{"id":123,"date":"2007-09-20T09:03:30","date_gmt":"2007-09-20T07:03:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-spiel-closed-circuit-psychoanalyse\/"},"modified":"2007-09-20T09:03:30","modified_gmt":"2007-09-20T07:03:30","slug":"bruce-nauman-spiel-closed-circuit-psychoanalyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-spiel-closed-circuit-psychoanalyse\/","title":{"rendered":"Bruce Nauman Spiel Closed Circuit Psychoanalyse"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/bruce-nauman-eigentliche-taetigkeit.pdf\"><font face=\"arial\" size=\"1\">Die eigentliche T\u00e4tigkeit als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 869 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Die eigentliche T\u00e4tigkeit. Aktion und Erfahrung bei Bruce Nauman<\/h2>\n<p><small>in: Auf der Schwelle. Kunst, Risiken und Nebenwirkungen, hrsg. von Erika Fischer-Lichte, Robert Sollich, Sandra Umathum und Matthias Warstat, M\u00fcnchen 2006, S. 57-74.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel V: Das Spiel (mit) der Subjektivit\u00e4t<\/h3>\n<p>Naumans Arbeiten zeichnen sich durch den &#8218;double bind&#8216;-Effekt aus, dass man als Betrachter zugleich adressiert und ausgesto\u00dfen wird. Das Naumansche &#8218;Spiel&#8216; scheint immer dann aufzugehen, wenn ein irritierender Rest \u00fcbrig bleibt. Erstaunlicherweise aber ist die Erfahrung mangelnder Selbstbest\u00e4tigung in der Begegnung mit dem Kunstwerk keineswegs nur frustrierend. Der verbleibende Rest verweist darauf, dass Nauman nicht darauf zielt, das Verstehen scheitern zu lassen (das w\u00e4re ein \u201arestloses&#8216; Ergebnis), sondern ein nicht zu Ende zu bringendes Spiel zwischen einander ausschlie\u00dfenden Verstehensvollz\u00fcgen zu er\u00f6ffnen. Die konkrete psychophysische Erfahrung und das reflexiv zu gewinnende Wissen halten sich gegenseitig in Schach, so dass weder die negative Erfahrung (qua Misslingen, Spaltung, Ausgesto\u00dfensein) noch das positive Wissen (qua Aufdecken der &#8218;Maschinerie&#8216; der Installation oder qua Selbsterkenntnis) triumphieren. &#8222;Wenn man merkte&#8220;, so beschreibt Nauman diesen Effekt am Beispiel der <em>Corridor Installation<\/em>, &#8222;dass man auf dem Bildschirm war, empfand man das Weitergehen im Korridor, als w\u00fcrde man \u00fcber eine Klippe treten oder in ein Loch hinein. [\u2026] Man wusste genau, wie das zustande kam, weil man das ganze Equipment und was es machte, sehen konnte. Aber jedes Mal, wenn man wieder in den Korridor hineinging, machte man dieselbe Erfahrung. Man konnte ihr nicht aus dem Wege gehen.&#8220; <em>Corridor Installation<\/em> erzeugt eine unaufhebbare Spannung zwischen einem Sinn, der von der konkreten Arbeit abl\u00f6sbar scheint &#8211; und den die Nauman-Interpreten je nachdem anthropologisch, politisch, moralisch oder aufkl\u00e4rerisch auffassen &#8211; und der Materialit\u00e4t, an die der Sinn zur\u00fcckgebunden bleibt, wobei unter Materialit\u00e4t alle von Nauman eingesetzten Komponenten zu verstehen sind, also die Aufbauten und ihr Material, das Licht, die Closed-Circuit-Technik usw. Zum &#8218;Stil&#8216; der Arbeiten geh\u00f6rt, dass sie ihre materielle Seite nicht nur offen legen, sondern oft ein wenig gebastelt erscheinen. Nauman insistiert auf der Theatralit\u00e4t seiner Werke: Die Erfahrung, die wir machen, soll buchst\u00e4blich unter unseren Augen entstehen. So gleicht auch die Beziehung zwischen der spezifischen, unmittelbar ans Werk gebundenen Erfahrung und davon abl\u00f6sbarem, generalisierbarem Sinn einer Closed-Circuit-Schleife, die lediglich immer wieder durchlaufen werden kann. Das Kunstwerk gibt uns allerdings die Chance, die Pl\u00f6tzlichkeit, Unverst\u00e4ndlichkeit und Unbestimmtheit sozusagen gerahmt wahrzunehmen. Man wird von Naumans R\u00e4umen, ihrem Licht und\/oder ihrem Ton, angezogen, tritt in sie ein, geht durch sie hindurch und verl\u00e4sst sie schlie\u00dflich wieder, das hei\u00dft, man kann Vor- und R\u00fcckschau halten auf eine r\u00e4umlich und zeitlich eingegrenzte Situation. Nicht zuletzt deshalb kehrt Nauman das Gebastelte so deutlich hervor: Die Installationen sollen als modellhafte Welten, als Situationen des Als-ob kenntlich werden. Darin liegt ein entlastendes Moment, das deren Erfahrung von traumatischen Alltagserfahrungen abhebt und vielleicht als \u00e4sthetische Lust zu bezeichnen w\u00e4re. Zuweilen verf\u00fchren sie auch zum Lachen, da der Durchgang durch die Korridore in die Erfahrung m\u00fcndet, wie sich eine gespannte Erwartung gleichsam in nichts aufl\u00f6st. Verl\u00e4sst man <em>Corridor Installation<\/em>, f\u00e4llt es entsprechend schwer, den Inhalt und die Bedeutung dieser Erfahrung zu bestimmen, das hei\u00dft, sie in eine verallgemeinerbare Erkenntnis \u00fcber das Subjekt oder \u00fcber die Welt umzum\u00fcnzen. Vielmehr bleibt sie an die &#8222;unbarmherzige Spezifit\u00e4t&#8220; der Erfahrung gebunden, auf die Nauman sein besonderes Augenmerk richtet. Obschon seine Kunst keinen Zweifel daran l\u00e4sst, dass sie aufs Ganze geht, bleibt dieses Ganze &#8211; der versammelnde Sinn, die Totale der Wahrheit &#8211; in radikaler Weise offen. Statt dass wir die Arbeit begreifen k\u00f6nnten, verh\u00e4lt es sich umgekehrt. Man wird von der Arbeit &#8218;ergriffen&#8216;, und die &#8218;Erkenntnis&#8216; ist in erster Linie physischer Natur: ein &#8222;Loch&#8220;, in das man tritt, eine &#8222;Klippe&#8220;, \u00fcber die man stolpert. &#8222;Ich habe von Anfang an versucht&#8220;, sagt Nauman, &#8222;Kunst zu machen [\u2026], die sofort voll da war. Wie ein [\u2026] Schlag ins Genick. Man sieht den Schlag nicht kommen, er haut einen einfach um.&#8220;<br \/>\nIndem die Erfahrung von <em>Corridor Installation <\/em>die Verstehensvollz\u00fcge auseinander laufen l\u00e4sst, offenbart sie das Prozessieren der Subjektivit\u00e4t selbst &#8211; sofern man Subjektivit\u00e4t als ein Medium versteht, das, um seine Vermittlungsleistung zu erbringen, die Spaltung gerade voraussetzt. Die Kunst, die Nauman als &#8222;die eigentliche T\u00e4tigkeit&#8220; versteht, w\u00e4re also darin &#8218;eigentlich&#8216;, dass sie die Kr\u00e4fte und Vollz\u00fcge der Subjektivit\u00e4t, die dem Bewusstsein vorausgehen und damit in einem funktionalen Sinn unbewusst sind, Form gewinnen l\u00e4sst. Wollte man Naumans Kunst im Sinne Umberto Ecos als Metapher f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der eigenen Epoche deuten, so w\u00e4re vielleicht am ehesten davon zu sprechen, sie stehe f\u00fcr die ern\u00fcchternde Erfahrung, dass die wachsende Offenheit unserer Lebenswelt nicht nur zu gr\u00f6\u00dferer Freiheit f\u00fchrt, sondern zugleich andere, nicht minder bestimmende symbolische Ordnungen ans Licht treten l\u00e4sst. Im Falle Naumans sind dies Ordnungen, die im 20. Jahrhundert vor allem die Psychoanalyse aufzuhellen versuchte. Sie haben den kr\u00e4nkenden Zug, zugleich dominant und unbewusst zu sein, das hei\u00dft &#8211; in Freuds eigenen Worten -, &#8222;nur durch eine unvollst\u00e4ndige und unzuverl\u00e4ssige Wahrnehmung dem Ich zug\u00e4nglich und ihm unterworfen&#8220; zu werden. Wer in Naumans Korridoren umhergeht, erscheint als jenes Ich, das nach Freuds Diktum nicht Herr im eigenen Haus ist. Diese Erfahrung l\u00e4sst sich weder transzendieren noch in positives Wissen \u00fcberf\u00fchren; und worin der Sinn dieser Unbehaustheit besteht, bleibt ungewiss. In ebendieser Offenheit, in die wir entlassen werden, besteht das Risiko von Naumans Kunst.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-betrachter-aktion-passion\/\">Kapitel I: Aktivit\u00e4t und Passion<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-umberto-eco-das-offene-kunstwerk\/\">Kapitel II: Nauman und das &#8222;offene Kunstwerk&#8220;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-subjektivitaet-performance-film\/\">Kapitel III: Vom Werk zur Performance<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-installationen-corridors-corridor-installation\/\">Kapitel IV: Von der Performance zur Installation<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"Punkt Bruce Nauman\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/bruce-nauman-spiel-closed-circuit-psychoanalyse\/\">Kapitel V: Das Spiel (mit) der Subjektivit\u00e4t<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/bruce-nauman-eigentliche-taetigkeit.pdf\">Die eigentliche T\u00e4tigkeit als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 869 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die eigentliche T\u00e4tigkeit als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 869 KB) Die eigentliche T\u00e4tigkeit. Aktion und Erfahrung bei Bruce Nauman in: Auf der Schwelle. Kunst, Risiken und Nebenwirkungen, hrsg. von Erika Fischer-Lichte, Robert Sollich, Sandra Umathum und Matthias Warstat, M\u00fcnchen 2006, S. 57-74. 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