{"id":1299,"date":"2022-03-05T09:43:26","date_gmt":"2022-03-05T08:43:26","guid":{"rendered":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/?p=1299"},"modified":"2022-03-07T11:19:03","modified_gmt":"2022-03-07T10:19:03","slug":"duchamp-malerei-geist-perspektive-glas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-malerei-geist-perspektive-glas\/","title":{"rendered":"Duchamp Malerei Geist Perspektive Glas"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/p>\n<h2>PERSPEKTIVINVERSION<\/h2>\n<p>\u00dcber das Sehen von Duchamps <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em>. Mit Vorbemerkungen zur <em>perspicuitas<\/em> in der klassischen Repr\u00e4sentation<\/p>\n<p><small>in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177.<\/small><\/p>\n<h3>II. DUCHAMPS TRANSFORMATIONEN<\/h3>\n<p>An eine solche Auffassung des Bildes als dreistellige Relation von sehendem Subjekt, sich zeigendem Objekt und einem medialen \u201aDazwischen\u2018 schlie\u00dft Marcel Duchamp an \u2013 freilich unter den gewandelten k\u00fcnstlerischen und technischen Bedingungen seiner Zeit. <em>\u201eJe voulais remettre la peinture au service de l\u2019esprit\u201c<\/em>\u2013 \u201eIch wollte die Malerei wieder in den Dienst des Geistes stellen\u201c, so lautet die ber\u00fchmte Selbstbeschreibung Duchamps. Es ist dabei nicht zuf\u00e4llig, dass er diese Mission als Gegensatz zu dem beschreibt, was seiner Ansicht nach mit der Malerei seit dem 19. Jahrhundert, insbesondere seit Courbet und den Impressionisten, geschah. Duchamp erkannte darin einen verh\u00e4ngnisvollen Zug zur \u201aPhysikalisierung\u2018 des Bildes und des Sehens, die dazu gef\u00fchrt habe, dass die Malerei nun ausschlie\u00dflich auf die Erregung sinnlich-visueller Reize zielte. F\u00fcr Duchamp obsiegte, so k\u00f6nnte man seinen Einspruch paraphrasieren, der Gegenbegriff der <em>perspicuitas<\/em>, n\u00e4mlich <em>obscuritas<\/em>, und diese \u201aDunkelheit\u2018 obsiegte genau in jener doppelten Bedeutung, die auch den Begriff der <em>perspicuitas<\/em> pr\u00e4gt: einerseits indem sich die Durchsichtigkeit des Bildes immer mehr tr\u00fcbte, von der impressionistischen \u201aFlecken\u2018 bis zum Extremfall der monochromen, tiefenlosen Farbwand, andererseits indem die Malerei die Ambition aufgab, nicht nur die Sinne, sondern den Geist zu beleben \u2013 jener \u201ediscorso mentale\u201czu sein, den Leonardo da Vinci in der Malerei erkannte. Ob Duchamps Diagnose zutrifft \u2013 sie trifft wohl eher nicht zu \u2013, braucht uns an dieser Stelle nicht weiter zu k\u00fcmmern. Entscheidend ist, dass sie Duchamps lebenslanges k\u00fcnstlerisches Wollen befeuerte, das in seinen einzelnen Realisaten eigent\u00fcmliche Verzweigungen und scharfe Br\u00fcche kennt und dennoch im R\u00fcckblick auf konzeptueller Ebene geschlossen wirkt.<\/p>\n<p>Um dem selbst gesteckten Ziel zuzuarbeiten, griff er in seinen Hauptwerken jene topologische Bildordnung auf, die ich mithilfe des Veronese-Gem\u00e4ldes und darauf aufbauend anhand der D\u00fcrer-Grafik umriss. So ist beim <em>Gro\u00dfen Glas<\/em> das Bild tats\u00e4chlich ein in den Raum gestellter \u201aBildschirm\u2018, in welchem sich die Dinge wie auch die Blicke zu verfangen scheinen und das wie D\u00fcrers Gitterrahmen keine eindeutige Vorder- und R\u00fcckseite aufweist. Durch die heterogene Gestaltung der auf dem Glas sichtbar werdenden Elemente wird ungewiss, wof\u00fcr jene Glasscheibe eigentlich steht. Denn was sich auf dieser Scheibe abzeichnet, gleicht einmal mehr einem zur Fl\u00e4chigkeit tendierenden Querschnitt durch ein Objekt, in anderen F\u00e4llen wiederum handelt es sich um plastisch-perspektivische Darstellungen dreidimensionaler Dinge, sodass die Glasscheibe bald eher <em>in die Dinge<\/em> zu schneiden, bald eher <em>vor oder hinter den Dingen<\/em> zu liegen scheint. Indem wir auf diese Weise keiner r\u00e4umlich koh\u00e4renten Szenerie begegnen, dementiert das <em>Gro\u00dfe Glas<\/em> die alte, von Leon Battista Alberti in die Metapher des \u201ege\u00f6ffneten Fensters\u201c gekleidete Auffassung, das Bild sei als Ausblick in einen fiktiven Raum zu verstehen, wobei es zu den Pointen des <em>Gro\u00dfen Glases<\/em> geh\u00f6rt, dieses Dementi in Gestalt eines transparenten Durchblicks zu pr\u00e4sentieren. Was sich auf dem <em>Gro\u00dfen Glas<\/em>darbietet, gleicht in seiner Mischung aus anschaulicher Darstellung und nur kognitiv zu erfassender Zeichenkonstellation eher einem Diagramm. Es ist das Diagramm eines \u201aundarstellbaren\u2018, da in wesentlichen Aspekten \u201aunsichtbaren\u2018 transformativen Geschehens: der durch das Begehren zwischen Mann und Frau initiierten psycho-physischen Interaktion \u2013 womit sich das <em>Gro\u00dfe Glas<\/em> nicht nur in seiner Eigenart als im Raum stehendes \u201aDazwischen\u2018, sondern auch hinsichtlich seines Sujets nicht allzu weit von D\u00fcrer entfernt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/perspektive-fiktion-repraesentation-veronese-duerer\/\">Kapitel I: Perspektivit\u00e4t und Fiktion in der klassischen Repr\u00e4sentation<br \/>\n<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Punkt Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-malerei-geist-perspektive-glas\/\">Kapitel II: Duchamps Transformationen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Duchamp\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-perspektive-etant-donnes-inframince\/\">Kapitel III: \u00c4sthetische Osmose und <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-passage-schwelle-etant-donnes\/\">Kapitel IV: Ein vierfaches Explizitwerden des Sehens<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/etant-donnes-licht-blick-wasserfall\/\">Kapitel V: Auf den Schwellen von <em>\u00c9tant donn\u00e9s<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/duchamp-bild-glas-etant-donnes\/\"> Kapitel VI: Das Bild als Gem\u00e4lde, als Glas und als <em>Inframince<\/em><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/www.michaelluethy.de\/Perspektiv-Inversion.pdf\">Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perspektivinversion als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 9.700 KB) PERSPEKTIVINVERSION \u00dcber das Sehen von Duchamps \u00c9tant donn\u00e9s. Mit Vorbemerkungen zur perspicuitas in der klassischen Repr\u00e4sentation in: Perspektive und Fiktion, hrsg. von Thomas Hilgers und Gertrud Koch, M\u00fcnchen 2017, S. 157\u2013177. II. 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