{"id":128,"date":"2007-09-20T12:20:10","date_gmt":"2007-09-20T10:20:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-the-creative-act-der-kreative-akt\/"},"modified":"2007-09-20T12:20:10","modified_gmt":"2007-09-20T10:20:10","slug":"marcel-duchamp-the-creative-act-der-kreative-akt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-the-creative-act-der-kreative-akt\/","title":{"rendered":"Marcel Duchamp the creative act der kreative Akt"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/marcel-duchamp-poetik-der-nachtraeglichkeit.pdf\"><font face=\"arial\" size=\"1\">Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit als Druckversion (PDF mit Fn. 233 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit oder Das Warten des Marcel Duchamp<\/h2>\n<p><small>in: Geschichte und \u00c4sthetik. Festschrift f\u00fcr Werner Busch zum 60. Geburtstag, hrsg. von Margit Kern, Thomas Kirchner und Hubertus Kohle, Berlin 2004, S. 461-469.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel IV: Der kreative Akt<\/h3>\n<p>Vier Jahre fr\u00fcher, 1957, pr\u00e4sentierte Duchamp bei der Convention of the American Federation of Arts in Houston \/ Texas seine Definition des &#8222;kreativen Aktes&#8220;. Die knappen \u00c4u\u00dferungen waren zwar allgemein und unpers\u00f6nlich gehalten, dennoch verdichteten sie Duchamps Produktionsmaximen und reflektierten zugleich die Erfahrungen, die er als Beobachter des &#8222;Atmens&#8220; seiner Werke machen konnte. Der Vortrag befa\u00dfte sich mit zwei Relationen: mit derjenigen zwischen K\u00fcnstler und Publikum, das Duchamp als &#8222;Zuschauer&#8220; und &#8222;Nachwelt&#8220; bezeichnet, und derjenigen zwischen Absicht und Verwirklichung, wenn ein Kunstwerk entsteht. Ersteres, die Relation von K\u00fcnstler und Publikum, beschreibt er als Interaktion zweier unabh\u00e4ngiger Pole, die gleichberechtigt an der Werkkonstitution beteiligt seien. Produktion und Rezeption eines Kunstwerks unterschieden sich jedoch, so Duchamp, in grunds\u00e4tzlicher Weise. Verk\u00f6rpere dieses f\u00fcr den K\u00fcnstler das Ziel seines Tuns, bilde es f\u00fcr denjenigen, der es wahrnehme, den Ursprung seiner Wahrnehmung. Diese ebenso zeitliche wie perspektivische Differenz l\u00e4\u00dft nach Duchamp jeden Versuch illusorisch werden, Autor, Werk und Rezipient auf eine Linie zu bringen, beispielsweise nach einer Logik von Ursache und Wirkung. Die Formation des Werks und die Formation der Wirkung sind vielmehr gegenl\u00e4ufige, asymmetrische Bewegungen. Den ungreifbaren Punkt, an dem sie sich ber\u00fchren, bezeichnet er als den Ort einer &#8222;\u00e4sthetischen Osmose&#8220;.<\/p>\n<p>Um Asymmetrien geht es auch bei Duchamps Ausf\u00fchrungen zum k\u00fcnstlerischen Kreationsproze\u00df. Im &#8222;Kampf um die Verwirklichung&#8220; der eigenen Intentionen, den der K\u00fcnstler f\u00fchrt, rei\u00dft nach Duchamp ein &#8222;Loch&#8220; auf, &#8222;das die Unf\u00e4higkeit des K\u00fcnstlers darstellt, seine Absicht voll auszudr\u00fccken&#8220;. Das Kunstwerk erweist sich als Ergebnis einer &#8222;Serie von Bem\u00fchungen, Leiden, Befriedigungen, Verzichten, Entscheidungen&#8220;, bei denen die Gewi\u00dfheit zu erreichen, was man zu erreichen hofft, nicht gegeben ist. Die Instabilit\u00e4t, Inkoh\u00e4renz und Inkonsequenz von Geist und Hand l\u00e4\u00dft Intention und Realisation des Kunstwerks auseinandertreten. Dies begr\u00fcndet f\u00fcr Duchamp jedoch nicht etwa das Scheitern, sondern umgekehrt das Gelingen des Werks. Denn gerade das &#8222;Loch&#8220;, das &#8222;fehlende Glied in der Reaktionskette&#8220;, pr\u00e4gt ihm den &#8222;pers\u00f6nlichen &#8218;Kunst-Koeffizienten'&#8220; ein. Dieser stellt folglich, so Duchamp, eine doppelte Verfehlung dar: &#8222;Der pers\u00f6nliche &#8218;Kunst-Koeffizient&#8216; ist wie eine arithmetische Relation zwischen dem Unausgedr\u00fcckten-aber-Beabsichtigten und dem Unabsichtlich-Ausgedr\u00fcckten.&#8220; Auf diese Weise billigt er dem Kunstwerk eine irreduzible und essentielle Unberechenbarkeit zu. Es gewinnt eine zeitliche Dimension, die sich nicht auf den Raum zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4\u00dft, sondern einen Schnitt vollzieht und eine Diskontinuit\u00e4t einf\u00fchrt. Das Kunstwerk, weder festgestellt noch feststellbar, erzeugt einen paradoxen Raum, in dem stets etwas fehlt, aus den Fugen ger\u00e4t, nicht an seinem Platz ist oder unsichtbar bleibt. Dieser Mangel aber ist nach Duchamp dessen eigentliches Potential.<\/p>\n<p>Der Ausdruck der &#8222;arithmetischen Relation&#8220; verweist dabei auf das Quasi-Wissenschaftliche, das viele von Duchamps Arbeiten pr\u00e4gt. So scheinen das <em>&#8222;Gro\u00dfe Glas&#8220; <\/em>und <em>&#8222;Etant donn\u00e9s&#8220; <\/em>k\u00f6rperliche, die &#8222;Readymades&#8220; geistige Aktivit\u00e4ten vermessen zu wollen &#8211; ohne da\u00df sich beides genau trennen lie\u00dfe. Klare Ergebnisse werden dabei ebensowenig erzielt wie bei der arithmetischen Berechnung des Kunstkoeffizienten. An Duchamps diesbez\u00fcglicher Gleichung, welche die Form: &#8222;c = a\/b&#8220; aufweist, f\u00e4llt n\u00e4mlich auf, da\u00df sowohl &#8222;a&#8220; (das Unausgedr\u00fcckte-aber-Beabsichtige) als auch &#8222;b&#8220; (das Unabsichtlich-Ausgedr\u00fcckte) unbestimmbar sind. Damit aber bleibt der Wert &#8222;c&#8220; (der Kunstkoeffizient), der nach Duchamp aus der Verrechnung von &#8222;a&#8220; mit &#8222;b&#8220; folgt, ebenfalls unbestimmt. Das Verfahren gleicht dem unvollst\u00e4ndigen Titel von Duchamps letzter Arbeit, <em>&#8222;Etant donn\u00e9s: 1\u02da la chute d&#8217;eau \/ 2\u02da le gaz d&#8217;\u00e9clairage&#8220;<\/em>, der zwar zwei &#8222;Gegebenheiten&#8220; angibt (Wasserfall und Leuchtgas), nicht aber, was daraus resultiert. Der Kunstkoeffizient ist demnach keine positiv bestimmbare Gr\u00f6\u00dfe, sondern erweist sich vielmehr als trennende Operation, als Zwischenraum.<\/p>\n<p>Duchamps gr\u00f6\u00dftes Werk sei die Art und Weise, wie er sich die Zeit vertreibe, sagte sein langj\u00e4hriger Freund Henri-Pierre Roch\u00e9. Sein Bruder Jacques Villon dr\u00fcckte es drastischer aus. Er beschrieb ihn als jemanden, &#8222;der alles tut, als ob es ihm stets nur darum ginge, die Zeit totzuschlagen&#8220;. Die Sprengkraft von Duchamps Kunst- und Lebensentwurf liegt, zumal in unserer ungeduldigen Gegenwart, nicht zuletzt in dieser aufreizenden Gelassenheit. Seine Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit, die Kalk\u00fcl und Zufall, Begehren und Verzicht ineinanderflie\u00dfen l\u00e4\u00dft, setzt vor allem die F\u00e4higkeit voraus, den Dingen Zeit zu lassen und warten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-konzeptkunst-philosophie\/\">Kapitel I: R\u00e9flexion \u00e0 main<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-readymade-flaschentrockner\/\">Kapitel II: Der Flaschentrockner als Paradigma<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-grosses-glas-etant-donnes\/\">Kapitel III: Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt Marcel Duchamp\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-the-creative-act-der-kreative-akt\/\">Kapitel IV: Der kreative Akt<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/marcel-duchamp-poetik-der-nachtraeglichkeit.pdf\">Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit als Druckversion (PDF mit Fn. 233 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit als Druckversion (PDF mit Fn. 233 KB) Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit oder Das Warten des Marcel Duchamp in: Geschichte und \u00c4sthetik. 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