Konzepte genannt, die f\u00fcr Duchamps Auffassung vom Kunstwerk wichtig sind. Im vielleicht programmatischsten Text, den Duchamp verfasste \u2013 dem Vortrag \u201eDer kreative Akt\u201c, den er 1957, inmitten der Arbeit an <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>, hielt \u2013, spricht er von einer \u201e\u00e4sthetischen Osmose\u201c, die sich zwischen K\u00fcnstler und Betrachter durch das Medium des Kunstwerks hindurch ereigne. Im Zuge dieser Osmose erfahre der Betrachter eine Verwandlung von inerter Materie in ein Kunstwerk. Duchamp benutzt f\u00fcr diese Verwandlung den alchemistischen Begriff der \u201eTransmutation\u201c sowie, parallel dazu, den christologischen Begriff der \u201eTranssubstantiation\u201c. Wie Duchamps Ausf\u00fchrungen verdeutlichen, verwandelt sich in der Kunsterfahrung qua \u00e4sthetischer Osmose beides, sowohl das materielle Ding, das vor Augen liegt, als auch der Betrachter. Die inerte, passive Materie aktiviert sich zum Kunstwerk, das als solches auf den Betrachter zur\u00fcckwirkt und auch diesen verwandelt.<\/p>\n<p>Ein weiterer Begriff Duchamps erlaubt es, seine Auffassung der Medialit\u00e4t des Kunstwerks als jenes \u201aZwischen\u2018, das den Betrachter und das Sichtbarwerdende zugleich trennt und verbindet, genauer zu erfassen. Es ist der seit der Mitte der 1930er-Jahre entwickelte Begriff des <em>inframince<\/em> \u2013 ein un\u00fcbersetzbarer Begriff, einzudeutschen etwa als das \u201aUltrad\u00fcnne\u2018 oder das \u201aD\u00fcnner als D\u00fcnne\u2018; w\u00f6rtlich meint er das \u201aUnterhalb des D\u00fcnnen\u2018. In den zahlreichen Notaten zu diesem Begriff, die erst posthum ver\u00f6ffentlicht wurden, definiert ihn Duchamp nie, sondern gibt daf\u00fcr lediglich Beispiele. Diese kreisen jeweils um etwas, das im Kontakt zwischen zwei Dingen entsteht und doch ungreifbar bleibt. Das einzige zu Lebzeiten Duchamps publik gemachte Beispiel wurde auf dem r\u00fcckw\u00e4rtigen Umschlag einer 1945 erschienenen Ausgabe der Zeitschrift <em>View<\/em> abgedruckt. Hier ist \u2013 in deutscher \u00dcbersetzung \u2013 zu lesen: \u201eWenn der Tabakrauch auch nach dem Mund riecht, der ihn ausatmet, verm\u00e4hlen sich die beiden Ger\u00fcche durch <em>inframince<\/em>\u201c. Eine andere Notiz lautet: \u201eDie W\u00e4rme eines Stuhls (der soeben frei wurde) ist <em>inframince<\/em>\u201c, und eine weitere bezeichnet die Reibung zweier Samthosenbeine beim Gehen als \u201e<em>Inframince<\/em>-Separation\u201c, die durch das entstehende Ger\u00e4usch angezeigt werde. <em>Inframince<\/em>, so darf man vorsichtig verallgemeinern, ist ein paradoxales Zugleich von Vermischung und Scheidung: eine <em>Trennung<\/em>, die erst im <em>Kontakt<\/em> entsteht. Der Begriff des <em>inframince<\/em> ist nicht \u00fcberraschend mit demjenigen eng verwandt, was Duchamp im Vortrag \u201eDer kreative Akt\u201c als \u201e\u00e4sthetische Osmose\u201c zwischen K\u00fcnstler und Betrachter bezeichnet. Gerade im Hinblick auf <em>\u00c9tantdonn\u00e9s<\/em> mit seiner das Werk und dessen Erfahrung dominierenden, den Blick verstellenden und doch durchlassenden Holzt\u00fcre ist \u00fcberdies die N\u00e4he signifikant, die das <em>inframince<\/em> zu den Ph\u00e4nomenen von Schwellen, Passagen und Intervallen unterh\u00e4lt. So hei\u00dft es in einer weiteren <em>Note<\/em>, der Begriff der \u201es\u00e9paration inframince\u201c sei besser als derjenige der \u201aTrennwand\u2018, da er ebenso sehr \u201aIntervall\u2018 meine wie \u201aTrennung\u2018.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/perspektive-fiktion-repraesentation-veronese-duerer\/\">Kapitel I: Perspektivit\u00e4t und Fiktion in der klassischen Repr\u00e4sentation<br \/>\n<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-malerei-geist-perspektive-glas\/\">Kapitel II: Duchamps Transformationen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince\/\">Kapitel III: \u00c4sthetische Osmose und <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-passage-schwelle-etant-donnes\/\">Kapitel IV: Ein vierfaches Explizitwerden des Sehens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/etant-donnes-licht-blick-wasserfall\/\">Kapitel V: Auf den Schwellen von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/\"> Kapitel VI: Das Bild als Gem\u00e4lde, als Glas und als <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB) PERSPEKTIVINVERSION \u00dcber das Sehen von Duchamps \u00c9tant donn\u00e9s. Mit Vorbemerkungen zur perspicuitas in der klassischen Repr\u00e4sentation in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177. 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