{"id":1076,"date":"2016-11-27T18:05:08","date_gmt":"2016-11-27T16:05:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1076"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"boehle-kunst-selbstreflexion-kuenstlerfigur-kunstwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/boehle-kunst-selbstreflexion-kuenstlerfigur-kunstwelt\/","title":{"rendered":"Boehle Kunst Selbstreflexion K\u00fcnstlerfigur Kunstwelt"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/die-wahrheit-ist.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Die Wahrheit ist \u2026 als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 4.624 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Die Wahrheit ist \u2026 \/ The Truth is \u2026<\/h2>\n<p><small>in: Hilmar Boehle. Skulpturen, Objekte und Performances von 1978 bis 2009, hrsg. von Ulrich Krempel, Kettler, Dortmund, 2015, S. 121-153.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 4<\/h3>\n<p>Um die Wende von den sp\u00e4ten 1980er zu den 1990er Jahren wandelt sich Boehles Kunst erneut. Zwar h\u00e4lt er an seinem k\u00fcnstlerischen Verfahren fest, allt\u00e4gliche Dinge in seinen Arbeiten so zu inszenieren, dass sie anschaulich werden f\u00fcr sinnlich-\u00e4sthetische Aspekte ihrer selbst, und zugleich bildhaft anschaulich werden f\u00fcr ein Drittes, das sie thematisch werden lassen. Dieses Dritte, auf das die Arbeiten verweisen, betrifft nun aber immer ausdr\u00fccklicher Fragestellungen, denen wir bereits in den fr\u00fchen <em>Streetlife Drawings<\/em> begegnet sind. Boehle fragt nach dem eigenen k\u00fcnstlerischen Tun, der eigenen Stellung in der Gesellschaft, der Sinnhaftigkeit von Kunst und ihren M\u00f6glichkeiten der Kritik. Bereits die Romantiker erkannten, dass das Programm einer Poetisierung der Wirklichkeit dann, wenn sie lediglich als Ver\u00e4nderung der eigenen Sensibilit\u00e4t, nicht aber als kritische Transformation der Wirklichkeit selbst sich vollzieht, in folgenloser \u00e4sthetischer Immanenz zu erstarren droht. Dieser \u00e4sthetischen Immanenz stemmt sich Boehles Werk immer entschiedener entgegen, bald in herausfordernder, bald in kammermusikalisch-melancholischer Tonlage. Letztere pr\u00e4gt Arbeiten wie <em>Ombelico<\/em> von 1989, bei der Boehle einen ungebrannten Tonblock mit einer kreisrunden Markierung versieht und in eine mit Zinkblech ausgeschlagene Holzkiste legt. \u00c4sthetisch evoziert sie Beuys\u2019 sp\u00e4te und sehr pers\u00f6nliche Arbeiten, semantisch wird sie durch einen <em>\u201adisguised symbolism\u2018<\/em>gepr\u00e4gt, in welchem der ungebrannte Ton mit dem Bauchnabel (italienisch: <em>\u201aombelico\u2018<\/em>) als Chiffre f\u00fcr den K\u00fcnstler steht, der als formbare Materie in einer Art Krippe liegt, in die der Betrachter hinabblickt. <em>Ombelico<\/em> wird zum Symbol f\u00fcr das plastische Potenzial wie zugleich f\u00fcr die Schutzlosigkeit des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>In dieselbe Reihe indirekter Selbstportr\u00e4ts geh\u00f6ren die verschiedenen Varianten des <em>Anzugs f\u00fcr einen K\u00fcnstler<\/em> von 1990. Die in Vitrinen h\u00e4ngenden Anz\u00fcge (die erneut auf Beuys hindeuten) kombinieren eine Kampfsport-Jacke mit Berufskleidungselementen und einer selbstgeschneiderten Sch\u00fcrze, in welcher statt Waffen oder Werkzeugen die Utensilien eines Malers griffbereit stecken. Das k\u00fcnstlerische Tun wird zwischen Berufspraxis und Kampfsport situiert, erscheint gleicherma\u00dfen als Angriffs- wie als Verteidigungsm\u00f6glichkeit; und selbstbewusst wird darauf verwiesen, dass die Kunst, genauso wie ein Kampfsport, Ausdauer, Selbstbeherrschung und Treffsicherheit voraussetzt.<\/p>\n<p>Die Reflexion auf den eigenen Status \u00fcberw\u00f6lbt auch ganze Ausstellungsprojekte, beispielsweise die Sequenz von R\u00e4umen, die Boehle 1994 im D\u00fcsseldorfer Institut f\u00fcr k\u00fcnstlerische Forschung einrichtete und der er den bezeichnenden Titel <em>Eine Party f\u00fcr Alleinen<\/em> gab. Dem Selbstportr\u00e4t <em>\u201ain disguise\u2018<\/em> begegnen wir hier erneut, in der Arbeit <em>Kokon<\/em>, einer nahe einer Ecke h\u00e4ngenden K\u00f6rpereinwicklung, die Mumie und Larve, Mortifikation und Verhei\u00dfung bald schl\u00fcpfenden Lebens ineinander blendet. Verschiedene Arbeiten dieser Mehrraum-Installation, die insgesamt einen stillen Lebens-, Arbeits- und Empfindungsraum evoziert, verwenden jene matt schimmernden Bleik\u00fcgelchen, die als unterer Saum zur Straffung von Vorh\u00e4ngen eingesetzt werden, um sie eine je unterschiedliche Sinnbildlichkeit entfalten zu lassen: als Verbarrikadierung der Sicht (<em>Der wei\u00dfe Vorhang<\/em>), als Verrinnen der Zeit (<em>Kalendarium<\/em>), als Rohstoff zur Zukunftsdeutung (<em>Arbeitstisch<\/em>) oder als auf dem Meeresgrund liegende Spur eines entschwindenden Fisches (<em>Laichplatz<\/em>).<\/p>\n<p>Dramatisch gesteigert wird die existenzielle Aufladung eines Raums als Au\u00dfenbild innerer Zust\u00e4nde in Boehles letzter Arbeit von 2009, der er den Titel <em>Alkaldien<\/em> gibt. Gepr\u00e4gt wird sie durch ein ausgebreitetes Feld von Kronkorken, abgebrochenen Flaschenh\u00e4lsen und weiteren Glasscherben, zwei Bierk\u00e4sten sowie drei Benzinkanister, die zusammen mit einer Holzdiele zu einer Sitzbank umfunktioniert sind. In dieser Arbeit, die Stephan von Wiese in seinem ebenfalls hier abgedruckten Text pr\u00e4gnant deutet, verbindet sich das resignierte Fazit, dass die Kontrolle des eigenen Lebens Wunsch bleiben muss, mit dem \u00e4tzenden Bild dessen, was vom Fest der Kunst \u00fcbrig bleibt, wenn die Er\u00f6ffnungsg\u00e4ste weitergezogen sind.<\/p>\n<p>Dieser zweite Aspekt von <em>Alkaldien<\/em>: die kritische Reflexion auf die Sitten und Gebr\u00e4uche des Kunstbetriebs, stellt die Arbeit in eine Reihe weiterer Werke, in denen Boehle bald humorvoll, bald abgr\u00fcndig die Zw\u00e4nge thematisiert, denen K\u00fcnstler im Biotop der Kunst ausgesetzt sind. Zu dieser Reihe geh\u00f6ren, um nur weniges herauszugreifen, <em>Jumping at SMMOA<\/em> (1989), das den K\u00fcnstler als Leistungssportler vorzeigt, der eine \u00f6ffentliche Performance zu bieten hat, oder <em>Value<\/em> (1994), in welchem Preisschilder wie Spermien auf die golden gl\u00e4nzenden Lettern des titelgebenden Begriffs zustreben. Die umfangreichste Arbeit dieses Werkkomplexes, die in ihrer Gelassenheit ein komplement\u00e4res Gegenst\u00fcck zu <em>Alkaldien<\/em> bildet, ist die Rauminstallation <em>Von Aachen bis Z\u00fcrich<\/em>, die Boehle 1997 f\u00fcr das Sprengel Museum Hannover realisiert. An einer durchlaufenden roten Bilderleiste h\u00e4ngen, zu jeweils einem Streifen zusammengef\u00fcgt, die Ausstellungsannoncen, die die Zeit w\u00f6chentlich publiziert und jeweils alphabetisch nach Orten (von Aachen bis Z\u00fcrich) aufreiht. Deren serielle Reihung unterbrechen quadratische, monochrom wei\u00dfe Wechselrahmen als Stellvertreter der annoncierten Kunst. Die \u00fcber drei Meter langen Streifen werden zu \u201aZips\u2018, auf denen die klein gedruckten Annoncentexte zu einem an- und abschwellenden Ornament verschwimmen. Das nerv\u00f6se Agieren des Kunstsystems organisiert sich, sobald man den richtigen Abstand dazu einnimmt, zu einer klaren \u00e4sthetischen Gestalt von \u00fcberraschender Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-minimalismus-stadt-new-york\/\">Kapitel I<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-aesthetik-praesenz-repraesentation-dinge\/\">Kapitel II<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-poetik-wirklichkeit-kunst-freiraum\/\">Kapitel III<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Hilmar Boehle\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-kunst-selbstreflexion-kuenstlerfigur-kunstwelt\/\">Kapitel IV<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Hilmar Boehle\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/boehle-heinrich-von-kleist-stendhal-wahlverwandtschaft\/\">Kapitel V<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/die-wahrheit-ist.pdf\">Die Wahrheit ist \u2026 als Druckversion (PDF mit Abb. u. 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