{"id":1149,"date":"2017-03-12T12:26:36","date_gmt":"2017-03-12T10:26:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1149"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"manet-petit-lange-balcon-serveuse-de-bocks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/manet-petit-lange-balcon-serveuse-de-bocks\/","title":{"rendered":"Manet Petit Lange Balcon Serveuse de bocks"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/die-wendung-des-blicks.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Die Wendung des Blicks als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 471 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Die Wendung des Blicks<\/h2>\n<p><small>in: Manet &#8211; Sehen. Der Blick der Moderne, hrsg. von Hubertus Ga\u00dfner und Viola Hildebrandt-Schat, Ausstellungkatalog Hamburger Kunsthalle, Petersberg 2016<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II: Drei Beispiele<\/h3>\n<p>Das bislang Umrissene sei an drei Exponaten der Ausstellung genauer untersucht \u2013 sowohl in seiner je individuellen Realisierung als auch in den jeweiligen Folgen f\u00fcr das Sehen der Gem\u00e4lde. Bewusst wurden Beispiele ausgew\u00e4hlt, die drei unterschiedliche, im Oeuvre h\u00e4ufig wiederkehrende Bildtypen repr\u00e4sentieren: das Einzelportr\u00e4t, das zwischen Portr\u00e4t und Genre oszillierende Mehrfigurenbild sowie das Genrebild ohne Portr\u00e4tabsicht.<\/p>\n<p>1861, im f\u00fcr Manet noch fr\u00fchen Alter von 29 Jahren, entsteht das Portr\u00e4t eines etwa f\u00fcnfj\u00e4hrigen Jungen, \u00fcber den mehr Vermutungen als gesicherte Daten vorliegen. <em>Le petit Lange<\/em> (Kat. 14) \u2013 wie er aufgrund einer ins Bild geschriebenen Widmung genannt wird \u2013 ist in Lebensgr\u00f6\u00dfe gemalt, was beim Ganzfigurenbildnis eines Kindes den Effekt hat, es zugleich monumental und klein erscheinen zu lassen. Breitbeinig, den vorderen Arm etwas angewinkelt, steht der Junge in der Mitte des Bildes. Bei strikt frontaler Ausrichtung der F\u00fc\u00dfe und des Kopfes hat er die H\u00fcfte und den Oberk\u00f6rper leicht ins Dreiviertelprofil weggedreht, was dem ruhigen Stehen Spannung und dem fl\u00e4chigen K\u00f6rper eine gewisse Raumtiefe verleiht. Die schwere Kleidung umh\u00fcllt den kleinen K\u00f6rper so vollst\u00e4ndig, dass die Physiognomie darunter zu verschwinden droht. Auff\u00e4llige Attribute sind der aureolenartige Hut, gemalt mit einem Schwarz, das Manet wie eine strahlende Farbe zu inszenieren wei\u00df und welches auch die gro\u00dfen Augen des Jungen leuchten l\u00e4sst, sowie das ziegelrote Zaumzeug, das der Junge so unschl\u00fcssig in der Hand h\u00e4lt, als h\u00e4tte er vergessen, weswegen er es bei sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>So selbstbewusst der Auftritt ist, so offen bleibt der Ort, an dem er sich vollzieht. Manet l\u00f6st den Jungen aus jedem Zusammenhang, sodass nicht einmal klar ist, ob er sich in einem Innen- oder Au\u00dfenraum aufh\u00e4lt. In diesem Nicht-Raum ist er so weit nach vorne getreten, dass es in der oberen Bildh\u00e4lfte so wirkt, als st\u00fcnde er gleichsam vor dem Bild. <em>Le petit Lange<\/em> balanciert auf der Grenze zwischen Bildraum und Betrachterraum, keinem der beiden R\u00e4ume ganz zugeh\u00f6rig. Aus dem Bild heraus f\u00fchrt der Blick des Jungen; ins Bild hinein indes nicht nur der Blick des Betrachters, sondern auch das Licht, das den Jungen frontal beleuchtet \u2013 als sei es der Blick des Betrachters, der die Figur beleuchte.<\/p>\n<p>Unbestimmt erscheint nicht nur der Aufenthaltsort des Jungen, sondern auch dasjenige, worauf alles zul\u00e4uft: der Blick. Dieser ist ebenso unverwandt wie unfokussiert \u2013 was auch daran liegt, dass die Sehachsen der beiden Augen leicht voneinander abweichen. Worauf ist er gerichtet? Die Antwort, es sei der ihn portr\u00e4tierende Maler, relativiert sich durch seine Stummheit, die nicht auf eine Interaktion zwischen zwei Menschen hindeuten will. Ebenso plausibel w\u00e4re zu sagen, der Blick richte sich auf nichts \u00c4u\u00dferes, sondern sei nach innen gerichtet. Der Umraum wird, auch aufgrund der Farben und der Valeurs, zum Echoraum des Jungen; in seiner Untiefe hallt das Unauslotbare dieses Blicks wider. Und w\u00e4hrend Manets Bildraum in seinen Dimensionen vage bleibt, dehnt sich der Augenblick, in dem der Junge erfasst ist, zu unbestimmter Dauer. Das f\u00fcllige Gesicht und die herausfordernde Haltung lassen keinen Zweifel an der Lebendigkeit des Jungen aufkommen. In der Reglosigkeit manifestiert sich keine Schw\u00e4che, sondern Eigensinnigkeit. Wenn dieser Junge nicht ganz da zu sein scheint, dann deswegen, weil er ganz bei sich ist.<\/p>\n<p>Viele der von Manet gemalten Menschen treten in einer vergleichbaren Weise vor uns. Doch bei einem Kind gewinnt diese r\u00e4umliche, zeitliche und psychische Schwellensituation einen besonderen Zug. Manet malt den Jungen, wie er ganz in der Gegenwart aufgeht, zugleich aber in eine Zukunft blickt, von der her er beleuchtet wird. Manets <em>Petit Lange<\/em> ist nicht nur das Portr\u00e4t eines bestimmten Jungen, sondern weitet sich zum Portr\u00e4t von Kindheit \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Tagtr\u00e4umerei mag beim Portr\u00e4t eines einzelnen Menschen nicht \u00fcberraschen, ja sogar eine malerische Chiffre sein, die zur notwendigen Vereinzelung der Figur im Bild passt. R\u00e4tselhafter wird diese Gem\u00fctslage, wenn sie sich in einer Ansammlung mehrerer Menschen wiederholt. Das zweite hier zu betrachtende Beispiel ist von ebendieser Art.<\/p>\n<p><em>Le balcon<\/em>, 1868\/69 gemalt (Kat. 21), organisiert sich als Hintereinanderstaffelung von parallel zur Bildebene verlaufenden Raumsegmenten. Hinter den Figuren \u00f6ffnet sich jenseits der Balkont\u00fcre die Tiefe des Raums, die allerdings durch die Dunkelheit beinahe ausgel\u00f6scht wird. Gerade noch erkennen wir schemenhafte Reflexe verschiedener Gegenst\u00e4nde und die Gestalt eines Jungen. In diesen gro\u00dfen, leer wirkenden Raum jenseits der Balkont\u00fcr dringt der Blick kaum vor; gleiches gilt f\u00fcr das Licht, das vom Standpunkt des Betrachters aus hell und frontal auf die Figuren trifft. In genau entgegengesetzter Richtung sind die Figuren aus dem Dunkel ins Licht getreten und befinden sich jetzt im schmalen Bereich zwischen dem Balkongitter und der Balkont\u00fcr, hinter der das Bild ins Dunkel verschwindet. Auf diese Weise balancieren sie auf der Schwelle zwischen Innen und Au\u00dfen, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Von hier aus blicken sie in den Raum, woher das Licht sie beleuchtet und woher der Betrachter sie anschaut. Ausdruckslos blicken sie in unterschiedlicher Richtung auf etwas, was wir nicht sehen k\u00f6nnen, da es in unserem R\u00fccken liegt.<\/p>\n<p>Das Zusammenspiel von Raumgef\u00fcge, Lichtf\u00fchrung und Blickrichtungen erzeugt eine dramatische Umkehrung der Raumenergien. Der Raum fluchtet nicht in die Tiefe wie bei einem zentralperspektivischen Bild, vielmehr wird das Bild konsequent zum Betrachter hin ausgerichtet. Diese Herauswendung des Bildes zum Betrachter f\u00fchrt zu einer Verklammerung von Bild- und Betrachterraum, mit der Folge, dass die wechselseitige \u00dcberschreitung der Bildgrenze durch den Blick \u2013 der Figuren aus dem Bild sowie des Betrachters ins Bild hinein \u2013 zum eigentlichen Geschehen der ansonsten wie arretiert erscheinenden Szene wird. Manet betont das beidseitige \u00dcberschreiten der Bildgrenze durch das auff\u00e4llige Detail des Balkongitters, das ebendiese Grenze dinglich repr\u00e4sentiert. All dies l\u00e4sst die Menschen auf dem <em>Balcon<\/em> in irritierender Weise pr\u00e4sent und doch nicht pr\u00e4sent sein. In der Begegnung mit ihnen spitzt sich zu, was Gem\u00e4lde insgesamt charakterisiert: keine Illusion der Wirklichkeit zu sein, sondern ein Unwirkliches, das es au\u00dferhalb des Bildes nicht gibt.<\/p>\n<p>Die Figuren des <em>Balcon<\/em> sind namentlich bekannt: die sitzende Malerkollegin und k\u00fcnftige Schw\u00e4gerin Berthe Morisot, dahinter die Musikerin Fanny Claus und der Maler Antoine Guillemet, im dunklen Hintergrund Manets Sohn L\u00e9on \u2013 eine Freundes- und Familienkonstellation. Doch die Bildstruktur l\u00e4sst sowohl den inneren Zusammenhang dieser Gruppe als auch deren Au\u00dfenbezug unbestimmt, ja r\u00e4tselhaft werden. Die innere und \u00e4u\u00dfere Zusammenhanglosigkeit zersetzt den Portr\u00e4tcharakter und l\u00e4sst den <em>Balcon<\/em> zum Experimentalbild eines neuartigen, die Salon-Besucher des Jahres 1869 h\u00f6chst befremdenden Bild-Betrachter-Verh\u00e4ltnisses werden, an dem die Dargestellten blo\u00df wie Statisten mitzuwirken scheinen.<\/p>\n<p>Als letztes Beispiel f\u00fcr Manets Spiel mit dem Sujet des Sehens sei das kleinere Gem\u00e4lde <em>La serveuse de bocks<\/em> von 1879 gestreift (Kat. 1). Die Verflechtung der ins Bild und aus dem Bild f\u00fchrenden Blicke wird hier wieder anders realisiert, und zwar vor allem dadurch, dass nicht nur der \u2013 \u00fcberaus lebendige \u2013 Blick der Kellnerin aus dem Bild herausf\u00fchrt, sondern drei Besucher des <em>Caf\u00e9-Concert<\/em> gezeigt werden, die in umgekehrter Richtung ins Bildinnere blicken. Die drei Figuren, die sich teils zwischen dem Betrachter und der Kellnerin, teils neben ihr befinden, werden zu Stellvertretern des Betrachters, indem sie dessen Blickrichtung innerhalb des Bildes wiederholen. W\u00e4hrend die Kellnerin den Betrachter auf Distanz h\u00e4lt, ziehen ihn die drei Caf\u00e9g\u00e4ste ins Bild hinein \u2013 ein Push-and-pull-Effekt der Ab- und Zuwendung, den man als Betrachter beinahe physisch erlebt. Das Innere des Caf\u00e9s, das Manet nur mit knappen Anschnitten andeutet, wird zu einem dynamischen, von einem polyperspektivischen Sehen strukturierten Raum. Gerade dadurch wird das Gem\u00e4lde zum pr\u00e4gnanten Berufsbild einer Kellnerin, die ihren in best\u00e4ndigem Fluss befindlichen T\u00e4tigkeitsbereich souver\u00e4n unter Kontrolle h\u00e4lt.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-deutung-offenheit-sujet-blick\/\">Kapitel I: Sehen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Manet - Sehen\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-petit-lange-balcon-serveuse-de-bocks\/\">Kapitel II: Drei Beispiele<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Manet - Sehen\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/manet-malerei-autonomie-tradition-sehen\/\">Kapitel III: Zum bildgeschichtlichen Zusammenhang<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/die-wendung-des-blicks.pdf\">Die Wendung des Blicks als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 471 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wendung des Blicks als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 471 KB) Die Wendung des Blicks in: Manet &#8211; Sehen. 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