{"id":1129,"date":"2017-01-29T09:32:32","date_gmt":"2017-01-29T07:32:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1129"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"zeichnung-linie-autonomie-moderne-immanenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-autonomie-moderne-immanenz\/","title":{"rendered":"Zeichnung Linie Autonomie Moderne Immanenz"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/goltzsches-linie.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Goltzsches Linie<\/h2>\n<p><small>in: Dieter Goltzsche. Blauer Pfirsich. Arbeiten auf Papier, hrsg. von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann, Ausstellungskat. St\u00e4dtische Galerie Dresden &#8211; Kunstsammlung Dresden, Dresden 2016<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II: Die autonomisierte Linie \u2013 \u00e4sthetisch und politisch<\/h3>\n<p>Der Begriff der \u00bbAutonomisierung\u00ab der Linie \u2013 und in eins damit der Zeichenkunst \u2013 im sp\u00e4ten 19. und 20. Jahrhundert meint ein komplexes, unterschiedliche Aspekte verkn\u00fcpfendes Geschehen. Zun\u00e4chst meint es die Auftrennung des Zusammenspiels von \u00bbfreier\u00ab und Gebrauchskunst, das die vormoderne Zeichenkunst pr\u00e4gte. Diese Auftrennung erfolgte im Zug der generellen materiellen und geistigen Umw\u00e4lzungen am Beginn der Moderne. Zum einen schwanden die Patronats- und Auftragsverh\u00e4ltnisse, die bislang einem gro\u00dfen Teil der K\u00fcnstler, die besten und ber\u00fchmtesten eingeschlossen, neben ihren k\u00fcnstlerischen Aufgaben auch praktische Pflichten \u00fcbertrugen, beispielsweise als Illustrator, Innendekorateur, Zeremonienmeister oder Architekt. Der Doppelstatus vormoderner K\u00fcnstler hatte sich nicht zuletzt in einer Zeichenpraxis manifestiert, welche die klare Trennung von \u00bbfreier\u00ab und Gebrauchszeichnung nicht kannte. Dieses \u00e4sthetisch-praktische Kontinuum der vormodernen Kunst zerbrach im 19. Jahrhundert in seine beiden H\u00e4lften. Der K\u00fcnstler war jetzt nur noch autonom, ohne soziale oder funktionale Absicherung in Patronatsverh\u00e4ltnissen, seine Praxis verk\u00fcrzte sich zunehmend auf die eine, die \u00e4sthetische Seite seines Tuns. Parallel dazu verloren aber auch die Bezugsgr\u00f6\u00dfen, die die \u00e4ltere Zeichenkunst trugen, ihre Normativit\u00e4t, insbesondere das Prinzip der Kunst als Nachahmung (\u00bbMimesis\u00ab) der Natur sowie die Ordnung der Kunstgattungen und Darstellungsverfahren, in welch letzterer das Zeichnen h\u00e4ufig am Anfang eines mehrstufigen Prozesses gestanden hatte, der \u00fcber verschiedene Zwischenschritte zum finalen Werk f\u00fchrte. Dagegen entwickelten sich im 19. Jahrhundert malerische Praktiken, die, wie etwa jene des Impressionismus, das Vorzeichnen ablehnten, um das Motiv direkt in Farbe auf der Leinwand einzufangen. Alle diese Ver\u00e4nderungen hatten zur Folge, dass sich die Zeichnung jenseits ihrer \u00fcberlieferten Funktionen im Zusammenhang einer reglementierten Atelierpraxis neu \u00bberfinden\u00ab musste. Die g\u00e4nzlich ver\u00e4nderten metaphysischen, sozialen und arbeitspragmatischen Rahmenbedingungen der Moderne erzwangen die Neuausrichtung der k\u00fcnstlerischen Praxis, gerade auch wenn sie die Praxis des Zeichnens betraf.<\/p>\n<p>Von ihren angestammten Aufgaben und Arbeitsabl\u00e4ufen entbunden und zugleich der bisherigen Legitimationsrhetorik des k\u00fcnstlerischen Tuns beraubt, gingen die K\u00fcnstler erneut, aber anders, auf den \u00bbGrund\u00ab ihrer T\u00e4tigkeit zur\u00fcck, auf der Suche nach einer neuen \u00bbUrspr\u00fcnglichkeit\u00ab jenseits der alten, au\u00dfer Kraft gesetzten Vorstellungen davon. Zu den neuen Fundamenten der Kunst wurden nun die individuelle, durch die jeweilige Psyche nicht weniger als durch die Physiologie des Auges gepr\u00e4gte Wahrnehmung sowie die Eigengesetzlichkeit der eingesetzten k\u00fcnstlerischen Medien. Die Suche galt einer auf nichts au\u00dferhalb der Kunst r\u00fcckf\u00fchrbaren, von anderen menschlichen T\u00e4tigkeitsformen abgrenzbaren k\u00fcnstlerischen Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Das Losungswort f\u00fcr diese Suche hie\u00df \u00bbAutonomie\u00ab \u2013 als ein Konzept, in dem die gesellschaftliche Randst\u00e4ndigkeit des K\u00fcnstlers in den besonderen Sinn der Kunst umschlagen sollte. Das Autonomiepostulat zielte zun\u00e4chst darauf, die Kunst vom Auftrag zu emanzipieren, gewisse von au\u00dfen vorgegebene Inhalte zu repr\u00e4sentieren, die der \u00e4lteren Kunst ihre \u00bb\u00dcberbau\u00ab-Funktion f\u00fcr Staat oder Kirche verliehen hatten \u2013 einem Auftrag, dem sich Dieter Goltzsche unter den anderen, aber gerade in dieser Hinsicht vergleichbaren Bedingungen der DDR ebenfalls ausgesetzt sah, jedoch beharrlich zur\u00fcckwies. Ein zweites, ebenso fundamentales Autonomiepostulat trat hinzu. Zunehmend wiesen die K\u00fcnstler die Verpflichtung zur\u00fcck, in ihren Bildern \u00fcberhaupt etwas auszusagen, was sich nicht aus dem Kunstwerk selbst erschloss. Daraus erkl\u00e4rt sich die Tendenz zu \u00bbschweigsamen\u00ab Sujets sowie zu einer \u00bbunvollendeten\u00ab oder fragmentarischen Bildform, die so viele Zeichnungen der Moderne pr\u00e4gt und auch in Goltzsches Zeichenkunst eine wesentliche Rolle spielt. Denn auf diese Weise l\u00e4sst sich die M\u00f6glichkeit unterlaufen, den Sinn des Kunstwerks von diesem abl\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Das Ziel war eine neuartige \u00e4sthetische Immanenz, die den Sinn des Kunstwerks mit seinem \u00e4sthetischen Erscheinen konvergieren l\u00e4sst. Der emanzipatorische Aspekt des Autonomiepostulates verdeutlicht, dass Goltzsches Berufung auf eine Kunst, die keinem bestimmten Inhalt dient, sondern allein sich selbst (\u00bbl\u2019art pour l\u2019art\u00ab), nicht auf weltabgewandten \u00c4sthetizismus zielt, sondern vielmehr eine politische Dimension besitzt. \u00bbIn der Abforderung der Obrigkeit\u00ab, so Goltzsche, \u00bbhatten die K\u00fcnstler eine ausschlie\u00dflich inhaltliche Erwartung zu erf\u00fcllen, weshalb ich mich sozusagen automatisch davon entfernte.\u00ab Im k\u00fcnstlerischen Autonomiepostulat, als dem Streben nach k\u00fcnstlerischer Freiheit, verschr\u00e4nken sich \u00c4sthetisches und Politisches.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-blatt-anthropologie-medialitaet\/\">Kapitel I: Das Anf\u00e4ngliche der Linie <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Goltzsches Linie\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-autonomie-moderne-immanenz\/\">Kapitel II: Die autonomisierte Linie \u2013 \u00e4sthetisch und politisch<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Goltzsches Linie\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/dieter-goltzsche-zeichnung-gegenstaendlichkeit-abstraktion\/\">Kapitel III: Goltzsches Linie \u2013 exemplarisch<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/goltzsche-zeichnung-sehen-phaenomenologie-genese\/\">Kapitel IV: Die Fragilit\u00e4t der Zeichnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/goltzsches-linie.pdf\">Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB) Goltzsches Linie in: Dieter Goltzsche. Blauer Pfirsich. Arbeiten auf Papier, hrsg. von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann, Ausstellungskat. 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