{"id":126,"date":"2007-09-20T12:17:14","date_gmt":"2007-09-20T10:17:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-readymade-flaschentrockner\/"},"modified":"2007-09-20T12:17:14","modified_gmt":"2007-09-20T10:17:14","slug":"marcel-duchamp-readymade-flaschentrockner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-readymade-flaschentrockner\/","title":{"rendered":"Marcel Duchamp Readymade Flaschentrockner"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/marcel-duchamp-poetik-der-nachtraeglichkeit.pdf\"><font face=\"arial\" size=\"1\">Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit als Druckversion (PDF mit Fn. 233 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit oder Das Warten des Marcel Duchamp<\/h2>\n<p><small>in: Geschichte und \u00c4sthetik. Festschrift f\u00fcr Werner Busch zum 60. Geburtstag, hrsg. von Margit Kern, Thomas Kirchner und Hubertus Kohle, Berlin 2004, S. 461-469.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II: Der Flaschentrockner als Paradigma<\/h3>\n<p>Der <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220;<\/em> als eines der bekanntesten Readymades scheint die These, Duchamp habe das Machen von Kunst durch die Reflexion \u00fcber Dinge ersetzt, besonders nachdr\u00fccklich zu best\u00e4tigen. Denn \u00e4u\u00dferlich l\u00e4\u00dft er keinerlei Transformationen gegen\u00fcber seinen Doppelg\u00e4ngern in den Warenh\u00e4usern erkennen. Kunstgeschichtlich betrachtet, verweist der <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>denn auch auf eine tiefe historische Z\u00e4sur. Am ehesten der Gattung der Skulptur zuzuordnen, steht er exemplarisch f\u00fcr die Kluft, welche in dieser Kunstgattung Tradition und Moderne trennt. Er durchbricht s\u00e4mtliche Konventionen, welche die Bildhauerei von der griechischen Antike bis zu Rodin bestimmten: die Konzentration auf die menschliche Gestalt, die Beschr\u00e4nkung auf die Materialien Marmor, Bronze und Holz, das monolithische Volumen, die Darbietung auf einem Sockel sowie die herk\u00f6mmlichen Produktionsformen des Hauens, Formens oder Gie\u00dfens. Letztere negiert der <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>nicht nur durch die industrielle Fertigung, sondern zugleich dadurch, da\u00df Duchamp die Herstellung des Gegenstandes vom Entwurf bis zur Ausf\u00fchrung anderen \u00fcberlie\u00df. Entsprechend schrieb Duchamp, er habe den Flaschentrockner als &#8222;bereits fertige Skulptur&#8220; (&#8222;sculpture toute faite&#8220;) gekauft. Nun erst begann die Herstellung des <em>&#8222;Flaschentrockners&#8220; <\/em>als Kunstwerk &#8211; eine Herstellung, welche die komplexe, langwierige und wechselvolle Entstehung eines Readymades besonders pr\u00e4gnant veranschaulicht. Zun\u00e4chst einmal vollzog sie sich in lauter Negationen. Der originale <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>wurde nie ausgestellt und ging wie die meisten anderen Readymades verloren, ebenso die Inschrift, mit der er angeblich versehen war. Es gibt keine Zeugen, die ihn gesehen oder gar fotografiert haben, und ein Museum oder ein anderer kunstinstitutioneller Raum waren nicht einbezogen. Wie also wurde das, was wir heute als <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>kennen, gemacht?<br \/>\nEigenen, nachtr\u00e4glichen Angaben zufolge kaufte Duchamp 1914 ein Exemplar dieses Haushaltsgegenstandes in einem Pariser Kaufhaus und stellte ihn, ohne irgendeine Ver\u00e4nderung daran vorzunehmen, in sein Atelier. Nachdem er 1915 nach New York \u00fcbergesiedelt war, \u00fcbermittelte er Anfang 1916 seiner Schwester Suzanne Duchamp Anweisungen zur Aufl\u00f6sung seines Pariser Ateliers. Sie betrafen auch den <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220;<\/em>. &#8222;Nun, wenn Du hinaufgegangen bist, hast Du in meinem Atelier [\u2026] einen Flaschentrockner gesehen. [\u2026] Und ich habe eine Idee, was den besagten Flaschentrockner betrifft: H\u00f6r zu. Hier in New York habe ich Objekte desselben Stils gekauft und sie &#8218;readymade&#8216; genannt, Du kannst genug Englisch, um den Sinn von &#8218;bereits fertig&#8216; zu verstehen, den ich diesen Objekten gebe &#8211; Ich signiere sie und gebe ihnen eine Inschrift in Englisch. [\u2026] Nimm f\u00fcr Dich diesen Flaschentrockner. Ich mache aus ihm ein Readymade aus der Entfernung. Du wirst ihn unten und im Inneren des unteren Rings beschriften, in kleinen Buchstaben mit einem Pinsel f\u00fcr \u00d6l in der Farbe silbernes Wei\u00df mit der Inschrift, die ich Dir hier anschlie\u00dfend gebe, und Du wirst ihn in derselben Schrift signieren wie folgt: Marcel Duchamp.&#8220; Der Rest des Briefes ist, wenn es ihn je gab, nicht erhalten, so da\u00df unbekannt bleibt, womit der &#8222;Flaschentrockner&#8220; h\u00e4tte beschriftet werden sollen. Sp\u00e4ter konnte sich Duchamp, der ansonsten \u00fcber ein vorz\u00fcgliches Ged\u00e4chtnis verf\u00fcgte, an die Inschrift nicht erinnern. Entsprechend beschriftete er ein 1960 von Robert Rauschenberg gekauftes Exemplar mit den Worten: &#8222;Unm\u00f6glich, mich an den urspr\u00fcnglichen Satz zu erinnern.&#8220; Trotz Duchamps Anweisungen verlor sich die Spur dieses ersten, lediglich durch Duchamps Brief belegten <em>&#8222;Flaschentrockners&#8220;<\/em>, vermutlich wurde er bei der Atelierr\u00e4umung weggeworfen. Bevor also jemand davon erfahren konnte, landete das Skandalobjekt aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem M\u00fcll.<br \/>\nZwanzig Jahre vergingen, ehe es dem Vergessen entrissen wurde. In den 1930er Jahren entwickelte Duchamp ein retrospektives Interesse an seinem Werk, das ab 1935 zur Fertigung eines tragbaren Miniaturmuseums, der <em>&#8222;Schachtel im Koffer&#8220;<\/em>, f\u00fchrte. Nun legte er erstmals die Anzahl und die Entstehungszeit der Readymades fest und stellte von ihnen verkleinerte Repliken oder fotografische Reproduktionen her. Zu diesem Zweck erwarb er 1936 einen neuen Flaschentrockner und lie\u00df ihn von Man Ray fotografieren. Dem Vergangenheitscharakter des Objektes wurde dabei durch verschiedene Ma\u00dfnahmen sorgf\u00e4ltig Rechnung getragen. Auf dem Bild erscheint er ohne Standfl\u00e4che, gleichsam schwebend, als ortloses Ding. Eine sorgf\u00e4ltig arrangierte Beleuchtung erzeugt den Effekt, als h\u00e4tte die in Wahrheit nagelneue Zinkoberfl\u00e4che bereits Patina angesetzt. Und was auf dem Bild wie ein harter Schlagschatten aussieht, verdankt sich einem zweiten, verschobenen Druck des Umrisses: Als Schatten f\u00fchrt der Gegenstand sein eigenes Double mit sich, wom\u00f6glich als anschauliche Entsprechung daf\u00fcr, da\u00df das neue Exemplar lediglich ein verlorenes anderes vertritt. Wenig sp\u00e4ter wurde der <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>in einer Pariser Galerie zum ersten Mal ausgestellt. In Gestalt dieses neu gekauften Exemplars stand er in einer Vitrine, eingereiht unter surrealistische Objekte, Fetische der Papua und Inuit sowie mathematische Demonstrationsmodelle aus dem Institut Poincar\u00e9, ohne da\u00df er w\u00e4hrend der lediglich eine Woche dauernden Pr\u00e4sentation sehr beachtet worden w\u00e4re. Anschlie\u00dfend ging auch dieses Exemplar verloren. Als 1941 die <em>&#8222;Schachtel im Koffer&#8220; <\/em>in geringer Auflage erschien, begann die Idee der Readymades endlich etwas bekannter zu werden. Nun wurden auch erste Artikel ver\u00f6ffentlicht, die ihr Konzept zu deuten versuchten. Gut drei\u00dfig Jahre waren seit der Entstehung der Readymades vergangen, deren Produktion Duchamp zu diesem Zeitpunkt l\u00e4ngst eingestellt hatte.<br \/>\nDer <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>spaltete nicht nur die Produktion des Gegenstandes von der Fertigung des Kunstwerkes ab. Auch letzteres vollzog sich in einzelnen, distinkten Schritten und in erheblicher zeitlicher Dehnung, wobei Idee und Ausf\u00fchrung, ver\u00e4nderte Idee und erneute Ausf\u00fchrung zu einer best\u00e4ndigen Modifikation des Werkes f\u00fchrten. Obschon Duchamp 1914 als Entstehungsdatum festlegte, erfuhr der <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>seine erste Transformation zwei Jahre sp\u00e4ter, als Duchamp auf die Idee kam, ihn zu beschriften, zu signieren und r\u00fcckwirkend zum Readymade zu erkl\u00e4ren. Er tat es zudem aus der Ferne, mit Suzanne Duchamp als seinem verl\u00e4ngerten Arm. In den Anweisungen an die Schwester war von einer Pr\u00e4sentation nicht die Rede. Nachdem er bislang ein unbemerktes Dasein im Atelier von Duchamp gef\u00fchrt hatte, sollte ihn die Schwester jetzt lediglich zu sich nehmen. So wurde die retrospektive Versammlung des \u0152uvres in der <em>&#8222;Schachtel im Koffer&#8220;<\/em>, die dem <em>&#8222;Flaschentrockner&#8220; <\/em>nach zwanzig Jahren Inexistenz zu einem zweiten Leben verhalf, zum Readymade zweiter Potenz: zum Readymade nicht mehr eines Alltagsgegenstandes, sondern eines Readymades.<br \/>\nDie &#8222;R\u00e9flexion \u00e0 main&#8220; \u00fcber die Herstellung eines Kunstgegenstandes schlo\u00df Duchamp 1964 mit der Entscheidung ab, vierzehn der Readymades in einer Auflage von jeweils acht St\u00fcck als Multiples herzustellen &#8211; ein Entschlu\u00df, der vielen als Verrat an dem erschien, was sie als das Konzept des Readymades verstanden hatten. Die Herstellung dieser Repliken vollzog sich mit jener handwerklichen Sorgfalt, die Duchamp auch bei seinen anderen Hauptwerken walten lieg, dem <em>&#8222;Gro\u00dfen Glas&#8220; <\/em>und <em>&#8222;Etant donn\u00e9s&#8220;<\/em>. Die Multiples sollten exakt den verlorenen Originalen entsprechen. Da die jeweiligen Gegenst\u00e4nde aber mittlerweile nur in ver\u00e4nderter Gestalt k\u00e4uflich waren, mu\u00dften sie als Einzelanfertigungen hergestellt werden, was insbesondere beim Porzellan-Urinal <em>&#8222;Fountain&#8220; <\/em>ein kostspieliges Verfahren erzwang. Isolierte das Readymade ein beliebiges Exemplar aus der industriellen Serienproduktion, kehrte Duchamp den kreativen Akt diesmal um: Das Readymade ging nach einem individuellen Original in Serie. Erst jetzt, in Gestalt dieser Repliken und 50 Jahre nach ihrer mittlerweile mythischen Entstehung, begannen die Readymades die Museen und Ausstellungen zu bev\u00f6lkern, was inzwischen leicht m\u00f6glich war, da ihnen Nouveau R\u00e9alisme, Pop Art und die entstehende Konzeptkunst ein Rezeptionsumfeld boten, das zu ihrer Entstehungszeit nicht absehbar war. Jetzt endlich konnte der Satz, Duchamp habe Alltagsgegenst\u00e4nde durch die Aufstellung im Museum zur Kunst erkl\u00e4rt, seine Berechtigung finden &#8211; wenn dieser Satz damals nicht schon wieder falsch gewesen w\u00e4re, da die fraglichen Objekte inzwischen handgefertigte Multiples und keine dislozierten Alltagsgegenst\u00e4nde mehr waren.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-konzeptkunst-philosophie\/\">Kapitel I: R\u00e9flexion \u00e0 main<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt Marcel Duchamp\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-readymade-flaschentrockner\/\">Kapitel II: Der Flaschentrockner als Paradigma<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Marcel Duchamp Pfeil\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-grosses-glas-etant-donnes\/\">Kapitel III: Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/marcel-duchamp-the-creative-act-der-kreative-akt\/\">Kapitel IV: Der kreative Akt<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/marcel-duchamp-poetik-der-nachtraeglichkeit.pdf\">Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit als Druckversion (PDF mit Fn. 233 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit als Druckversion (PDF mit Fn. 233 KB) Poetik der Nachtr\u00e4glichkeit oder Das Warten des Marcel Duchamp in: Geschichte und \u00c4sthetik. 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