{"id":1110,"date":"2017-01-13T09:17:05","date_gmt":"2017-01-13T07:17:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1110"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"alberto-giacometti-zeichnungen-portraet-aesthetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/alberto-giacometti-zeichnungen-portraet-aesthetik\/","title":{"rendered":"Alberto Giacometti Zeichnungen Portr\u00e4t \u00c4sthetik"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/giacometti-matisse.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Giacometti Matisse als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 966 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Asymmetrie von Blick und Hand: Ein Nachwort zur k\u00fcnstlerisch-existenziellen Konstellation in Giacomettis Matisse-Zeichnungen<\/h2>\n<p><small>in: Cresceno, Casimiro di: Im Hotel R\u00e9gina. Albert Giacometti vor Matisse. Letzte Bildnisse, Fondation Giacometti Paris, Bern\/Wien 2015<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel II<\/h3>\n<p>Diese besonderen Aspekte der Matisse-Portr\u00e4ts seien aber zun\u00e4chst zur\u00fcckgestellt und das Exemplarische in den Blick ger\u00fcckt. Von Matisse sollte, so die Absicht des franz\u00f6sischen Staates und seiner M\u00fcnzpr\u00e4gest\u00e4tte, eine Medaille zu seinen Ehren gepr\u00e4gt werden. Doch Matisse verwarf das Verfahren klassischer Bildniskunst, das sich in der Beauftragung eines akademischen Portr\u00e4tisten manifestierte, und bestimmte mit Giacometti als Auftragnehmer einen K\u00fcnstler, der seinem Gegen\u00fcber keine \u00fcberzeitliche bildliche Dauer verlieh, sondern den Bildnissen die Temporalit\u00e4t und Prozessualit\u00e4t eines Erscheinens \u2013 der Portr\u00e4tierten wie auch der Bildnisse selbst \u2013 mit einzeichnete. Giacomettis Obsession, sich bei den Portr\u00e4tierten haupts\u00e4chlich auf deren Kopf zu konzentrieren, kam dem Auftrag entgegen, da es genau darum ging: um die Verfertigung eines gem\u00fcnzten Reliefkopfs, den Giacometti in diesen Zeichnungen vorbereitete. Tats\u00e4chlich zeigt \u00fcber ein Duzend von ihnen lediglich die Kopf- und Schulterpartie, und mehr als die H\u00e4lfte hiervon nur einen isolierten Kopf oder auch nur einen Teil desselben.<\/p>\n<p>Damit erg\u00e4nzen sich hier zwei k\u00fcnstlerische Grund\u00fcberzeugungen Giacomettis. Zum einen erkannte er in der Zeichnung die Basis all seiner k\u00fcnstlerischen Bem\u00fchungen, die gesehene Wirklichkeit zu erfassen. Zum anderen sah er im menschlichen Kopf die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung seiner Kunst. Mehrere motivische und bildplastische Fragen, die ihn vor allem in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens umtrieben, kulminieren im Ph\u00e4nomen des menschlichen Kopfes: die Frage nach dem Anderen als einem Gegen\u00fcber, das sich allein schon deshalb fortw\u00e4hrend entzieht, weil es ein Innen aufweist, das sich nur in kurz aufblitzenden Momenten preisgibt; die Frage nach der Lebendigkeit dieses Gegen\u00fcbers, die es in die \u00e4sthetische Lebendigkeit des eigenen Kunstwerks zu \u00fcbersetzen gilt; des Weiteren die Frage nach der Plastizit\u00e4t als einem abgegrenzten Volumen im Raum; und schlie\u00dflich die Frage nach dem Blick, der den Abgrund, den Giacometti zwischen sich und seinem Gegen\u00fcber sp\u00fcrte, sowohl \u00fcberbr\u00fcckt als auch auf neue Weise sp\u00fcrbar werden l\u00e4sst. Kurz: Im menschlichen Kopf verdichteten sich f\u00fcr Giacometti die Aspekte der Alterit\u00e4t, der Lebendigkeit und des spezifischen Volumens im Raum zu einem einzigen Formproblem. Die Besonderheit von Giacomettis Zeichnungen liegt allerdings darin, keinen dieser Aspekte, die es am Gegen\u00fcber zu erfassen galt, auf Kosten der \u00fcbrigen zu privilegieren \u2013 sei es, den Anderen in erster Linie als ein sinnlich-plastisches Ereignis aufzufassen, sei es, in ihm vor allem eine unzug\u00e4ngliche Subjektivit\u00e4t zu erkennen. Wie sehr all dies bildplastisch miteinander verschr\u00e4nkt ist, zeigt sich etwa daran, dass die Kugelform des Kopfes bei Giacometti so wirkt, als sei sie noch am ehesten in der Lage, dem ungreifbaren Druck des Raums zu widerstehen, und es dennoch so scheint \u2013 auch im Falle des Kopfes von Matisse \u2013, als verforme sich der Kopf unter diesem Druck. Zugleich l\u00e4sst sich beobachten, wie das Volumen des Kopfes aufgrund seiner Kugelform zwar auf alle Seiten hin orientiert erscheint, der Blick indes dieser Kugel eine Ausrichtung verleiht \u2013 eine Ausrichtung, die nicht nur anzeigt, worauf die Aufmerksamkeit des Portr\u00e4tierten sich richtet, sondern die zugleich ein raumplastisches Streben bewirkt, und zwar nicht nur des Gesichtes nach vorne, sondern ebenfalls des Hinterkopfes nach hinten.<\/p>\n<p>In Giacomettis Zeichnungen sind die Formfrage und die Seinsfrage, die Deskription ph\u00e4nomenalen Erscheinens und die unabl\u00e4ssige Suche nach der dahinterliegenden Wirklichkeit, gleich urspr\u00fcnglich. Jede Linie, die Giacometti mit hartem Bleistift und ebenm\u00e4\u00dfiger Druckverteilung mehr ritzte als zeichnete, ist Formbestimmung und Kraftlinie zugleich, bezeugt einen bestimmten Umriss und zugleich eine von innen nach au\u00dfen tretende Energie. Wenn diese Linien aber nicht nur die Figur umrei\u00dfen, sondern auch dazu dienen k\u00f6nnen, sie mit dem Raum zu verweben \u2013 so wie es, den Auftrag der franz\u00f6sischen M\u00fcnze \u00fcberschreitend, auch in einigen der Zeichnungen Matisse\u2019 geschieht \u2013, dann liegt dies erneut an der Doppelvalenz jeder einzelnen Linie, ebenso sehr Kontur wie Kraftlinie zu sein. Nie werden Figur und Raum durch etwas Drittes \u2013 beispielsweise eine koloristische oder ornamentale Verwebung \u2013 miteinander verbunden, so wie es f\u00fcr die Kunst Matisse\u2019 kennzeichnend ist. Auch in den Zeichnungen, die Giacometti von Matisse anfertigte, gibt es keine \u00fcbergeordnete Einheit, die Figur und Raum zusammenschl\u00f6sse, sondern ausschlie\u00dflich jene suchenden Striche, anhand derer sich beides, Figur und Raum, in wechselseitiger Abh\u00e4ngigkeit voneinander allm\u00e4hlich heraussch\u00e4lt.<\/p>\n<p>In diesen Zusammenhang geh\u00f6rt auch die Eigenart Giacomettis, im Erfassen seines Gegen\u00fcbers die Distanz zum Gesehenen mitzuzeichnen, mit anderen Worten die Gr\u00f6\u00dfenverminderung, die aufgrund der Entfernung zum sehenden Auge auftritt, gerade nicht auszugleichen, sondern als Verkleinerung der Zeichnung selbst festzuhalten. Die Relation, in der ein Kopf zum umgebenden Raum sowie zum sehenden Auge steht, \u00fcbersetzte Giacometti in die Gr\u00f6\u00dfenrelation des gezeichneten Kopfes zum Blattgeviert. Das hat zur Folge, dass die ebenso inselhaft wie komprimiert wirkenden K\u00f6pfe Matisse\u2019 auf den gro\u00dfen Bl\u00e4ttern keineswegs verloren erscheinen. Vielmehr zeichnet sie, so klein sie auch sind, das Verm\u00f6gen aus, das Kraftfeld des Blattgevierts in sich zu versammeln. Gerade die Reduziertesten unter ihnen f\u00fchren die basalen medialen Voraussetzungen des Zeichenaktes vor: dass es daf\u00fcr nicht mehr braucht als ein markierendes Instrument sowie einen die Markierung aufnehmenden Grund, und weiter: dass eine Zeichnung schon nach einigen wenigen Strichen vollendet sein kann. Allerdings machen gerade sie auch deutlich, dass es ihnen nicht um eine Reflexion auf die Basisoperationen des Zeichnens geht, sondern das Kriterium ihres Gelingens stets darin liegt, inwieweit sie den Kontakt zur gesehenen Wirklichkeit herstellen. Es ist kein Zufall, dass die nur mit wenigen Strichen ausgef\u00fchrten Zeichnungen h\u00e4ufig das Fl\u00fcchtigste, aber Intensivste des Gegen\u00fcbers festhalten wollen: den Blick.<\/p>\n<p>Giacomettis Zweifel, die ihn lebenslang begleiteten, galten nie dem Sein der Wirklichkeit, sondern ausschlie\u00dflich der M\u00f6glichkeit, dieses Sein zu erfassen. Sie galten auch nie der Kunst, die er als einzig aussichtsreiches Mittel begriff, der Wirklichkeit \u00fcberhaupt habhaft zu werden, indem sie es erlaubt, die Wirklichkeit besser sehen zu lernen. Zweifel plagten Giacometti allein hinsichtlich seines eigenen Verm\u00f6gens, die Kunst in ebendieser Weise zum Erkenntnismittel machen zu k\u00f6nnen, mit der Folge, dass er seine \u00bbVersuche\u00ab, wie er seine Kunst nannte, bis zum letzten Atemzug weiter vorantrieb. Dass seine Zweifel nicht das Sein betrafen, sondern die M\u00f6glichkeit, dieses in seinem Erscheinen k\u00fcnstlerisch zu erfassen, erkl\u00e4rt denn auch, warum ihn gerade die Fragen nach dem Volumen und seiner Relation zum Raum unabl\u00e4ssig besch\u00e4ftigten: n\u00e4mlich als die zwei wesentlichen Aspekte, wie etwas in seinem Sein erscheint. Giacomettis Kunst \u2013 und in den Portr\u00e4tzeichnungen tritt es in verdichteter Form heraus \u2013 ist eine radikalisierte Ph\u00e4nomenologie, praktiziert am denkbar komplexesten Objekt: dem menschlichen Gegen\u00fcber.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/giacometti-matisse-portraet-letzte-bildnisse\/\">Kapitel I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Alberto Giacometti\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/alberto-giacometti-zeichnungen-portraet-aesthetik\/\">Kapitel II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Fondation Giacometti\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/giacometti-matisse-portraet-gegenueber-konflikt\/\">Kapitel III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/giacometti-matisse.pdf\">Giacometti Matisse als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 966 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Giacometti Matisse als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 966 KB) Asymmetrie von Blick und Hand: Ein Nachwort zur k\u00fcnstlerisch-existenziellen Konstellation in Giacomettis Matisse-Zeichnungen in: Cresceno, Casimiro di: Im Hotel R\u00e9gina. Albert Giacometti vor Matisse. 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