{"id":1131,"date":"2017-01-29T09:32:56","date_gmt":"2017-01-29T07:32:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1131"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"dieter-goltzsche-zeichnung-gegenstaendlichkeit-abstraktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/dieter-goltzsche-zeichnung-gegenstaendlichkeit-abstraktion\/","title":{"rendered":"Dieter Goltzsche Zeichnung Gegenst\u00e4ndlichkeit Abstraktion"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/goltzsches-linie.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Goltzsches Linie<\/h2>\n<p><small>in: Dieter Goltzsche. Blauer Pfirsich. Arbeiten auf Papier, hrsg. von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann, Ausstellungskat. St\u00e4dtische Galerie Dresden &#8211; Kunstsammlung Dresden, Dresden 2016<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel III: Goltzsches Linie \u2013 exemplarisch<\/h3>\n<p>Wie nun manifestiert sich die semantische Komplexit\u00e4t einer als \u00bbautonom\u00ab begriffenen Linie im einzelnen Blatt? Greifen wir hierf\u00fcr eine von Goltzsches Tuschezeichnungen heraus, die in besonders auff\u00e4lliger Weise allein aus dem Ineinander einzelner Linien besteht: das mit Rohrfeder gezeichnete Blatt <em>Tagebau<\/em> von 2012 (Abb. S. 25). Wie bei s\u00e4mtlichen Zeichnungen Goltzsches \u2013 und auch dies ist ein Indiz f\u00fcr die moderne Autonomisierung der Zeichenkunst, in deren Tradition Goltzsche steht \u2013 handelt es sich bei <em>Tagebau<\/em> nicht um eine Vorstudie, sondern um ein eigenst\u00e4ndiges, in sich abgeschlossenes Werk. Die zeichnerische Geste, in welcher die Dinge \u2013 eine H\u00f6hlung im Berg, ein Baum, eine H\u00fcgellinie oder eine Wolke \u2013 Kontur gewinnen, zielt nicht auf gegenst\u00e4ndliche Vollst\u00e4ndigkeit. Viel eher legt sie es darauf an, die Linie kontinuierlich von einem Gegenstand zum n\u00e4chsten zu f\u00fchren, mit der Folge, dass die Koh\u00e4renz dieses Landschaftsmotivs weniger als gegenst\u00e4ndlicher Zusammenhang begreiflich gemacht wird, sondern vielmehr als Zusammenhang eines Linienverlaufs. Obschon das Motiv des Kohlebergbaus durchaus Anlass daf\u00fcr geboten h\u00e4tte, verzichtet Goltzsche auf jede plastische Modellierung des Motivs, bis zur vollst\u00e4ndigen Auszehrung des Raums, der nicht als In- und Gegeneinander von positiven und negativen Volumina erscheint, so wie es bei einem Tagebaugel\u00e4nde der Fall ist, sondern eher als eine Konstellation leerer Zwischenr\u00e4ume. Die Zeichnung besticht ebenso durch das Weggelassene wie durch das Gezeigte: durch das Wiedererkennenk\u00f6nnen eines F\u00f6rderbandes ebenso wie durch die blo\u00dfen Rahmungen von unber\u00fchrtem Blattwei\u00df. Folgt man dem Verlauf der bald dickeren, bald trocken auslaufenden Linien, pulsiert das Motiv zwischen Entstehen und Vergehen, da wir seines \u00bbK\u00f6rpers\u00ab, ja seiner Gegenst\u00e4ndlichkeit insgesamt, nie wirklich habhaft werden k\u00f6nnen. Die Linien emanzipieren sich immer wieder vom Gegenstand, um eigene Wege zu gehen, ohne indes den Bezug zum Motiv abstreifen zu wollen. Die grunds\u00e4tzliche, jede Linie kennzeichnende Spannung zwischen materiellem Zeichen und bezeichnetem Gegenstand, zwischen \u00e4sthetischem Eigenverlauf und Darstellungsfunktion wird von Goltzsche entschieden verst\u00e4rkt \u2013 was dazu f\u00fchrt, dass das permanente Umschlagen der Linie zwischen den beiden Auffassungsweisen zum Wahrnehmungsereignis wird. Eine weitere Oszillation kommt hinzu: In <em>Tagebau<\/em> schillert die Linie nicht nur zwischen autonomem Eigenverlauf und dem Darstellen des Motivs. Sie oszilliert zugleich zwischen einer \u00bbSeismographie\u00ab des Gesehenen und der Wiedergabe eines inneren Bildes, da die Zeichnung nicht vor dem Motiv, sondern aus der erinnernden Vorstellung entstand.<\/p>\n<p>Zum einen bleibt die konkrete Gegenst\u00e4ndlichkeit des Motivs ebenso irritierend offen wie dessen Einbettung in den gegebenen Landschaftsraum. Zum anderen aber wird diese Offenheit ausgeglichen durch die Positionierung der Zeichnung innerhalb des Zeichenblattes. Die Proportionalit\u00e4t der umrissenen Felder ist ebenso leichth\u00e4ndig wie sicher darin verankert, indem sowohl die horizontal und vertikal als auch die diagonal verlaufenden Striche auf das Bildfeld des Aquarellpapiers bezogen sind. Insgesamt findet dieser Tagebau, \u00fcberspitzt gesagt, weniger in einer Landschaft als vielmehr im Geviert dieses Blattes statt. Damit aber gewinnt der Zeichengrund eine \u00fcberraschende Konkretion: Das Blatt selbst, und nicht ein imagin\u00e4rer Raum jenseits davon, ist der Ort, den das Motiv \u00bbbewohnt\u00ab. Der Zeichengrund verwandelt sich von einem neutralen Medium, das dem Erscheinen imagin\u00e4rer R\u00e4ume und K\u00f6rper dient, zu einem Feld, das gerade nicht durch Neutralit\u00e4t gekennzeichnet ist, sondern bereits vor der ersten zeichnerischen Markierung eine interne Struktur aufweist, beispielsweise die unterschiedliche \u00e4sthetische Wertigkeit des oberen und unteren Bildrandes oder die Diagonalen, welche die gegen\u00fcberliegenden Bildecken virtuell miteinander verbinden. Goltzsches Zeichnung rechnet mit diesen immanenten Kr\u00e4ften des Blattfeldes und setzt das Gezeichnete dazu in Relation. \u00bbNeuerdings\u00ab, so Goltzsche, \u00bbbeginne ich viele Zeichnungen so, dass ich mir zun\u00e4chst die Ma\u00dfhaftigkeiten des Blattes verdeutliche. Ich habe das neu gelernt, obschon es aus einer ganz alten Ecke kommt.\u00ab Goltzsches zeichnende Hand reagiert folglich auf zwei ganz unterschiedliche Realit\u00e4ten, die es im Zeichenduktus miteinander zu vermitteln gilt: einerseits die ph\u00e4nomenale Erscheinungsweise des Modells, das ihm vor dem (inneren) Auge steht, andererseits die proportionalen Eigenheiten des Blattfelds, \u00fcber das er die Rohrfeder f\u00fchrt. Die Ma\u00dfverh\u00e4ltnisse, die Goltzsche in <em>Tagebau<\/em> \u2013 oder, diesbez\u00fcglich besonders einschl\u00e4gig, in dem Blatt <em>Altes Signal<\/em> (Abb. S. 25) \u2013 realisiert, stehen vermittelnd zwischen der zweidimensionalen Fl\u00e4chenordnung und der dreidimensionalen Ordnung des Motivs. Da das Liniengef\u00fcge der Zeichnung, sei es in <em>Tagebau<\/em> oder in <em>Altes Signal<\/em> , an jeder Stelle beiden Ordnungen zugleich angeh\u00f6rt, springen Fl\u00e4chenordnung und Raumordnung best\u00e4ndig ineinander um. Dabei steht die \u00bbKlarheit\u00ab der Federstriche umgekehrt proportional zur \u00bbUnklarheit\u00ab des gegenst\u00e4ndlichen Motivs, sodass sich das Umspringen von Fl\u00e4che zu Raum und von Lineament zu Motiv nie zu einer Figuration verfestigen kann, die sich von der anschaulichen Gegebenheitsweise der Zeichnung l\u00f6sen und f\u00fcr sich selbst stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Eine Zeichnung wie <em>Vorgebirge<\/em> von 1977 (Abb. S. 26) \u2013 mit einer Breite von knapp f\u00fcnfzig Zentimeter eine der gr\u00f6\u00dferen in Goltzsches Oeuvre \u2013, zeigt einen weiteren wesentlichen Aspekt seiner Zeichenkunst, n\u00e4mlich die Eigenart, sehr unterschiedliche Linienformen miteinander zu kombinieren. Allein schon das verwendete Zeicheninstrument, ein Pinsel, f\u00fchrt hier zu erheblichen Unterschieden zum <em>Tagebau<\/em> -Blatt, etwa demjenigen, dass sich hier Zeichnen und Malen ber\u00fchren und neben der Linie eine zweite \u00bbUrform\u00ab zeichnerischer Markierung, der \u00bbFleck\u00ab, eine ebenso bildkonstitutive Rolle spielt. Das Ineinander von Zeichnen und Malen ver\u00e4ndert aber auch die Linien selbst. So erscheint der bilddominierende gestufte Balken nahe der horizontalen Bildmitte halb als gezogener Strich, halb als ausgemalte Fl\u00e4che, was ihm eine wie \u00bbgebaut\u00ab wirkende Solidit\u00e4t verleiht. Dagegen verdankt sich die H\u00fcgellinie, die vom linken oberen Bildrand in einem Doppelschwung herabf\u00fchrt und dem schwarzen Balken antithetisch entgegenl\u00e4uft, einer einzigen, kontinuierlich ausgef\u00fchrten Geste. Und w\u00e4hrend der schwarze Balken isoliert im Bildraum liegt, bezieht sich die doppelt geschwungene Linie unmittelbar auf die unterhalb ihrer liegenden dunklen Flecken, welche sie zur geschlossenen H\u00fcgelform zusammenbindet. Zwischen den unterschiedlichen Markierungen der Bildfl\u00e4che vermitteln leer gelassene Zonen, die f\u00fcr die r\u00e4umlichen Effekte der Zeichnung ebenso substanziell sind wie die Markierungen selbst. Durch die umgebenden Tuschemarkierungen gewinnen diese Leerstellen zuweilen eine Form, die sie als \u00bbnegative\u00ab Entsprechungen zu den Tuschemarkierungen erscheinen l\u00e4sst \u2013 beispielsweise im Falle des leer gelassenen Streifens direkt unterhalb des schwarzen Balkens oder im Falle des hellen Himmelsstreifens nahe der oberen rechten Ecke. <em>Vorgebirge<\/em> konstituiert sich aus individuellen, je besonderen Linienverl\u00e4ufen sowie aus deren bald konsonantem, bald dissonantem \u00bbZusammenlaufen\u00ab; es ist, in Goltzsches eigenen Worten, \u00bbdas Herstellen einer Zeichnung aus Linien, die sich ihrerseits erst bilden und sich dann verschieden begegnen\u00ab.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-blatt-anthropologie-medialitaet\/\">Kapitel I: Das Anf\u00e4ngliche der Linie <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-autonomie-moderne-immanenz\/\">Kapitel II: Die autonomisierte Linie \u2013 \u00e4sthetisch und politisch<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Goltzsches Linie\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/dieter-goltzsche-zeichnung-gegenstaendlichkeit-abstraktion\/\">Kapitel III: Goltzsches Linie \u2013 exemplarisch<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Goltzsches Linie\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/goltzsche-zeichnung-sehen-phaenomenologie-genese\/\">Kapitel IV: Die Fragilit\u00e4t der Zeichnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/goltzsches-linie.pdf\">Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB) Goltzsches Linie in: Dieter Goltzsche. Blauer Pfirsich. Arbeiten auf Papier, hrsg. von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann, Ausstellungskat. 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