{"id":106,"date":"2007-08-27T15:38:47","date_gmt":"2007-08-27T13:38:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-modern-madonna-sehen-beruehren\/"},"modified":"2007-08-27T15:38:47","modified_gmt":"2007-08-27T13:38:47","slug":"andy-warhol-modern-madonna-sehen-beruehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/andy-warhol-modern-madonna-sehen-beruehren\/","title":{"rendered":"Andy Warhol. Modern Madonna sehen ber&#252;hren"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-modern-madonna-deutsch.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Modern Madonna deutsch als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 720 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>K\u00f6rperloses Auge, blickloser Mund \u2013 Andy Warhols Zeichnungsserie <em>Modern Madonna<\/em><\/h2>\n<p><small>in: Andy Warhol. Modern Madonna, Katalog Jablonka Galerie, K\u00f6ln 1999, S. 5-39.<\/small><br \/>\nWarhols Bilder leben von der Kraft der Paradoxie. Sie ist das Prinzip einer Kunst, die einer Dreht\u00fcr gleicht, die man leichtf\u00fc\u00dfig betritt, um sogleich wieder auf der anderen Seite hinausgeworfen zu werden. Da ist zum Beispiel das paradoxe Verh\u00e4ltnis von Inhalt und Form. Eine fast un\u00fcbersehbare Themenf\u00fclle kennzeichnet das Werk, eine F\u00fclle, die alle traditionellen Gattungen der Malerei umgreift, vom Historienbild \u00fcber das Portrait, das Genre, das Interieur bis zur Landschaft und zum Stilleben. Das stellt im 20. Jahrhundert eine erstaunliche und einzigartige Leistung dar. Warhols Kunst w\u00e4chst im Laufe der Jahre zu einem Archiv der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten, Nahrungsmittel, Katastrophen, Kunstwerke und Mythen heran, die das allgemeine, insbesondere das amerikanische Bewu\u00dftsein in den letzten Jahrzehnten besch\u00e4ftigten. Allein die Gruppe der Katastrophen-Bilder, der <em>Disasters<\/em>, umfa\u00dft eine nahezu komplette Auflistung gewaltsamer Todesarten, ob durch Unfall oder Suizid, Vergiftung oder Mord, die Atombombe oder den elektrischen Stuhl. Nimmt man schlie\u00dflich die Hunderten von Zeichnungen hinzu, die die Bilder seit ihren Anf\u00e4ngen begleiteten, dehnt sich die Reichweite seiner Kunst noch einmal erheblich aus. Kaum ein Motiv zwischen industrieller Produktion, religi\u00f6ser Symbolik und verschiedenen Formen der Sexualit\u00e4t blieb ausgespart, so da\u00df es nicht erstaunt, auch einer Serie von stillenden M\u00fcttern zu begegnen, die nun hier zu sehen ist.<br \/>\nDoch mit der thematischen Universalit\u00e4t des \u0152uvres kontrastiert seine formale Uniformit\u00e4t. Ein Warhol wird augenblicklich, und nicht nur von einem Spezialisten, als solcher erkannt. Warhols epochales Verm\u00f6gen bestand darin, eine Schablone zu erfinden, die f\u00fcr jede Gelegenheit &#8218;pa\u00dft&#8216;. Seine Imaginationskraft zielte nicht darauf, einem Sachverhalt oder einer Empfindung eine ad\u00e4quate, d.h. individuelle Form zu verleihen (das Werk m\u00fc\u00dfte dann ein ebenso enzyklop\u00e4disches Formenrepertoire aufweisen), sondern eine Matrix zu entwickeln, die, widerspr\u00fcchlich genug, allen denkbaren Inhalten gleicherma\u00dfen angemessen ist. Warhol gelingt damit das Unerh\u00f6rte, sowohl der unbeteiligte Chronist der sp\u00e4ten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts zu sein, wie gleichzeitig allem, was er aufgreift, seinen unverkennbaren Stempel aufzudr\u00fccken. Dabei bleibt unentscheidbar, ob die ganze Welt wie Warhol aussieht oder ob sich vielmehr durch die Einverleibung von allem Sichtbaren die Konturen seiner Pers\u00f6nlichkeit aufgel\u00f6st haben.<br \/>\nAuch das einzelne Werk wird duch seine Widerspr\u00fcchlichkeit bestimmt. Wiederkehrend begegnen wir der unaufhebbaren Spannung zwischen Sensation und Banalit\u00e4t, Einmaligkeit und Repetition, Emotionalit\u00e4t und desinteressierter K\u00e4lte, blo\u00dfer Reproduktion und unersch\u00f6pflicher Kreativit\u00e4t. Warhol vermag aus dem Motiv des elektrischen Stuhls eine dekorative Tapete zu fertigen und herausragende Erscheinungen wie Jackie Kennedy zur Massenware zu vervielf\u00e4ltigen, jedoch nicht, wie man meinen k\u00f6nnte, mit dem Effekt, die Indifferenz von allem und jedem vorzuf\u00fchren, sondern mit dem gegenteiligen Ergebnis, die Pr\u00e4gnanz des Gezeigten so zu steigern, da\u00df unser inneres Bild davon, z.B. die Vorstellung Marilyn Monroes, heute ma\u00dfgeblich durch Warhols Bildreihen bestimmt wird.<br \/>\nDabei handelt es sich um Ph\u00e4nomene, die f\u00fcr die Massenmedien, insbesondere f\u00fcr das Fernsehen, bezeichnend sind. Auch das Fernsehen pr\u00e4sentiert die F\u00fclle der Welt in einem einzigen, immergleichen &#8218;Format&#8216;, dem Bildschirm. Was hier erscheint, wirkt gespalten, ist zugleich unvermittelt und unendlich vermittelt, &#8218;realistisch&#8216; und eigengesetzlich, transparent und opak. Das Fernsehen verkehrt auch das blutigste Geschehen in ein blo\u00dfes Stimulans der Abendunterhaltung , das uns gleichwohl in Atem h\u00e4lt, da es uns direkt in die Mitte des gesch\u00fctzten Heims katapultiert wird.<br \/>\nWiderspr\u00fcchen wiederum eigener Art begegnen wir in der Zeichnungsserie <em>Modern Madonna<\/em>. Da ist zun\u00e4chst das uneingel\u00f6ste Versprechen des Titels. Es sind nicht Maria und der Jesusknabe, die hier erscheinen, sondern gew\u00f6hnliche M\u00fctter mit ihren gew\u00f6hnlichen Kindern. Doch die Ebenen durchdringen sich. Das christliche Thema bot stets auch die Gelegenheit, die irdisch-profane Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind zu zeigen. Das garantierte dem heilig entr\u00fcckten Paar zugleich die W\u00e4rme und N\u00e4he des Allgemeinmenschlichen, das die Br\u00fccke zu den Gl\u00e4ubigen schlug. Gleichzeitig f\u00fchrte das Exemplarische der Konstellation von Maria und Jesus dazu, in jeder Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind den Widerschein des Sakralen gl\u00e4nzen zu sehen. Wenn nun Warhol &#8218;wirkliche&#8216; Mutter-Kind-Paare in sein Studio holt, um sie zu fotografieren und diese Fotos zur Basis seiner Zeichnungen zu machen, dann profanisiert er das christliche Motiv nur, um das umgekehrte Ziel zu verfolgen, n\u00e4mlich in jedem solchen Zusammensein von Mutter und Kind die m\u00e4chtigen, unsere Vorstellung pr\u00e4genden &#8218;\u00dcber-Bilder&#8216; aufscheinen zu lassen: jede Mutter eine Madonna, jedes Kind ein Jesuskind. Warhol vollzieht hier das, was ihn ein Lebenswerk lang besch\u00e4ftigte. Er erkundet den schwebenden Ort, wo \u00e4u\u00dfere Bilder und innere Vorstellungswelt, Projektion und Wirklichkeit, Klischee und Archetypus, K\u00fcnstlichkeit und Nat\u00fcrlichkeit verschmelzen. Das hei\u00dft in unserem Fall, da\u00df das weite kulturelle Feld &#8218;Mutter und Kind&#8216; mit seiner biologischen, historischen, theologischen, psychologischen und bildnerischen Tiefe auf die flache Zweidimensionalit\u00e4t eines volumen- und k\u00f6rperlosen Umri\u00dfstrichs auf wei\u00dfem, nie verdeckten Grund zusammengeschoben wird. In dieser Komprimierung wird unentscheidbar, ob nun die Kultur eine \u00dcberh\u00f6hung der Natur oder vielmehr die Natur eine Projektion der Kultur sei. Warhol arbeitet im Intertext der Bilder, wo es den sicheren Grund einer &#8217;nat\u00fcrlichen Natur&#8216; nicht gibt, sondern alles immer schon als ein geronnenes \u2013 inneres oder \u00e4u\u00dferes \u2013 Bild existiert, das wiederum auf andere Bilder verweist. Innerhalb der Serie sind so Bilder anzutreffen, die Nachzeichnungen von Reklamefotos sein k\u00f6nnten, in denen das Mutter-Kind-Gl\u00fcck eine reine Inszenierung f\u00fcr die Adressaten der Werbebotschaft darstellt \u2013 allerdings mit dem signifikanten Unterschied, da\u00df Warhols Modelle zu diesem Gestus der Selbstinszenierung nicht aufgefordert wurden, sondern ihn von sich aus vollzogen. Sie haben diese Stereotypen gleichsam internalisiert. Sowohl die Protagonisten vor der Kamera wie Warhol hinter ihr sind sich bewu\u00dft, da\u00df die Nat\u00fcrlichkeit der Szene dann besonders pr\u00e4gnant sein wird, wenn sie ein stimmiges und vertrautes Bild ergibt. Sein ist gleich Wahrgenommenwerden, und die Mimikry eingefahrener Bildmuster erh\u00f6ht die eigene Erscheinungsqualit\u00e4t zweifellos. &#8222;Everything is sort of artificial, I don&#8217;t know where the artificial stops and the real starts&#8220;, so beschreibt Warhol selbst das Verschwimmen der Grenzen von Wirklichkeit und Bild.<br \/>\nDoch die Paradoxien von extremer Fl\u00e4chigkeit der Form und &#8218;Tiefe&#8216; und Vielschichtigkeit des Themas sowie von gr\u00f6\u00dfter Nat\u00fcrlichkeit als perfektester Bildhaftigkeit erscheinen geradezu peripher im Vergleich mit dem wohl auffallendsten Merkmal dieser Zeichnungen. Betrachten wir sie als Serie, springt ins Auge, wie nach einer anf\u00e4nglichen Variaton \u00fcber spielerisches oder posierendes Zusammensein in ihrer zweiten H\u00e4lfte nur noch ein einziges Thema dominiert: das Streben des Kindes nach der Mutterbrust, sowie die Ankunft und das gl\u00fcckliche Verweilen an dortiger Stelle. Das verdient nicht nur Beachtung, weil Warhol damit die erotisch-sexuelle Dimension durchbrechen l\u00e4\u00dft, die in der Tradition der Madonnenbilder stets nur verdeckt anklingen durfte, er also den kulturellen Bildcode \u00fcberschreitet, indem er ihn als Code im w\u00f6rtlichen Sinne, als Verschl\u00fcsselung, enth\u00fcllt. Diese Fokussierung ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil es hier auf einmal um k\u00f6rperliche Urerfahrungen geht, die in der Perspektive der Kunst als der bildnerischen Umformung des Sehens brisanter nicht sein k\u00f6nnten. Warhols Kamera richtet sich, ganz Auge, ganz Visualit\u00e4t, auf eine Situation, in der das Sehen blind wird und sich die Begegnung der K\u00f6rper ganz ins Feld des taktilen und oralen verlagert, wo also jegliche optische Distanz der k\u00f6rperlichen Unmittelbarkeit weicht. Diese Verlagerung manifestiert sich nicht zuletzt an der Konzentration des Bildausschnitts auf Kind und Brust, die in den meisten F\u00e4llen den Kopf der Mutter teilweise oder ganz aus dem Bild verdr\u00e4ngt. Das Kinderauge wird blicklos, das Mutterauge wandert in ihre Brust.<br \/>\nAngesichts dessen soll von einem letzten Paradox die Rede sein, das Warhols Bildwelt von Anbeginn an durchzieht. Es ist das Zugleich von maximaler Distanz und Distanzlosigkeit. Die Dinge und Menschen begegnen uns in seinem Werk nicht im me\u00dfbaren dreidimensionalen Raum, sondern als ortlos flottierende Ph\u00e4nomene, die sowohl bedr\u00e4ngend nah wie ungreifbar fern sind \u2013 ob das nun, wie in den <em>Flowers<\/em>, Hibiskusbl\u00fcten sind, die riesengro\u00df und wandartig vor uns aufragen, oder ein Elvis Presley, der aus einem bodenlosen Silbergrau heraus seine Pistole auf uns richtet, oder schlie\u00dflich Warhol selbst, der in seinen letzten Selbstportraits zum schwebenden Kopf wird, der in n\u00e4chtlichem Schwarz seinen erschrockenen Blick durch uns hindurch auf etwas Namenloses richtet. Der Betrachter sieht sich hier Untiefen gegen\u00fcber, die die Kehrseite von Warhols oft angemerkter &#8218;Oberfl\u00e4chlichkeit&#8216; bilden. Alles verharrt in &#8222;absoluter Distanz&#8220;, wie Sartre \u00fcber Giacometti gesagt hat, also in einer Distanz, die sich beim N\u00e4herkommen nicht vermindert, sondern im Gegenteil sogar w\u00e4chst. Warhols Kunst scheint aus der Obsession geboren, die herandr\u00e4ngende Welt in Distanz zu r\u00fccken, und gleichzeitig aus einem urspr\u00fcnglichen Mangel, von dem seine Freunde berichten, n\u00e4mlich der Unf\u00e4higkeit zur N\u00e4he, zur k\u00f6rperlichen Begegnung mit seiner Umwelt.<br \/>\nDie k\u00fcnstlerische (nicht allein die motivische) Intimit\u00e4t dieser Zeichnungen liegt in der Art und Weise, wie hier ein Grundkonflikt im Weltzugang des Menschen Andy Warhol in eine bildm\u00e4\u00dfige, ja ikonographische Form gebracht wurde. Die unmittelbarste Begegnung, die prim\u00e4rste k\u00f6rperliche Befriedigung, die Geborgenheit des Kindermundes an der Mutterbrust, wird ins Bild gesetzt mit einem Verfahren und einer \u00c4sthetik, die distanzierter und unk\u00f6rperlicher nicht sein k\u00f6nnten: das starre Auge der Kamera zun\u00e4chst, mit dem Warhol sein Sehen aus dem K\u00f6rper in einen Apparat auslagert, der sich zwischen ihn und seine Modelle schiebt, dann das getreuliche, emotionslose Kopieren der Umrisse auf das Papier, wobei jegliche F\u00fclle des Motivs flachgepre\u00dft wird wie eine Blume im Herbarium. Das Nachfahren der Linien, Bild f\u00fcr Bild, Zeichnung f\u00fcr Zeichnung, erscheint wie ein immer neues Nachbuchstabieren des Unfa\u00dfbaren: der M\u00f6glichkeit eines blicklosen, rein k\u00f6rperlichen Erfassens des Gegen\u00fcbers, das einen n\u00e4hrt, h\u00e4lt und sch\u00fctzt \u2013 ein Erfassen, das Warhol verschlossen blieb und das er gerade deshalb mit voyeuristischem Furor sein Leben lang umkreiste. In der insistierenden Fokussierung auf Mutterbrust und Kindermund zeigt sich die Triebkraft dieser Serie, in der der \u00e4lter werdende K\u00fcnstler an den kindlichen Tiefenschichten seiner Vita sch\u00fcrft.  &#8222;I just know this series is going to be a problem. It\u2019s too strange a thing, mothers and babies and <em>breastfeeding<\/em>.&#8220;<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/andy-warhol-modern-madonna-deutsch.pdf\">Modern Madonna deutsch als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 720 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Modern Madonna deutsch als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 720 KB) K\u00f6rperloses Auge, blickloser Mund \u2013 Andy Warhols Zeichnungsserie Modern Madonna in: Andy Warhol. Modern Madonna, Katalog Jablonka Galerie, K\u00f6ln 1999, S. 5-39. Warhols Bilder leben von der Kraft der Paradoxie. 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