{"id":1082,"date":"2016-11-27T18:06:39","date_gmt":"2016-11-27T16:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1082"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"boehle-minimalismus-stadt-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/boehle-minimalismus-stadt-new-york\/","title":{"rendered":"Boehle Minimalismus Stadt New York"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/die-wahrheit-ist.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Die Wahrheit ist \u2026 als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.624 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Die Wahrheit ist \u2026 \/ The Truth is \u2026<\/h2>\n<p><small>in: Hilmar Boehle. Skulpturen, Objekte und Performances von 1978 bis 2009, hrsg. von Ulrich Krempel, Kettler, Dortmund, 2015, S. 121-153.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 1<\/h3>\n<p>Bereits die ersten in das Werkverzeichnis aufgenommenen Arbeiten Hilmar Boehles weisen eine Tendenz auf, die auf sein gesamtes Werk ausstrahlt. Die in den sp\u00e4ten 1970er Jahren in New York entstandenen Arbeiten <em>21st Street Sculpture<\/em> oder <em>Dave\u2019s Corner<\/em> kn\u00fcpfen an die minimalistische Formensprache an. Boehle platziert Betonwerksteine oder Stahlprofile in weiten, offenen R\u00e4umen, einmal im Au\u00dfen-, einmal im Innenraum. Doch die minimalistische Praxis beispielsweise eines Carl Andre (auf den sich Boehle ausdr\u00fccklich bezieht) wird substanziell erweitert. Die skulpturalen Eingriffe machen auf den Raum nicht allein in einem abstrakten Sinne aufmerksam, etwa als H\u00fclle, Volumen oder als Ph\u00e4nomenalit\u00e4t. Vielmehr werden die dem Raum hinzugef\u00fcgten Elemente so situiert, dass sie wie eine Antwort auf das konkret Vorhandene erscheinen. Bei <em>21st Street Sculpture<\/em> geschieht dies dadurch, dass sich die Ecke der Skulptur auf eine gegen\u00fcberliegende Hausecke bezieht und die minimalistische Struktur so den Aspekt gewinnt, als sei sie die erste Markierung eines zuk\u00fcnftigen Hauses, das der K\u00fcnstler (sich) hier errichtet. <em>Dave\u2019s Corner<\/em>, im selben Jahr 1978 entstanden, variiert diese Form der Bezugnahme auf einen konkreten stadttopografischen Raum. Im damaligen Atelier innerhalb des P.S.1 legt er aus Stahlprofilen eine Form aus, die kontr\u00e4re Energien freisetzt \u2013 eine zentripetale, indem die Stahlprofile als ihre Mitte ein Dreieck ausgrenzen, sowie eine zentrifugale, indem die Profile vektorengleich in den Raum schie\u00dfen. Die triangul\u00e4re Form bezieht sich einerseits spannungsreich auf die sie umgebende rektangul\u00e4re Raumh\u00fclle, andererseits verweist sie auf jenes Viertel in Manhattan, in dem Boehle damals wohnte: das aus Canal Street, Avenue of the Americas und Church Street geformte Dreieck, das <em>TriBeCa<\/em> (<em>Triangle below Canal Street<\/em>) genannt wird. Der Titel der Arbeit, <em>Dave\u2019s Corner<\/em>, zeigt dar\u00fcber hinaus an, dass die Form nicht nur auf eine bestimmte Stadttopografie verweist. Denn er verweist auf eine an der Canal Street domizilierte <em>Luncheonette<\/em>, ein kleines, im offenen Stra\u00dfenraum gelegenes Imbiss-Restaurant, das damals insbesondere in den Nachtstunden ein Szenetreffpunkt war. Die zentrifugal-zentripetale Dynamik der Bodenskulptur, die die Raumkr\u00e4fte ebenso b\u00fcndelt wie freigibt, wird aufgrund des Titels lesbar als Chiffre f\u00fcr die spezifische soziale Rolle, die Orte wie <em>Dave\u2019s Corner Luncheonette<\/em> in einem bestimmten gro\u00dfst\u00e4dtischen Mikrokosmos spielen.<\/p>\n<p>In einigen etwas sp\u00e4ter, aber ebenfalls noch in New York entstandenen Arbeiten erweitert Boehle den minimalistischen Ansatz um ein performatives Element. In der Werkfolge der <em>Streetlife Drawings<\/em> von 1979 durchmisst er den Stra\u00dfenraum mit einem Einkaufswagen, in welchem er eine Tonne platziert und deren Kreideinhalt er durch eine \u00d6ffnung auf den Boden rieseln l\u00e4sst. In einer Mimikry von Stra\u00dfenmarkierungsarbeiten tr\u00e4gt er geometrische Grundformen auf den Stra\u00dfenbelag auf: ein Quadrat, eine Linie, einen Kreis und einen Punkt. Die Linien sind geometrisch makellos, als seien sie Umsetzungen von Kandinskys <em>Punkt und Linie zu Fl\u00e4che<\/em>, transponiert von der Bildfl\u00e4che in den \u00f6ffentlichen Raum. Doch gerade die geometrische Rigidit\u00e4t macht sie zu St\u00f6rfaktoren, da sie sich weder an die jeweiligen Verlaufsformen der Stra\u00dfen noch an die Grenzen von B\u00fcrgersteigen und Fahrbahnen halten. Auch die Zweckbestimmung als Fortbewegungsbahnen missachten sie, mit der Folge, innerhalb kurzer Zeit von den Autoreifen und den Sohlen der Fu\u00dfg\u00e4nger zerrieben zu werden. Das performative Element, das den k\u00fcnstlerischen Akt sowohl in seinem Vollzug als auch in seinem Ergebnis radikal verzeitlicht, macht aus den <em>Streetlife Drawings<\/em> mehr als Akte eines verr\u00e4umlichten Zeichnens. Vielmehr werden sie zu Reflexionen auf die Stellung des K\u00fcnstlers und seines Tuns im sozialen Raum. Dieses Tun ist eingespannt zwischen der M\u00f6glichkeit, die Strukturen des Gegebenen k\u00fcnstlerisch herausfordern zu k\u00f6nnen, und der Gefahr, von der Normativit\u00e4t des Faktischen buchst\u00e4blich \u00fcberrollt zu werden.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Hilmar Boehle\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-minimalismus-stadt-new-york\/\">Kapitel I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Hilmar Boehle\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-aesthetik-praesenz-repraesentation-dinge\/\">Kapitel II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-poetik-wirklichkeit-kunst-freiraum\/\">Kapitel III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-kunst-selbstreflexion-kuenstlerfigur-kunstwelt\/\">Kapitel IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-heinrich-von-kleist-stendhal-wahlverwandtschaft\/\">Kapitel V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/die-wahrheit-ist.pdf\">Die Wahrheit ist \u2026 als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.624 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahrheit ist \u2026 als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.624 KB) Die Wahrheit ist \u2026 \/ The Truth is \u2026 in: Hilmar Boehle. Skulpturen, Objekte und Performances von 1978 bis 2009, hrsg. von Ulrich Krempel, Kettler, Dortmund, 2015, S. 121-153. Kapitel 1 Bereits die ersten in das Werkverzeichnis aufgenommenen Arbeiten Hilmar Boehles weisen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/boehle-minimalismus-stadt-new-york\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eBoehle Minimalismus Stadt New York\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1082","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1082"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1082\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1175,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1082\/revisions\/1175"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}