{"id":1127,"date":"2017-01-29T09:31:47","date_gmt":"2017-01-29T07:31:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1127"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"zeichnung-linie-blatt-anthropologie-medialitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-blatt-anthropologie-medialitaet\/","title":{"rendered":"Zeichnung Linie Blatt Anthropologie Medialit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/goltzsches-linie.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Goltzsches Linie<\/h2>\n<p><small>in: Dieter Goltzsche. Blauer Pfirsich. Arbeiten auf Papier, hrsg. von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann, Ausstellungskat. St\u00e4dtische Galerie Dresden &#8211; Kunstsammlung Dresden, Dresden 2016<\/small><\/p>\n<blockquote>\n<p><em>\u00bbIdeal w\u00e4re, man k\u00f6nnte mit der gleichen Linie auf einem Blatt<br \/>\n alles umschlie\u00dfen und ausdr\u00fccken, H\u00e4user, Fenster, B\u00e4ume, Augen, Gestalten usw.,<br \/>\ndas hei\u00dft, ein Gewebe, das dies zu vertreten imstande ist.\u00ab<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>\u00bbMan kann das Zeichnen nicht aufgeben, weil es uns selbst spiegelt und auch<br \/>\nein bi\u00dfchen am\u00fcsiert; Tagebuch ohne Fakten; Trieb; Seismographie.\u00ab <\/em><\/p>\n<p><em>\u00bbDas Staunen steht vor der Perfektion, ja gegen sie.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>(Dieter Goltzsche)<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Kapitel I: Das Anf\u00e4ngliche der Linie<\/h3>\n<p>Als Formfindung und Formvollzug ist die Linie schwer zu fassen. Die Grenze eines Gegenstandes, den die Linie markiert, ist ein \u00bbNichts\u00ab, weder im Gegenstand noch au\u00dferhalb seiner sichtbar vorhanden. Die Linie, die der Natur nicht entnommen werden kann, wird in der Zeichnung nicht blo\u00df festgehalten, sondern allererst geschaffen. So wird das Ziehen einer Linie zu einem dezisionistischen Akt: zum Markieren einer Unterscheidung zwischen K\u00f6rper und Nicht-K\u00f6rper, diesseits und jenseits, innen und au\u00dfen. Das Ziehen einer Linie bricht das raumzeitliche Kontinuum auf, mit der Folge, dass es jetzt zwei voneinander unterschiedene Seiten gibt. Doch gerade weil die Linie und ihr elementares Unterscheidungsverm\u00f6gen nichts ist, was der Natur selbst entnommen werden kann, wird das Zeichnen zum paradigmatischen Verm\u00f6gen der Kunst. Das Verwandeln eines ontologischen \u00bbNichts\u00ab in eine M\u00f6glichkeit, dem Seienden eine Form zu geben, er\u00f6ffnet den Raum, in dem die Kunst sich aus sich selbst begr\u00fcnden kann.<\/p>\n<p>Auch der Zeichengrund, das Geviert des Zeichenblattes, ist, wie Dieter Goltzsche immer wieder betont, nichts, das in der Natur vorgefunden werden kann. W\u00e4hrend die \u00e4ltere Kunst das Viereck des Bildes zuweilen in Analogie zu einem Fenster begriff, durch das wir auf die dargestellte Welt blicken, offenbart die zunehmend fl\u00e4chige Kunst der Moderne die \u00bbK\u00fcnstlichkeit\u00ab des Bildgevierts, das au\u00dferhalb des Bildes keinerlei Entsprechung hat.<\/p>\n<p>In der Begegnung dieser beiden \u00bbK\u00fcnstlichkeiten\u00ab \u2013 der Linie und des Blattgevierts \u2013 besteht die Kunst der Zeichnung, und das eigentliche \u00bbWunder\u00ab der Zeichnung liegt darin, dass in dieser Begegnung Funken geschlagen werden, die Bilder der Welt z\u00fcnden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In anthropologischer Perspektive erscheint die Linie als primordiales Ausdrucksmittel des Menschen, dessen \u00e4lteste Zeugnisse, auf Faustkeile oder H\u00f6hlenw\u00e4nde geritzt, zeitlich weit hinter die fr\u00fchesten Schriftzeichen zur\u00fcckreichen. Das Ziehen von Linien gilt als humane Uraktivit\u00e4t, deren \u00bbAnf\u00e4nglichkeit\u00ab sich bis heute in jeder Kinderzeichnung wiederholt. Widerhall findet dies im Urteil \u00fcber k\u00fcnstlerische Zeichnungen als pers\u00f6nlichste und subjektivste \u00c4u\u00dferung eines K\u00fcnstlers, als unmittelbarer Ausdruck seines Selbst, wodurch das Betrachten einer Zeichnung ein privilegiertes, ja intimes Verh\u00e4ltnis zum K\u00fcnstler zu er\u00f6ffnen scheint.<\/p>\n<p>Auch aus medialer Perspektive zeigt sich das Zeichnen einer Linie als Basishandlung. Denn notwendig ist lediglich ein Minimum: ein markierendes Instrument sowie etwas, worauf die Markierung erfolgt. Schon der erste Strich, sei es auf einem Blatt, auf einer Mauer oder im Sand, l\u00e4sst das mediale Potenzial der Zeichnung sich entfalten: die Scheidung zwischen Markierung und tragendem Grund, aber auch die Doppelwertigkeit jeder Markierung, einerseits Spur ihrer eigenen Genese zu sein, das hei\u00dft, auf den Zeichnenden und sein Tun zur\u00fcckzudeuten, andererseits aber von sich weg auf anderes zu verweisen, bei einer horizontalen Linie beispielsweise auf den Horizont.<\/p>\n<p>Gerade unter dem \u00bbAnf\u00e4nglichen\u00ab der Zeichnung verstehen die unterschiedlichen Epochen allerdings denkbar Verschiedenes \u2013 und praktizieren es entsprechend. Es sind, mit einem Begriff Ludwig Wittgensteins gesprochen, unterschiedliche \u00bbSprachspiele\u00ab des Primordialen, deren Reiz und Signifikanz in ihrer jeweiligen Besonderheit liegt. Der \u00bbUrgrund\u00ab, der im Zeichnen sichtbar zu werden scheint, ist kein \u00fcberzeitlich gleicher; der Wandel der Kunst schlie\u00dft den Wandel des Denkens \u00fcber das eigene anthropologische oder mediale Fundament ein. Dies ist insbesondere mit Blick auf die Moderne des sp\u00e4ten 19. und 20. Jahrhundert zu ber\u00fccksichtigen \u2013 jener Epoche, mit der Goltzsches Zeichenkunst auf mannigfaltige Weise verwoben ist. Denn hier erfindet sich die Kunst in einem vielschichtigen Prozess, der gemeinhin unter dem Begriff der \u00bbAutonomisierung\u00ab zusammengefasst wird, gleichsam neu. Alle drei wesentlichen Aspekte, unter denen wir eine k\u00fcnstlerische Zeichnung auffassen k\u00f6nnen, als Spur einer menschlichen Aktivit\u00e4t, als Kunstwerk sowie als Darstellung, ver\u00e4ndern sich in der Moderne grundlegend. Sowohl die Aktivit\u00e4t des Zeichnens als auch die Eigenart eines Kunstwerks wie auch schlie\u00dflich die Darstellungsfunktion eines k\u00fcnstlerischen Bildes werden in der Moderne g\u00e4nzlich neu und anders aufgefasst.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Goltzsches Linie\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-blatt-anthropologie-medialitaet\/\">Kapitel I: Das Anf\u00e4ngliche der Linie <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Goltzsches Linie\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/zeichnung-linie-autonomie-moderne-immanenz\/\">Kapitel II: Die autonomisierte Linie \u2013 \u00e4sthetisch und politisch<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/dieter-goltzsche-zeichnung-gegenstaendlichkeit-abstraktion\/\">Kapitel III: Goltzsches Linie \u2013 exemplarisch<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/goltzsche-zeichnung-sehen-phaenomenologie-genese\/\">Kapitel IV: Die Fragilit\u00e4t der Zeichnung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/goltzsches-linie.pdf\">Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goltzsches Linie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 12.651 KB) Goltzsches Linie in: Dieter Goltzsche. Blauer Pfirsich. Arbeiten auf Papier, hrsg. von Sigrid Walther und Gisbert Porstmann, Ausstellungskat. 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