{"id":1112,"date":"2017-01-13T09:17:37","date_gmt":"2017-01-13T07:17:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1112"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"giacometti-matisse-portraet-gegenueber-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/giacometti-matisse-portraet-gegenueber-konflikt\/","title":{"rendered":"Giacometti Matisse Portr\u00e4t Gegen\u00fcber Konflikt"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/giacometti-matisse.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Giacometti Matisse als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 966 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Asymmetrie von Blick und Hand: Ein Nachwort zur k\u00fcnstlerisch-existenziellen Konstellation in Giacomettis Matisse-Zeichnungen<\/h2>\n<p><small>in: Cresceno, Casimiro di: Im Hotel R\u00e9gina. Albert Giacometti vor Matisse. Letzte Bildnisse, Fondation Giacometti Paris, Bern\/Wien 2015<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel III<\/h3>\n<p>Das meiste hiervon, und nat\u00fcrlich etliches mehr, lie\u00dfe sich \u00fcber Giacomettis Portr\u00e4tzeichnungen generell sagen \u2013 Zeit also, sich dem Besonderen genau dieser Matisse geltenden Portr\u00e4tserie zuzuwenden: der Besonderheit der Situation und der Besonderheit der k\u00fcnstlerischen Resultate.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Giacometti es liebte, \u00fcber lange Zeit wiederkehrend mit denselben Modellen zu arbeiten, und w\u00e4hrend er diese Portr\u00e4tierungen \u00fcblicherweise aus freien St\u00fccken vornahm, handelte es sich hier weder um eine selbst gew\u00e4hlte noch um eine vertraute Konstellation, sondern um einen hochoffiziellen Auftrag im Hinblick auf ein hochoffizielles Ziel \u2013 ebenjene zu pr\u00e4gende Ehrenm\u00fcnze. Eine solche Situation empfand Giacometti gleichwohl nicht als negative Einschr\u00e4nkung. Wenn er einen Auftrag annehme, so Giacometti, versuche er, m\u00f6glichst nahe beim Thema zu bleiben; er erbitte keine Freiheit, denn die thematische Eingrenzung st\u00f6re ihn nicht, sondern sei durchaus willkommen.<\/p>\n<p>In der Schilderung, die Giacometti Gotthard Jedlicka \u00fcber die Portr\u00e4tkonstellation gab, tritt das Intrikate genau dieses Auftrages nun aber in aller Deutlichkeit heraus. Von starken und zumeist negativen Gef\u00fchlen ist die Rede, und sie resultierten unmittelbar aus jener eingangs genannten Symmetrie zweier sich gegen\u00fcbersitzenden K\u00fcnstler, die sich aufgrund der unterschiedlichen biografischen Situation in eine existenzielle Asymmetrie wandte: in die Asymmetrie zwischen Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t, zwischen einer auf die Zukunft hin offenen und einer auf die Vergangenheit zur\u00fcckgeworfenen Gegenwart. Er habe sich, so Giacometti nach Jedlickas Zeugnis, wesentlich deshalb unwohl gef\u00fchlt, weil Matisse sich so schwer damit getan habe, unt\u00e4tig dabei zuzusehen, wie ein anderer zeichne \u2013 und zwar nicht irgendetwas, sondern gerade ihn in seiner sehr besonderen Unt\u00e4tigkeit. Matisse, der selbst \u00fcber sein gesamtes Oeuvre am lebenden Modell arbeitete, wurde hier, zu seinem Missvergn\u00fcgen, vom Subjekt zum Objekt eines Zeichenaktes. Umso entschiedener, wie sich Giacomettis Bericht \u00fcber die Portr\u00e4tsituation weiter entnehmen l\u00e4sst, versuchte Matisse, trotz seiner Hinf\u00e4lligkeit als aktiver Mensch zu erscheinen. Er verk\u00fcndete Giacometti gleich zu Beginn, er habe wenig Zeit, und er bem\u00fchte sich, das Modellsitzen zu einer Arbeit eigener Art zu machen, die es entsprechend gut zu leisten galt.<\/p>\n<p>Giacomettis Zeichnungen portr\u00e4tieren nicht nur Matisse, sondern erfassen ebenso eindr\u00fccklich die aufgeladene Atmosph\u00e4re ihrer Entstehung. Eine der fr\u00fchesten Zeichnungen der Sequenz, m\u00f6glicherweise gleich am ersten Tag der Portr\u00e4tsitzungen entstanden, zeigt Matisse, wie er das Einsinken in den eigenen, immobil gewordenen K\u00f6rper mit einem Blick kompensiert, der sich geradezu drohend auf sein Gegen\u00fcber richtet (s. Kat. 6). Der eigent\u00fcmlich aus der Axialit\u00e4t des K\u00f6rpers herausgeschobene Kopf erweckt hierbei den Anschein, als wolle Matisse sein Gegen\u00fcber im n\u00e4chsten Augenblick anfallen. In anderen, w\u00e4hrend der nachfolgenden Tage entstandenen Zeichnungen f\u00fchrt der Blick des greisen K\u00fcnstlers hingegen in ein ungreifbares Au\u00dfen des Bildes. Die Bl\u00e4tter vermitteln den Eindruck, als habe er seinen Frieden mit der Situation geschlossen. Doch der Schein tr\u00fcgt, das Unwohlsein nahm wieder \u00dcberhand, und Matisse brach die Sitzungsfolge nach dem 6. Juli 1954 ab.<\/p>\n<p>Zwei Monate vergingen, bis er Giacometti erneut zu sich bat. In der Zwischenzeit hatte Matisse das Domizil gewechselt, vom Hotel R\u00e9gina in Nizza zog er in ein Landhaus in der N\u00e4he von Saint-Paul-de-Vence um. Als Giacometti im September 1954 dort eintraf, begegnete er einem Menschen, der ihm, wie er gegen\u00fcber Jedlicka festhielt, nicht nur endg\u00fcltig alt geworden erschien, sondern der \u2013 f\u00fcr unseren Zusammenhang bedeutsamer \u2013 inzwischen endg\u00fcltig akzeptieren musste, nicht mehr arbeiten zu k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst sah es so aus, als kl\u00e4re dies die Rollenverh\u00e4ltnisse. Er werde ihm, so Matisse, nun so oft Modell sitzen, wie Giacometti es w\u00fcnsche. Die wenigen Zeichnungen, die nun entstanden, sind bemerkenswert abgekl\u00e4rt, die Physiognomie wirkt weicher und entspannter, der Blick f\u00fchrt unangestrengt ins Offene, und der andere Tonus des Modells scheint sich auch auf Giacomettis Strich auszuwirken, der hier weicher und schwingender ausf\u00e4llt als in den meisten anderen Bl\u00e4ttern der Sequenz. Diese Gelassenheit sollte allerdings nicht von Dauer sein. Matisse verlor, obschon er hartn\u00e4ckig darum rang, die Selbstbeherrschung und brach erneut \u2013 und diesmal endg\u00fcltig \u2013 das Modellsitzen ab. Zu sehr habe Matisse die Verzweiflung ergriffen, so Giacometti gegen\u00fcber Jedlicka, als er ihn, Giacometti, habe zeichnen sehen.<\/p>\n<p>Tiefes Schweigen umh\u00fcllt die Zeichnungen, und tats\u00e4chlich h\u00e4lt Giacometti in seinem Bericht fest, es sei kaum gesprochen worden \u2013 ganz im Unterschied zu seiner Gewohnheit, beim Portr\u00e4tieren durchaus redselig zu sein. Umso harscher, was Matisse Giacometti in dieses Schweigen hinein entgegenschleuderte: Niemand k\u00f6nne zeichnen, und auch er, Giacometti, werde es nie richtig k\u00f6nnen. Als weitere Negation von Giacomettis Arbeit verk\u00fcndete Matisse bei der ersten Sitzung, er wolle die Ergebnisse nicht sehen, denn nur so k\u00f6nne Giacometti unbefangen fortfahren und er unbefangen weiter Modell sitzen. All dies weist darauf hin, wie massiv hier das Portr\u00e4tdispositiv \u2013 auf der einen Seite der zeichnende K\u00fcnstler, auf der anderen die portr\u00e4tierte Person \u2013 von antagonistischen psychischen Kr\u00e4ften durchzogen wird. Versch\u00e4rft wurde die schwierige Konstellation durch Giacomettis Eigenart, das jeweilige Gegen\u00fcber als etwas Fremdes, ja Unheimliches zu empfinden und es dementsprechend auszuforschen. Das f\u00fchrte nicht zuletzt zu einem signifikanten Unterlaufen des Auftrages der staatlichen M\u00fcnze, der darin bestand, einen der ber\u00fchmtesten K\u00fcnstler Frankreichs als ein solcher ins Bildnis zu setzen. Weder das K\u00fcnstlersein noch die Ber\u00fchmtheit seines Gegen\u00fcbers werden in Giacomettis Zeichnungen thematisch, die in ihrer seismografischen Notation ausschlie\u00dflich festhalten, was zu sehen ist, aber nichts davon, was lediglich gewusst werden kann.<\/p>\n<p>Den Zeichnungen schreibt sich indessen nicht nur Matisse\u2019, sondern auch Giacomettis Unwohlsein ein. Denn w\u00e4hrend er zeichnete, wurde er selbst zum Objekt eines Blicks: des bohrenden Blickes Matisse\u2019, und nicht wenige der Zeichnungen arbeiten sich genau daran ab, was es hei\u00dft, unter einem solchen Blick seinem portr\u00e4tierenden Tun nachzugehen. Diesbez\u00fcglich stellen die am 5. Juli gezeichneten Bl\u00e4tter einen H\u00f6hepunkt dar. Es handelt sich um eine Gruppe von Zeichnungen, deren am weitesten ausgef\u00fchrte die hieratische Gestalt Matisse\u2019 im Bett sitzend zeigt (s. Kat. 20). Vor Matisse steht ein Krankentischchen, auf dem seine rechte Hand so aufliegt, als wolle sie gleich zu zeichnen beginnen. Die Figur wird von Horizontalen und Vertikalen in einer Weise umgrenzt, dass eine entfernte \u00c4hnlichkeit zu Francis Bacons zeitgleich entstehenden <em>Papst<\/em>-Gem\u00e4lden sp\u00fcrbar ist \u2013 allerdings mit der wichtigen Differenz, dass die Figur nicht wie bei Bacon im Dreiviertelprofil gezeigt wird, sondern insbesondere Kopf und Blick in eine strikte, konfrontativ wirkende Frontalit\u00e4t gewendet sind. In der Augen-, Nasen- und Mundpartie konzentriert sich die Figur, ja dort scheint sich sogar der Kopf, der ohnehin s\u00e4mtliche Bildkr\u00e4fte in sich zusammenzieht, noch einmal zu verdichten: Die \u2013 nur zu ahnenden \u2013 Augen gleichen Kontraktionen des Brillenrundes, und der Mund, dessen Physiognomie unklar bleibt, wiederholt mit seinen geschwungenen Linien die Rundungen der Kinn- und Bartpartie. Es scheint, als s\u00e4\u00dfe im Inneren des Kopfes ein zweiter, kleinerer Kopf, der lauernd durch die Maske des \u00e4u\u00dferen hindurchblickte. Parallel laufende Schr\u00e4gen der Ohren, der Stirn, der Augenbrauen sowie der Nasenfl\u00fcgel sekundieren dem manifesten, aber aus dem Verborgenen kommenden Blick mit einer plastischen Zuspitzung des Gesichtes zum Betrachter hin. Vorsto\u00df und R\u00fcckzug, Zuwendung und Sich-Verschlie\u00dfen, Macht und Ohnmacht, Selbstbeherrschung und Aggressivit\u00e4t gerinnen in dieser Gestalt zu einer einzigen Form. Am gleichen Tag, sei es als Weiterarbeit am selben Motiv, sei es zu dessen Vorbereitung, entstanden mindestens drei weitere Zeichnungen, die sich ausschlie\u00dflich jener pr\u00e4gnanten Konstellation von Auge, Nase und Mund widmen (s. Kat. 12, 17, 18, 19). Durch die Rundungen der Brille, hinter der keine Augen sichtbar werden, blickt uns hier das Blattwei\u00df selbst an. Die ausgesparten Rundungen der Brille, als genau konturierte L\u00f6cher im Gef\u00fcge der Physiognomie, werden zum Ort, wo die Blicke der beiden K\u00fcnstler und die zeichnende Hand Giacomettis aufeinandertreffen, und es ist bezeichnend, dass dieser Treffpunkt zusammenf\u00e4llt mit dem wei\u00df gelassenen Blatt als dem materiellen Grund des Zeichenaktes \u2013 mit jenem Medium also, das damals, im Sommer und Herbst 1954, die beiden K\u00fcnstler ebenso verband wie trennte.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/giacometti-matisse-portraet-letzte-bildnisse\/\">Kapitel I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/alberto-giacometti-zeichnungen-portraet-aesthetik\/\">Kapitel II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Alberto Giacometti\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/giacometti-matisse-portraet-gegenueber-konflikt\/\">Kapitel III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/giacometti-matisse.pdf\">Giacometti Matisse als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 966 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Giacometti Matisse als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 966 KB) Asymmetrie von Blick und Hand: Ein Nachwort zur k\u00fcnstlerisch-existenziellen Konstellation in Giacomettis Matisse-Zeichnungen in: Cresceno, Casimiro di: Im Hotel R\u00e9gina. Albert Giacometti vor Matisse. 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